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Bitcoin als vernetzte Innovation

Eine techniksoziologische Analyse der Technikgenese am Fallbeispiel des Bitcoins

Hausarbeit 2018 27 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Geschichte von Kryptowährungen

C. Blockchain Technologie

D. Begriff der Innovation
1. Bitcoin als Innovation
2. Bitcoin als vernetzte Innovation
2.1 Entstehungsphase
2.1.1 Bitcoin in der Entstehungsphase
2.2 Stabilisierungsphase
2.2.1 Bitcoin in der Stabilisierungsphase
2.3 Durchsetzungsphase
2.3.1 Bitcoin in der Durchsetzungsphase

E. Fazit

F. Literaturverzeichnis

G. Abbildungsverzeichnis

A. Einleitung

Digitale Währungen - auch Kryptowährungen genannt - sorgen im Jahr 2018 für immer mehr Aufsehen. Bitcoin, Ethereum oder Ripple - um nur einige Kryptowährungen zu nennen - sind mittlerweile ausgehend vom Gründungsland der Vereinigten Staaten auch in Deutschland angekommen. Dies belegt eine aktuelle Studie in Deutschland zu dem Thema Kryptowährungen von Bitkom Research1. Demnach haben 2013 nur 14% der Befragten von Bitcoin gehört, während dieser Anteil im Jahr 2018 insgesamt auf 64% anstieg. 19% der Befragten können sich vorstellen, Bitcoin zu erwerben und zu nutzen (Bitkom 2018). Hauptgründe hierfür sind laut der Autoren der Studie, die mediale Berichterstattung über Kursschwankungen, Diebstähle und Betrug im Zusammenhang mit Kryptowährungen, aber auch die Neugier der Bundesbürger und die Unzufriedenheit mit der Geldpolitik (Streim; Grigo 2018: 1). Geht man davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzt, dann könnte sich die digitale Währung Bitcoin auch in Deutschland etablieren. Es stellt sich die Frage, wie die Entwicklung von Kryptowährungen anhand des Fallbeispiels des Bitcoins aus techniksoziologischer Sicht erklärt werden kann und inwiefern sich der Bitcoin als digitale Währung bereits durchgesetzt hat. Diese Forschungsfrage soll im Rahmen dieser Literaturarbeit beantwortet werden.

Dabei soll im ersten Teil der Arbeit die Geschichte von Kryptowährungen kurz dargestellt werden. Daraufhin soll für das bessere Verständnis die Funktionsweise der Blockchain Technologie, die hinter Kryptowährungen steckt, in Ihren Grundzügen erklärt werden, da sich diese Arbeit immer wieder auf die Blockchain Technologie beziehen wird. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der techniksoziologischen Sicht, die Entwicklung von Kryptowährungen anhand des Beispiels Bitcoin zu erklären. Hierbei soll der Frage nachgegangen werden, ob die Technikgenese der digitalen Währung Bitcoin als vernetzte Innovation in einem mehrstufigen Modell erklärt werden kann. Bevor auf den netzwerktheoretischen Ansatz eingegangen wird, soll zuvor der Begriff der Innovation dargestellt werden und geklärt werden, ob digitale Währungen überhaupt als Innovation charakterisiert werden können. Der netzwerktheoretische Ansatz des Techniksoziologen Johannes Weyer stammt aus der Innovationsforschung und beleuchtet technische Innovationen in ihrer Entwicklung anhand von drei Phasen: Entstehungsphase, Stabilisierungsphase und Durchsetzungsphase. Diese werden zuerst beschrieben und anschließend auf den Bitcoin angewendet. Zum Schluss soll geklärt werden, inwiefern der Ansatz geeignet ist, die technische Entwicklung des Bitcoins anhand des mehrstufigen Modells zu erklären.

Zum Thema digitale Währungen finden sich viele Werke und Aufsätze von Wirtschaftswissenschaftlern, die sich mit den Auswirkungen digitaler Währungen auf das Finanzsystem beschäftigen - hier sei auf das Werk von Don Tapscott und Alex Tapscott mit dem Titel „Die Blockchain Revolution: Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert“ aus dem Jahr 2016 verwiesen. In der techniksoziologischen Fachliteratur findet sich aber bisher keine Arbeit, die sich mit der Entwicklung des Bitcoins beschäftigt. Diese Arbeit soll einen Anreiz dazu geben, diese Lücke künftig zu schließen. Als theoretische Grundlage zur Erklärung der Technikgenese des Bitcoins dient der netzwerktheoretische Ansatz von Johannes Weyer aus dem Jahr 1997: „Vernetzte Innovationen - innovative Netzwerke. Airbus, Personal Computer, Transrapid“. Um die Entwicklung von Kryptowährungen als Innovation anhand des Bitcoins nachzuzeichnen, wurde im Rahmen dieser Arbeit, neben Aufsätzen und Zeitschriftenbeiträgen, das Buch „Bitcoins und andere dezentrale Transaktionssysteme: Blockchains als Basis einer Kryptoökonomie“ von Elfriede Sixt aus dem Jahr 2017 herangezogen. Der Begriff der Innovation wurde unter anderem mithilfe des „Kompendiums der Innovationsforschung“ von Blättel-Mink aus dem Jahr 2006 und dem Einführungswerk zur Techniksoziologie „Technik aus soziologischer Perspektive: Forschungsstand, Theorieansätze, Fallbeispiele - Ein Überblick“ von Werner Rammert aus dem Jahr 1993, skizziert. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der allgemeinen Entstehungsgeschichte von Kryptowährungen.

B. Geschichte von Kryptowährungen

Im Januar 2009 veröffentliche eine Person unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto ein neunseitiges Skript „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ im Internet, welches eine neue digitale Währung in seiner Funktionsweise erklärt (Nakamoto 2009). Die digitale Währung Bitcoin war entstanden. Jedoch ist die Entstehung des Bitocins nicht gleich die Geburtsstunde von Kryptowährungen. In der Fachliteratur ist man sich weitestgehend einig, dass die Idee und Gründung von Kryptowährungen auf eine Gruppe von Datenschutzaktivisten, die sich „Cypherpunks“ genannt haben, zurückgeht (Sixt 2017: 5, Epstein 2015: 1, Assange 2013: 7). Diese Gruppe arbeitete bereits ab 1995 an einem digitalen Zahlungsmittel mit dem man zukünftig völlig anonym bezahlen sollte. Diese selbsternannten „Cypherpunks“ sahen durch die immer weiter fortschreitende Digitalisierung den Schutz der Privatsphäre gefährdet und versuchten deshalb Instrumente zu entwickeln, mit denen die Internetnutzer im Internet anonym bleiben und die Macht von großen Unternehmen wie Google und Microsoft eingeschränkt werden kann (Sixt 2017: 6). Sie waren der Ansicht, dass eine offene Gesellschaft nur existieren kann, wenn die Privatsphäre von einzelnen Personen nicht nur in der realen Welt, sondern auch in der virtuellen Welt gesichert wird. Diesen Schutz bieten uns weder Regierungen noch Unternehmen. Die Community der „Cypherpunks“ halten diese Aufgabe in ihrem Manifest mit folgenden Worten fest: „We the Cypherpunks are dedicated to building anonymous systems. We are defending our privacy with cryptography, with anonymous mail forwarding systems, with digital signatures, and with electronic money“ (Hughes 1993: 1). Mithilfe von Kryptografie möchte die Gruppe den Schutz der Privatsphäre im Internet ermöglichen. Unter Kryptografie versteht man das Verschlüsseln von Informationen oder Nachrichten. Dies erfolgt mit der Hilfe von (mathematischen) Verfahren, die es ermöglichen die eigentliche Informationen in einen Chiffretext so umzuschreiben, sodass diese dann nur vom Empfänger entschlüsselt werden kann. Dritte können die Nachricht nicht entschlüsseln, da diese keinen Zugriff auf den Schlüssel zum Lesen der Information haben (Willems 2008: 64). Die Anfänge zur Entwicklung von Kryptowährungen kann man zeitlich in die Mitte der 90er Jahre einordnen, angetrieben von der Gruppe der „Cypherpunks“, die aus mehreren Wissenschaftlern um Mathematiker Eric Hughes bestand. Der Durchbruch der Kryptowährungen gelang wie oben bereits erwähnt erst im Januar 2009 als das Bitcoin Protokoll veröffentlich wurde. Im Zeitraum von 1995 bis 2009 wurden verschiedene Systeme entwickelt, die alle jedoch nicht das Problem des „double spending“ lösen konnten. Unter dem Problem versteht man, dass das digitale wertvolle Gut vom Endnutzer beliebig häufig hergestellt werden kann. Dies bedeutet, dass der Besitzer einer digitalen Währung sich selbst so viel Geld überweisen kann, wie dieser gerne hätte. Die Währung ist in diesem Fall wertlos. Deshalb benötigen all diese Systeme einen vertrauenswürdigen Dritten als Kontrollinstanz, um beliebige Vervielfältigungen vermeiden zu können. Jedoch ist bei der Verwendung eines vertrauenswürdigen Dritten die Anonymität nicht mehr gewährleistet und das eigentliche Ziel, die Privatsphäre zu schützen, nicht mehr gegeben. Das Problem des „double spending“ wurde durch das Bitcoin-Protokoll vom bis heute unbekannten Satoshi Nakamoto gelöst und ist das Fundament aller Kryptowährungen (Hosp 2017: 40f). Das Problem wird durch eine sogenannte Blockchain umgangen. Ohne die Blockchain Technologie wären Kryptowährungen, wie wir sie heute kennen, nicht möglich. Außerdem ist die Blockchain Technologie wesentlicher Bestandteil des sozio-technischen Kerns von Kryptowährungen. Für das bessere Verständnis soll im nächsten Kapitel genauer auf die Funktionsweise dieser Blockchain Technologie eingegangen werden (Sixt 2017: 7 f.).

C. Blockchain Technologie

Die innovative Leistung des Bitcoin-Protokolls von Satoshi Nakamoto besteht darin, dass das Problem des „double spending“ umgangen werden kann und es keinen vertrauenswürdigen Dritten benötigt, um Transaktionen durchzuführen. Vielmehr werden die Transaktionen in einer sogenannten Blockchain gespeichert (Hosp 2017: 40). Die Blockchain funktioniert wie ein großes Datenblatt oder Hauptbuch, welches jede einzelne Transaktion abspeichert, verifiziert und genehmigt. Dieses Hauptbuch wird dabei nicht an einem zentralen Ort wie bei einer Bank abgespeichert, sondern es speichert sich auf den Rechnern der Nutzer auf der ganzen Welt ab. Zusammenfassend ist die Blockchain eine Datenbank, die dezentral auf der gesamten Welt abgespeichert wird. Das hat den Vorteil, dass diese keinen Zentralen Angriffspunkt besitzt und somit nicht gehackt werden kann. Des Weiteren ist die Blockchain öffentlich zugänglich und kann von jeder Person eingesehen werden. Voraussetzung dafür ist, dass man Nutzer ist und selbst Transaktionen innerhalb der Blockchain durchführt. Dies erfolgt durch eine Software, die den Zugang zum Netzwerk ermöglicht - auch Peer-to-Peer Verbindung genannt. Die Transaktionen, die von der Blockchain aufgezeichnet werden und für jeden sichtbar sind, werden verschlüsselt, sodass kein Rückschluss auf Personen oder Unternehmen möglich ist. Jede Transaktion wird als Block innerhalb dieser Datenbank abgespeichert. Jeder Block schließt sich an den vorhergehenden Block an, sodass eine Kette von Blöcken entsteht, die sich gegenseitig aufeinander beziehen. Aufgrund der Struktur der Blöcke, können diese nicht verändert werden. Ein manipulatives Eingreifen würde nur dann funktionieren, indem alle Blöcke umgeschrieben werden würden, was in der Praxis unmöglich ist. Die Einheiten in dem Netzwerk sind zudem begrenzt, unabhängig von dessen Nachfrage. Der Wert selbst resultiert daraufhin anhand des Angebots und Nachfrage der Netzwerkteilnehmer (Sixt 2017: 30f, Tapscott 2016: 23f.). Zur Veranschaulichung des Prozesses dient das folgende Schaubild, welches unter Abbildung 1 zu sehen ist (Seibel 2016: 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: System der Blockchain-Technologie (Seibel 2016:1)

D. Begriff der Innovation

Der Begriff Innovation wird vom lateinischen Verb „innovare“ abgeleitet und heißt wörtlich übersetzt „erneuern“. Umgangssprachlich bezeichnet stellt eine Innovation somit eine Erneuerung, eine Idee oder etwas Neues dar. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit Innovationen und definiert den Begriff der Innovation unterschiedlich, da die Innovationsforschung ein interdisziplinäres Forschungsfeld ist und die Definitionen der jeweiligen Disziplin auch immer Ausdruck des speziellen Erkenntnisinteresses darstellen. Jedoch weisen alle Definitionen die Gemeinsamkeit auf, dass es sich bei Innovationen um Erneuerungen handelt (Blättel-Mink 2006: 29ff.). Als Gegenbegriff zur Innovation steht die Exnovation, welche die Zurücknahme oder Ausführung von bereits bestehenden Systemen meint (Kropp 2015: 15).

Die Innovationsforschung ist in den Naturwissenschaften, aber auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften, zu finden. Die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften setzt sich am ausgeprägtesten mit Innovationen und ihren grundlegenden Aspekten auseinander. Wirtschaftswissenschaftler fragen nach „den Akteuren der Innovation, den Motiven für Innovationen und den Wirkungen der Innovation für Unternehmen“ (Blättel-Mink 2006: 31). In diesem Zusammenhang ist der Ökonom und Innovationsforscher Joseph A. Schumpeter zu nennen, der die Innovationsforschung mit seiner Differenzierung der Innovation zwischen Invention, Innovation und Diffusion maßgeblich geprägt hat. Invention bedeutet in schumpeterschen Sinne das Hervorbringen von etwas Neuem, was im Grundsatz die eigentliche neue Erfindung darstellen soll. Unter Innovation versteht Schumpeter die Weiterentwicklung einer bestehenden Technik sowie die Durchsetzung der neuen Idee auf dem Markt. Mit Diffusion meint Schumpeter die Anwendung der neuen Idee auf den unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Ebenen. Der soziologische Innovationsbegriff leitet sich aus den Grundgedanken von Schumpeter ab. Aus techniksoziologischer Sicht versteht man unter Innovation „die Erfindung, Erprobung und erfolgreiche Durchsetzung eines neuen sozio- technisches Systems“ (Weyer 2008: 55). Der soziologische Innovationsbegriff verzichtet auf die strikte Trennung von Innovation, Invention und Diffusion, da sich die Techniksoziologie weniger um das einzelne neue technische Artefakt interessiert. Vielmehr legt die Soziologie ein Augenmerk auf die Einbettung des neuen Artefakts in die Handlungen der Personen, die sozialen Voraussetzungen und die Konsequenzen von technischen Erneuerungen für die Gesellschaft. Im Zentrum der Techniksoziologie steht also der Wandel, den technische Innovationen vorantreiben. Demnach beleuchtet die soziologische Innovationsforschung sozio- technische Systeme und inwiefern sich ein bestimmtes System gegen ein anderes durchsetzt. Als Beispiel könnte hier das Elektroauto gegen das Verbrennungsmotorauto genannt werden (Weyer 2008: 55). Jedoch muss in diesem Zusammenhang noch differenziert werden, ob es sich um eine Weiterentwicklung eines bestehenden Systems handelt oder ob es sich um ein grundlegend neues sozio-technisches System handelt. Man unterscheidet deshalb in radikale Innovation und inkrementelle Innovation. Radikale Innovation ist „die Erfindung einer neuen Technik, welche die Grundlage für die Entstehung für ein neues sozio-technisches System bildet“ (Weyer 2008: 56). Dieses neue System soll dann mit einem bestehenden System konkurrieren und dieses im besten Falle verdrängen. Unter inkrementellerr Innovation versteht man die „Weiterentwicklung einer etablierten Technologie im Rahmen eines sozio-technischen Systems, die vor allem dazu beiträgt, das bestehende System zu verbessern und Wachstum zu generieren“ (Weyer 2008: 57). Die Einführung neuer sozio-technischer Systeme oder die Weiterentwicklung bestehender Systeme kann zu gesellschaftlichen Veränderungen führen, wie zum Beispiel die Einführung des Autos bereits gezeigt hat (Weyer 2008: 569). Im folgendem soll gezeigt werden, dass digitale Währungen als Innovation charakterisiert werden können.

1. Bitcoin als Innovation

Seit 2009 kann man beobachten, dass immer mehr Kryptowährungen als Zahlungsmittel entstehen. Als bekannteste digitale Währung ist der Bitcoin zu nennen und soll deshalb in dieser Arbeit als Beispiel für digitale Währungen herangezogen werden. Es muss zuerst geklärt werden, ob man die virtuelle Währung Bitcoin überhaupt als Innovation charakterisieren kann und ob es sich um eine radikale oder inkrementelle Innovation handelt.

Dass es sich bei digitalen Währungen um etwas Neues handelt und es sich überhaupt um eine Innovation handelt, lässt sich bereits durch deren geschichtliche Entwicklung belegen. Um die Frage nach radikaler oder inkrementeller Innovation beantworten zu können, soll hier nochmal verdeutlicht werden, dass die Entwickler von digitalen Währungen das Ziel verfolgten die Privatsphäre im Internet zu schützen und deshalb nach einer Möglichkeit suchten, dass Transaktionen anonym ohne eines Dritten durchgeführt werden können. Digitale Währungen versuchen sich dadurch eindeutig vom etablierten Zahlungsmittel der Scheine und Münzen, deren Ausgabe oder digitale Gutschrift durch Zentralbanken geregelt wird, abzugrenzen. Jede Transaktion, die eine Person über sein Bankkonto tätigt, kann vom Bankinstitut verfolgt werden. So kann zum Beispiel vom Bankinstitut gesehen werden, wieviel Geld die Person abhebt, wem die Person Geld überweist oder von wem die Person Geld erhält - dieser Vorgang ist zwar in dem Sinne anonym, dass andere Privatpersonen, diese Aktivitäten nicht einsehen können, jedoch sind diese Aktivitäten für die Bankinstitute und somit auch in bestimmten Fällen für den Staat sichtbar und nachvollziehbar. Deshalb liegt es nahe, digitale Währungen als radikale Innovation zu charakterisieren, da diese versuchen das etablierte Zahlungsmittel von Schein und Münze - kontrolliert durch Banken - zu verdrängen, gar zu ersetzen. Inkrementelle Innovationen fordern ein bestehendes System zu verbessern oder es zu vergrößern. Da sich digitale Währungen in Ihrer Funktionsweise grundlegend zum etablierten Zahlungssystem unterscheiden, kann dies eindeutig abgelehnt werden. Beide Zahlungsmittel stellen zwei unterschiedliche sozio-technische Systeme dar. Was man unter sozio-technischem System versteht, soll im Laufe des nächsten Punktes geklärt werden. In der soziologischen Innovationsforschung gibt es verschiedene Ansätze, die versuchen zu erklären, wie eine Innovation entsteht und sich durchsetzen kann. In dieser Literaturarbeit soll die Entwicklung der digitalen Währung des Bitcoins mithilfe eines netzwerkorientierten mehrstufigen Modells der sozialen Konstruktion von Technik erklärt werden. Hierbei soll das Phasenmodell von Johannes Weyer herangezogen werden, welches Technikgenese als einen mehrstufigen Akt versteht und eine Innovation in verschiedene Phasen einordnet.

2. Bitcoin als vernetzte Innovation

Da der Bitcoin bereits als Innovation charakterisiert werden konnte, stellt sich nun die Frage, inwieweit sich der Bitcoin bereits als neues Zahlungsmittel durchgesetzt hat. Um dies genauer betrachten zu können, bietet sich der netzwerktheoretische Ansatz von Johannes Weyer vernetzte Innovationen - vernetzte Netzwerke an. Weyer versucht die Entwicklung von Innovationen in mehreren Stufen zu skizzieren und betont dabei, dass Innovationen niemals ein eigenständiger einzelner Akt seien, sondern der Innovationsprozess aus mehreren aufeinander bezogenen Schritten besteht. Er unterscheidet dabei in insgesamt drei Phasen: Entstehungsphase, Stabilisierungsphase und Durchsetzungsphase (Weyer 1997: 131). In den Phasen arbeiten unterschiedliche Akteure zusammen, welche man als Netzwerk bezeichnen kann und verfolgen in jeder Phase unterschiedliche Ziele. Jede Phase ist gekennzeichnet von Öffnungs- und Schließungsprozessen, die auf die involvierten Akteure zurückzuführen sind. Wenn eine Innovation durch alle drei Phasen erfolgreich gelaufen ist, hat sich die Innovation durchgesetzt. Zwar stammt der Ansatz aus dem Jahr 1997, jedoch bietet dieser eine Betrachtungsweise, die auch heute noch herangezogen werden kann, um zu erklären wie sich der Prozess der Technikentwicklung vollziehen kann. Weyer kritisiert die push-orientierten Ansätze der Technikgeneseforschung, indem er diesen vorwirft, die soziale Logik des technischen Wandels nicht genügend zu berücksichtigen. Er meint damit, dass zum Beispiel das Closure-Konzept2 in der frühen Entstehungsphase von Innovationen eine Gestaltungslinie festgeschrieben wird, die in ihren Grundzügen nicht mehr verändert werden kann (Weyer 1997: 130). Deshalb postuliert er einen neuen Ansatz in der Technikgeneseforschung mit einer netzwerktheoretischen Perspektive: Er fordert „Technikgenese als einen mehrstufigen Prozeß der sozialen Konstruktion von Technik zu begreifen, welcher von wechselnden Akteurskonstellationen getragen wird“ (Weyer 1997: 129). Der Ansatz vereint die konstruktivistische Perspektive mit der Idee von Phasenmodellen, in dem Aushandlungsprozesse, Abfolge von Öffnungs- und Schließungsprozessen sowie die Berücksichtigung weiterer Handlungs- und Eingriffsmöglichkeiten eine wichtige Rolle einnehmen. Was Johannes Weyer darunter versteht, soll im Folgenden anhand der einzelnen Phasen genauer skizziert werden und im Anschluss diskutiert werden, inwiefern dies auf die digitale Währung Bitcoin zutrifft.

2.1 Entstehungsphase

Zuerst versucht Weyer die Frage zu beantworten, wie Innovationen überhaupt entstehen. Er hält fest, dass Innovationen nicht aus dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage entstehen, sondern völlig zufällig und meist ungeplant durch Außenseiter.

[...]


1 Bitkom Research ist ein Marktforschungsunternehmen, welche Studie „Bitkom“ 2013, 2016 und 2018 in Deutschland durchführte. Dabei würden jeweils über knapp 1000 Personen ab 14 Jahren befragt.

2 Unter den Closure Konzepten versteht man die soziale Konstruktion von Technik. Hauptvertreter dieses Paradigmas sind Wiebe E. Bijker und Trevor J. Pinch (Weyer 2008: 182).

Details

Seiten
27
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668791565
ISBN (Buch)
9783668791572
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439429
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Bitcoin Techniksoziologie Kryptowährungen

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