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Griechenland. Konvergenz oder Divergenz durch die Mitgliedschaft in der EU?

Seminararbeit 2015 31 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführende Diskussion

2 Griechenland im europäischen Integrationsprozess

3 Theoretische Betrachtung der Konvergenz-Divergenz-Diskussion
3.1 Erklärungsgehalt der neoklassischen und neueren Wachstumstheorie
3.1.1 Konvergenzthese
3.1.2 Divergenzthese
3.1.3 Konvergenzmaße
3.2 Neuere Ansätze im Rahmen der Konvergenz-Divergenz-Diskussion
3.2.1 Entwicklung von Konvergenz in der EU
3.2.2 Konvergenz zwischen Ländern oder innerhalb von Regionen

4 Historische Entwicklung und zentrale Einflussfaktoren auf das Einkommen
4.1 Zeitgeschichtliche Entwicklung
4.2 Europäische Währungsunion
4.2.1 Entwicklung des Zinsniveaus
4.2.2 Direktinvestitionstätigkeit
4.3 Wirtschaftsstrukturen

5 Kritische Würdigung

Anhang IV

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung des griechischen Pro-Kopf-Einkommens von 1980 bis 2014

Abbildung 2: Indikatoren der griechischen Wirtschaft bis 1993

Abbildung 3: Einkommensentwicklung Griechenlands zu EU 15(=100) Niveau

Abbildung 4: Entwicklung des Zinsniveaus 10-jähriger Staatspapiere

Abbildung 5: Direktinvestitionsströme und Indikatoren zur Humankapitalausstattung

Abbildung 6: Strukturfonds (2014 - 2020) und regionale Förderung in Griechenland

Abbildung 7: Arbeitslosenquote in Griechenland und EU28

1 Einführende Diskussion

Die Europäische Union ist ein heterogener Integrationsraum. Jede Erweiterung des Integrati­onsraumes und jede Vertiefung des Integrationsniveaus machen die Integrationsgemeinschaft ein Stück weit heterogener. Dabei ist wirtschaftliche Konvergenz innerhalb der Gemeinschaft ein zentrales Ziel und fest in den Verträgen verankert.

Dennoch dominiert in den letzten Wochen ein anderes Thema in den Medien. Die griechische Staatsschuldenkrise ist das vorherrschende Thema. Es wird täglich über neue Hilfs-Milliarden für das stark angeschlagene Land diskutiert. Der seinerzeit gewählte griechische Regierungs­chef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis versprachen ihrem Land ein Ende der Sparmaßnahmen und stritten mit dem Internationalen Währungsfonds und den euro­päischen Institutionen. Ein Referendum über geplante Refomimaßnahmen, die zum Zeitpunkt der Durchführung des Referendums schon nicht mehr zur Debatte standen, da die griechische Regierung die Verhandlungen mit den Gläubigem abgebrochen hatte, zeigt die politische Zer­rissenheit des Landes.

Viel wurde auch über den Verbleib Griechenlands in der Eurozone diskutiert. Dabei stellt die Eurozone nur einen Teil dessen dar, was die Europäische Union (EU) ausmacht. Demokratie, Freiheit und Solidarität stehen ebenso im Mittelpunkt der Integrationsgemeinschaft. All dies macht deutlich, wie weit Europa sich entfernt hat von seiner ursprünglichen Idee, dauerhaft eine hamionische Entwicklung aller Länder zu fördern und den Frieden auf dem Kontinent zu sichern.

Um zu einer fundierten Meinungsbildung zu diesem Thema zu gelangen, ist es unerlässlich, den Integrationsprozess Griechenlands näher zu beleuchten. Dazu soll diese Arbeit einen Bei­trag leisten. Ziel ist es daher, den Integrationsprozess Griechenlands in die Europäische Ge­meinschaft (EG) und später in die Europäische Union zu analysieren. Speziell wird der Frage nachgegangen, ob dieser Integrationsprozess durch eine konvergente oder eine divergente Entwicklung geprägt ist. Dazu werden zentrale Einflüsse auf die Einkommensentwicklung des Landes herausgearbeitet.

Einführend wird im zweiten Kapitel faktenartig ein Überblick über die zentralen wirtschaftli­chen Kennzahlen Griechenlands präsentiert. Außerdem wird die Bedeutung von Konvergenz im europäischen Integrationsprozess vorgestellt. Diese Ausführungen sollen zu einem gmnd- legenden Verständnis der Thematik beitragen.

Im dritten Kapitel wird auf theoretische Aspekte in der Konvergenz-Divergenz-Diskussion eingegangen. Zunächst wird die Wachstumstheorie beschrieben und analysiert, anschließend werden neuere Ansätze untersucht. Diese theoretischen Modelle dienen als Grundlage und werden in den nachfolgenden Ausarbeitungen wieder aufgegriffen.

Das vierte Kapitel behandelt zunächst die historische Entwicklung des Einkommens ab dem Beitritt Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft. Anschließend werden zentrale Ein­flüsse auf das gesamtwirtschaftliche Einkommen näher betrachtet. Neben der Währungsunion haben die Wirtschaftsstrukturen des Landes einen entscheidenden Einfluss auf das Einkorn­men. Die abschließende kritische Würdigung fasst die zentralen Aspekte der Konvergenz­Divergenz-Diskussion zusanmien und hebt ausgewählte Elemente besonders hervor.

2 Griechenland im europäischen Integrationsprozess

Das vorliegende Kapitel verfolgt das Ziel, die Bedeutung von Konvergenz und Divergenz im europäischen Integrationsprozess vorzustellen. Es werden die Konvergenzziele der EU und die derzeitige wirtschaftliche Situation Griechenlands vorgestellt. Diese Ausführungen leiten in die Thematik ein und stellen die Grundlage für die folgende theoretische Betrachtung dar.

Die Europäische Union fördert ?eine hamionische Entwicklung der Gemeinschaft als Gan- zes.“1 Dabei zielt sie darauf ab, ?den Abstand zwischen den verschiedenen Regionen und den Rückstand der am wenigsten begünstigten Gebiete zu verringern.“2 Bei dieser Definition er­öffnet sich ein großer Interpretationsspielraum, in welchen Bereichen eine hamionische Ent­Wicklung stattfinden oder der Abstand verringert werden soll. Zur Messung und Bewertung von solchen Konvergenz- oder Divergenzprozessen können verschiedene Indikatoren heran­gezogen werden. Neben den Indikatoren wie Preis- oder Zinsniveau eignet sich das Pro-Kopf­Einkommen als Indikator für konvergente oder divergente Entwicklungen. Längerfristig und aus ökonomischer Sicht ist das Pro-Kopf-Einkommen jedoch die Schlüsselgröße.3 Es emiög- licht eine Analyse von Einkommen und Produktivität mittels theoretischer Modelle und steht im Fokus des öffentlichen Interesses.4

Ein vorrangiges Ziel der EU ist die Fördemng der Regionen, deren Pro-Kopf-Einkommen unter 75 Prozent des durchschnittlichen EU-Pro-Kopf-Einkommens liegt. Nach dieser Defini­tion sind in Griechenland große Gebiete des Festlands, u. a. die flächenmäßig bedeutenden Regionen Anatoliki Makedonia Thraki, Peloponnisos und Thessalia, förderungsbedürftig, siehe Abbildung 6.5 Im Rahmen der Regional- und Strukturpolitik stehen der EU die Europai- sehen Fonds für regionale Entwicklung, der Europäische Sozialfonds und der Kohäsionsfonds zur Verfügung, um einen Annährungsprozess der Regionen zu unterstützen.6

Mit Blick auf die aktuelle wirtschaftliche Lage Griechenlands scheint dieses dringend nötig. Griechenlands Wirtschaftsleistung hat im Jahr 2015 1,2 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union erreicht.7 Hinzu kommt, dass das Land einen Brutto schuldenstand von über 180 Prozent des BIP aufweist.8 Auch das griechische BIP je Einwohner in Kaufkraft­Standards liegt in diesem Jahr mit 20.563 Euro weit hinter dem europäischen Durchschnitt von 28.537 Euro je Einwohner.9 Im Jahr 2014 kamen Griechenland über 7.097 Mio. Euro von der EU zu. Dabei entfielen knapp 3.991 Mio. Euro auf den Bereich wirtschaftlicher, sozialer und territorialer Zusammenarbeit, wobei ein Großteil von 3.170 Mio. Euro zur Schaffung re­gionaler Konvergenz in weniger entwickelten Gebieten vorgesehen war.10

3 Theoretische Betrachtung der Konvergenz-Divergenz-Diskussion

In diesem Kapitel wird die Wachstumstheorie vorgestellt, die theoretische Erklärungsansätze zu Konvergenz- und Divergenzprozessen im europäischen Integrationsraum anbietet. Außer­dem kann sie einen Überblick über die Detemiinanten des Pro-Kopf-Einkommens, die einen großen Einfluss auf konvergente und divergente Entwicklungen in der EU haben, geben. Da­zu wird zunächst die Konvergenzthese vorgestellt und anschließend die Divergenzthese prä­sentiert. Ein offensichtlicher Einflussfaktor auf die Pro-Kopf-Einkommensentwicklung ist die Bevölkerungsentwicklung eines Landes, auf die in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden kann.

3.1 Erklärungsgehalt der neoklassischen und neueren Wachstumstheorie

Zuerst wird die Konvergenzthese näher betrachtet, bei der die neoklassische Wachstumstheo­rie im Mittelpunkt der Analyse steht. Im Gegensatz dazu liefern neuere Wachstumstheorien Erklärungsansätze für fortwährende Einkommensdisparitäten in der EU. Dazu werden einige restriktive Annahmen der neoklassischen Theorie modifiziert. Abgeschlossen wird das Kapi­tel mit der Darstellung der Maße zu Konvergenz. Dieses einführende Kapitel stellt die grund­legenden theoretischen Konzepte vor, die dem tieferen Verständnis dienlich sind.

3.1.1 Konvergenzthese

Die Liberalisierung von Güter-, Dienstleistungs- und Faktormärkten bewirkt nach neoklassi­scher Wachstumstheorie die Angleichung der Pro-Kopf-Einkommen der Länder, die sich im Rahmen einer wirtschaftlichen Integration zusammengeschlossen haben. Die Grundgedanken des neoklassischen Modells gehen auf Solow zurück.11 Das Modell beruht auf den Annah­men, wie dem Vorhandensein konstanter Skalenerträge, der Entlohnung nach dem Grenzpro­dukt, einer identischen Produktionstechnologie im Integrationsraum12, der vollständigen Fle- xibilität der Faktorpreise und der vollständigen Mobilität der Produktionsfaktoren.13

Im klassischen Zwei-Faktoren-Modell wird davon ausgegangen, dass ein Land mit einer rela­tiv hohen Ausstattung an Kapital ein geringes Grenzprodukt des Kapitals aufweist. Zeitgleich wird ein solches Land über eine geringe Ausstattung an Arbeit und somit dort über ein hohes Grenzprodukt verfügen. Aufgrund der Annahme der Grenzproduktivitätsentlohnung der Pro­duktionsfaktoren kann auf ein hohes Lohnniveau in dem Land geschlossen werden. Verfügt ein Land nur über eine geringe Ausstattung an Kapital, kann von einem hohen Grenzprodukt des Kapitals ausgegangen werden. Dem steht eine hohe Ausstattung mit dem Produktionsfak­tor Arbeit gegenüber, bei dem ein geringes Lohnniveau vorhegt. Wird zudem eine hohe Kapi­talmobilität unterstellt, wird Kapital in ein Land fließen, in dem es ein hohes Grenzprodukt erzeugt. Dies ist ein Land, was durch ein niedriges Lohnniveau charakterisiert ist und daher zu den wirtschaftlich schwächeren Ländern zählt. Der Zufluss des Kapitals führt zu einer Ver­ringerung der Knappheit dieses Produktionsfaktors in dem Land und zu einer Erhöhung der Grenzproduktivität des Faktors Arbeit. Danach werden sowohl das Lohnniveau als auch das Pro-Kopf-Einkommen in diesem Land steigen. Ein gegenläufiger Effekt wird in dem Land entstehen, aus dem das Kapital abfließt, sodass letztlich eine Annährung der Pro-Kopf­Einkommen stattfindet. So kommt das neoklassische Grundmodell zu dem Ergebnis, dass Einkommensdifferenzen durch die Mobilität von Arbeit und Kapital in einem Integrationsge­biet ausgeglichen werden können.14

In einer Währungsunion können weitere Konvergenzeffekte auftreten. Ein Wegfall des Wech­selkursrisikos erhöht die Planungssicherheit für Unternehmen und führt zu einer Reduktion der Transaktionskosten. Dadurch besteht die Möglichkeit einer Intensivierung der Handels­und Kapitalbeziehungen innerhalb der Gemeinschaft.15 Direktinvestitionen können in europä- ische Peripherieländer fließen und dort über Produktivitätssteigerungen Einkommenssteige­tungen hervorrufen. Gelingt es in einer Währungsunion eine stabile Währung aufzubauen, steigt zudem die Attraktivität der integrierten Länder für Direktinvestitionen aus Drittstaa- ten.16

Die neoklassische Wachstumstheorie wird mit dem Problem konfrontiert, dass das Pro-Kopf­Ei nkomm en s wach stum zum Stillstand kommt, wenn die Grenzproduktivität des Kapitals so weit gesunken ist, bis der Nutzengewinn einer zusätzlichen investierten Einheit Kapital gleich dem Nutzenverlust ist, der aufgrund des flir eine Investition nötigen Konsumverzichts ent­steht. Weitere Kapitalinvestitionen würden den Nutzenverlust vergrößern und werden nicht durchgeführt. Das Pro-Kopf-Einkommenswachstum kommt folglich aufgrund des Stillstands des Kapitalstocks zum Erliegen. Dieser Prozess ist mit empirischen Beobachtungen in den Industrienationen nicht vereinbar.17

3.1.2 Divergenzthese

Unter der Divergenzthese werden theoretische Ansätze behandelt, die eine divergente Ent­Wicklung in einem Integrationsgebiet zu erklären versuchen. Dazu werden einige restriktive Annahmen des neoklassischen Modells verworfen. Verschiedene Produktionstechnologien und steigende Skalenerträge sowie Spillover-Effekte und die Endogenisierung des techni- sehen Fortschritts rücken in den Fokus der Betrachtung und sind Elemente der neueren w achstumstheorie.18

Werden c. p. verschiedene Produktionstechnologien im Integrationsraum unterstellt, können Zentrum-Peripherie-Muster entstehen. Die Gebiete und Regionen, die über eine fortschrittli­chere Technologie verfügen, weisen dadurch eine höhere Grenzproduktivität der Produktions­faktoren auf, wodurch zusätzliche Produktionsfaktoren angezogen werden können. Ähnliche Effekte ergeben sich, wenn anstatt konstanter steigende Skalenerträge, die in Form von Mas­senproduktionsvorteilen und I .emkurveneffekten auftreten können, unterstellt werden. Auf­grund der erhöhten Grenzproduktivität der Produktionsfaktoren können wirtschaftliche Zen­tren entstehen, während andere Regionen zurückfallen. Die daraus resultierende divergierende Wirtschaftsentwicklung fährt gleichermaßen zu einer divergenten Pro-Kopf­Einkommensentwicklung aufgrund des entstandenen Zentrum-Peripherie-Musters. Diese Ag- glomeration kann abgebaut werden, wenn negative Ballungseffekte, wie Staukosten oder stei­gende Faktorpreise, zunehmen und die Agglomerationsvorteile übersteigen.19

Im Bereich der neuen ?ökonomischen Geografie“ können die Existenz von Skalenerträgen, Lokalisations- und Urbanitätsvorteilen als zentripetale Kräfte angesehen werden.20 Zu Lokali­sationsvorteilen werden u. a. eine hohe Zuliefererdichte oder erfolgsrelevante Absatzmärkte gezählt. Spillover-Effekte sind ein wichtiger Bestandteil von Urbanitätsvorteilen. Diese klas­sischen Größenvorteile können nur in unvollkommenen Märkten vorliegen und verstärken Konzentrationsprozesse ebenso wie Einkommensdifferenzen.21

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass eine hohe Faktormobilität das Zentrum­Peripherie-Gefälle noch weiter verschärfen kann. Durch eine Erhöhung der Grenzproduktivi- tat werden meist hochqualifizierte Arbeitskräfte aus wirtschaftlich schwächeren Regionen angezogen. Dieser Effekt (brain drain) verstärkt das bestehende Einkommensgefalle zusätz- lieh.22 Ist die Mobilität des Faktors Arbeit dagegen eingeschränkt, können sich auch konver­gente Entwicklungen einstellen. Unter anderem kommt der Höhe der Transportkosten in die- sem Modell eine zentrale Rolle zu.23

Im Gegensatz zu neoklassischen Wachstumsmodellen geht die neue Wachstumstheorie von der Endogenisierung des technischen Fortschritts aus. Dadurch besteht die Möglichkeit, durch Lemeffekte zusätzliches Humankapital aufzubauen, womit weiterer technischer Fortschritt generiert werden kann. In neueren Modellen ist technischer Fortschritt die Folge einer akti­ven Suchstrategie nach Innovationen seitens der Unternehmen. Die Intensität dieser Suchstra­tegie kann maßgeblich von staatlicher Seite beeinflusst werden. Sozialökonomische oder poli­tische Rahmenbedingungen haben einen erheblichen Einfluss auf die Untemehmenstätigkeit und der Generierung von Innovationen. Die politische Glaubwürdigkeit ist ebenso von Bedeu­tung wie die steuerliche Belastung und die regionale Infrastruktur. Vor diesem Hintergrund wird deutlich24, dass die nationale Politik mittels einer effizienten Wirtschaftspolitik techni- sehen Fortschritt fördern und so Wirtschaftswachstum realisieren kann.25

Es kann festgestellt werden, dass eine positive makroökonomische Umgebung eindeutig zu einer Förderung des Konvergenzprozesses beitragen kann. Unvorteilhafte ökonomische Rah- menbedingungen und ein geringes Wirtschaftswachstum können den Konvergenzprozess er­heblich verlangsamen.26

3.1.3 Konvergenzmaße

In der ökonomischen Literatur und in empirischen Untersuchungen werden in der Regel zwei verschiedene Konvergenzmaße verwendet.27 Die s-Konvergenz misst die Streuung der realen Pro-Kopf-Einkommen innerhalb eines Integrationsraumes, bestehend aus Ländern oder Regi­onen. Konvergenz besteht, wenn sich diese Streuung im Zeitablauf verringert. Kritisch ist bei der Anwendung dieses Konzeptes anzumerken, dass eine hohe Sensitivität bezüglich kurzfris­tiger, meist asymmetrischer Schocks vorliegt. Zudem besteht die Gefahr einer Fehlinterpreta­tion des Indikators, da die Möglichkeit einer Clubbildung besteht, wobei die Clubs unterein- ander sehr heterogen sind.28 29

Im Gegensatz zur s-Konvergenz analysiert die ß-Konvergenz Wachstumsraten von Ländern oder Regionen im Zeitablauf. Wird die ß-Konvergenz nachgewiesen, ist davon auszugehen, dass nationale Wachstumsraten negativ mit den jeweiligen BIP korreliert sind. Das bedeutet, dass Länder oder Regionen mit einem relativ niedrigen Pro-Kopf-Einkommen höhere Wachs­tumsraten aufweisen als reichere Länder.30

Beim Konzept der ß-Konvergenz wird die Unterscheidung von absoluter und bedingter Kon­vergenz vorgenommen. Im Rahmen absoluter Konvergenz wachsen alle Länder oder Regio­nen mit unterschiedlicher Wachstumsrate zu einem identischen Wohlstandsniveau. Nach Er­reichen dieses gleichgewichtigen Niveaus wachsen alle Länder oder Regionen mit identischer Wachstumsrate. Beim Konzept der bedingten ß-Konvergenz wachsen regionale Pro-Kopf­Einkommen von strukturell ähnlichen Ländern und Regionen zu identischen gleichgewichti­gen Wohlstandsniveaus. Es bilden sich Gruppen heraus, die in sich homogen, aber unterein­ander heterogen sind.31 In der wissenschaftlichen Diskussion konnte vielfach empirisch nach­gewiesen werden, dass innerhalb der Regionen im europäischen Integrationsraum die Streu­ung der realen Pro-Kopf-Einkommen abnimmt, also die s-Konvergenz vorliegt.32 Auch die ß- Konvergenz wurde mehrfach empirisch festgestellt und es konnte eine ß-Konvergenzrate von 2 Prozent ermittelt werden. Daraus lässt sich ableiten, dass der Aufholprozess weniger stark

[...]


1 Europäische Union (2005), Artikel 158.

2 Ebd., Artikel 158.

3 Vgl. Klodt/Stehn et al. (1992), s. 33.

4 Vgl. Ardy/B egg/ Schelkle/T orres (2003), s. 151.

5 Vgl. Europäische Kommission (2015a).

6 Vgl. Europäische Kommission (2015b).

7 Vgl. Europäische Kommission (2015c).

8 Vgl. Europäische Kommission (2015d).

9 Vgl. Europäische Kommission (2015e).

10 Vgl. Europäische Kommission (2015Í).

11 Vgl. Solow (1956), s. 66 ff.

12 Vgl. Straubhaar (1998), s. 48.

13 Vgl. Samuelson (1948), s. 169 ff.

14 Vgl. Ohr (2003), s. 12 f.

15 Vgl. Siebert (1998), s. 3.

16 Vgl. Ohr (2003), s. 13 f.

17 Vgl. Klodt/Stehn et al. (1992), s. 35.

18 Vgl. straubhaar (1998), s. 49.

19 Vgl. ebd., s. 49 ff.

20 Vgl. Krieger-Boden (1999), s. 235 f.

21 Vgl. Ohr (2003), S. 15.

22 gl. Ohr (2003), S. 15.

23 Vgl. Venables (1996), s. 341 ff.

24 Vgl. Lucas (1990), s. 92 ff.

25 Vgl. straubhaar (1998), s. 53.

26 Vgl. Ohr (2003), s. 21.

27 Vgl. Walz (1999), s. 14.

28 Vgl. Straubhaar (1998), s. 56.

29 Vgl. Quah (1995), s. 20 f.

30 Vgl. Sala-i-Martin (1996), s. 1327.

31 Vgl. straubhaar (1998), s. 58 f.

32 Vgl. Ohr (2003), s. 20.

Details

Seiten
31
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668792418
ISBN (Buch)
9783668792425
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439613
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
Europäische Integration Eurokrise Kovergenzdiskussion Griechenland Krise

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