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Identitätsproblematik im Werk "Stiller" von Max Frisch

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Identitätsproblematik nach C.G. Jung

3. Wer ist Stiller?

3.1 Stillers Mutter
3.2 Der Kämpfer
3.3 Das Höhlengleichnis und die Wiedergeburt
3.4 Stiller und Julika
3.5 Stiller und Sibylle

4. Die Selbstannahme

5. Fazit

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars GR-5.2 beschäftigen wir uns mit den Werken von Max Frisch. Diese Arbeit beschränkt sich auf den Roman „Stiller“, der erstmals im Jahre 1954 erschien. Es folgt ein kurzer Einblick in das Leben Frischs: Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 als Sohn eines Architekten in Zürich geboren. Im Jahre 1930 immatrikulierte er sich an der Züricher Universität um Germanistik zu studieren. Als sein Vater 1932 starb, brach er das Studium ab. Frisch liebte das Reisen. Er hat viele Länder besucht und lebte von dem Geld, dass er sich durch Reiseberichte dazu verdienen konnte. Im Jahre 1936 war sein Leben von starken Selbstzweifeln geprägt. Er schwankte lange Zeit, welchen Weg er einschlagen sollte. Er begann im Jahre 1936 ein Architekturstudium an der technischen Hochschule in Zürich. Dieses schloss er mit dem Diplom ab. 1943 gewann Frisch einen Architekturwettbewerb der Stadt Zürich für den Bau eines Freibads, daraufhin eröffnete er sein eigenes Architekturbüro. Frisch ließ sich von Kurt Hirschfeld überreden, wieder Theaterstücke zu schreiben. So entstand 1944 das Stück „Santa Cruz“. Durch Hirschfeld lernte Frisch auch Bertolt Brecht kennen. Mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung bereiste er von 1951 – 1952 die USA und Mexiko. 1954 schaffte er mit dem Roman „Stiller“ den Durchbruch als Schriftsteller. Dieser war sein erster Bestseller. Häufig berichtet Frisch in seinen Romanen über die vielen zerbrochene Beziehungen zu Frauen. Im Jahre 1954 trennte er sich von seiner Frau „Trudy“ und den drei gemeinsamen Kindern. Er zog sich in eine kleine Wohnung am Zürichsee zurück. Im Jahre 1955 schloss er sein Architekturbüro und arbeitete als freier Schriftsteller. Sein zweiter Bestseller-Roman war „Homo faber.“ 1958 wurde erstmals sein Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ am Schauspielhaus Zürich aufgeführt. Dieses zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnenstücken des 20. Jahrhunderts. Es folgten viele weitere Romane, Theaterstücke, Reisen, Umzüge und Liebesbeziehungen zu Frauen. 1989 erfuhr Frisch, dass er unheilbar an Darmkrebs erkrankt war. Er starb am 4. April 1991.[1]

In Frischs Werken stellt die Identitätsproblematik eines der Schwerpunktthemen dar. Gegenstand dieser Arbeit soll es sein, Stillers Leben in den Fokus zu nehmen und Ursachen für sein Handeln zu ergründen, um somit Erklärungen für sein Identitätsproblem zu erlangen. Um darüber Erkenntnis zu erlangen, werden einige Situationen aus Stillers Leben aufgezeigt, die auf eben dieses Problem deuten. Es werden Stillers Beziehung zu seiner Frau Julika-, seinen Mitmenschen- und Situationen aus seiner Vergangenheit analysiert. Frisch verarbeitet in seinen Werken häufig Themen wie die Angst vor Erstarrung, der Kampf gegen die Gewohnheit und die stetige Suche nach seinem „wirklichen Ich“ und dem „wirklichen Leben.“[2] In seinen Romanen rückt die Bildnis-Problematik immer wieder in den Vordergrund, aus dieser sich wiederrum eine Frauen- und Existenzproblematik ableiten lässt. Stiller stellt ein Bildnis von sich selbst her, auf dem seine Existenz beruht und zudem ein Bildnis von der Frau, das stark mit der Existenzproblematik verbunden ist: „Alles Schreiben bei Frisch ist ein Bekenntnis, ein missglückter Versuch, sich vor sich selbst und der Welt zu verstecken. Ein Leben im ewigen Zweifel. Es sind vor allem immer wieder seine unglücklichen Ehen und Liebesgeschichten, die er in Romanform zu bewältigen versucht.“[3]

Im Roman „Stiller“ findet ein Selbstwerdungsprozess statt, der in gebrochener Reihenfolge wiedergegeben wird – der erste Teil „Stillers Aufzeichnungen im Gefängnis“ ist in sieben Hefte protokolliert – der zweite Teil besteht aus dem „Nachwort des Staatsanwaltes“. Der erste Teil besteht aus sieben Heften, in denen ein stetiger Wechsel zwischen den vergangenheitsbezogenen Protokollen (Heft mit geraden Zahlen: 2,4 und 6) stattfindet. Diese beschreiben die Vorgeschichte um Stiller, Julika, Rolf und Sibylle. In den anderen Heften (mit ungeraden Zahlen: 1,3,7) wird Stillers Zeit aus der Untersuchungshaft beschrieben, des Weiteren seine Lügengeschichten und seine eigenen Reflexionen. So kommen zwei fiktive Erzähler zu Wort. Das Geschehen wird aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert.[4]

2. Die Identitätsproblematik nach C.G. Jung

Die Darstellung und Deutung des Protagonisten muss in Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht und seiner Beziehung zu Frauen verknüpft werden. Frisch lässt sich in seinen Werken von Jungs Methoden beeinflussen. Dieser gilt als der Begründer der analytischen Psychologie. Frisch belegte als Student an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich einige Seminare Jungs. Im Roman „Stiller“ habt Frisch Jungs Analyse der Mordinstinkte hervor. Frisch verweist häufig auf den Begriff der Projektion: „Der Psychologe, soviel ich weiß, nennt es Projektion, wenn ein Mensch auftritt, irgendein andrer, und wir behaften ihn mit unserem Wunsch-Ich, mit unserem Angst-Ich.“ Die Themen „Reisen und Abenteuer“ stehen in Frischs Romanen im Mittelpunkt. Hiermit verweist er auf Reisen ins Innere und das Abenteuer der Selbstfindung. In seinen Werken wird man häufig an die Jungsche Individuationskonzeption und die Beziehung des Individuums zum Selbst erinnert.[5] Entwicklungs- und Beziehungsproblematiken spielen bei Frisch eine entscheidende Rolle. Jung hat zwei eng miteinander verknüpfte Beziehungsdimensionen entwickelt: Die Mann-Frau-Beziehung und die innere Beziehung von männlichen und weiblichen Komponenten der Psyche. Für Jung ist „die Beziehung zum Selbst zugleich die Beziehung zum Mitmenschen.“[6] Individuation eines Menschen bedeutet für ihn die Wandlung seiner Persönlichkeit in Richtung Ganzheit im Sinne von Vollständigkeit. Vollkommenheit kann nicht erreicht werden. Diese Wandlung ist ein Prozess, bei dem das Unbewusste ins Bewusstsein gebracht wird. Für die Individuation eines Menschen ist die Beziehung zur Außenwelt besonders wichtig. Die Persönlichkeitsentwicklung wird durch das jeweilige Beziehungsmodell bestimmt.[7] Bei der Ich-Du-Beziehung handeln beide Partner. Diese stehen sich als Subjekte gegenüber. So findet eine bewusste Differenzierung zwischen Ich- und Nicht-Ich statt, in der beide Partner das Innere des Gegenübers fördern. Zur Ganzheit beider Partner führt eine Beziehung mit wahrer Begegnung.[8] Nach Jung ist nur ein mit sich selbst identischer Mensch in der Lage, sich dem in seinem Unterbewusstsein ablaufenden Prozess bewusst zu werden und ihn somit aufzulösen. Nur so findet eine bewusste Trennung der eigenen inneren Bilder von den realen Mitmenschen statt und ermöglicht den Zugang zum Selbst und seinen Mitmenschen.[9] Wird dieses Modell auf Frischs Romanfiguren bezogen, wird deutlich, „dass ein entscheidendes Hindernis auf deren Weg zu ihrer Identität ihre falsche, weil zwischen Ich und Du nicht differenzierende Bezogenheit auf die Mitmenschen ist.“[10]

3. Wer ist Stiller?

Der Amerikaner James Larkin White wird an der Schweizer Grenze mit gefälschten Ausweispapieren festgenommen, nachdem ihn jemand als den verschollen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller identifiziert hat. Dieser streitet jedoch ab, der Verschollene zu sein und landet schließlich in einer Untersuchungshaft, nachdem er einen Zöllner geohrfeigt hat. In der Untersuchungshaft bittet ihn sein Verteidiger Dr. Bohnenblust darum, die Wahrheit um sein Leben niederzuschreiben, um sich so zu seiner Identität zu bekennen (Geständnis). Es entsteht eine Art Tagebuch, auf der Suche nach seiner wirklichen Identität. Er möchte sich selbst kennenlernen. Die Erzählungen seiner Mitmenschen dienen der Selbstauskunft. Stiller vermerkt hier Eindrücke aus seiner Haft und das, was seine Besucher ihm über sein Leben berichten. Seine Besucher sind seine Frau Julika, der Staatsanwalt Rolf und dessen Gattin Sibylle, die einst die Geliebte Stillers war. Diese und andere Besucher identifizieren ihn als den verschollenen Stiller und bitten ihn, sich seiner Identität zu bekennen. Doch White behauptet stetig, niemals etwas mit diesem Menschen zu tun gehabt zu haben. Im Verlauf des Romans wird für den Leser jedoch schnell deutlich, dass White und Stiller ein und dieselbe Person sind.

„Ich bin nicht Stiller!“ lautet der erste Satz des Protagonisten. Hiermit deutet Frisch auf Stillers Bildnis- und Rollenproblematik hin, die im Roman im Mittelpunkt steht. Diese beschreibt seine vergangene Existenz und die Beziehung zu Julika, dessen Scheitern er als Beweis für sein männliches Versagen sieht und nicht als Wirklichkeit annehmen möchte. Er erhofft sich ein neues Leben und eine neue Beziehung zu seiner Umwelt. Stiller leidet unter einer starken Ich-Bezogenheit. Er zwingt seine Umwelt, sein neues Ich zu akzeptieren und zu bestätigen. Er verurteilt seine Mitmenschen, weil diese sein neues Ich nicht akzeptieren.[11]

„[...] Er hat das Gefühl, keinen Willen zu besitzen, und besitzt in einem gewissen Sinn viel zuviel, nämlich so wie er ihn einsetzt; er will nicht er selbst sein. […] Seine Persönlichkeit ist vage; […] er verlässt sich lieber auf Einfälle und vernachlässigt die Intelligenz; Zuweilen macht er sich Vorwürfe, feige zu sein, dann fällt er Entscheidungen, die später nicht zu halten sind. […] Er ist ein Moralist wie fast alle Leute, die sich selbst nicht annehmen. […] Er leidet an der klassischen Minderwertigkeitsangst aus übertriebener Anforderung an sich selbst, und sein Grundgefühl, etwas schuldig zu bleiben, hält er für seine Tiefe […]. Er möchte wahrhaftig sein. Das unstillbare Verlangen, wahrhaftig zu sein, kommt auch bei ihm aus einer besonderen Art von Verlogenheit; […] Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Er gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier- und Jetzt zumindest innerlich. […] Vergänglichkeit ist sein Element. Frauen haben bei ihm leicht das Gefühl, verstanden zu werden. Er hat wenig Freunde unter Männern. Unter Männern kommt er sich nicht als Mann vor.“[12] Stiller ist sehr von Ideal-Bildern beeinflusst. Er will dem Bild eines idealen Mannes entsprechen. Frisch hat den Protagonisten nicht ohne Grund zu einem Bildhauer gemacht.

Stiller leidet unter einer „Ich-Schwäche“, die sein gesamtes Verhalten beeinflusst. „Und auch Stiller, scheint es, stand damals unter einer steten Angst, in irgendeinem Sinn nicht zu genügen; es fällt auf, wie häufig dieser Mensch sich glaubte entschuldigen zu müssen.“[13] Durch das verstellen seiner eigenen Person, erhofft er sich Anerkennung. Stiller ist in seinem Verhalten stets unsicher.

Stiller entwickelt Bildnisse von sich selbst, die er nicht erfüllen kann. Aus eigener Selbstüberforderung versucht er seinen Mitmenschen Bilder zu vermitteln, die nur seinem Wunsch-Ich entsprechen. Seine Mitmenschen reagieren mit Bildnissen von ihm, die ihn in eine andere Rolle zwängen. Im Verlauf des Romans findet ein Selbstwerdungsprozess statt, der in gebrochener Reihenfolge wiedergegen wird. Stiller versucht, selbst erschaffenen Bildnissen gerecht zu werden. Diese Bildnisse sind die des Künstlers und Julikas Erlöser.[14] Sein wachsender Erfolg nimmt ihm die Hoffnung „sich in Lehm und Gips verwirklichen zu können; aber diese Hoffnung währte nicht lang, und schon war der Ehrgeiz da, die Freude in Hinsicht auf Anerkennung, die Sorge in Hinsicht auf Geringschätzung […].“[15] Stiller kreiert weitere Bildnisse, indem er seine Frau Julika in eine schöne, seltsame tote Vase verwandelt: „Es war ein Kopf auf einem langen, säulenhaften Hals, eher eine Vase als eine Frau.“[16]

3.1 Stillers Mutter

Stiller hat eine ausgeprägte Bindung zu seiner Mutter, aus der er sich nicht lösen kann. Er wurde als kleiner Junge von seiner Mutter immer wieder in den höchsten Tönen gelobt und bewundert. Stiller sieht sich im Nachhinein als ein Ideal seiner Mutter. Jedes Handeln Stillers steht immer in Verbindung mit seiner Mutter. Sein ganzes Leben war soweit an seine Mutter gebunden, dass er sich als ein Teil ihres Selbst sieht. Als Sohn fügt er sich einer Rolle, die seine Mutter von ihm fordert. Stiller kann somit zu keiner eigenständigen Persönlichkeit gelangen. Stiller erlebt sich als ein Teil seiner Eltern und fühlt sich ihnen gehörig. Ihm wurde keine Möglichkeit gegeben, herauszufinden, wer er eigentlich selbst ist. Für das Finden seiner eigenen Identität ist es besonders wichtig, die eigene Person von anderen abzugrenzen. Diese Chance haben seine Eltern ihm genommen. Stillers Mutter ist somit ein Grund, für das Scheitern seiner Identitätsbildung und für die daraus resultierenden Beziehungsproblematiken.[17] Um sich endgültig von seiner Mutter lösen zu können, hilft ihm nur eine „Wiedergeburt - eine selbst vollzogene, aktive Wiedergeburt.[18]

[...]


[1] http://www.dieterwunderlich.de/Max-Frisch.htm.

[2] Breier, Susanne. Suche nach dem wirklichen Leben und eigentlichen ich im Werk von Max Frisch. Bern: Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1992, S. 1f.

[3] http://www.zeit.de/2010/49/L-B-Weidermann

[4] Ellerbrock, Jochen. Identität und Rechtfertigung. Max Frischs Romane unter besonderer Berücksichtigung des theologischen Aspekts. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1985, S. 173.

[5] Chieh, Chien. Das Frauenbild in den Romanen Stiller und Homo faber von Max Frisch im Lichte der analytischen Psychologie C.G. Jungs. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1997, S. 20f.

[6] Ebd., S. 33.

[7] Ebd., S. 33f.

[8] Ebd., S. 36.

[9] Ebd., S. 39f.

[10] Ebd., S. 41.

[11] Chieh, Chien. Das Frauenbild in den Romanen Stiller und Homo faber von Max Frisch im Lichte der analytischen Psychologie C.G. Jungs. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1997, S. 71f.

[12] Frisch, Max. Stiller. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 47. Auflage, 2017, S. 252.

[13] Ebd., S. 89.

[14] http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/10945/1/Awad_Poppendiek_Nele_Die_Problematik_der_Identitaetsfindung_im_Werk_Max_Frischs.pdf. S. 150.

[15] Frisch, Max. Stiller. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 47. Auflage, 2017, S. 335.

[16] Ebd., S. 257.

[17] Lusser-Mertelsmann, Gunda. Max Frisch. Die Identitätsproblematik in seinem Werk aus psychoanalytischer Sicht. Stuttgart: Verlag Hans-Dieter Heinz, 1976, S. 67f.

[18] Ebd., S. 59.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668822771
ISBN (Buch)
9783668822788
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439734
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,0
Schlagworte
identitätsproblematik werk stiller frisch

Autor

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Titel: Identitätsproblematik im Werk "Stiller" von Max Frisch