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Gatekeeping und News Bias

Hausarbeit 2006 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gatekeeping
2.1. Individualistische Studien
2.2. Institutionale Studien
2.3. Kybernetische Studien

3. News Bias
3.1. Experimentelle Untersuchungen
3.2. Inhaltsanalysen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Täglich passieren Unmengen verschiedener Ereignisse in sämtlichen Teilen der Welt, sie alle sind potenzielle Nachrichten, die Menschen entweder direkt oder vermittelt durch die Medien erreichen können. Da jedoch sowohl der Platz in den Printmedien bzw. die Sendezeit im Rundfunk wie auch die Aufnahmefähigkeit der Rezipienten begrenzt sind, sind Selektionsentscheidungen unabdingbar. Während die selektive Zuwendung zu Medieninhalten seitens der Rezipienten Bestandteil der Rezeptionsforschung ist, beschäftigt sich die Kommunikatorforschung unter anderem mit der Nachrichtenauswahl durch die Massenmedien. Diese ist bereits seit den 1950er Jahren in zahlreichen empirischen Studien untersucht worden, die sich im Wesentlichen in drei Forschungstraditionen unterteilen lassen: Gatekeeping, News Bias und Nachrichtenwerttheorie.

Beim Gatekeeping-Konzept steht der Journalist im Mittelpunkt der Forschung. (vgl. Pürer, 2003, S. 128) Er wird als sogenannter Schleusenwärter betrachtet, der als Entscheidungsträger eine Schlüsselposition im Prozess der Nachrichtenauswahl einnimmt. (vgl. Burkart, 2002, S. 276) Der Journalist enthält entsprechend dieser Sichtweise alle durch verschiedene Kanäle eintreffenden Nachrichten und entscheidet weitestgehend selbstständig und anhand subjektiver Kriterien, welche Informationen zur Weiterverarbeitung und Veröffentlichung ausgewählt werden. Die zentrale Fragestellung des Konzepts ist dabei jene nach dem konkreten Ablauf dieses Selektionsprozesses und den Gründen dafür, dass der Gatekeeper eine bestimmte Nachricht auswählt und eine andere nicht. (vgl. Shoemaker, 1991, S. 5)

Die News-Bias-Forschung ist eine bestimmte Perspektive des Gatekeeping-Ansatzes, die sich insbesondere mit den persönlichen Überzeugungen und Prädispositionen der Journalisten und ihrem Einfluss auf die Nachrichtenauswahl befasst. Ihr vorrangiges Ziel ist es, „Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Medienberichterstattung zu messen sowie Aufschluss über deren Ursachen zu erlangen.“. (Staab, 1990, S. 27) Dabei kommen vor allem experimentelle Untersuchungen sowie Inhaltsanalysen in Kombination mit Journalistenbefragungen zum Einsatz.

Die Nachrichtenwerttheorie schließlich geht davon aus, dass die Publikationswahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit der Höhe seines Nachrichtenwertes steigt. (vgl. Pürer, 2002, S. 129) Der Nachrichtenwert ergibt sich dabei aus verschiedenen Nachrichtenfaktoren, ist also umso höher, je stärker bestimmte Nachrichtenfaktoren und je mehr Nachrichtenfaktoren insgesamt auf ein Ereignis zutreffen. Ein so gerichteter Zusammenhang wird mit dem Begriff Kausalmodell bezeichnet. (vgl. Schulz, 2002, S. 355 f.) Neben dem Kausalmodell vertreten insbesondere Hans Mathias Kepplinger und Joachim Staab die Theorie des Finalmodells. Hier werden Nachrichtenfaktoren nicht als Determinanten für die Auswahl verstanden, sondern instrumentalisiert und lediglich als Legitimation für letztendlich von politischen Sichtweisen gesteuerte Selektionsentscheidungen benutzt. (vgl. Schulz, 2002, S. 356)

Die vorliegende Arbeit ist in zwei Abschnitte unterteilt, die sich mit dem Gatekeeping.-Ansatz und dem News-Bias-Konzept befassen. Beim Gatekeeping-Ansatz wird im Folgenden zwischen individualistischen, institutionalen und kybernetischen Studien unterschieden, die verschiedenen emprischen Arbeiten zum News-Bias-Konzept werden in experimentelle Untersuchungen und Inhaltsanalysen untergliedert. Ziel ist es, die verschiedenen Forschungsergebnisse zu systematisieren und einen Überblick über Gründe für journalistische Selektionsentscheidungen zu erhalten. Abschließend sollen die Implikationen der beiden Konzepte im Hinblick auf die Konstruktion von Wirklichkeit und die Objektivität von Medieninhalten kritisch diskutiert werden.

2. Gatekeeping

Gatekeeping-Studien lassen sich in drei verschiedene Forschungsperspektiven unterteilen: individualistische, institutionale und kybernetische Studien. Unterscheidungskriterium sind dabei die Einflussfaktoren auf die Nachrichtenentscheidung, die in unterschiedlichen Sphären angesiedelt sind. Individualistische Studien beschäftigen sich mit der Selektionsfunktion der einzelnen Gatekeeper, die durch subjektive Vorlieben und Prädispositionen bestimmt wird, während institutionale Untersuchungen Journalisten als Mitglieder der Redaktion betrachten und ihr Handeln somit in den Kontext von sozialen Gruppen stellen. Ihr Entscheidungsverhalten ist geprägt von Abhängigkeiten gegenüber ihren Kollegen, dem Chefredakteur und dem Verleger. Kybernetische Untersuchungen schließlich sehen den Journalisten als Bestandteil des Medien- und des gesellschaftlichen Systems. Das bedeutet, dass der Gatekeeper den Informationsfluss nicht mehr steuert, sondern durch Feedback-Schleifen selbst darin eingebunden ist. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 323 f.)

Verdeutlichen lassen sich die Sphären, auf denen diese unterschiedlichen Konzepte angesiedelt sind, anhand des hierarchischen Einflussmodells auf Medieninhalte von Shoemaker und Reese.

Abb. 2.1.: Individual influences on media content in the hierarchical model

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Shoemaker & Reese, 1996, S.64)

Während individualistische Studien auf dem individual level angesiedelt sind, befassen sich institutionale Studien mit den Arbeitsroutinen der Journalisten (media routines level) und den Einflüssen von sozialer Kontrolle und strukturellen Abhängigkeiten in der Redaktion und im Medienunternehmen (organization level). Kybernetische Studien nehmen im Vergleich dazu eine Metaperspektive ein und betrachten den Journalisten und das Medium eingebettet in die Gesellschaft (extramedia level) und ihre politische Kultur sowie die Rolle der Massenmedien (ideological level). (vgl. Weischenberg, 1998, S. 323 f.)

2.1. Individualistische Studien

Das Gatekeeper-Konzept stammt ursprünglich nicht aus der Kommunikationswissenschaft, sondern wurde in den 1940er Jahren von dem Sozialpsychologen Kurt Lewin entwickelt. Er untersuchte im Rahmen seiner feldtheoretischen Studien die Selektionsentscheidungen von Hausfrauen beim Einkauf von Lebensmitteln. Lewin betonte, dass Lebensmittel den Haushalt durch verschiedene Kanäle erreichen, wobei die Hausfrau als Gatekeeper fungiert und bestimmte Lebensmittel für den Verzehr auswählt, während andere nicht gekauft werden. Er folgerte daraus, dass man, um soziale Wirklichkeit, in diesem Fall also die Ernährung einer Familie, zu verändern, den Gatekeeper beeinflussen oder austauschen müsse. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 317) Obwohl in einem anderen Zusammenhang erdacht, betont Lewin in seinem Fazit, dass sich sein Konzept auch auf andere wissenschaftliche Disziplinen und Forschungsfelder übertragen lasse, so etwa auf die Selektionsentscheidungen von Journalisten bei der Nachrichtenauswahl. (vgl. Shoemaker, 1991, S. 9)

Der erste Kommunikationswissenschaftler, der den Gatekeeping-Ansatz verfolgte, war David Manning White in seiner Studie “The “Gate Keeper”: A Case Study In the Selection of News” aus dem Jahr 1950. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 318) White identifiziert zunächst die einzelnen Gatekeeper im Nachrichtenfluss und setzt es sich anschließend zum Ziel „to examine closely the way one of the „gate keepers“ in the complex channels of communication operates his „gate“.“. (White, 1950, S. 383) Für seine Studie betrachtete White den Nachrichtenredakteur einer Morgenzeitung mit einer Auflage von 30 000 in einer Stadt mit 100 000 Einwohner im Mittleren Westen der USA. Dieser erhielt jeden Tag Nachrichten von den drei Agenturen Associated Press, United Press und International News Service und war allein dafür zuständig zu entscheiden, welche davon Platz in der Zeitung fanden und welche nicht. (vgl. White 1950, S. 384) Für White ist dieser letzte Gatekeeper gleichzeitig auch der Wichtigste, da er die finale Entscheidung darüber trifft, was 30 000 Familien am nächsten Morgen lesen werden. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 318 f.)

Um die Kriterien für Mr. Gates’ Nachrichtenselektion zu untersuchen, kombinierte White drei verschiedene Methoden miteinander. Mit einer Input-Output-Analyse stellte er fest, welche Meldungen Mr. Gates erhalten hatte und welche davon tatsächlich verwendet wurden. Um die Frage zu beantworten, was die Gründe für seine Nachrichtenentscheidungen waren, notierte Mr. Gates auf jeder Nachricht, die er nicht auswählte, den Grund für seine Ablehnung. Nach Abschluss der einwöchigen Untersuchung führte White mit dem Journalisten ein unstrukturiertes Interview, bestehend aus vier Fragen, durch. (vgl. White, 1950, S. 384 f.)

White stellte fest, dass Mr. Gates nur rund ein Zehntel des eingehenden Materials auch tatsächlich verwendete. Die Gründe für die Ablehnung der anderen neun Zehntel lassen sich im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen: subjektive und objektive bzw. normative Kriterien. Zu den subjektiven Ablehnungsgründen zählten ausschließlich auf die eigene Meinung und den eigenen Geschmack bezogene Bemerkungen wie „nicht interessant genug“, „schlecht geschrieben“, „schon zuviel von diesem Thema“ oder „trivial“. Objektive Gründe bezogen sich vor allem darauf, dass die Meldung zu spät kam, nicht mehr ausreichend Platz vorhanden war oder schon das Material einer anderen Nachrichtenagentur zum selben Thema benutzt wurde. Insgesamt lehnte Mr. Gates 423 eingehende Nachrichten aus subjektiven Gründen ab, 910-mal verwendete er Informationen aus objektiven Gründen nicht. Auffällig war für White jedoch, dass selbst die objektiven Kriterien teilweise subjektiv begründet wurden, beispielweise wenn Mr. Gates anmerkte, dass er das Material einer anderen Nachrichtenagentur benutzt hatte, weil jener Text besser geschrieben war. (vgl. White, 1950, S. 386 f.) Insgesamt kam er zu dem Schluss, dass der Nachrichtenredakteur seine Auswahl nach hochgradig subjektiven Kriterien traf. (vgl. Shoemaker, 1991, S. 10) Er zeigte dabei eine Präferenz für politische Nachrichten und “Human-Interest-Stories”, während er Geschichten über Kriminalität ablehnte. Wichtig waren ihm darüber hinaus Klarheit, Prägnanz und Länge des Textes, komplizierte Meldungen, in denen viele statistische Angaben enthalten waren, wurden hingegen sehr selten ausgewählt. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 319)

Jedoch wurde auch Kritik an der Gatekeeper-Studie von David Manning White geäußert. So wird ihm vorgeworfen, er habe den ursprünglichen Ansatz von Lewin zu stark vereinfacht, da dieser auf das Entscheidungshandeln innerhalb von Gruppen abzielte, während White davon ausgeht, dass der Nachrichtenredakteur allein arbeitet und in seiner Selektion nicht von Kollegen beeinflusst wird. Seine Ergebnisse haben aus diesem Grund nur Gültigkeit, wenn bestimmte Organisationsbedingungen vorliegen und sind auf größere Redaktionen nicht übertragbar. (vgl. Pürer, 2003, S. 128) Darüber hinaus spricht White dem letzten Gatekeeper eine unangemessen große Bedeutung zu, denn er trifft zwar die letzte Nachrichtenentscheidung, doch wenn der erste Gatekeeper eine Nachricht nicht weitergeleitet hätte, würde sie den Rezipienten ebenfalls niemals erreichen. (vgl. Weischenberg, 1998, S. 320)

Ein Massenkommunikationsmodell, das in der Tradition der Gatekeeper-Forschung steht, ist das Westley/MacLean-Modell. Es zeigt den Prozess der Nachrichtenvermittlung als selektiven, mit Feedback-Schleifen ausgestatteten Vorgang. In dem Modell sind drei verschiedene Rollen vertreten, die mit A, B und C bezeichnet sind. A (advocacy roles) meint den Kommunikator, der interessenbezogen eine bestimmte Nachricht auswählt und übermittelt. B (behavioral systems roles) ist der Rezipient, der letztendlich die bis zu diesem Punkt schon mehrfach transformierte Nachricht empfängt. Zwischen Kommunikator und Rezipient befindet sich C (channel roles), das Medium bzw. der Gatekeeper, der Nachrichten selektiert und weiterleitet und ohne den die Kommunikatoren die Rezipienten nicht erreichen könnten. Darüber hinaus beinhaltet das Modell auch Feedback-Prozesse, durch welche A und C Informationen darüber bekommen, ob B die Nachrichten erhalten und verstanden hat. Darüber hinaus gibt es auch eine Feedback-Schleife zwischen A und C. (vgl. Staab, 1990, S. 13 f.)

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Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668794726
ISBN (Buch)
9783668794733
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441174
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Kommunikatorforschung Gatekeeping News Bias Journalismus Journalismusforschung Nachrichtenselektion Nachrichtenwert Nachrichtenwerttheorie

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Titel: Gatekeeping und News Bias