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Richard Löwenherz. Im Schatten des Vaters, in den Armen der Mutter?

Eleonore von Aquitaniens Einfluss auf Richard I.

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Le famille avant tout - Der Charakter Eleonores

3. Eleonore - Königin von England
3.1 Die Zukunft Aquitaniens
3.2 Mutter-Sohn-Beziehung

4. Der große Aufstand - Ein königliches Eheproblem?

5. Fazit

6. Bibliographie
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

Richard Löwenherz gilt bis heute als einer der berühmtesten Könige Englands. Als Soldat und Kreuzfahrer ging er in die Geschichte ein, die Intrigen seines Bruders Johann Ohneland sind nicht zuletzt durch zahlreiche Adaptionen in Theater, Film und Fernsehen legendär. Doch nicht nur während seiner Zeit als König war er in familiäre Auseinandersetzungen verwickelt, vielmehr ist die Geschichte der Plantagenets gespickt von Machtkämpfen, die nicht selten in offenen, militärischen Auseinandersetzungen gipfelten. Die Beziehung zu seinen Brüdern ist ambivalent, zum einen konkurriert er mit ihnen um seinen Erbanteil am Angevinischen Reich, zum anderen verbünden sie sich, um gemeinsam gegen den Vater eine selbstständige, gesicherte Machtstellung zu erstreiten. Die Beziehung zu seiner Mutter dagegen gilt als innig und liebevoll, nicht selten wird Richard als ihr Lieblingssohn beschrieben. Doch welchen Einfluss übt Eleonore, die Herzogin von Aquitanien, dem größten französischen Herzogtum, und Königin von England, tatsächlich auf Richard aus? Welche Rolle spielt sie in den langjährigen innerfamiliären Konflikten und welche Interessen verfolgt sie? Ist sie die Königin der Troubadoure, eine politische Machtspielerin oder gar die femme fatale, als die sie über die Jahrhunderte hinweg, vor allem von kanonischen Chronisten, stilisiert wurde?

In der aktuellen Forschung distanziert sich vor allem Ralph Turner von den dramatischen Legenden und Erzählungen, die sich um Elenore ranken und würdigt ihre politischen Ambitionen. Wo Melrich Rosenberg den Hof der Königin noch als einen Hof der Liebe und Sänger bewundert, erläutert Ursula Vones-Liebenstein nüchtern die damaligen Verhältnisse für Troubadoure und die Notwendigkeit, vor allem dem Herren, nicht der Dame zu gefallen, obwohl sie Eleonore eine gewisse Vorliebe für Musik zuspricht und sogar die Weitergabe dieser Eigenschaft an Richard und Gottfried vermutet.

In dieser Arbeit soll nun sowohl die Rolle Eleonores in den familiären Konflikten, als auch ihr Einfluss auf den jungen Richard bis zur großen Revolte 1173 untersucht werden. Dazu werden zuerst ihre jungen Jahre als französische Königin beleuchtet, um eine Idee ihres Charakters und politischen Selbstverständnisses zu entwickeln. Daran anknüpfend wird ihre Verwurzelung in ihrem Herzogtum und die damit verbundene politische Prägung Richards betrachtet, um die Weichen für die anschließende Analyse der Beweggründe ihrer Teilnahme an der Rebellion zu stellen.

Als Quellen dienen hauptsächlich die Bände der Reihe Rerum britannicarum medii aevi scriptores, in denen vor allem William von Newburgh, Robert von Torigni und Gervasius von Canterbury vielfältige Informationen zu Eleonores Leben liefern. Als Sekundärliteratur sei hier besonders Daniela Laubes Werk „Zehn Kapitel zur Geschichte der Eleonore von Aquitanien“ hervorgehoben, die sehr nah an den historischen Quellen bleibt und es schafft, die Ereignisse überzeugend miteinander zu verknüpfen.

2. Le famille avant tout - Der Charakter Eleonores

Um die politischen Ambitionen Eleonores und ihre Rolle in den zahlreichen familiären Konflikten gewissenhaft einordnen zu können, muss zunächst ihr Werdegang betrachtet werden. Als Erbin des größten französischen Herzogtums Aquitanien war sie eine hochattraktive Partie für eine Vielzahl von Fürsten, versprach ihre Mitgift doch einen enormen Zuwachs an Reichtum und politischem Einfluss. So überrascht es nicht, dass auch der französische König Ludwig VI großes Interesse daran hatte, seinen Thronfolger mit Eleonore zu verheiraten, um den gerade erst ausgeweiteten Einfluss der Kapetinger auf das weitläufige Gebiet zu festigen.

Die Fülle an aussagekräftigen Quellen, die Eleonores Person und ihre Aktivitäten in den ersten Jahren ihrer Zeit als französische Königin beschreiben, ist sehr gering. Die meisten Überlieferungen handeln ausschließlich von den Taten ihres Gatten Ludwig VII, aus denen man nur vorsichtig Eleonores Beteiligung extrahieren kann. So berichtet der Abt Bernhard von Clairvaux in seiner Vita Prima von einem Konflikt Ludwigs mit dem Grafen von Champagne 1142, der die Ehre seiner von Raol von Vermandois verstoßenen und durch Eleonores Schwester Aelith ersetzten Nichte verteidigen wollte. Er stellt fest, dass nur durch Eleonores Einlenken in den Friedensverhandlungen eine Beendigung des Konflikts möglich war.1 Um diese Aussage bekräftigen oder entkräften zu können, gilt es, zwei Aspekte genauer zu betrachten: Erstens, war Eleonore überhaupt involviert? Und falls ja, welche Einflussnahme gestand Ludwig VII seiner Gattin zu? Da es in dieser militärischen Auseinandersetzung um die Stellung ihrer Schwester ging, kann von Eleonores Interesse an der Sache ausgegangen werden. Vor allem der Blick in die letzten Lebensjahre Eleonores, die von ihrem rastlosen Bestreben, erst Richards, dann Johanns Machtanspruch zu festigen, geprägt sind, bescheinigt ihr eine hohe Einsatzbereitschaft für die Wahrung der familiären politischen Interessen. Der Schluss liegt also nahe, dass sie mindestens geringfügig in den Konflikt einbezogen war. Der zweite wichtige Aspekt ist die Bereitschaft Ludwigs, auf den Rat der Königin einzugehen und ihm entsprechend zu handeln. Für Eleonore dürfte sich positiv ausgewirkt haben, dass Ludwig bei seiner Thronbesteigung noch sehr jung war, und dementsprechend noch nicht die Selbstsicherheit eines langjährigen Herrschers besaß. So gelang es ihr schon frühzeitig, sich gegen eine Vielzahl von Rivalen durchzusetzen und eine wichtige beratende Stellung am französischen Königshof einzunehmen.2

Diese Errungenschaft ist einer der ersten und wichtigsten Hinweise auf das Selbstverständnis Eleonores, sich nicht mit einer traditionell zurückhaltenden Rolle zu begnügen, sondern als nominelle Herzogin von Aquitanien selbst in die Politik einzugreifen. Die Analyse dieser Faktoren ermöglicht es zwar nicht, den Wahrheitsgehalt der Aussage Bernhards von Clairvaux zu bemessen, dennoch erscheint es unter den erläuterten Gesichtspunkten plausibel, dass Eleonore eine aktive Rolle in diesem Konflikt einnahm.

Den nächsten Einblick in den Charakter der Königin ermöglicht der Zweite Kreuzzug, zu dem sich Ludwig VII und Eleonore 1147 aufmachen. William von Newburgh berichtet in seiner Historia Rerum Anglicorum von der späteren Scheidung des französischen Königspaares. Gleichzeitig nennt er rückblickend auch den Grund, weshalb Ludwig VII seiner Gattin überhaupt erst gestattete, sich dem Kreuzzug anzuschließen: Eifersucht. 3 Ungeachtet dessen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dazu gezwungen werden musste, eine solche Reise zu unternehmen, unter anderem sicher wegen der Aussicht der familienorientierten Eleonore, ihren Onkel Raimund wiederzusehen, stellt sich doch die Frage nach den Gründen von Ludwigs Eifersucht, bzw. der Darstellung selbiger. Die Vermutung liegt nahe, dass Eleonore in ihrem Auftreten an Hofe nicht durch Zurückhaltung und Sittsamkeit bestach, sondern vielmehr den offenen, lebensfrohen und von einigen Zeitgenossen sicher als anzüglich erachteten Hofstil Aquitaniens vorlebte, der besonders von ihrem berüchtigten, zeitweise exkommunizierten Großvater Wilhelm IX geprägt wurde.4 Hinzu kommt die Problematik der allgemeinen, vor allem rückblickenden Rezeption Eleonores. Gerade nach der Scheidung von Ludwig VII findet eine zunehmend negative Konnotation Eleonores in den französischen, zu meist kanonischen Quellen statt (sofern sie die ehemalige Königin überhaupt erwähnen), die ihr nicht nur einen frivolen Lebensstil unterstellen, sondern ihr in der fortschreitenden Stilisierung über die Jahrhunderte sogar die Schuld für das Scheitern des Kreuzzuges zuschreiben.5 Letztere Anschuldigung entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.6

Nichtsdestotrotz können unter Berücksichtigung dieser Aspekte sowohl die Erwähnung der Eifersucht, also die implizierte Untreue durch die negative Rezeption Eleonores erklärt, als auch neue Einblicke in ihre durch den Aquitanischen Hof geprägten Charakterzüge gewonnen werden.

Zuletzt muss dem Konflikt zwischen Eleonore und Ludwig während ihres Aufenthalts in Antiochia 1148 erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden. John von Salisbury berichtet in seiner Historia Pontificalis mit einem zeitlichen Abstand von 15 Jahren von der besonderen Nähe Eleonores zu ihrem bereits erwähnten Onkel Raimund, dem Fürsten von Antiochia, und deutet eine unsittliche Beziehung zwischen ihnen an.7 Der daraufhin ausbrechende Konflikt des Ehepaares wird von ihm allein auf die Emotionen der beiden zurückgeführt. Viel wahrscheinlicher als bloße Beziehungsschwierigkeiten erscheinen jedoch die politischen Umstände des Antiochia-Aufenthalts: Raimund erhoffte sich von Ludwig militärische Unterstützung, um einen Feldzug gegen den verfeindeten türkischen Fürsten Nur ad-Din durchführen, und seine eigene Machtstellung stärken zu können.8

[...]


1 LAUBE, Daniela: Zehn Kapitel zur Geschichte der Eleonore von Aquitanien. Bern, Frankfurt am Main, New York 1984, S. 35, Z. 3.

2 TURNER, Ralph V.: Eleanor of Aquitaine. Queen of France, Queen of England, New Haven 2009, S. 39, Z. 23-24.

3 William of Newburgh: Historia Rerum Anglicorum, ed. Richard HOWLETT, in: Rerum britannicarum medii aevi scriptores [oder Chronicles and memorials of Great Britain and Ireland during the middle ages; 82] Bd. 1, New York 1964, S. 92, Z. 20—26.

4 MARKALE, Jean: Eleonore von Aquitanien. Königin von Frankreich und von England; Leben und Wirken einer ungewöhnlichen Frau im Hochmittelalter, Tübingen 1980, S. 29, Z. 31—34.

5 LAUBE, S. 47, Z. 17—22.

6 WALKER, Curtis H., Eleanor of Aquitaine and the Diaster at Cadmos Mount Crusade, in: The American Historical Review , hg. von Oxford University Press on behalf of the American Historical Association (Bd. 55 Nr. 4), Washington 1950, pp. 857—861, S. 861, Z. 35—38.

7 John of Salisbury: Historia Pontificalis, ed. Marjorie CHIBNALL, Oxford 1986, S. 52, Z. 21—25.

8 TURNER, S. 87, Z. 36—39.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668796959
ISBN (Buch)
9783668796966
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441252
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
richard löwenherz schatten vaters armen mutter eleonore aquitaniens einfluss

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Titel: Richard Löwenherz. Im Schatten des Vaters, in den Armen der Mutter?