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Die Deutsche Auswanderung nach Südamerika. Rekrutierung, Häfen und Schifffahrtslinien

Seminararbeit 2018 13 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Anreisewege und Ausreisehäfen
3.1. Le Havre
3.2. Liverpool
3.3. Hamburg
3.4. Bremen

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

[…] "Die große Fruchtbarkeit des Bodens, dessen ungeheure Ausdehnung, das milde Klima, die herrlichen Wasserverbindungen, der durchaus freie Verkehr in einem Raume von mehreren tausend Meilen, die vollkommene Sicherheit der Personen und des Eigenthumes, bei sehr geringen Staatslasten, das ist es, was man als die eigentlichen Pfeiler der glücklichen Lage der Amerikaner zu betrachten hat. In welchem andern Lande der Erde findet man dieses alles vereint?" […], schreibt Gottfried Duden[1] in seinem Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas und einen mehrjährigen Aufenthalt am Missouri von 1829.

Auch wenn Gottfried Duden im oben genannten Zitat eher Bezug auf die Verhältnisse in Nordamerika nimmt, so beschreibt er doch sehr treffend wie man in der „alten Welt“ die Verhältnisse, Verlockungen und Chancen der „Neuen Welt“ als Ganzes, wahrnahm bzw. wahrnehmen wollte.

Nur allzu oft wurden die Verhältnisse in den schönsten Farben geschildert. Doch nicht immer war der Neuanfang einfach.[2] Neben den Schwierigkeiten, die einen Neuanfang im fremden Land, auf einem fremden Kontinent ohnehin schon nicht einfach machten und an denen so mancher auch scheiterte, gab es zu allem Überfluss auch noch gewissenlose Menschenhändler, die aus der Not der Menschen ihren Profit schöpften.

Ich möchte hier nur kurz exemplarisch zwei Beispiele nennen: […] Es ist ein verdrängtes Kapitel jüdischer Geschichte: Von 1860 bis 1930 wurden Tausende junger Jüdinnen, die Armut und Antisemitismus entkommen wollten, mit falschen Versprechungen nach Südamerika gelockt. Dort wurden sie zur Prostitution gezwungen - nicht selten von jüdischen Zuhältern. […][3]

[…] Im 19. Jahrhundert wurden Sklaven durch Wanderarbeiter bzw. Kontraktarbeiter ersetzt. Diese kamen vornehmlich aus Europa. Viele von ihnen trieb die wirtschaftliche Not dazu, die entsprechenden Verträge einzugehen. Allgemein gesprochen handelte es sich dabei um Menschen, die im Zuge der Herausbildung des industriellen Kapitalismus aus ihren traditionellen sozio-ökonomischen Strukturen herausgestoßen worden waren (verarmte Kleinbauern und Handwerker). Sie kamen im Gegensatz zu den Sklaven von allein und das Zwangsverhältnis, in das viele durch die Kontraktverträge und durch Verschuldung (Kosten der Überfahrt) gerieten, konnte als selbstverschuldet dargestellt werden. […][4]

Die Gründe, die Menschen im Europa des 19. Jahrhunderts dazu brachten in Übersee eine neue Heimat und somit ihr persönliches Glück zu suchen und bestenfalls auch zu finden, waren genauso unterschiedlich und vielfältig, wie es auch die Menschen waren, die dies in Angriff nahmen.

Waren es erst eher vereinzelt „Abenteurer“, die den Traum der unbegrenzten Möglichkeiten, so wie ihn oben Gottfried Duden beschrieb, träumten, so kamen schon bald Menschen hinzu, die auf der Flucht waren. Auf der Flucht vor Strafverfolgung oder auf der Flucht vor Zwangsrekrutierung und Militärdienst. Die Gesamtanzahl jener Auswanderungswilligen war aber zunächst noch immer überschaubar. Doch die Situation änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts. Gründe hierfür waren:

- Chaotische Zustände auf dem Land zu Beginn des 19. Jh., Beginn der Industrialisierung
- Landflucht der verarmten Landbevölkerung (Zweit und Drittgeborene, Aufhebung der Leibeigenschaft)[5]
- Flucht vor Strafverfolgung, aber auch Ausweisungen. Gerade hier, nach der gewaltsam niedergeschlagenen Revolution von 1848 in den deutschen Ländern, oft politisch motiviert.[6]
- Natürlich gab es auch weiterhin vereinzelt Auswanderer, die Abenteuerlust und der Traum von den „unbegrenzten Möglichkeiten“ antrieb.
- Es gab aber auch Bestrebungen, gerade einiger südamerikanischer Staaten, ganz gezielt in Europa Ausreisewillige anzuwerben, um das eigene Land erfolgreich zu besiedeln und die eigene Wirtschaft anzukurbeln.

Einwanderungsländer wie z.B. Brasilien betrieben aktiv in Europa Agenturen um Auswanderungswillige zu rekrutieren.[7]

So unterschiedlich die Schicksale und Motive der Menschen auch gewesen sein mögen, die aus allen Teilen deutscher Staaten aufbrachen, wer nach Übersee wollte, der musste an die Küste. Die lange osteuropäische Ostseeküste allerdings, war kaum geeignet. Seeschiffreisen mit Auswanderen aus der Ostsee heraus, durch Sund oder Belt[8] waren unwirtschaftlich und hier für die Ausreisenden, wie auch für die Schiffseigner viel zu teuer. Sie fanden so auch nicht statt.

2. Fragestellung

Jeder, der sich in irgendeiner Art und Weise mit Auswanderung im 17., 18. oder 19. Jahrhundert beschäftigt, stößt bald und unweigerlich auf die Frage, wie dies organisiert wurde und von wo die Auswanderer aufbrachen.

Welche Häfen waren also geeignet für den massenhaften Sprung in die Neue Welt und in ein neues besseres Leben?

Wie kam man in den jeweiligen Hafenstädten mit jenem Ansturm an Menschen zurecht?

Wie organisierte man den Aufenthalt so vieler Menschen in diesen Hafenstädten ohne das eigentliche zivile Leben in den Städten zu gefährden?

3. Anreisewege und Ausreisehäfen

Das Reisen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine eher beschwerliche Angelegenheit. Es erforderte neben der notwendigen Zeit auch einen gewissen finanziellen Hintergrund. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon bis 1815 war die ohnehin geringe Infrastruktur, die zum Reisen zwingend notwendig war, eher militärischen Zwängen unterlegen.

Im Ergebnis des Wiener Kongresses setzte eine längere Friedensperiode in Europa ein. Diese Zeit war geprägt von Erfindergeist und neuen Technologien. Die Industrialisierung, mit all ihren positiven (z.B. Die Erfindung und zügige Verbreitung der Eisenbahntechnik) aber auch negativen Aspekten (z.B. massive Verarmung der Landbevölkerung und die daraus resultierende Landflucht) setzte, zumindest in Mitteleuropa, massiv ein.

Im Hinblick auf mein Thema hier, wird die Erfindung und zügige Verbreitung der Eisenbahntechnik wichtig. Sie machte Reisen auch für einen breiteren Teil der Bevölkerung erschwinglich. Dies galt im besonderen Maße auch für diejenigen, die Europa endgültig den Rücken kehren wollten bzw. mussten, um ihr Glück in der „Neuen Welt“ zu suchen.

Schon früh bildeten sich die Nordsee- und Nordatlantikhäfen als die zentralen Abfahrtsorte heraus.

3.1. Le Havre

Schon 1850 konnte man die Hafenstadt Le Havre von Köln aus per Eisenbahn erreichen. Wer aus dem deutschen Staatengebiet nach Le Havre wollte, musste von Köln aus kommend beispielsweise lediglich in Paris umsteigen und erreichte vergleichsweise bequem die Hafenstadt.

Die Stadt an der Seine-Mündung war deshalb so interessant für Reisende, da man bis zu zwei Wochen Reisezeit zu Wasser sparen konnte. So konnte man die erste Strecke durch die Nordsee und die Fahrt durch den Ärmelkanal vermeiden.

Da in der Mitte des 19. Jahrhunderts gut ein Drittel der Auswanderer über Le Havre abreisten, macht dies die Bedeutung dieser, vergleichsweise kleinen Stadt, deutlich. Über Bremerhaven verließ eine in etwa gleich große Anzahl Reisender Europa. Antwerpen, Liverpool oder Hamburg nahmen den Rest der Auswanderer auf, ebenso, verschwindend gering, einzelne andere Häfen.

K. Baedekers Reiseführer für Bahnreisende in Nordfrankreich zeigt, welche Bedeutung Le Havre für die Auswanderung zu diesem Zeitpunkt hatte, und auf der anderen Seite wie wichtig die Auswanderer für die Hafenstadt waren.

Ebenso interessant ist die Tatsache, dass der Hafen von Le Havre aufgrund seines Trockenlaufens bei Ebbe nur begrenzt nutzbar war.

[...]


[1] Gottfried Duden (* 19. Mai 1785 in Remscheid; † 29. Oktober 1855 ebenda) war ein deutscher Arzt, Farmer und Friedensrichter in den USA sowie Schriftsteller. Sein Erlebnisbericht war mit ein Auslöser für die ab 1830 einsetzende deutsche Auswanderungsbewegung nach Nordamerika.

[2] Nicht bei allen Auswanderern ist die Begeisterung über die neue Heimat ungeteilt, und natürlich erfüllen sich nicht alle Hoffnungen der Neuankömmlinge. Ganz zu schweigen von den Strapazen der Überfahrt: Mehrere Millionen Menschen allein aus den deutschen Landen nehmen eine solche Reise ins Ungewisse im 19. Jahrhundert auf sich. Die Auswanderung nach Amerika erreicht in jener Zeit einen Höhepunkt, wird zu einer Massenbewegung.

[3] Peteranderl, Sonja; Jüdische Prostitution in Südamerika: Leidensweg der "weißen Sklavinnen", in: Spiegel online; http://www.spiegel.de/einestages/juedische-prostitution-in-suedamerika-leidensweg-der-weissen-sklavinnen-a-951189.html

[4] Martina Kaller-Dietrich und David Mayer, Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jhdt. - Die Zweite Conquista; S.10

[5] Landflucht fand zunächst nur innerhalb Mittel- und Osteuropas statt, denn die Industrialisierung hatte gerade in Mitteleuropa eingesetzt. Doch nachdem auch dieser Arbeitsmarkt zunehmend besetzt war und auch hier Verelendung einsetzte, wurden die Ströme der Auswanderungswilligen in Richtung der Hafenstädte an der Nordsee, am englischen Kanal bzw. der europäischen Atlantikküste stärker. Dies war schon bald kaum noch zu handhaben.

[6] Nicht jeder der damaligen Revolutionäre fand, so wie Richard Wagner, in einem anderen deutschen Königreich einen solch mächtigen Beschützer und Mäzen wie den bayerischen König Ludwig II.

[7] 1820 wurde im Bundesstaat Rio de Janeiro die Stadt Nova Friburgo gegründet. Dom João VI versuchte gezielt, neue deutsche Einwanderer anzuziehen. Im September 1822 entsandte die brasilianische Regierung Georg Anton Schäffer nach Deutschland, um Kolonisten und Söldner anzuwerben. Diese Mission startete die erste große deutsche Auswanderungswelle nach Brasilien. Vor allem Menschen aus dem Hunsrück, den nördlichen und westlichen Teilen des heutigen Saarlandes und der Westpfalz ließen sich von den Agenten Schäffers anwerben. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Einwanderung_in_Brasilien#Geschichte

[8] Sund und Belt stehen hier für die Meerengen um Dänemark

Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668798113
ISBN (Buch)
9783668798120
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441296
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Die Deutsche Auswanderung nach Südamerika Rekrutierung Häfen und Schifffahrtslinien Hapag Hamburg Auswanderung Le Havre Bremerhaven Antwerpen London Liverpool

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Titel: Die Deutsche Auswanderung nach Südamerika. Rekrutierung, Häfen und Schifffahrtslinien