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Unterrepräsentanz von MigrantInnen im Setting Sportverein?

Mögliche Hindernisse und Barrieren

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 21 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sportengagement: Beteiligung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund

3. Theoretische Erklärungslinien zur Sportabstinenz von Migranten/innen
3.1 Kulturelle Unterschiede
3.2 Ungünstige sozioökonomische Lebensbedingungen
3.3 Diskriminierungserfahrungen
3.4 Traditionelle Geschlechterordnung

4. Reflexion der Erklärungstheorien zur Sportabstinenz

5. Lösungsansätze

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Zu- und Einwanderungsland“ (Bommes, 2007, S. 3). Laut dem Statistischen Bundesamt (2016, o.S.) wiesen im Jahr 2016 22,5% der Bevölkerung in Deutschland auf Basis des Mikrozensus einen Migrationshintergrund auf. In Deutschland ist also jeder fünfte Einwohner von ausländischer Herkunft. Laut Engler und Schneider (2015, o.S.) ist aufgrund fortdauernder Konflikte an Europas Rändern weiterhin mit hohen oder sogar steigenden Zahlen von Flüchtlingen zu rechnen, die ihr Land verlassen müssen. Deutschland gilt wie alle Staaten der EU als Zufluchtsgebiet für internationale Schutzsuchende (Engler & Schneider, 2015, o.S.). Von Januar bis November 2015 stiegen die Asylanträge um 134% (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, o.D., S. 10). Diese Fakten fordern in Deutschland einen angemessenen Umgang mit Vielfalt. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, möglichst früh mit Integrationsmaßnahmen zu beginnen.

Doch was genau ist unter dem Begriff Integration zu verstehen? Obwohl sich eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten mit diesem Thema auseinandersetzt, sucht man vergebens nach einer allgemein akzeptierten Definition, allgemeinen Empfehlungen oder theoretischen Grundannahmen (Kleindienst-Cachay, Cachay, & Bahlke, 2012, S. 17). Thiel et al. beschreibt Integration folgendermaßen: „Integration wird im Sinne assimilatorischer Integrationsmodelle auch heute noch häufig als ‚Gemeinsamkeit der Grundlagen‘ angesehen. Dies resultiert v.a. daraus, dass die Fremdheit von Einwanderern in der Regel mit dem Verweis auf kulturelle Differenz erklärt wird“ (Thiel, Schmid, Johler, & Treptow, 2007, S. 18). Dieses Verständnis von Integration liegt dieser Arbeit zugrunde.

In der Literatur wird Sport als Integrationsmotor oder auch als „Sprungbrett in die Gesellschaft“ bezeichnet (Mutz, 2012, S. 12). Gemeinsames Sporttreiben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund vermittelt Fairness, Toleranz, Teamgeist und Respekt. Bieten also nicht die unzähligen Sportvereine, die in Deutschland existieren, eine Chance zur Integration? Im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sind Zuwanderer im Sportverein jedoch unterrepräsentiert (vgl. Kapitel 2). Welche Hindernisse und Barrieren werden in der Literatur beschrieben, die MigrantInnen von einer Mitgliedschaft im Sportverein abhalten? In Kapitel 3 sollen verschiedene Erklärungslinien für diese Unterrepräsentanz beleuchtet werden. Diese werden in Kapitel 4 kritisch hinterfragt. Viele Erklärungslinien basieren auf Stereotypisierungen und veralteten Statusgefügen, die sich mittlerweile stark verändern. Auf dieser Basis werden in Kapitel 5 Lösungsansätze thematisiert, die die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die Sportvereine fördern.

2. Sportengagement: Beteiligung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund

Zunächst wird die aktuelle Lage in Hinsicht auf das sportliche Engagement der Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund genauer betrachtet. Welche Gruppen sind schon gut vertreten und wo liegen Defizite?

Wie genau sind „Menschen mit Migrationshintergrund“ definiert? Das Statistische Bundesamt legt fest, dass eine Person einen Migrationshintergrund aufweist, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde (Statistisches Bundesamt, 2016, S. 2). In empirischen Untersuchungen, wie beispielsweise bei der PISA-Studie aus dem Jahr 2000, wird Migrationshintergrund folgendermaßen bestimmt: „a) durch die in der Familie gesprochene Verkehrssprache (nicht deutsch); b) durch die Tatsache der Einwanderung von Vater oder Mutter (2. Generation); c) durch den Tatbestand der Einwanderung durch das Kind selbst (1. Generation)“ (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 5).

Im Bereich der Sportpartizipation unterscheidet man zwischen dem informellen Sporttreiben, welches nach Lust und Laune entweder alleine oder zu zweit praktiziert wird, und dem formellen Sportengagement, also dem organisierten Sport. In dieser Arbeit ist das formelle Sporttreiben relevant, da es in der Regel langfristiger ausgelegt ist, was die Bedingung für Integration in die Gesellschaft ist (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 13–14).

Die Suche nach Arbeiten, die sich auf die Teilnahme von MigrantInnen am Vereinssport konzentrieren und über die Zahl der regelmäßig und in formellen Gruppen Sport treibenden Menschen mit Migrationshintergrund Angaben machen, liefert bis dato kaum verlässliche Daten (Kleindienst-Cachay et al., 2012, S. 13). Die Sportbeteiligung Jugendlicher ohne Migrationshintergrund ist relativ gut erschlossen, während der Forschungsstand zum Sportengagement Jugendlicher mit Migrationshintergrund als defizitär gilt (Mutz, 2009, S. 98). Laut Sportentwicklungsbericht 2009/2010 weisen 9% der Mitglieder der deutschen Sportvereine einen Migrationshintergrund auf (Breuer, 2011, S. 25–26). Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund lag im Jahr 2008 bei 19% der Gesamtbevölkerung. Aktuellere Zahlen liegen bis dato nicht vor. Kleindienst-Cachay et al. berichtet über ähnliche Zahlen und kommt zu dem Schluss, dass MigrantInnen im vereinsorganisierten Sport deutlich unterrepräsentiert sind (2012, S. 33). Allerdings sind Alters-, Geschlechts- und Herkunftsgruppen differenziert zu betrachten. Bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund findet man deutlich stärkere geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich Vereinsmitgliedschaften als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (vgl. Kap. 3.4).

Abb. 1: Organisationsgrad von 15-jährigen Jungen und Mädchen im Sportverein mit und ohne Migrationshintergrund (Mutz & Burrmann, o.D., o.S.) .

Im Rahmen der Nationalen Ergänzungserhebung zur PISA-Studie 2000 wurden 34000 15-jährige Jugendliche befragt, von denen über 6000 einen Migrationshintergrund aufweisen. Die Jungen sind hier zu 57% - also noch stärker als die deutschen Jugendlichen (54%) – im Sportverein vertreten, während die Mädchen mit Migrationshintergrund mit nur 28% im Vergleich mit den deutschen Mädchen (42%) unterrepräsentiert sind (vgl. Abb.1; Mutz, 2012, S. 117–118).

Betrachtet man den sozio-ethno-ökonomischen Hintergrund der Jugendlichen hinsichtlich des Sportengagements, ist Folgendes festzustellen: Je nach ethnischer Zugehörigkeit variiert das Sportengagement. „In allen Studien erweist sich die Gruppe der türkischen Mädchen als diejenige, die am wenigsten Sport treibt, gefolgt von den italienischen Mädchen“ (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 17). In Baden-Württemberg sind 29,8% der Hauptschülerinnen ohne Migrationshintergrund Mitglied in einem Sportverein – Hauptschülerinnen mit türkischem Migrationshintergrund sind dort zu 7,9% vertreten (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 16). Die Höhe des Bildungsabschlusses ist ebenfalls ausschlaggebend für die Sportbeteiligung. Die türkische und italienische Herkunftsgruppe ist nach der deutschen an den Haupt- und Sonderschulen am stärksten vertreten, während diese Beobachtung beim Sportengagement gegenläufig ist (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 17).

Bei den Sportvereinen ist eine sogenannte „Verinselung“ zu beobachten. Es gibt Vereine mit keinem einzigen weiblichen Mitglied mit Migrationshintergrund und wieder andere, bei denen Migrantinnen zu 95% vertreten sind. Über diese „Segregation der Migranten [ sic ] in der Sportvereinslandschaft“ (2012, S. 248) berichtet auch Kleindienst-Cachay et al. „Zwei Drittel der Sportvereine haben dagegen keine oder fast keine Migrantinnen bzw. Migranten [ sic ].“ (Kleindienst-Cachay et al., 2012, S. 248). Deshalb sollte man Mitgliedszahlen von TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund differenziert betrachten. Eine hohe Zahl an Mitgliedern mit ausländischer Herkunft heißt nicht gleich gelungene Integration, wenn sich die Zielgruppe ausschließlich in den eigenen Kreisen bewegt.

3. Theoretische Erklärungslinien zur Sportabstinenz von Migranten/innen

Wie bereits in Kapitel 1 angesprochen, wird Sport als Integrationsmotor oder Sprungbrett in die Gesellschaft bezeichnet (Mutz, 2012, S. 12). Sport und das Setting Sportverein hat in dieser Hinsicht theoretisch ein großes Potential, jedoch finden auch heute noch MigrantInnen vergleichsweise weniger häufig den Weg in den organisierten Sport (vgl. Kap. 2). Was sind die Barrieren, die MigrantInnen von einer Mitgliedschaft im Sportverein abhalten? Die geringe Repräsentanz von MigrantInnen im Sportverein ist auf kulturelle, sozioökonomische, geschlechterspezifische Aspekte und/oder auf Diskriminierungserfahrungen zurückzuführen (Mutz, 2012, S. 80), die im Folgenden vorgestellt werden. Oft spielen verschiedene Gesichtspunkte sozialer Ungleichheit zusammen.

3.1 Kulturelle Unterschiede

Mutz erklärt mit der Kulturdifferenzhypothese, dass die Kulturunterschiede der verschiedenen Herkunftsgesellschaften im Sport verstärkt hervortreten. Kultur verleiht Traditionen, Werten, Normen und Gewohnheiten einen eigenen Charakter, der sich in unterschiedlichen Spiel- und Sportauffassungen, Präsentationsweisen des Körpers oder Umgangsweisen mit den Mitmenschen widerspiegelt. Hinzu kommt, dass in manchen Herkunftsgesellschaften strengere Erziehungsnormen sportliche Aktivitäten ablehnen. Für die Familien haben Spiel und Sport eine geringere Bedeutung für die Entwicklung des Kindes als in den dominierenden Sportdiskursen Deutschland, was ebenfalls zu einer distanzierten Haltung beiträgt. Einige Familien mit Migrationshintergrund stammen aus einer Agrargesellschaft, in der wissenschaftlichen Erkenntnissen über die wichtige gesundheitliche Bedeutung des Sports nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (Mutz, 2012, S. 86).

Wie bereits erwähnt, sind Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund in den Sportvereinen am geringsten vertreten (vgl. Kap. 2). Gleichzeitig bilden Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland die größte Gruppe unter den verschiedenen Herkunftsgruppen. In der Literatur wird auf „kulturelle Unterschiede bei Erziehungsstilen und Geschlechterrollen“ (Mutz, 2012, S. 86) verwiesen. Sportengagement ist mit den „konventionellen“ Prinzipien der muslimischen Mädchenerziehung nur schwer zu vereinbaren. Laut Kleindienst-Cachay sind Prinzipien der traditionellen muslimischen Mädchenerziehung das Gebot der Geschlechtertrennung, das Gebot der Beaufsichtigung der unverheirateten Töchter und das Gebot der Körperverhüllung. Diese Regeln machen es schwierig, eine geeignete Sportgruppe zu finden. Hinzu kommt die Angst der Eltern vor der Entfremdung von der Herkunftskultur, die Sportabstinenz und geringes Engagement im Vereinssport befürwortet (Kleindienst-Cachay, 2006, S. 19–21; Mutz, 2012, S. 86). Es besteht hier die Gefahr der Verallgemeinerung und Stereotypisierung. Wie in Kapitel 4 angemerkt wird, gibt es nicht „die“ muslimische (Mädchen-)Erziehung. Die hier beschriebenen Prinzipien sind in vielen anderen Religionen ebenfalls zu finden, auch wenn sie unterschiedlich streng befolgt werden. Dennoch sind diese Argumente als Gründe für das Fernbleiben von Migrantinnen vom Sportverein in der Literatur zu finden und daher in diesem Kapitel thematisiert.

3.2 Ungünstige sozioökonomische Lebensbedingungen

Eine weitere Hypothese erklärt die geringere Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen mit ungünstigen sozioökonomischen Lebensstandards. Es gibt viele Studien, die belegen, dass MigrantInnen eine geringere Position im gesellschaftlichen Statusgefüge innehaben als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Als charakteristisch für die „untere“ Schicht werden häufig Arbeitslosigkeit, einfache Arbeitertätigkeiten unter schlechten Bedingungen, geringe Aufstiegschancen und geringes Einkommen genannt. Diese soziale Schichtzugehörigkeit spiegelt sich im Sporttreiben wider. Studien belegen, dass Personen aus den sogenannten oberen Schichten ein höheres sportliches Engagement als die der „unteren“ zeigen. „25,8% aus der ‚niedrigen‘ Schicht … und 51,6% aus der ‚hohen‘ Schicht sind Mitglied in einem Sportverein“ (Cachay, 1998, S. 74).

In der Nationalen Ergänzungserhebung zur PISA-Studie im Jahr 2000 wurden die Unterschiede im Organisationsgrad im Sportverein nach Geschlecht und Kapitalvolumen der Familie differenziert (vgl. Abb. 2). Die Zusammenhänge zwischen den Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind ähnlich gelagert. Je höher das Kapitalvolumen, desto höher bzw. wahrscheinlicher der Organisationsgrad im Sportverein. Je nach Kapitalvolumen verfügen die Familien über größere finanzielle Spielräume, höhere Bildungsabschlüsse und mehr kulturelle Ressourcen, die sich im Engagement in Sportvereinen widerspiegeln (Burrmann, Mutz, & Zender, 2009, S. 255).

Sport gilt als Lebensstilmerkmal. Und je nach sozialer Schichtzugehörigkeit variiert der Umfang des Sporttreibens, die Sportart, der Sportort, aber auch die Gründe und die Art und Weise der sportlichen Aktivität (Mutz, 2012, S. 90).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Nationale Ergänzungserhebung zur PISA-Studie: Unterschiede im Organisationsgrad im Sportverein zwischen Jungen (obere Angabe) und Mädchen (untere Angabe) mit Migrationshintergrund, differenziert nach Kapitalvolumen der Familie. Angaben in Prozent (Mutz & Burrmann, o.D., o.S.).

3.3 Diskriminierungserfahrungen

Sportengagement hängt nicht nur von der Bereitschaft der Personen mit Migrationshintergrund einem Sportverein beizutreten, sondern auch von der Offenheit der Sportvereine ab (Mutz, 2012, S. 97). Diskriminierende Verhaltensweisen äußern sich in der „Benachteiligung von Migranten [ sic ] in alltäglichen sozialen Interaktionen“ (Mutz, 2012, S. 95) und beziehen sich auf „bestimmte Eigenschaften und Dispositionen ..., welche diese auf meist indirekte oder subtile Weise abwerten und ausschließen“ (Mutz, 2012, S. 95–96). Dabei ist zwischen direkter und indirekter Diskriminierung zu unterscheiden, deren Ausmaß den Beteiligten oftmals nicht bewusst ist. Kleindienst-Cachay et al. berichtet über zwei Phänomene, nämlich zum einen ein massiver Assimilationsdruck, der auf Vereinsmitglieder mit Migrationshintergrund ausgeübt wird, und zum anderen die Tendenz zur Negierung von Differenzen, die sich in der Ablehnung äußerlich sichtbarer Zeichen der Differenz äußert (2012, S. 257).

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Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668803558
ISBN (Buch)
9783668803565
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441928
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Institut für Sportwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Unterrepräsentanz Migrantinnen Migranten Setting Sportverien Hindernisse Barrieren

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