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Das Mythenhafte der gegenwärtigen Tätowierung. Was steckt hinter dem Tattoo-Trend?

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die gegenwartige Tatowierung
2.1. Historischer Abriss und Etymologie
2.2. Was ist die Tatowierung heute?
2.3. Der Arbeitsbegriff von Tatowierung fur diese Arbeit
2.4. Hautvorstellung und Korperdiskurs

3. Theoreti sche Uberlegungen
3.1. Die Tatowierung nach Roland Barthes
3.2. Welcher Mythos verbindet Haut und Tatowierung?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Bei jedem Tatowiervorgang werden auf mechanische Weise Farbkorper in die Haut eingebracht, damit die gewunschten Motive und Bilder sichtbar werden konnen. Um diese dauerhafte Veranderung der Haut hervorzurufen, wird mit Hilfe eines spitzen Gegenstands die Oberhaut verletzt. Um die bleibenden Zeichen einzubringen, werden die Epidermis und das Stratum spinosum (Stachelhautschicht) durchstofien. Die Farbpartikel werden in die darunter liegende Lederhaut (Cutis) und Unterhaut (Subcutis) eingebracht. “ (Hainzl & Pinkl, 2003, S. 12)

Worin grundsatzlich alle Tatowierungspraktiken konvergieren, so scheint es, ist der technische Vorgang des Tatowierens, bei dem die Haut von einem spitzen Gegenstand durchstochen wird und Farbpigmente in die mittlere Hautschicht einlagert werden. Dieser Vorgang des Tatowierens ist in allen Kulturen kommensurabel, gleichwohl die Funktionen und Hintergrunde noch so verschieden sein konnen. Die Tatowierung ist eine ubiquitare Erscheinung. Man findet sie in allen Kulturen. Uber ihren geografischen Ursprung sowie ihre zeitlichen Anfange lasst sich nur spekulieren. Jedoch belegen prahistorische Funde, dass es die Korperbemalung als ursprungliche Form der Tatowierung, schon vor, oder zu Zeiten der Hohlenmalereien gegeben haben muss (Oettermann, 1985, S. 9). Die im Oztal von Wissenschaftlern entdeckte Gletscherleiche Otzi ist der erste Fund konservierter Haut mit etwa 40 Tatowierungen. Der Fund dokumentiert, dass es in der Steinzeit bereits eine Praxis des Tatowierens gab. Allerdings handelte es sich bei den Tatowierungen von Otzi um eine Form der Akupunktur und therapeutischen Behandlung. Demnach wurde damals dem Hautstich eine medizinisch-magische Bedeutung zugesprochen (Hainzl & Pinkl, 2003, S. 18). Die ersten schriftlichen Belege fur die Praxis des Hautstichs finden sich im Alten Testament der Bibel, in dem ein Verbot die Korperbemalung strikt untersagt. Die antiken Funde lassen somit vermuten, dass der Hautstich so alt ist wie die Menschheit selbst und daher als naturliche Gegebenheit wahrzunehmen ist. Die Tatowierung erweckt den Anschein von einem Mythos umwoben zu sein, der sie genuin und naturlich erscheinen lasst.

Im Zuge der „zweiten Globalisierung“ (Schuttpelz, 2006, S. 15), erlangte die Tatowierung groBe Beliebtheit. Sie ist heute ein weit verbreitetes Phanomen: Aus einer Pressemitteilung einer Studie der Universitat Leipzig im Jahr 2009 geht hervor, dass Tatowierungen in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren am haufigsten vorkommen. Etwa 25% tragen Tatowierungen (Brahler, 2009). Hierbei handelt es sich vor allem um sogenannte Schmuck-Tatowierungen, die eine asthetische Funktion erfullen. Die gegenwartigen Verwendungsweisen der Tatowierung in Europa haben nur noch sehr wenig mit den ursprunglichen gemein. Doch auch die heutigen Tatowierungen werden von einem Mythos der Unverganglichkeit und Zeichenhaftigkeit umgeben.

Thema der vorliegenden Hausarbeit soil das Phanomen der gegenwartigen Tatowierungswelle in der westlichen Kultur sein. Dabei werde ich, ausgehend von Roland Barthes’ Zeichentheorie, die Tatowierung als Mythos untersuchen. Die Frage, ob und inwieweit die Tatowierung als Mythos behandelt werden kann, zieht sich als roter Faden durch die Arbeit. Ziel der Hausarbeit ist es, die gegenwartige Tatowierung zu entschlusseln und zu entmystifizieren.

Im ersten Kapitel der Hausarbeit werde ich die gegenwartige Tatowierung genauer erlautern. Ein knapper historischer Abriss wird einen Uberblick verschaffen. Was versteht man unter dieser Form der Korperbemalung und was sind ihre Bedeutungsdimensionen? Im darauf folgenden Unterkapitel werde ich die menschliche Haut ansprechen, die als Trager der Tatowierung eine nicht zu vernachlassigende Rolle einnimmt. Sie erweist sich nicht nur als Grenzflache und als Ort von Zuschreibungen und Identitaten, sondern als vieles mehr. Als Textgrundlage dient Claudia Benthiens Literaturgeschichte uber die Haut. Das dritte Kapitel handelt von der Zeichentheorie Roland Barthes’. Ich werde die Mythen des Alltags von 1957 auf die Gegenwart ubertragen und nach dem Mythenhaften der Tatowierung fragen. Was ist das Zeichenhafte an dieser sublimeren Form der Korperbemalung? Und welcher Mythos umgibt den Hautstich? Im anschlieBenden Kapitel werde ich die Beziehung zwischen Haut und Tatowierung analysieren und auch hierbei Bezug auf den Mythos, der menschliche Haut und Tatowierung verbindet, nehmen. AbschlieBend folgt das Fazit, das eine Diskussion der Ergebnisse beinhaltet. Es folgt eine Schlussfolgerung zur These, dass die Tatowierung ein langlebiges und vielgestaltiges Phanomen ist und dass die gegenwartige Tatowierungswelle ein zeitbedingter Mythos ist. Die Arbeit endet mit einem kurzen Ausblick auf mogliche Entwicklungstendenzen und die Zukunftsfahigkeit der gegenwartigen Tatowierung.

2. Die gegenwartige Tatowierung

Im folgenden Kapitel soll das Phanomen der Tatowierung erlautert werden. Zunachst reiBe ich kurz die Entstehungsgeschichte der Tatowierungspraxis sowie der Etymologie an. Danach folgt eine kurze Darstellung der Tatowierung heute. Im Anschluss daran definiere ich den fur mich gultigen Begriff der Tatowierung in dieser Hausarbeit.

2.1 Historischer Abriss und Etymologie

Die Entstehungsgeschichte der gegenwartigen Tatowierung in der westlichen Kultur beginnt mit der „zweiten Globalisierung“ der Tatowierung und der damit einhergehenden Einfuhrung des englischen Wortes tattoo. Der zweiten ging die „erste Globalisierung“ voraus, die fur die Besiedlung der Kontinente und die Verbreitung der Tatowierung steht und dabei von unabhangigen Erfindungen ausgeht. Unter der zweiten Globalisierung versteht Schuttpelz die Verbreitung des Hautstiches durch die Seefahrerkultur im 18. Jahrhundert. Erst mit der Herstellung einer globalen Mobilitat durch die Seefahrt konnte eine einfache und schnelle Verbreitung von Kulturpraktiken wie der Tatowierung ermoglicht werden (Schuttpelz, 2006, S. 15f).

Die Globalisierung der Tatowierung nahm ihren Anfang in Polynesien, als eine Expedition unter der Leitung des Seefahrers Captain Cook einen tatowierten Eingeborenen von einer Weltumsegelung mit nach Europa brachte. Da es bislang keine einheitliche Bezeichnung fur diese Art von Hautschmuck gab, fuhrte man zeitgleich das englische Wort tattoo ein. Fur den europaischen Hautstich existierten im deutschen Sprachraum bislang keine konkreten Bezeichnungen. Man verwendete Umschreibungen wie punktieren, bemalen und einstechen. Mit dem Wort tattoo und der deutschen Form Tatauierung fand ein neues Wort Eingang in die Sprache, die es ermoglichte, das Phanomen des Tatowierens einheitlich benennen zu konnen (Oettermann, 1995, S. 9).

Uber die genaue etymologische Herkunft des Wortes tattoo ist man sich in der Wissenschaft jedoch uneinig. Hierfur finden sich verschiedene Erklarungsansatze. Der am Haufigsten verwendete Ansatz ist der des deutschen Historikers Heinrich Wuttke. Dieser sieht im Ursprung des Wortes tattoo eine Anlehnung an das polynesische tatau, eine Omnomatopoesie des Gerausches der Tatowierwekzeuge (Finke, 1996 S. 25). Auch wenn der genaue etymologische Ursprung des Wortes strittig ist, kann man dennoch sagen, dass die Ursprunge fur das Wort Tatowieren zumindest in der Sudsee gelegen haben. Diese Vorgeschichte, so kann man zusammenfassen, ist die Initialzundung der gegenwartigen Tatowierungswelle. Zwar hat es die Praxis der Korperbemalung in Europa schon lange vor der Seefahrerkultur gegeben, doch war diese einem standigen Wandel ausgesetzt und hatte zumeist andere Funktionen als den des Korperschmucks (Oettermann, 1985, S. 9-13).

Die Wiederbelebung der Tatowierung in Europa mundet heute in einer regelrechten Tatowierungsmode. War sie bis vor einem Jahrhundert noch durch Verbote stigmatisiert und auch in den 1950er Jahren nur in Randgruppen vorzufinden, so ist sie heute ein in alien sozialen Schichten vertretenes Phanomen.

2.2 Was ist die Tatowierung heute?

Seit wenigen Jahren gerat die Tatowierung immer weiter ins Blickfeld von wissenschaftlichen Beobachtungen und der Diskurs uber diese Form der Korperbemalung ist langst eroffnet (Oettermann, 1985, S. 20). Infolge ihrer Globalisierung hat die Tatowierung sich zu einem Gegenstand unbeschrankten Besitzes entwickelt. Sie hat ikonografisch, sozial sowie asthetisch einen Wandel vollzogen. Ihre Verwendungsweisen sind fluktuierend und nicht mehr zwangslaufig an Zeit und Ort gebunden (Schuttpelz, 2006, S. 31).

Heutzutage erfullt die Tatowierung auf der Haut des Menschen in erster Linie eine asthetische Funktion. Sie gilt als Verschonerung und dient zur Schmuckung beziehungsweise Betonung bestimmter Korperregionen. Damit erhebt sich die Tatowierung gleichzeitig zu einem Symbol der Individualisierung und Selbstbestimmung (Schuttpelz, 2006, S. 38-39). Der Mensch wird nicht mehr aufgrund einer gesellschaftlichen Konvention oder eines Habitus zu einem Tattoo verpflichtet. Er entscheidet selbst ungeachtet der aktuellen Tatowierungsmoden, welche die Entscheidung sich zu tatowieren sowie die Motivwahl beeinflussen. Ihre ursprunglichen Funktionen und Verwendungsweisen hat die Tatowierung abgestreift und wird damit zu einem asthetischen Konzept.

Ein Merkmal der gegenwartigen Tatowierung ist, dass sie die Aufgabe eines Mediums annimmt. Seit den Expeditionen der Seefahrer ubernimmt die Tatowierung einen „Nachrichten-Status“ und ist Trager einer Botschaft (Schuttpelz, 2006, S. 42). Der Haut fallt hierbei die wichtige Rolle einer Grenzflache zu, eines Tragers der zwischen Innen und AuBen vermittelt. Da der menschlichen Haut bei der Tatowierung eine Schlusselrolle zukommt, wird in dem nachsten Kapitel naher darauf eingegangen.

2.3 Der Arbeitsbegriff von Tatowierung fur diese Arbeit

Fur die vorliegende Arbeit ist eine Abgrenzung des Begriffes der Tatowierung notwendig. Daher definiere ich den Arbeitsbegriff folgendermaBen: Ich beziehe ich mich ausschlieBlich auf die Bezeichnung der Tatowierung, die seit der zweiten Globalisierung, wie eingangs bereits erklart, ihren Verlauf nahm. Fur diese Arbeit bedeutet das, dass ich das Aufkommen des Phanomens bis auf den Zeitraum des 18. Jahrhunderts in Europa begrenze. Das eigentliche Aufbluhen der Tatowierung beschranke ich zeitlich auf die letzten 10 bzw. 20 Jahre. Im Verlauf der Arbeit fallen immer wieder solche Bezeichnungen wie Tatowierungswelle, Tatowierungsmode und Tatowierungshype, mit denen ich mich auf dieses Aufbluhen beziehe. Dabei meint die Bezeichnung heutige bzw. gegenwartige Tatowierung exakt diesen Zeitraum in Europa und der westlichen Kultur.

2.4 Hautvorstellung und Korperdiskurs

Das Phanomen der gegenwartigen Tatowierung steht in engem Zusammenhang mit der menschlichen Haut als (Ober-)Flache, die Trager der Korperbemalung ist. Die Verbindung, welche die Haut mit der Tatowierung eingeht, besteht nicht nur auf der Oberflache des Korpers, sondern geht viel tiefer in diesen hinein. Die Haut spielt eine bedeutende Rolle und ist daher aus einer anderen Perspektive zu betrachten, als nur die eines bloBen Tragers der Tatowierung und einer Hulle des Korpers. In diesem Kapitel untersuche ich die gegenwartige westliche Hautvorstellung, die Wahrnehmung des Korperbildes und die Bedeutung der Haut fur die Tatowierung.

Das vorherrschende kollektive Korperbild in Europa hat sich seit der cartesianischen Spaltung in Leib und Seele, Geist und Korper nur wenig gewandelt. Dieses leibesphilosophische Denken, welches der Kultur den Geist und der Natur den Korper zuschreibt, begreift sich selbst als auBerhalb der Geschichte stehend. Die Biologie des materiellen Korpers gilt als gegeben und unwandelbar. Die Haut ist eng verknupft mit der Leibeswahrnehmung. Sie markiert als Grenze das Innen und AuBen. Zwar wandelte sich die Leibeswahrnehmung im 18. Jahrhundert mit den Anfangen der Anatomie, denn das geheimnisvolle Dahinterliegende wurde sichtbar gemacht. Doch dem kollektiven Korperbild entsprechend, dient die Haut noch immer zur Begrenzung des Korpers (Benthien, 1999, S. 15­17). Dieses Korperbild wurde durch das subjektbezogene Denken besonders gefordert, welches das menschliche Zentrum im Inneren des Korpers sieht (Benthien, 1999, S.11-12).

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Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668804920
ISBN (Buch)
9783668804937
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v442467
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Tätowierung Geschichte der Tätowierung Körpermodifikation Selbstoptimierung Individualisierung Körperbemalung

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