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Essstörungen. Erscheinungsbilder, Verlaufsformen, Therapien und Möglichkeiten schulischer Prävention

Examensarbeit 2004 105 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Historische Erscheinungsformen von Essstörungen
1.1. Magersucht
1.2. Ess-Brech-Sucht
1.3. Fettsucht

2. Essstörungen unter dem Aspekt der medizinischen und psychopathologischen Diagnostik
2.1. Definition und Diagnosekriterien
2.1.1. Magersucht (Anorexia nervosa)
2.1.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)
2.1.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung)
2.2. Verbreitung und Häufigkeit von Essstörungen
2.3. Essstörungen- Krankheiten mit Suchtcharakter
2.4. Erscheinungsform, Symptomatik und Krankheitsverlauf
2.4.1. Magersucht (Anorexia nervosa)
2.4.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)
2.4.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung)
2.5. Somatische Folgesymptome
2.5.1. Magersucht
2.5.2. Ess-Brech-Sucht
2.5.3. Esssucht

3. Mögliche Ursachen bzw. Erklärungsansätze von Essstörungen
3.1. Biologisch-genetische Erklärungsansätze
3.2. Psychoanalytische und sozialpsychologische Erklärungsansätze
3.3. Familiendynamische Erklärungsansätze
3.4. Soziokulturelle und gesellschaftspolitische Erklärungsansätze

4. Hilfen zur Bewältigung von Essstörungen und ihr Erfolg
4.1. Somatisch orientierte Therapien
4.2. Methoden der Psychotherapie
4.2.1. Verhaltenstherapie
4.2.2. Psychoanalyse
4.2.3. Gesprächspsychotherapie
4.2.4. Einzeltherapie oder Gruppentherapie
4.3. Familientherapie
4.4. Gestalt- und Körperpsychotherapien

5. Möglichkeiten der Prävention von Essstörungen
5.1. Zum Begriff der Prävention
5.2. Projekte zur prophylaktischen Arbeit bei Essstörungen
5.2.1. Ergebnisse aus Schulseminaren
5.2.2. „Wie schlank muss ich sein, um geliebt zu werden?“ – Ein Modellprojekt
5.2.2.1. Konzeption des Mädchenprojektes
5.3. Eigene Überlegungen zur primären Prävention
5.3.1. Bestimmung der Risikofaktoren
5.3.2. Ansätze zur Bekämpfung der Risikofaktoren
5.3.3. Umsetzung präventiver Maßnahmen in der Schule
5.3.3.1. Möglichkeiten zur Umsetzung
5.3.3.2. Situation bzw. Funktion der Beteiligten
5.3.3.3. Konkrete Vorschläge zur Umsetzung
5.3.3.4. Außerschulische Prävention

6. Schlussbetrachtung

Einleitung

Essen ist lebensnotwendig, denn unser Körper braucht Nährstoffe zum Überleben. Im menschlichen Leben hat Essen neben der Ernährung aber noch andere Bedeutungen. Essen beinhaltet Sinnlichkeit, Genuss, Ästhetik und Kultur. Da wäre der hohe gesellschaftliche Wert, den wir Essen zuschreiben. Bei vielen Gelegenheiten wird gegessen, unabhängig vom Hungergefühl. So trifft man sich zum gemeinsamen Kochen, „Naschen“, man geht in feine Restaurants und zelebriert das Konsumieren von wohlschmeckender Nahrung.

Parallel zu dem steigenden Nahrungsüberfluss unserer Gesellschaft hat das Phänomen Essstörungen in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Auffällig ist die Tatsache, dass Essstörungen überwiegend in den westlichen Nationen auftreten, die durch eine starke Konsumorientierung und ein immer schlanker werdendes Körperideal geprägt sind.

Natürlich will man als junge Frau gut aussehen und seiner Umwelt gefallen, jedoch stellte sich mir angesichts der immer häufiger auftretenden Essstörungen, auch im persönlichen Umfeld, die Frage, wie hoch der Preis für gutes Aussehen ist und was die Schönheit wert ist - etwa die Gesundheit ?

Aufgrund dieser Fragestellung entschloss ich mich zur Thematisierung von Essstörungen in meiner Hausarbeit.

Im ersten Teil dieser Arbeit beschreibe ich den historischen Hintergrund und die Entwicklung von Essstörungen. Meines Erachtens wird dadurch deutlich, dass abnormes Essverhalten, meist in Form von Nahrungsverweigerung, auch schon vor vielen Jahrhunderten der Ausdruck innerer Zerrissenheit war.

Des weiteren erläutere ich die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Essstörungen, deren Symptomatik und Verläufe. Dadurch möchte ich einen Einblick in die jeweiligen Krankheitsbilder und die damit verbundenen Folgen und Zusammenhänge verschaffen.

Im dritten Kapitel gehe ich auf die Ursachen von Essstörungen ein. Damit möchte ich aufzeigen, dass diese Verhaltensstörung auf einem komplexen Zusammenwirken verschiedener Faktoren basiert und nicht bloß ein simpler Einfall von jungen Mädchens ist, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Darauf folgend stelle ich einige unterschiedliche therapeutische Behandlungs-formen der Krankheit vor und erläutere deren Vorgehen, Ziel und Wirksamkeit, sofern entsprechende Ergebnisse aus Studien dazu vorliegen.

Im fünften Kapitel befasse ich mich mit möglichen Vorbeugungsmaßnahmen, um die Entstehung von Essstörungen zu verhindern. Meinen Schwerpunkt lege ich dabei auf die Beratungsmöglichkeiten in der Schule, entweder durch Lehrpersonen oder „Beratungsteams“, die die Schule aufsuchen. Dieses Kapitel bildet auch den Abschluss meiner Arbeit.

Immer häufiger sind Essstörungen auch bei jungen Männern zu beobachten. In dieser Arbeit beziehe ich mich jedoch vorwiegend auf Essstörungen bei Frauen, da viele der Ursachen und Therapien ebenso auf die Krankheit bei jungen Männern zutreffen.

Für allgemeine Personen- und Berufsbezeichnungen habe ich in dieser Arbeit aus Gründen der Lesbarkeit die feminine Form gewählt. Die entsprechenden maskulinen Formulierungen sind fallweise mitzudenken.

1. Historische Erscheinungsformen von Essstörungen

1.1. Magersucht

Das Bedürfnis, den Hunger zu stillen und den Körper mit Nahrung zu versorgen, ist ein zentrales Motiv menschlicher Zivilisations- und Kulturgeschichte. Ein historischer Rückblick verdeutlicht, welchen Funktions- und Bedeutungswandel abweichendes Essverhalten im Rahmen des Zivilisationsprozesses erfahren hat (vgl. Cuntz/Hillert,1998,S.39).

Nahrungsverweigerung als magisch-religiöse Praxis ist Bestandteil vieler Kulturen und Religionen und daher auch heut noch ein weit verbreitetes vorgeschriebenes Ritual. So symbolisiert das Fasten die Bemühung, „sich selbst von egoistischen und materialistischen Interessen zu befreien und Leib und Seele zu reinigen“ (Bruch,1991,S.24).

In der frühen nachchristlichen Zeit galt Nahrungsverweigerung nicht nur als Symbol der Enthaltsamkeit, sondern zeigte auch Verbundenheit bei Verfolgung, beispielsweise unter den Christen. Die rituelle Funktion der Nahrungsverweigerung war das Symbolisieren der Trauer über Christi Leiden, ebenso wurde das Fasten als Schutz gegen Dämonen praktiziert (vgl. Stahr u.a.,1998,S.9 f).

Im Mittelalter traten asketisch-mystische Motive der Nahrungsreduzierung auf. So waren diese Bestandteil von Bußhandlungen wie dem Bedauern von Sünden. Das Fasten wurde zur wichtigsten Form der Askese. Es hatte den Sinn, „den Leib zu bezwingen, den Körper zu zügeln und zu bestrafen, um ganz den Glauben zu leben und sich durch das eigene Leiden mit dem leidenden Christus am Kreuz zu vereinigen“ (Stahr u.a.,1998,S.10). Unterstrichen wurde diese Haltung durch andere Praktiken, wie beispielsweise Selbstgeißelungen, Schlafentzug und sexuelle Enthaltsamkeit.

Auffallend ist die Tatsache, dass es sich bei den in der historischen Literatur beschriebenen Fastenden meist um Frauen handelt. Sie wurden wegen ihrer zusätzlich zum Fasten extremen Lebensweise nach der christlichen Tradition zu Heiligen erklärt und von anderen Gläubigen bewundert, denn gerade im Mittelalter waren Nahrungsmittel nur knapp vorhanden, und in dieser Lage war die Enthaltsamkeit vor Nahrung umso außergewöhnlicher. Im Gegensatz zu Mönchen, die zur Reinigung von der Sünde fasteten, taten die Frauen dies zur Befreiung von ihrem Körper, da dieser vom Christentum durch ein verzerrtes, falsch interpretiertes Bild biblisch praktizierten Glaubens zum Ort der Niederlassung der Sünde erklärt wurde. Diese Verachtung des weiblichen Körpers im Christentum machte eine Selbstreinigung erforderlich (vgl. Stahr u.a.,1998,S.10).

Im Gegensatz zu den heutigen Magersüchtigen sollte die extreme Magersucht der asketisch-mystischen Heiligen des Mittelalters den Körper von jeglicher Attraktivität befreien. Darüber hinaus sollte im christlichen Sinne sein Leiden erhöht und die Frau so von der Sünde des Körpers befreit werden. Symbolisch ging man auf diese Art den Leidensweg mit Christus und hoffte, so die vollkommene Erlösung zu erlangen.

Ein weiterer Aspekt weiblicher Nahrungsverweigerung im frühen sowie im späten Mittelalter war der Versuch, sich durch die Askese ungewollten Verheiratungen zu entziehen. So sind Frauen in der historischen Literatur bekannt, die sich durch geringste Nahrungsaufnahme und Selbstzüchtigung so unattraktiv wie möglich für den ausersehenen zukünftigen Ehemann machen wollten. Über das Mittel der Askese versuchten sie, diesen Forderungen zu entfliehen (vgl. Stahr u.a., 1998,S.10 f).

Weiterhin werden in der historischen Literatur Frauen erwähnt, die Nahrungs- verweigerung oder –reduzierung nicht aus religiösen Gründen, sondern als allgemeine Lebensweise praktizierten. Diese Frauen stellen den Übergang von der religiös mystisch begründeten Askese zur Bedeutung der Nahrungsverweigerung, wie sie heute üblich ist, dar. Sie galten als „Wundermädchen“, da sie in einer Zeit, in der Nahrung nur sehr knapp vorhanden und daher kostbar war, lediglich mit geringster Nahrung auskommen konnten. In der Gesellschaft erregten sie großes Erstaunen und Bewunderung und wurden als etwas Besonderes angesehen (vgl. Stahr u.a.,1998,S.11 f).

Eine weitere Form des Fastens außerhalb der Religiosität, welche sich ab dem 16.Jahrhundert bis in die Neuzeit verbreitete, ist die Nahrungsverweigerung im Sinne eines „kommerziellen Spektakels“. Dabei wurde ausschließlich der Nahrungsreduzierung selbst Bedeutung zugeteilt, und die „Hungerkünstler“ waren nicht mehr nur in Klöstern zu finden, sondern wurden auf Jahrmärkten zum Zwecke der Geldeinnahme präsentiert (vgl. Stahr u.a., 1998, S.12).

Abgesehen davon, dass Nahrungsverweigerung in Form von Hungerstreiks in verschiedenen Ländern und Kulturen zur Durchsetzung politischer Ziele genutzt wurde und immer noch wird, trat sie immer öfter als eine Krankheit auf. Schließlich verdrängte sie den religiösen sowie spektakulären Zusammenhang gänzlich und ist seither als Krankheit zu bezeichnen.

Die erste ausführliche Beschreibung der Magersucht als Krankheit verfasste Richard Morton. Er schilderte die Krankengeschichte eines 16-jährigen Mädchens, das an Magersucht verstarb. Wissenschaftlich beschrieben erstmals 1873 der englische Internist Sir William Gull und der französische Neurologe Ernest Charles Lasègue, beides berühmte Ärzte, unabhängig voneinander die Krankheit. Aus Leserbriefen und Diskussionsbeiträgen in der medizinischen Literatur lässt sich schließen, dass die Magersucht mit dem klinischen Namen der Anorexia nervosa zumindest in London und Paris nicht selten auftrat. Die Erstbeschreiber der Krankheit waren offenbar tief beeindruckt von den Verhaltensweisen der Magersüchtigen, die auch heute noch typisch für Betroffene sind. Dabei fiel vor allem die Lebhaftigkeit selbst im völlig ausgezerrten Zustand sowie die Hartnäckigkeit, mit der alle therapeutischen Versuche abgelehnt werden, auf (vgl. Gerlinghoff u.a.,1999, S.19 f).

Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals über den Einfluss der Familie auf das Krankheitsgeschehen diskutiert und folglich beschlossen, die Kranken vorübergehend in ein anderes Milieu zu bringen. Durch die irrtümliche Gleichsetzung der Magersucht mit einer anderen Krankheit, der Simmonds-Kachexie, wurde die Krankheit in Europa und Amerika mehrere Jahrzehnte lang mit Extrakten von Hypophyse, von Nebennieren, Schilddrüse oder Eierstöcken behandelt. Ferner wurden Elektrokrampftherapien angewandt und psycho-chirurgische Eingriffe vorgenommen. Seit dem Jahre 1940 dominiert die Psychoanalyse auch die Therapie der Magersucht (vgl. Gerlinghoff u.a.,1999, S.20).

1.2. Ess-Brech-Sucht

Die ersten Hinweise auf Symptome der Bulimie beschrieb Sir W. Gull um 1880/90 anhand der Beobachtungen anorektischer Patientinnen: Sie verschlangen riesige Nahrungsmengen ohne das Gefühl der Sättigung. Ebenfalls wurden verschiedene Magen- und Darmstörungen, meist Erbrechen, besonders häufig bei Anorektikerinnen beobachtet, jedoch auf simple Magenverstimmungen zurückgeführt.

Eine erste detaillierte Beschreibung der Bulimia nervosa als Syndrom findet sich bei Binswanger (1944), einem Psychiater, in der Fallbeschreibung der Ellen West. Jedoch sprach auch Binswanger in diesem Zusammenhang noch nicht von Bulimia nervosa ( vgl. Focks/Trück, 1990, S.8 f ).

Hinsichtlich des Verhältnisses von Anorexia nervosa Bulimia nervosa gab es verschiedene Meinungen. So wurde die Bulimie meist als Untergruppe der Anorexie interpretiert. Beaumont u.a. (1976) unterteilten die Anorexia nervosa beispielsweise in zwei klinische Formen, die sich durch die Symptome, Enthaltsamkeit oder Erbrechen, voneinander unterscheiden. Russel (1979) merkte an, dass einige Anorektikerinnen nach dem Erreichen eines normalen Gewichtes Bulimie entwickelten (vgl. Focks/Türck, 1990,S.9 f ).

Als eigenständiges Krankheitsbild betrachteten Boskind-Lodahl und Sirlin die Bulimia nervosa bereits im Jahre 1976, als eigenständige psychiatrische Störung wurde sie jedoch erst 1980 im DSM III klassifiziert.

Der Entstehungszeitraum der Bulimia nervosa ist schwierig zurück zu verfolgen, was auf das die Krankheit auszeichnende Symptom der Geheimhaltung, der „Verheimlichung der Symptomatik selbst vor den engsten Angehörigen, aus dem Gefühl heraus, anormal, pervers zu sein und dem Nichtwissen um ,Leidensgenossinnen’“ zurückzuführen ist (vgl. Focks/Trück, 1990, S. 7 ff). Ann Beauf (1983), Forscherin an der Universität von Pennsylvania, datiert die Entstehung der Krankheit auf bis vor den Ersten Weltkrieg zurück, Casper (1983) vermutet das Auftreten der Bulimia nervosa als Syndrom in den USA im Zeitraum um 1940. Aufgrund der Nahrungsmittelknappheit während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre in Deutschland wird die Zahl der Erkrankten hier deutlich niedriger geschätzt.

Öffentlich wurde das Phänomen erst durch verschiedene Publikationen und Aufrufe in Büchern und Zeitschriften. Durch die darauf folgenden Bekenntnisse vieler Frauen zur Bulimie wurden die Ausmaße der Krankheit erst deutlich. Die Forschung zeigte zudem auf, dass viele Frauen dieses Verhalten schon seit mehreren Jahren bzw. Jahrzehnten praktiziert hatten. Daher gilt die Vermutung als zuverlässig, dass die Bulimia nervosa weit vor den Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Krankheit entstanden bzw. erstmals aufgetreten ist ( vgl. Focks/Trück, 1990, S.10 f ).

1.3. Fettsucht

In der Geschichte der Menschheit sind verschiedene Haltungen gegenüber der Fettsucht zu verzeichnen. So hatten die alten Griechen eine ablehnende Einstellung zur Fettsucht. Die jungen Leute der spartanischen Bevölkerung wurden beispielsweise einmal monatlich untersucht und, sobald sie zugenommen hatten, zu Körperübungen gezwungen. Sokrates tanzte jeden Morgen, um schlank zu bleiben (vgl. Bruch, 1991, S.32 f).

Auch die Römer verabscheuten Fettsucht. Die römischen Frauen mussten zur Zeit des Römischen Reiches ebenso leiden wie die jungen Mädchen heute, um schlank zu bleiben - sie wurden regelrecht ausgehungert. So erfanden die Römer auch das Vomitorium. Dies bestand aus Behältern, die vor Festsäle gestellt wurden. Hatte ein Besucher exzessiv gegessen, so konnte er sich in diese Gefäße übergeben (vgl. Bruch, 1991, S.33).

Trotz der ablehnenden Haltung gegenüber der Fettsucht ist bekannt, dass es sowohl in Griechenland als auch bei den Römern berühmte Personen gab, die dick waren, wie beispielsweise der Grieche Platon, Marius, der Verteidiger Roms, oder der Dichter Horaz. Die Beschreibungen einiger ihrer Essgewohnheiten sind genauestens überliefert (vgl. Bruch, 1991,S.33).

Im Mittelalter waren die Anschauungen über die Fettsucht unterschiedlicher. Galt die Völlerei einerseits als Todsünde, so wurde sie anderseits als Zeichen für Gottes Gnade angesehen. Bruch sieht in diesem Zusammenhang Lochners Gemälde „Das Weltgericht“ als „ein interessantes Dokument für die moralistische Einstellung zur Fettsucht: Die in die Hölle getriebenen Sünder sind stämmig und beleibt, die ins Paradies geleiteten Seligen hingegen schlank“ (Bruch, 1991,S.34).

Mit der Zunahme von Reichtum und Kultiviertheit im 19.Jahrhundert nahm auch die Fettleibigkeit zu. In einem 1884 veröffentlichten Buch wird sie von Ebstein in drei Stufen unterteilt: Beneidenswert, spaßig und bejammernswert.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts galt Fettleibigkeit noch als Zeichen des Erfolgs und Reichtums, und auch der französische Arzt Heckel beschrieb 1911, dass es der Mode entspräche, fettleibig zu sein und eben diese Mode die Abmagerungskuren bei den Frauen behindere (vgl. Bruch, 1991, S.34 f).

In den dreißiger Jahren hingegen wurden die ständigen Diäten der amerikanischen Frauen von dem Autoren Nash besorgt verfolgt. Dieses Schlanksein ist jedoch nicht gleich zu setzen mit dem propagierten Schönheitsideal der sechziger Jahre, welches mit der unterernährten „Twiggy“ (sie wog 43 kg bei 1,70 m ) seinen Höhepunkt erreichte und viele Jugendliche dazu bewog, ebenso abzumagern ( vgl. Bruch, 1991, S.36). Seither tendiert das Schönheitsideal zu immer schlankeren Maßstäben, was zur Folge hat, dass die Fettleibigkeit immer weniger der Modeerscheinung entspricht und daher auf eine deutlich geringere Toleranz stößt.

2. Essstörungen unter dem Aspekt der medizinischen und psychopathologischen Diagnostik

2.1. Definitionen und Diagnosekriterien

Im medizinischen Sinne sind Essstörungen psychosomatische Krankheiten. Im Wesentlichen wird zwischen drei Formen von Essstörungen unterschieden:

- Magersucht (Anorexia nervosa oder Anorexie),
- Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa oder Bulimie),
- Esssucht (Binge-Eating-Störung),

Diese drei Formen können in unterschiedlicher Häufigkeit ineinander übergehen.

Ebenso wie bei den meisten psychischen Erkrankungen sind die Ursachen und Entstehungsmechanismen von Essstörungen nicht aufgeklärt. Daher werden lediglich Syndrome, d.h. die Beschreibung einer Kombination von Symptomen, zur Klassifikation herangezogen.

Es erweist sich als schwierig, allgemein akzeptierte diagnostische Kriterien zu benennen, da gravierende Unterschiede zwischen den Diagnosekriterien verschiedener Experten bestehen. Während Feighner u.a. (1972) beispielsweise vorschlagen, von Anorexie zu reden, wenn der Erkrankungsbeginn vor dem 25. Lebensjahr liegt, betonen andere, es gäbe auch Patienten, die erst nach dem 25. Lebensjahr erkrankt seien.

Beumont u.a. (1976) schlagen vor, die Patienten in feinere Untergruppen zu unterteilen. Sie unterscheiden Anorexiepatientinnen nach der Art und Weise, wie der Gewichtsverlust herbeigeführt wird und trennen zwischen zwei Gruppen: Die erste Gruppe reduziert ihr Gewicht durch Reduktion der Gewichtsaufnahme, die zweite durch selbstinduziertes Erbrechen oder den Missbrauch von Abführmitteln (vgl. Gerlinghoff u.a., 1999, S.145 ff).

In der Praxis wird zur Diagnostik von Essstörungen meist das von der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft erarbeitete Klassifikationssystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (übersetzt: „Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen“, abgekürzt: DSM ) verwendet. Es beschränkt sich auf die Beschreibung der Merkmale psychischer Störungen und steht seit 1994 in der vierten Fassung (DSM IV) zur Verfügung. Ebenso gebräuchlich ist das Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „International Classification of Diseases“ (übersetzt: „Internationale Klassifikation von Krankheiten“, abgekürzt: ICD) in der zehnten Fassung von 1991 ( ICD-10). Dieses verfügt im Gegensatz zur DSM über Beschreibungen der Merkmale für alle Krankheitsbilder. Beide Systeme stimmen in den wesentlichen Punkten überein bzw. nehmen teilweise aufeinander Bezug. Anhand dieser Klassifikationen wird versucht, durch das Vorlegen von spezifischen Kriterien („diagnostische Codierung“) die verschiedenen Krankheitsbilder zu erfassen und gegeneinander abzugrenzen. Die Diskussion über eindeutige Diagnosekriterien ist jedoch nicht beendet. Ein Zeichen dafür ist, dass die DSM-Kriterien bereits drei mal revidiert wurden (vgl. Cuntz/Hillert,1998,S.44 f).

2.1.1. Magersucht (Anorexia nervosa)

Im Gegensatz zu Bulimie und Ess-Sucht wird die Anorexie schon seit Jahrhunderten beschrieben. Der Begriff „Anorexia nervosa“ wurde im Jahre 1874 von dem englischen Arzt William W. Gull geprägt. „Anorexie“ bedeutet fehlendes Verlangen, Appetitlosigkeit . Dieser Begriff beschreibt die Krankheit jedoch nicht treffend, da Magersüchtige nicht appetitlos sind. Vielmehr empfinden sie durchaus Hungergefühle, verleugnen diese aber (vgl. Stolte, 1998, S.45). Dennoch hat sich der Begriff in der Medizin durchgesetzt (vgl. Stahr u.a., 1998, S.23).

Magersüchtige versuchen, den Hunger zu überwinden, wobei sie die Nahrungsmenge auf ein Minimum reduzieren und permanent die Gewichtsabnahme kontrollieren. Letztere unterstützen sie häufig durch Abführmittel und extremen Sport (vgl. Stolte, 1998, S. 44).

Um ihr Hungergefühl zu verdrängen, trinken Magersüchtige große Mengen an Wasser sowie anderen kalorienarmen Getränken. Des Weiteren wird Salat gegessen, um den Magen schnell zu füllen sowie oft zu Kaugummis gegriffen (vgl. Cuntz/Hillert, 1998, S.52).

Im Folgenden sollen zur Diagnose der Anorexie beide oben erwähnten Klassifikationssysteme, die DSM-IV- sowie die ICD-10-Kriterien, angeführt werden:

DSM IV (1994, deutsche Fassung 1996) Anorexia nervosa

A. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergröße normalen Körpergewichts zu halten (z.B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts).
B. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts.
C. Störungen in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts.
D. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhöe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhöe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen, eintritt).

Bestimmung des Typus:

- Restriktiver Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person keine regelmäßigen „Fressanfälle“ gehabt oder hat kein „Purging“-Verhalten (das heißt kein selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.
- „Binge-Eating/Purging“-Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person regelmäßig Fressanfälle gehabt und hat „Purging“-Verhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.

(aus: Gerlinghoff u.a.,1999,S.152 f)

ICD-10 (1991) Anorexia nervosa

1. Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Essverhaltens, Gewichts oder Body-Mass-Index (BMI = Gewicht [Kg] / Körpergröße [m2] ) £ 17,5
2. Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Vermeidung von hochkalorischen Speisen und eine der folgenden Möglichkeiten:

- selbstinduziertes Erbrechen
- selbstinduziertes Abführen
- übertriebene körperliche Aktivität
- Diuretika- oder Appetitzüglermissbrauch

3. Körperschema-Störung mit der Angst, dick zu werden
4. Endokrine Störung (bei Frauen mit Amenorrhöe; bei Männern mit Libido- und Potenzverlust)
5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die pubertäre Entwicklung verzögert.

(aus: Jacobi u.a.,2000,S.14)

Die Unterscheidung von zwei Typen wurde in der vierten Fassung des DSM neu eingeführt. Zudem ist deren Gegenüberstellung sehr hilfreich, weil so auch die Maßnahmen der Gewichtsreduzierung über das Fasten hinaus hinterfragt werden.

Das Verhalten des restriktiven Typen, durch Hungern und Bewegung allein das Gewicht zu reduzieren, entspricht der klassischen reinen Magersucht. Betroffene dieser Gruppe sind oft in der Verweigerung der Nahrungsaufnahme am radikalsten und manchmal besonders hartnäckig in der Abwehr jeglicher therapeutischer Angebote (vgl. Gerlinghoff/Backmund, 2000,S.16 f).

Die Einführung des Binge-purging-Types („Purging“ = reinigen, entschlacken ) beruht auf dem Fakt, dass ca. 60% der Magersüchtigen ihr reines Hungersystem nicht mehr durchhalten und es immer öfter zu Heißhungeranfällen, also zu bulimischem Verhalten, kommt (vgl. Gerlinghoff /Backmund,2000,S.16 f).

Obwohl in hohem Maße über die Festlegung von diagnostischen Kriterien der Anorexia nervosa diskutiert wird, ist die Diagnose der Krankheit in der Praxis relativ leicht, vorausgesetzt, der Untersucher konzentriert sich auf Verhalten und Einstellung der Patientin und nicht ausschließlich auf pathologische Körperfunktionen. Daher kann ein direktes Gespräch mit der Patientin oder deren Angehörigen vor Beginn der körperlichen Untersuchungen sehr aufschlussreich sein.

2.1.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Der Begriff Bulimia kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Stierhunger“ oder „Ochsenhunger“ ( Griechisch: Limos = Hunger, bous = Stier, Ochse). Außerdem wird die Krankheit als „Ess-Brech-Sucht“ bezeichnet (vgl. Gröne, 1995, S.15).

Bulimie ist eine psychosomatische Krankheit, die seit 1980 als eigene Form der Essstörung von der Anorexie abgegrenzt wird. Charakteristisch für Bulimie sind wiederholte Anfälle von Essattacken, bei denen sehr große Mengen an Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden, ebenso wie eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Betroffene versuchen, eine Gewichtszunahme mittels Erbrechen, Abführmittel- und Diuretika-missbrauch sowie Sport und Hungern zu verhindern (vgl. Böning, 2000,S.3).

Die konsumierte Nahrung ist meist hochkalorisch, leicht zu schlucken und einfach in der Zubereitung. Bevorzugt werden sehr fett- und kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten, Snacks und fetthaltige Milchprodukte – Nahrungsmittel, welche die Betroffenen sich sonst strikt verbieten. Diese nehmen sie oftmals in einer festgelegten Reihenfolge zu sich (vgl. Böning, 2000, S.22).

Durchschnittlich treten solche Essanfälle 1-2 mal täglich auf, jedoch variiert ihre Anzahl zwischen zweimal pro Woche bis zu zwanzigmal am Tag (vgl. Gröne, 1995, S.16). Sie können sowohl geplant als auch ungeplant geschehen. Während eines Essanfalls können bis zu 15.000 Kalorien konsumiert werden, im Durchschnitt sind es etwa 3500 Kalorien. In den meisten Fällen wird solch ein Essanfall durch selbstinduziertes Erbrechen beendet (vgl. Bauer u.a., 1992, S.12 ff).

Die Diagnosekriterien der Bulimia nervosa gewichten die Heißhungerattacken der Patientinnen stark und fordern darüber hinaus Ängste vor der Gewichtszunahme ebenso wie Maßnahmen zur Gewichtsreduktion, beispielsweise Erbrechen, Diäten, Laxantien-, Diuretika- oder Appetitzüglermissbrauch.

Um von einer Bulimia nervosa zu sprechen, müssen laut DSM-IV folgende Kriterien erfüllt sein:

DSM-IV (1994, deutsche Fassung 1996) Bulimia nervosa

A. Wiederholte Episoden von „Fressattacken“ (binge eating) mit folgenden Merkmalen:

- Verzehr einer Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum (z.B. 2 Stunden), die definitiv größer ist als die Menge, die die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden
- Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während der Episode (z.B. ein Gefühl, weder mit dem Essen aufhören noch die Art und Menge der Nahrung kontrollieren zu können.)

B. Wiederholte kompensatorische Verhaltensweisen gegen eine Gewichts-zunahme:

- Selbstinduziertes Erbrechen
- Missbrauch von Laxantien, Diuretika, Klistieren oder anderen Medikamenten
- Fasten
- Exzessive körperliche Aktivität

C. Die „Fressattacken“ und die kompensatorischen Verhaltensweisen treten seit mindestens drei Monaten durchschnittlich zweimal pro Woche auf.
D. Die Selbstbewertung ist übermäßig von der Figur und dem Gewicht abhängig.
E. Die Störung tritt nicht ausschließlich während Episoden einer Anorexia nervosa auf.

Bestimmung des Typus:

- Purging Typ: Während der aktuellen Episode der Bulimia nervosa treten regelmäßig selbstinduziertes Erbrechen oder der Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren auf.
- Nicht-Purging-Typ: Ohne regelmäßiges Auftreten von selbstinduziertem Erbrechen oder dem Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren während der aktuellen Episode der Bulimia nervosa.

(aus: Jacobi u.a., 2000, S.16)

Auch die ICD-10 soll hier zur Diagnostik der Bulimia nervosa angeführt werden:

ICD-10 (1991) Bulimia nervosa

1. Andauernde Beschäftigung mit Essen, eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln und Essattacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.

2. Versuch, dem dickmachenden Effekt der Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern:

- Selbstinduziertes Erbrechen
- Abführmittelmissbrauch
- Zeitweiliges Hungern
- Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenhormonen oder Diuretika
- Bei Diabetikerinnen kann es zur Vernachlässigung der Insulin-behandlung kommen.

3. Krankhafte Furcht davor, dick zu werden. Die selbst gesetzte Gewichts-grenze liegt weit unterhalb des prämorbiden, vom Arzt als optimal oder „gesund“ betrachteten Gewichts.
4. Häufig findet sich in der Vorgeschichte eine frühere Episode einer Anorexia nervosa.

(aus: Jacobi u.a.,2000,S.16)

Hier wird die Problematik der Diagnosekriterien sichtbar. So ist es meines Erachtens nicht gerechtfertigt, die Essanfälle auf einen Zeitraum zu beschränken, wie es in Punkt A der DSM-IV-Kriterien angeführt ist. Ebenso ist die Voraussetzung einer höheren Geschwindigkeit während des Essanfalls problematisch, da nicht geklärt ist, wann von schnellem Essen gesprochen werden kann.

Trotz der immer wiederkehrenden Kritik an den Diagnosekriterien ist zu erwähnen, dass sie unverzichtbar für die Verständigung unter Fachleuten und für die Forschung sind. Es ist unmöglich, alle Symptome eines Krankheitsbildes in einem Modell zu erfassen, da immer Ausnahmen auftreten, auf die nicht eingegangen werden kann.

2.1.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung)

Der Begriff „Binge Eating“ entstammt dem Amerikanischen und bedeutet „ein Essgelage abhalten“. Im Deutschen ließe sich die Krankheit am ehesten mit dem Begriff der „Essanfallsstörung“ beschreiben, wobei sich die englische Bezeichnung auch im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat (vgl. Munsch, 2003, S. X). Es wird auch der Begriff der Fettsucht gebraucht.

Das Hauptmerkmal der Krankheit sind Essanfälle, die von einem momentanen Kontrollverlust zeugen. Betroffene berichten, sich in solchen Momenten völlig machtlos gegen diesen Drang zu fühlen.

Während der Essanfälle werden unterschiedlich große Nahrungsmengen meist wahllos durcheinander, schnell und ruhelos konsumiert, bis ein unangenehmes Völlegefühl entsteht.

Die Binge-Eating-Störung unterscheidet sich insofern von der Bulimie, dass die Betroffenen meist keine gewichtsregulierenden Maßnahmen praktizieren. Daher sind sie überwiegend adipös, wobei zu bemerken ist, dass Fettsucht (Adipositas) keine Essstörung des hier verwendeten Klassifikationssystems ist (vgl. Gerlinghoff/Backmund, 2000, S.19).

Im DSM-III wurden Personen, die Essanfälle haben, zunächst unabhängig davon, ob sie Gegenmaßnahmen ergreifen (beispielsweise Erbrechen) oder nicht, unter dem Begriff der Bulimia zusammengefasst. In der Weiterentwicklung der DSM wurden Personen ohne Ergreifen von Gegenmaßnahmen aus der Diagnose ausgeschlossen. Daraufhin kam es zur Forderung einer separaten diagnostische Kategorie für diese Personen mit diesem Essverhalten. Infolgedessen begann eine Arbeitsgruppe zu Beginn der 90er Jahre, die Reliabilität dieser neuen diagnostischen Kategorie zu erforschen und zu überprüfen. Anschließend wurde die Binge-Eating-Störung als eigenständiges Krankheitsbild in die Forschungskriterien des DSM-IV-TR aufgenommen (vgl. Munsch, 2003, S.19). Diese werden im Folgenden angeführt:

DSM-IV-TR (2000) Binge-Eating-Störung

A. Wiederholte Episoden von „Essanfällen“. Eine Episode von „Essanfällen“ ist durch die beiden folgenden Kriterien charakterisiert:

(1) Essen einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum (z.B. in einem zweistündigen Zeitraum), die definitiv größer ist, als die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden.

(2) Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während einer Episode (z.B. ein Gefühl, dass man mit dem Essen nicht mehr aufhören kann bzw. nicht kontrollieren kann, was und wie viel man isst).

B. Die Episoden von „Essanfällen“ treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptomen auf:

(1) Wesentlich schneller essen als normal,

(2) Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,

(3) Essen großer Nahrungsmengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt,

(4)

alleine essen aus Verlegenheit über die Menge, die man isst,

(5) Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen.

C. Es besteht deutliches Leiden wegen der „Essanfälle“.

D. Die „Essanfälle“ treten im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen in der Woche für sechs Monate auf.

Beachte : Die Methode zur Bestimmung der Häufigkeit unterscheidet sich von der, die bei Bulimia nervosa benutzt wird; die zukünftige Forschung sollte thematisieren, ob die zu bevorzugende Methode für die Festlegung einer Häufigkeitsgrenze das Zählen der Tage darstellt, an denen die „Essanfälle“ auftreten, oder das Zählen der Anzahl der Episoden von „Essanfällen“.

E. Die „Essanfälle“ gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher (z.B. „Purging-Verhalten“, Fasten oder exzessive körperliche Betätigung) und sie treten nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf.

(aus: Munsch, 2003, S.19 f)

Im ICD-10 wird die Binge-Eating-Störung unter dem Begriff der nicht näher bezeichneten Essstörung angeführt.

2.2. Verbreitung und Häufigkeit von Essstörungen

Von Essstörungen betroffen sind in erster Linie Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 25 Jahren, nur ca. 5% der Erkrankten sind Jungen (vgl. Gerlinghoff / Backmund, 2000, S. 15).

In den letzten fünfzehn Jahren verdoppelte sich die Zahl der stark untergewichtigen Mädchen und jungen Frauen, und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (1984) führt an, dass über 50 % der Jugendlichen bereits Diäterfahrungen gemacht haben.

Die Anorexie ist überwiegend eine Erkrankung junger, lediger und meist noch in der Ursprungsfamilie lebender Frauen in den westlichen Industrieländern. In der Dritten Welt ist es nahezu unbekannt, und auch in Osteuropa ist diese Krankheit äußerst selten zu finden. War das Krankheitsbild über lange Zeit nur in der Ober- und der oberen Mittelschicht präsent, so ist es immer mehr in allen Schichten zu finden. Der Beginn der Anorexie liegt meist in der Pubertät, manchmal sogar davor (vgl. Cuntz/Hillert, 1998, S. 59 f).

Genaue Zahlen hinsichtlich der Häufigkeit und des Eintritts beim Krankheitsbild der Magersucht liegen noch nicht vor, da immer noch keine genaue internationale Übereinkunft bezüglich der Zuordnung zur Anorexie oder Bulimie besteht. Zudem werden nur klinisch behandelte Personen in die Statistiken einbezogen, unbehandelte bleiben unberücksichtigt. Letztlich sind die kaum vorhandenen Stichproben wegen ihrer mangelnden Repräsentativität häufig nicht vergleichbar. Daher kann nur geschätzt werden, dass die Prävalenzrate bei der Magersucht zwischen 0,2 und 4% liegt (vgl. Stahr u.a., 1998, S.31 ff).

Ähnlich wie die Anorexie ist auch die Bulimie eine Erkrankung junger Frauen des westlichen Kulturkreises. Das Eintrittsalter liegt bei 18 - 28 Jahren, jedoch können nur wenige Frauen angeben, wann die Bulimie begann, da sie sich meist in das Leben der jungen Frauen einschleicht (vgl. Horstkotte-Höcker, 1985, S.13). Oftmals beginnt das bulimische Verhalten nach dem gescheiterten Versuch einer Anorexie.

Bei der Bulimia nervosa liegen die Prävalenzschätzungen im amerikanischen Raum bei 1 – 3% für Frauen zwischen 18 und 35 Jahren. In Westdeutschland liegen sie bei 2 – 4%. Nur ca.1% der Fälle machen Männer aus.

Die Zahlen machen deutlich, dass die Ess-Brech-Sucht, obwohl sie noch eine relativ „junge“ Krankheit ist, weiter verbreitet ist als die Magersucht. Zudem ist seit den 70er Jahren eine deutliche Zuwachsrate zu verzeichnen.

Die Prävalenz der Binge-Eating-Störung variiert in der Allgemeinbevölkerung zwischen 0,7 und 4%. Im Gegensatz zu den anderen Essstörungen tritt das Störungsbild nur ca.1,5 mal häufiger als bei Männern auf. Betroffen sind nicht nur junge Frauen, vielmehr ist das Krankheitsbild in allen Altersgruppen zu finden (vgl. Munsch, 2003, S. 9 f). Das Durchschnittsalter bei der Erstmani-festation von einer Esssucht ist mit 24 Jahren deutlich höher als das der an Bulimie Erkrankten mit 18 Jahren. Die durchschnittliche Krankheitsdauer wird auf ca.11 Jahre geschätzt (vgl. Munsch, 2003, S.23).

Etwa 30 – 40% aller esssüchtigen Patienten leiden zusätzlich unter Adipositas. Wesentlich häufiger als das Vollbild der Binge-Eating-Störung treten episodische Essanfälle auf. Entsprechende Prävalenzraten aus der Allgemeinbevölkerung belaufen sich auf ca.10%.

Aus diesen Ergebnissen geht hervor, dass die Binge-Eating-Störung häufiger vorkommt als die Magersucht oder Ess-Brech-Sucht. Sie ist die häufigste aller diagnostisch definierten Essstörungen. Jedoch wird auch dieses Krankheitsbild noch nicht einheitlich, d.h. mittels strukturierter Verfahren, erfasst, woraus sich, ebenso wie bei den beiden anderen Krankheitsbildern, epidemiologische Probleme ergeben.

2.3. Essstörungen – Krankheiten mit Suchtcharakter

Bei Essstörungen handelt es sich nicht um bloße Störungen oder schlechte Angewohnheiten, vielmehr sind Essstörungen ernst zu nehmende Abhängigkeiten. Auffällig ist der starke Suchtcharakter bei allen Formen von Essstörungen. Magersüchtige sind süchtig nach Hungern, Magerkeit und dem damit verbundenen Gefühl. Bei Ess-Brech-Süchtigen äußert sich die Sucht darin, dass die Essanfälle zur Stimmungsregulierung benutzt werden. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme erbrechen sie, und auch das wird zur Sucht, um nicht dick zu werden. Esssüchtige sind süchtig nach Nahrung, was durch das wahllose Verschlingen von großen Mengen Nahrung deutlich wird (vgl. Cavelius / Grasberger, 1999, S.9).

Wie auch andere Suchtmittel, beispielsweise Alkohol, hat Essen bei Essgestörten den Sinn der Stimmungshebung. Sie hungern, „fressen“ oder essen und erbrechen sich ihre Sorgen weg. Das Essen bzw. Nichtessen hat hier die gleiche Funktion wie bei anderen Suchtkrankheiten der suchtauslösende Stoff (vgl. Cavelius / Grasberger, 1999, S.56 f).

Exemplarisch für viele Betroffene berichtet die 35-jährige Ingrid K.:

„Zuerst glaubte ich, dieses (Essen und Erbrechen) steuern zu können. Doch nach jetzt fast zehn Jahren ist es leider doch etwas anders gelaufen. Mein ganzes Denken und Handeln ist dem Essen verschrieben. Leider ist es nur eine ganz kurzzeitige Befriedigung, und dann kommt das heulende Elend. Von meinem Selbstbewusstsein, das ich vor zehn Jahren hatte, ist nur noch ganz wenig übrig geblieben.“ (Langsdorff, 2002, S.31).

Oftmals leiden Anorexie- und Bulimiekranke sowie Esssüchtige parallel zu ihrer Essstörung auch an einer Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit. Kennzeichen der Süchte, sowohl der stoffgebundenen als auch der Essstörungen, ist der Kontrollverlust. Man geht davon aus, dass bei Patientinnen, bei denen eine Essstörung mit Suchtmittelmissbrauch einhergeht, beiden Problemen ähnliche Konflikte zu Grunde liegen (vgl. Cavelius / Grasberger, 1999, S.57).

2.4. Erscheinungsform, Symptomatik und Krankheitsverlauf

2.4.1. Magersucht (Anorexia nervosa)

Die Anorexia nervosa beginnt meist mit einer „normalen“ Diät. Erfahrungen mit verschiedenen Versuchen zur Gewichtsreduktion machen die meisten Mädchen schon in sehr jungen Jahren, ausgelöst durch Hänseleien bezüglich der Figur von Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern. Oftmals sind solche Hänseleien der Einstieg in die Krankheit ( vgl. Stahr u.a., 1998, S.36 f ).

Bruch bezeichnet solche Auslöser jedoch nur als „Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Solchen Vorfällen gehen stets sorgenvolle Gedanken darüber voraus, wie das richtige Gefühl sich selbst gegenüber zu gewinnen ist“ (Bruch, 1991, S.77).

Beginnen die Pfunde dann zu schmelzen, folgen Lob und Anerkennung von Seiten des Umfeldes. Magersüchtige verlagern ihr Zielgewicht jedoch immer weiter nach unten, was zur extremen Gewichtsabnahme führt. Spätestens dann schlagen anfängliche Bewunderung im Umfeld in Sorge, manchmal sogar Ekel den Kranken gegenüber, um. Diese jedoch empfinden sich subjektiv immer noch als zu dick. Dieser Prozess verselbständigt sich im Laufe der Krankheitsentwicklung, so dass kein bestimmtes Gewicht mehr angestrebt wird, sondern vielmehr eine immer fortlaufende Gewichtsreduktion das Ziel ist. Somit wird die Waage zur wichtigsten Kontrollinstanz (vgl. Stahr u.a., 1998, S.37).

Äußerlich kennzeichnen sich Anorektikerinnen durch ihren stark untergewichtigen, oftmals fast schon skelettartigen Körper. Dieser beabsichtigte Zustand herrscht aufgrund von sogenannten „Body-Image-Störungen“ (Körperbildstörungen), d.h. sie haben eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers und ein verzerrtes Körperbild, was sich darin äußert, dass sie ihren Körperumfang wesentlich zu hoch einschätzen. Trotz des bestehenden Untergewichts empfinden sie sich als „viel zu dick“, ein charakteristisches Merkmal für die Krankheit. Das eigene Spiegelbild wird, ebenso wie das Gewicht, täglich kontrolliert, nach Bruch (1991) jedoch nicht realistisch wahrgenommen, was in durch ihre These ausgelösten Studien nachgewiesen wurde. Bruch berichtet von einer ihrer Patientinnen, die trotz extremen Untergewichts schließlich aufgab, sich zu wiegen, da die jeweilige Kilogrammangabe nie mit ihrem visuellen Bild von sich übereinstimmte, das ihr zu breit und dick erschien (vgl. Jacobi u.a., 1991, S.71 f). „Die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (Körperschemastörung) kann groteske, wahnhaft anmutende Züge annehmen“ (Cuntz/Hillert, 1998, S.49).

Die Identifikation mit ihrem skelettartigen Erscheinungsbild unterscheidet die Anorektikerin von mageren Patienten, die zwar nicht richtig essen können, den Gewichtsverlust jedoch als negativ empfinden (vgl. Selvini Palazzoli, 1989, S.45).

Die Persönlichkeit der an Anorexie Erkrankten gilt laut Cuntz und Hillert typischerweise als perfektionistisch, introvertiert und selbstunsicher. Vor der Erkrankung zeichnen sie sich durch Sensibilität, tadelloses Benehmen, ausgezeichnete Schulleistungen, Sportlichkeit sowie scheinbare Problem-losigkeit aus. Zudem ist ein Großteil von ihnen aus der Kindheit als freundlich, strebsam, hilfsbereit und verständig bekannt (vgl. Cuntz/Hillert, 1998, S.51).

Obwohl Betroffene die Nahrungsaufnahme weitgehend verweigern, konzentriert sich ihr Denken permanent auf das Essen bzw. das Nichtessen, wodurch eine Beschäftigung mit anderen Dingen für sie nur noch eingeschränkt möglich ist. Zwar verspüren sie Hungergefühle, verleugnen diese aber vehement (vgl. Stolte, 1998 S.45).

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Details

Seiten
105
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638418904
ISBN (Buch)
9783638802383
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44254
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Psychologie
Note
1.0
Schlagworte
Essstörungen Erscheinungsbilder Verlaufsformen Therapien Möglichkeiten Prävention schulische Prävention

Autor

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Titel: Essstörungen. Erscheinungsbilder, Verlaufsformen, Therapien und Möglichkeiten schulischer Prävention