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Velimir Chlebnikov. Wissenschaft und Dichtung

Seminararbeit 2017 26 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Futurismus in Russland
2.1 Symbolismus und Futurismus
2.2 Abgrenzung zum italienischen Futurismus

3. Velimir Chlebnikov (1885-1922)
3.1 Biografie
3.2 Rezeption

4. zaurn -Dichtung und Sternensprache
4.1 Die Sternensprache
4.2 Exkurs: —1 - die imaginare Zahl
4.2.1 Grundlagen
4.2.2 H und —1
4.3 Das Doppelganger-Motiv

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

One explanation for why avant-garde works should be initially hard to com­prehend is not that they are intrinsically inscrutable or hermetic but that they challenge the perceptual procedures of artistically educated people; it is their nature toforbid easy access or easy acceptance.[1]

I am convinced the day will come when you will be proud of me, for I will have spread out a magic tablecloth upon which will appear a spiritual feast for the whole ofhumanity.[2]

Bei der Beschaftigung mit Avantgarde-Kunst im Allgemeinen und dem russischen Futuristen Velimir Chlebnikov im Speziellen mag der Leser manches Mal geneigt sein, sich zu fragen, was denn eigentlich der Sinn oder die Botschaft des ihmjeweils vorliegenden Textes sein soll. Wenn Chlebnikov seine Texte mit mathematischen Formeln und Operationen spickt, den Buch- staben des Alphabets bestimmte Eigenschaften zuweist oder (auf den ersten Blick absurde) Neologismen schafft, so kann dies unter Umstanden einen befremdlichen, vielleicht sogar ab- schreckenden Effekt haben.

In der vorliegenden Arbeit sollen einleitend die wichtigsten Grundlagen zum Futuris- mus in Russland, auch in Abgrenzung zum italienischen Futurismus Marinettis, dargelegt wer- den. Nach einem Uberblick zu Chlebnikovs Biografie und der (teils durchaus durchwachsenen) Rezeption seines Werkes wird naher auf die zaum'-Dichtung und das von Chlebnikov entwick- elte Konzept der international verstandlichen "Sternensprache" eingegangen. Nach einem Ex- kurs zum Thema "V—l" folgt eine knappe Zusammenfassung des Doppelganger-Motivs mit Betonung auf Chlebnikovs Razin: Two Trinities.

Die dieser Arbeit zugrunde liegende Sekundarliteratur fokussiert sich auf deutsch- und englischsprachige Beitrage. Die Titel der Primartexte werden der Ubersicht halber auf Englisch, die der Autorin der vorliegenden Arbeit nach wichtigsten Begriffe auch im russischen Original (in Kyrillica) angegeben.

Eine umfassendere Behandlung der sprachtheoretischen Uberlegungen Chlebnikovs, insbesondere die Kreation von Neologismen und ihre Deutung betreffend, wurde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, weswegen hierauf nicht naher eingegangen wird.

2. Der Futurismus in Russland

2.1 Symbolismus und Futurismus

In seiner Vergleichenden Geschichte der slavischen Literaturen stellt Tschizewskij in dem kurzen Abschnitt zur russischen Moderne fest, dass die selbsternannten "Gegner des Symbolis­mus"[3], darunter Akmeisten und Futuristen, "mit dem Symbolismus doch eine gewisse Einheit darstellen"[4]. Zu den gemeinsamen selbsterlegten Aufgaben der beiden literarischen Stromun- gen (hier sind Symbolismus und Futurismus gemeint) gehorte laut Tschizewskij "die Aktuali- sierung des dichterischen Wortes"[5]- und auch wenn ihre Methoden sich geahnelt hatten, so hatten sie doch zu unterschiedlichen Ergebnissen gefuhrt.

Tschizewskij geht sogar so weit, Markovs Einschatzung uber den Symbolisten Andrej Belyj als (moglicherweise) "ersten Futuristen"[6]zuzustimmen. Dass Belyjs Einfluss auf den russischen Futurismus besonders haufig in Verbindung mit dem Namen Velimir Chlebni- kov genannt wird, uberrascht also nicht:

[T]he first Chlebnikov scholars brought to notice the close link between his "lan­guage mythology” and the symbolist theory of language. [...] It appears that Andrej Belyj was the closest to him in this respect of all the symbolists.[7]

Die Meinungen hinsichtlich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Symbolismus und Futurismus in Russland divergieren allerdings zum Teil ganz erheblich. So stellt Markov fest: "The differences [...] should not be exaggerated. After all, futurism was an offshot of sym­bolism."[8]Gleichwohl gabe es bedeutende Unterschiede, wie z. B. Cooke sie anfuhrt:

They [the Futurists] took their art out on to the streets, in contrast to the Sym­bolists who held themselves and their art aloof from the crowd.[9]

Ein genauer Vergleich der beiden Bewegungen mag umso schwieriger sein, als der Versuch einer exakten Definition des Begriffs "Futurismus" oftmals selbst Schwierigkeiten mit sich bringt. Betont werden in der Literatur zu dieser Thematik haufig die Komplexitat und Inkonse- quenz des russischen Futurismus: "Russian futurism was a complex, varied, diffuse, and exas­peratingly self-contradictory movement."[10]

Was Chlebnikovs Stellung in dieser komplizierten Beziehung zwischen Symbolismus und Futurismus angeht, gehorte er laut Weststeijn zwar unzweifelhaft den Futuristen an (er wird hier als fuhrende Personlichkeit des Futurismus bezeichnet)[11]; er entwickelte allerdings seine Theorien grofitenteils unabhangig von seinen futuristischen Mitstreitern.[12]An anderer Stelle bezeichnet Weststeijn Chlebnikov als "a kind of mediator between symbolism and fu­turism"[13]. In seiner Studie zu Sprache und Mythos bei V. Chlebnikov stellt Goldt fest, dass "[d]ie besondere Vorliebe Chlebnikovs [...] den russischen Symbolisten [galt], deren Publika- tionen er regelmafiig verfolgt[e] [...]."[14]Markov merkt an:

The determination of Khlebnikov's role in Russian futurism is a challenging to­pic. It presents a problem of wide implications: a poet versus his movement, with the corollary question of the extent to which a leading poet represents his own literary party.[15]

Die Futuristen nannten sich selbst "budetljane", ein von Chlebnikov erdachter Neologismus aus dem russischen Wort "budet" (es wird sein), der sich z. B. mit "Mann der Zukunft" ubersetzen lasst.[16]Die "fur das Konzept des ’budetljanstvo’ entscheidenen modellbildenden Formen" waren dabei "Wort und Zahl"[17]. Das von den Futuristen entworfene Zukunftskonzept unterschied sich von dem der italienischen Futuristen, die "machines and modem inventions"[18]huldigten, wah- rend der Futurismus der Russen "very often tinted with archaism"[19]gewesen sei:

In Russian futurism, we might say that the "future” is more of an abstract con­cept, an ever-present idealfrom which the past never stands asfar apart as one might like to think.[20]

2.2 Abgrenzung zum italienischen Futurismus

In der Sekundarliteratur zum Futurismus werden das Bestreben der russischen Futuristen, sich vom italienischen Futurismus streng abzugrenzen und ihre Abneigung, "lediglich als Filiale des Italofuturismus abgestempelt zu werden"[21], wiederholt erwahnt:

The Russian Cubo-Futurists themselves argued that Russian Futurism was enti­rely independent of its Italian counterpart. However, recent commentators have remarked that 'Marinetti's Futurism was much more of an influence in Russia than is customarily thought and more than the Russian Futurists wanted to ack­nowledge.' Almost certainly Khlebnikov would have been loath to acknowledge an Italian Futurist influence on his art, but commentators are quite right to point to Khlebnikov's early nationalism and glorification of war as points in common with Marinetti. This is, however, surely more a case of parallel development or ofshared attitudes than of influence.[22]

Anlasslich des einzigen Besuchs Filippo Marinettis (1876-1944), Begrunder des Futurismus (in Italien), in Russland Anfang 1914 verteilte Chlebnikov vor einer der von Marinetti gehaltenen Vorlesungen Flugblatter, die die russischen "Unterstutzer" Marinettis als "traitors to Russian art" bezeichnete.[23]Laut DOUGLAS fiel der Besuch gerade in den Zeitraum, in dem sich die rus­sischen Futuristen in dem Gefuhl wahnten, "a reputation independent of their Italian name­sakes"[24]erlangt zu haben. In The Word as Such aus dem Jahre 1913 behauptet Chlebnikov, dass "[t]he Italians caught a whiff of these Russian ideas and began to copy us like schoolboys, making imitation art."[25]Markov stellt fest, dass der Futurist David Burljuk (1882-1967) den zeitlichen Startpunkt des russischen Futurismus moglichst weit in die Vergangenheit legen wollte, um "the myth of Russian priority over the Italians"[26]zu erschaffen.

An anderer Stelle behauptet Markov, dass "[m]ost scholars and critics are now in ag­reement over the independent origin of Russian futurism"[27]und stellt Versuche an, dies an Un- terschieden zwischen dem russischen Futurismus einerseits und dem italienischen Futurismus andererseits darzulegen. Die Gemeinsamkeiten sind fur Markov zu vernachlassigen, da sich auch zu anderen literarischen Stromungen Gemeinsamkeiten finden liefien.[28]Nichtsdestoweni- ger sei der Beginn bzw. die fruhe Phase des russischen Futurismus naturlich "strongly Wes­tern"[29]gewesen, und das insbesondere durch den franzosischen Einfluss. Auch Mirskij ist der Uberzeugung, dass "[d]er russische Futurismus [...] mit der italienischen futuristischen Bewe- gung aufier dem Namen und einigen allgemeinen Vorstellungen nichts gemein"[30]gehabt habe.[31]

[...]


[1]Kostelanetz, Introduction: What Is Avant-Garde?, S. 4.

[2]Chlebnikov in einem Brief an seinen Vater vom 05.06.1912, zit. nach Douglas, Introduction: Velimir Khlebnikov, S. 17.

[3]Tschizewskij, Vergleichende Geschichte, S. 106.

[4]Ebd.

[5]Ebd.

[6]Ebd.

[7]Feshchenko, Breakthrough into Languages, S. 263. Vgl. zu Chlebnikovs "allgemeine[r] Begeisterung fur Mythologisches" auch Scholz, Bild, WortundLaut, S. 33.

[8]Markov, The Longer Poems, S. 4. Vgl. auch ebd., S. 5: "In general, the exponents of futurism somewhat overemphasized their differences from the rest of contemporary literature. Many of them would doubtless have been surprised to learn that they had strong ties with Russia's literary past."

[9]Cooke, Velimir Khlebnikov. A Critical Study, S. 12. Vgl. auch Erlich, Russian Poets, S. 71 f.: "Art was brought down to earth and rudely stripped of its halo. It was allowed, in fact it was encouraged, to be alogical or transrational, but not necessarily irrational or transcendental."

[10]Markov, Russian Futurism and Its Theoreticians, S. 168. Vgl. zur Problematik der "Futurismus"-Definition auch Markov, The Longer Poems, S. 6. Markov schlagt zur Losung dieses Problems vor, "to accept the heterogeneity of futurism and to stop looking for ’genuine futurism,’ i.e. to shun the path of the contemporary critics and the futurists themselves." Markov, Russian Futurism and Its Theoreticians, S. 169.

[11]Vgl. auch Markov, The Longer Poems, S. v.

[12]Vgl. Weststeijn, Velimir Chlebnikov and the Development, S. 16.

[13]Weststeijn, Velimir Chlebnikov andthe Development, S. 16 f. Vgl. auch ebd., S. 37.

[14]Goldt, Sprache und Mythos, S. 10. Gleichzeitig stellt Goldt fest, dass "die Mehrzahl der Symbolisten Chlebnikovs Dichtung skeptisch gegenuber [standen]". Ebd.

[15]Markov, The Longer Poems, S.11.

[16]Vgl. Lauer, Geschichte der russischen Literatur, S. 496. Vgl. auch Markov, Russian Futurism and Its The­oreticians, S. 169, Stobbe, Utopisches Denken, S.115 sowie Weststeijn, Velimir Chlebnikov and the Develop­ment, S. 26.

[17]Stobbe, Utopisches Denken, S. 126. Vgl. auch ebd., S. 124: "Die Zahl wird in Ebene VI [von Zangezi] zur ’Heimat’ metaphorisiert und als ’ewig’ bezeichnet" sowie CASSEDY, Mathematics, S. 128: "For the premise on which Khlebnikov’s theories are based is that there is a strict universal determinism governing world events and that it is mathematically expressible."

[18]Cloutier, Velimir Chlebnikov and Pavel Filonov's "Formulae", S. 422.

[19]Ebd.

[20]Ebd. Vgl. auch zum Verstandnis des "Zukunft"-Begriffs der Futuristen COOKE, Velimir Khlebnikov. A Cri­tical Study, S.12.

[21]Lauer, Geschichte der russischen Literatur, S. 496. Vgl. auch Markov, Russian Futurism and Its Theore­ticians, S. 174 zu der Frage, wie der Besuch Marinettis die Entwicklung der Gileja-Gruppe beeinflusste.

[22]Cooke, Velimir Khlebnikov. A Critical Study, S. 11 f.

[23]Vgl. Douglas, Introduction: Velimir Khlebnikov, S. 21 f.

[24]Ebd., S. 22.

[25]Chlebnikov, The Word as Such, S. 255.

[26]Markov, The Longer Poems, S. 1.

[27]Ebd., S. 2.

[28]Ebd., S. 3.

[29]Ebd.

[30]Mirskij, Geschichte der russischen Literatur, S. 449.

[31]Mehr zum Verhaltnis der beiden Auspragungen des Futurismus in Italien und Russland in Erlich, Russian Poets, S. 66 f.

Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668809598
ISBN (Buch)
9783668809604
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v442573
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Slavic Studies
Note
1.0
Schlagworte
Slavistik Slawistik Velimir Chlebnikov Symbolismus Futurismus Sternensprache Doppelgänger Russisch Russland Literatur

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Titel: Velimir Chlebnikov. Wissenschaft und Dichtung