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Positive Peerkultur. Die Peergroup als einflussreiche Sozialisationsinstanz

Hausarbeit 2017 10 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Peers
2.1 Begriffsdefinition und kontextuelle Einordnung
2.2 Soziokultureller Stellenwert und Funktionen einer Peergroup

3. Positive Peerkultur
3.1 Stand der Forschung
3.2 Klärung zentraler Begriffe, Konzepte, theoretischer Bezugsrahmen
3.3 Diskussion

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„13-Jähriger krankenhausreif geprügelt“, „Er klagte über starke Schmerzen und erbrach sich. Später erklärte er, dass er von Schulkameraden angegriffen worden sei.“ (Bild vom 24.01.2017)

Gewalt an Schulen ist keine neue Erscheinung. Immer wieder hört man in den Medien von Massenschlägereien, Waffenbesitz oder Vergewaltigungen an Schulen. Nicht selten entspringt kriminelle Energie einer devianten Jugendbande oder Gang. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass Peergroups von der Gesellschaft als potentielle Gefährdung und Bedrohung wahrgenommen werden. Die Kenntnis von der Existenz und dem Einfluss von Peergroups auf Jugendliche kann einen wesentlichen Beitrag leisten, Schwierigkeiten im Schulunterricht besser einschätzen zu können und mit schulischen Problemlagen besser umgehen zu können.

Im Verlauf dieser Arbeit möchte ich folgender Frage nachgehen: Inwiefern kann das Konzept Positive Peerkultur als konstruktive Sozialisationsinstanz für Jugendliche eingesetzt werden?

Um dieser Frage nachzugehen ist es zunächst sinnvoll allgemeine Begriffsdefinitionen zu klären und eine kontextuelle Einordnung vorzunehmen. Darauffolgend soll der soziokulturelle Stellenwert von Peergroups für Jugendliche analysiert werden und auf die Vermittlung spezifischer Kompetenzen und gesellschaftlicher Funktionen eingegangen werden. Die Relevanz der Peergroup für die individuelle Entwicklung von Jugendlichen soll dadurch verdeutlicht werden. In einem zweiten Schritt möchte ich anhand des Konzepts Positive Peerkultur diskutieren, welche Möglichkeiten bestehen, die positiven Potentiale einer Peergroup als Sozialisationsinstanz zu nutzen. Dazu sollen zunächst der Forschungsstand sowie das Programm Positive Peerkultur vorgestellt werden. In einer abschließenden Diskussion werden die notwendigen Voraussetzungen und Bedingungen für eine gelingende Umsetzung des Konzepts diskutiert. Abschließend folgen eine Zusammenfassung und ein persönliches Fazit.

2. Peers

2.1 Begriffsdefinition und kontextuelle Einordnung

Der Ursprung des Begriffs „peer“ stammt aus dem Lateinischen „par“, was soviel viel wie „gleich“ bedeutet. Der Begriff Peergroup kommt aus der Soziologie und beschreibt eine Gruppe gleichaltriger, gleichgesinnter Jugendlicher. Unter der Bezeichnung „Jugend“ ist „eine Alterskohorte, eine ontogenetische Entwicklungsphase oder eine soziale Gruppe“ zu verstehen, welche einen konkreten Lebensabschnitt beschreitet (Dudek 2002, 333). Dieser Lebensabschnitt wird von Bühler und Erikson auch als Moratorium bezeichnet, in welchem verschiedene Formen des politischen, kulturellen und sozialen Lebens ausprobiert werden können (vgl. Bühler 1922, 69; Erikson 1966/1973, 138). Das Überwinden von Krisen und das Sammeln von Erfahrungen in der Jugendphase führen zu einem inneren Reifungsprozess, in welchem Entwicklungsaufgaben und Identitätsbildungsprozesse bewältigt werden. Die Identitätsbildung ist Teil des Sozialisationsprozesses, in welchem sich der Heranwachsende mit seiner Umwellt auseinandersetzt und die eigenen Bedürfnisse mit gesellschaftlichen Erwartungen abgleicht (Krappmann 2004, 715). Laut Erikson sind der Erwerb von Autonomie und die Interaktion mit anderen ein wesentlicher Schritt des Identitätsbildungsprozesses (vgl. Erikson 1966/1973, 131). Peergroups und Peerbeziehungen finden sich sowohl in schulischen, als auch in außerschulischen Kontexten. Beim Zusammenschluss von sog. Jugendkulturen kann ein „kreatives Potential zur Um- und Neugestaltung von Gesellschaften freigesetzt werden“, welches aus der „psychischen Destabilisierung und Entstrukturierung (…) der Adoleszenz“ hervorgeht (Andersen 2005, 137f.). Ein von gesellschaftlichen Normen und Gesetzen abweichendes Verhalten von Jugendlichen wird von der Gesellschaft jedoch häufig als Bedrohung und Gefährdung empfunden. Viele Probleme mit denen sich Jungendliche konfrontiert sehen, entstehen aus gesellschaftlich verursachten Herausforderungen wie der Schulpflicht, dem Leistungsdruck oder überfrachteten Lehrplänen. Hinzukommend müssen persönliche Krisen bewältigen werden, die aus familiären oder geschlechtsspezifischen Kontexten hervorgehen. Die Funktionen, die eine Peergroup für ein Individuum einnimmt, und die Kompetenzen die sie vermittelt, sollen im Folgenden weiter erläuten werden.

2.2 Soziokultureller Stellenwert und Funktionen einer Peergroup

Peergroups bilden sich aus vielen verschiedenen Gründen. Durch die Vielschichtigkeit der heutigen Gesellschaft, insbesondere in kultureller Hinsicht und die Möglichkeiten der freien Entfaltung, kommt es zur Differenzierung verschiedener Personengruppen. Die Unterschiede finden sich in sozialen, ethischen, kulturellen oder altersbedingten Merkmalen. Auch unterschiedliche Normen- und Wertevorstellungen können zu Spannungen zwischen Gruppen führen und den Zusammenschluss von Jugendgruppen gleicher Gesinnung veranlassen. In der Adoleszenz spielt die eigene Identitätsbildung und die Ablösung vom Elternhaus eine entscheidende Rolle (Opp 2009, 540). Die Peergroup bietet in dieser Phase nicht nur einen Anlaufpunkt, sie ist auch für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensstil, dem Umgang mit Drogen, Musikvorlieben, Freizeitgestaltung und Mode wichtig. Die Mitglieder einer Peergroup weisen einen ähnlichen Status und gemeinsame Wertevorstellungen auf. Nach Freud dient Kultur „dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander“ (Freud 1938, 122f). Die Peergroup stellt in diesem Sinne für die Gruppenmitglieder eine Schutzfunktion dar, in der sie mit normativen Ansprüchen experimentieren können. In der Gruppe wird die Macht der Gemeinschaft durch die Macht des Einzelnen ersetzt, was nach Freud der entscheidende kulturelle Schritt ist (vgl. Freud 1938, 129f.). Aufgrund von Triebverzicht, Verdrängungs- und Anpassungsprozessen, findet in einer Kultur auch ein Aushandeln divergenter Interessen, Erwatungen und Ansprüche statt (Opp 2009, 541). Die Auseinandersetzung mit der Gruppe fördert das Sozialverhalten, die moralische Urteilsfähigkeit, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und die Anstrengungsbereitschaft. Zudem stärkt die Gruppe das individuelle Selbstwertgefühl eines jeden Mitgliedes (vgl. Trapper 2009, 172). Nach Krueger findet insbesondere die Aneignung von sozialer Kompetenz, Selbstkompetenz, Sach- und Methodenkompetenz in Peerbeziehungen statt (Krueger 2008, 386ff.). Die soziale Kompetenz entsteht in erster Linie durch Interaktions- und Kooperationsbereitschaft. Das gemeinsame Aushandeln von Regeln und Werten und eine gewisse Kompromissbereitschaft sind unumgänglich für eine funktionierende Gemeinschaft. Selbstkompetenz lernen Jungendliche, indem sie sich eigeninitiativ in die Gruppe integrieren und Verabredungen eigenständig planen und einhalten. Sie erlernen pflichtbewusstes Handeln gegenüber ihren eigenen Aktivitäten und Prioritäten. Sach- und Methodenkompetenz wird durch gemeinsames, informelles Lernen in der Freizeit vermittelt. Die symmetrische Beziehung unter den Gleichaltrigen wirkt sich dabei positiv auf die Wissensaneignung aus (vgl. ebd., 386f.).

3. Positive Peerkultur

3.1 Stand der Forschung

Der Grundgedanke des Konzepts der Positiven Peerkultur lässt sich bis in die Reformationszeit zurückführen. Er entwickelte sich in der Arbeit mit delinquenten und schwierigen Kindern und Jugendlichen (vgl. Opp 2009, 543). In Fritz Redls Konzept des therapeutischen Milieus wird die Gruppe als therapeutische Kraft bezeichnet, welche emotionale Ströme produziert, „die sich, unabhängig von der individuellen Beziehung zwischen Kindern und Therapeuten, für therapeutische Zwecke ein- und ausschalten lassen“ (Redl 1971, 42). 1985 wurde dieser Ansatz von Vorath und Brendtro ausgearbeitet und unter dem Begriff Positive Peerkultur publik gemacht. Der Ansatz orientiert sich an der These, „dass die Peergroup der entscheidende Faktor für die erfolgreiche Bewältigung von Aufgaben im Jugendalter ist“ (Trapper 2009, 174). Trapper bezeichnet die Kraft und Potenziale einer Jugendkultur als stärkste Sozialisationsinstanz. Mit ihrer Hilfe sollen im Programm Positive Peerkultur negativ ausgerichtete subkulturelle Muster ins Positive umgekehrt werden (vgl. ebd, 174).

3.2 Klärung zentraler Begriffe, Konzepte, theoretischer Bezugsrahmen

Das Konzept der Positiven Peerkultur versucht die positiven Attribute einer Peergroup wie Schutz, Solidarität, Empathie, Respekt und Partizipation aufzugreifen und konstruktiv für den schulischen Kontext nutzbar zu machen. Nach Vorraths und Brendtros Ansatz Positiver Peerkultur ist hierbei der Aspekt der Hilfe von zentraler Bedeutung. „Wenn eine Person etwas gibt und dadurch für andere an Wert gewinnt, wächst das Selbstwertgefühl und bildet sich das Selbstkonzept.“ (Vorrath, Brendtro 1985, 21) Dabei wird sowohl die Fähigkeit des sich Öffnens und Hilfe anzunehmen, als auch die Fähigkeit anderen zu helfen gefördert. Unter den Gleichaltrigen werden Aspekte der Freundschaft, Popularität, sozialen Anerkennung, Beliebtheit, Loyalität, Geschlechterverhältnisse, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung verhandelt (vgl. Opp 2009, 540). Kinder und Jugendliche sollen lernen für sich und andere Verantwortung zu übernehmen und ihre Probleme selbst und mit der Unterstützung anderer lösen zu können. Die Grundaspekte des Arbeitsansatzes Positiver Peerkultur nach Opp sollen im Folgenden kurz zusammengefasst werden (vgl. ebd., 541 ff.):

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Details

Seiten
10
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668810969
ISBN (Buch)
9783668810976
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443075
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Peergroup Peerdynamiken Soziologie Unterrichten Pädagogik

Autor

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Titel: Positive Peerkultur. Die Peergroup als einflussreiche Sozialisationsinstanz