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Pragmatismus. Welche Potenziale lassen sich aus dem Pragmatismus für die Politische Bildung erhoffen?

von Michael Müller (Autor)

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Begriffsbestimmung

Armin Scherbs Pragmatismus-Verständnis

Rezeption in der Politischen Bildung nach

Deweys Erfahrungsbegriff

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Vorliegende Arbeit möchte sich als kritische Überschau des Werkes Pragmatistische Politikdidaktik1 von Armin Scherb verstanden wissen. Damit ist einerseits gemeint, Scherbs Argumentationen und Positionierungen nachzuvollziehen, andererseits selbige gegebenenfalls durch einschlägige pragmatistische Positionen zu ergänzen und einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Es wird die These vertreten, dass sich durch eine Synthese Armin Scherbs‘ Positionen mit Klassikern des Pragmatismus‘, ein erfahrungsbasierter, im postmodernen Kontext sich zu behaupten wissender, Theorieansatz für die Politische Bildung gewinnen lassen wird.

Zu diesem Zweck werden, in Anlehnung an Scherbs oben genanntes Werk, folgendeArgumentationsschritte vollzogen: Zunächst wird der diffus anmutende Begriff‚Pragmatismus‘ einer historisch-kritischen Würdigung unterzogen. Dies geschieht ineiner bündigen Darstellung der drei Hauptvertreter des amerikanischenPragmatismus‘: William James, John Dewey, Charles S. Peirce. In Anschluss anScherb werden Bedingungen herausgearbeitet, die eine jede Theoriekonzeption in derPolitischen Bildung, und in concreto eine pragmatistische, zu leisten hat. Es wirdinsbesondere auf die Begriffe ‚Wert‘, ‚Wahrheit‘ und ‚Erfahrung‘ einzugehen sein,bevor jene pragmatistischen Begriffe auf die anfangs skizzierten Erfordernisse einerTheoriekonzeption der PB angewandt werden.

Begriffsbestimmung

Ist im üblichen Sprachgebrauch die Rede von ‚Pragmatismus‘ oder dem Adjektiv‚pragmatisch‘, wird zumeist das Bild eines vornehmlichen Aktivismus‘ oder einerreinen Zweck-Mittel-Beziehung evoziert. Bei genauer Betrachtung stellt sich derBegriff ‚Pragmatismus‘ jedoch insofern als diffus und heterogen dar, als damit eineMethode oder eine Handlungs- und Konsenstheorie oder sogar eine Lebensphilosophiegemeint sein kann. Als ein gemeinsames Merkmal ist das Bestreben einer Vermittlungzwischen Theorie und Praxis festzustellen. Die verschiedenen Lesarten hängeninsbesondere davon ab, auf welchen Vertreter sich gestützt wird. So gilt Peirce alsBegründer des philosophischen Pragmatismus. Peirce verlieh dem Pragmatismuszudem seinen Namen. James popularisierte ihn und machte ihn als pragmatistischer Psychologe und Religionsforscher einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Dewey zog hingegen vor allem Konsequenzen für die Pädagogik.

Armin Scherbs Pragmatismus-Verständnis

Worauf gründet Armin Scherb sein Pragmatismus-Verständnis? Diesseits stellt Scherb in seiner Einleitung zunächst die Notwendigkeit fest, eine Arbeitsdefinition von Pragmatismus erarbeiten zu müssen. Hierzu nennt er folgende fünf Kriterien:

Erstens nennt er den Praxisbezug. Damit sei wissenschaftliches Denken gemeint, „dasin den konkreten Handlungsbezügen der Menschen, an der Praxis ansetzt und für dieSache nach Problemlösungen gegenüber Denkansätzen unterschiedlicherwissenschaftstheoretischer Provenienz offen ist“2. Wenn Scherb von ‚konkretenHandlungsbezügen der Menschen‘ spricht, kann beim Lesenden leicht ein populäresMissverständnis entstehen. So kann damit der Eindruck evoziert werden, es handlesich um einen alltagssprachlichen Begriff des Praktischen. Dieser Schluss fielebeispielsweise angesichts James‘ saloppen und zuweilen unscharfen Gebrauchdesselben Begriffs nicht sonderlich schwer3. James wehrt sich jedoch gegen einAlltagsverständnis und setzt diesem entgegen, „dass eine von einer Handlungabgetrennte Meinung […] nicht erklärbar [ist], weil jede Theorie eben auch eine Formder Praxis ist, in der das Handeln auf die Alltagswelt verweist“4. Bezogen auf Scherbsobenstehendes Zitat, lässt sich feststellen, dass die von ihm postulierte Differenzzwischen ‚wissenschaftlichem Denken‘ und ‚konkreten Handlungsbezügen‘ vonJames gerade zu überwinden versucht wird. Das Denken setzt demnach nicht an derPraxis an, sondern ist selbst Ausdruck einer Praxis, indem sie auf die Alltagsweltverweist.

Zweitens stellt Scherb die Erfolgsorientierung pragmatistischen Denkens heraus.

Dieses ziele stets auf Problemlösungen ab und dürfe keinen Selbstzweck darstellen5.Hierbei stellt sich die Frage, ob dieses Kriterium nicht zu generell formuliert ist undob somit das genuin Pragmatistische getroffen wird. Eine eindeutige Beantwortunggestaltet sich aufgrund der heterogenen Positionen des Pragmatismus‘ und derfehlenden Bezugsquelle Scherbs als problematisch. James nennt beispielsweise„unmittelbares Einleuchten, philosophische Verständlichkeit und moralischeNützlichkeit […] [als] die einzigen brauchbaren Kriterien“6. Somit redet er durchausScherb das Wort. Doch was meint James mit dem Term ‚Nützlichkeit‘? Vorläufig lässtsich feststellen, dass für James das Nützliche das ist, was der Lebensbewältigungdienlich ist. Der Pragmatismus ist für ihn auch eine Theorie zur Maximierung derindividuellen Nützlichkeit. Dadurch wird zugleich als Horizont ersichtlich, dassJames‘ Pragmatismus kaum zwischen einer Erkenntnis- und einer Handlungstheoriezu differenzieren ist. Denn Erkenntnis ist stets im Antlitz des Nützlichkeitskriteriumszu betrachten. Dahingehend entwickelte der Logiker Ch. S. Peirce eine auf Vernunft,schlussfolgerndem Denken und begrifflichen Deduktionen beruhende Lesart desPragmatismus‘. Peirce hebt hervor, dass „Ziel des schlußfolgernden Denkens ist, durchdie Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas anderes herauszufinden, das wirnicht wissen“7. Ein Nützlichkeitskriterium lässt sich bei Peirce nicht finden. Auf dasVerhältnis des Nützlichkeitsbegriffs in Relation zu den pragmatistischenWahrheitsbegriffen wird zu einem späteren Zeitpunkt einzugehen sein.

Als drittes Kriterium nennt Scherb den ‚konkreten Problembezug‘. Hierbei stellt erfest, dass das Suchen nach Lösungen stets in konkreten Problemsituationen zu erfolgenhabe, in denen eine kreative Auseinandersetzung der Menschen stattfinde. Abermalswird an dieser Stelle exemplarisch deutlich, dass Scherb in seiner Arbeitsdefinitiondes Pragmatismus-Begriffs‘ eine lebensweltliche und alltagsbezogene Vorstellungzugrunde legt. Fraglos zuzustehen ist, dass insbesondere die Religionsschriften James‘durch ihren starken Bezug auf religionsbezogene Fallbeispiele eine derartige Lesartnahelegen. Zu hinterfragen gilt es jedoch, ob hiermit nicht eine unzulässige Engführung vorbereitet wird. Wie bereits gezeigt wurde, plädiert James explizit für ein umfassenderes, philosophisches Verständnis des Pragmatismus‘ und argumentiertgegen ein simplifizierendes, wörtliches Verständnis desselben. James‘ VorgängerPeirce arbeitete vor allem zur Transzendentalphilosophie Kants und leistete somitvornehmlich wissenschaftstheoretische Beiträge. Ein von Scherb behaupteter‚konkreter Problembezug‘ im obengenannten Sinne ist somit durchaus weder einselbstverständliches, noch ein sich erschöpfendes, Verständnis von Pragmatismus.

Scherb ist in seinem obengenannten Kriterium insofern zuzustimmen, als James‘ seinen Begriff des Nützlichen und der Wahrheit ausschließlich relativ zu einem jeweiligen konkreten Kontext denkt. Für ihn ist Wahrheit kulturell kontingent. Insofern ist dem situativen Kriterium Scherbs durchaus beizupflichten.

Als viertes Kriterium nennt Scherb das der kommunikativen Wahrheit, „in der die handelnden Personen einer freien Kommunikationsgemeinschaft eine dominierende Stellung einnehmen“8.

Fünftens Fallibilität. Scherb bemerkt, dass „Aussagen […] durch die handelndeAuseinandersetzung mit der sozialen Realität einem beständigen Prüf- undBewährungsverfahren unterzogen“9 sind. Es ist zu konstatieren, dass die ständigenPrüfverfahren zu einem konstitutiven Element des Pragmatismus‘ zählen. Ursächlichdafür ist, dass Theorie und Hypothesen wiederkehrend daraufhin überprüft werden, obsie der Lebensbewältigung des einzelnen Individuums förderlich sind. Damit einhergeht die beständige Überprüfung von Begriffen und Konzepten, Handlungen undMethoden, „ob sie eine lebensfördernde Funktion haben oder nicht“10. Da hierbei dieErfahrungen des Individuums maßgeblich sind, wird dabei explizit auf die alltäglicheProblemlösefähigkeit angespielt. Analog dazu wendet James diesen Gedanken auchauf wissenschaftliche Theoriebildungen an. In rudimentärer Weise kann diesVorgehen durchaus mit einem experimentellen Trial-and-Error-Verfahren verglichenwerden. Auch hierbei nämlich sind Ergebnis und Ereignis entscheidend, anstattAusgangspunkt und Ursache. So ist es auch zu erklären, dass James explizit von einer‚Stellungnahme‘ spricht „[…] die uns abgesehen lässt von den ersten Dingen, vonPrinzipien, von Kategorien […] eine Stellungnahme, die uns hinblicken lässt auf die letzten Dinge, auf Früchte, auf Folgen, auf Tatsachen“11. Dieses Zitat zeigt einerseits, dass Pragmatismus selbst nicht eine Antwort oder eine Lösung darstellt. Vielmehr istpragmatistisches Denken ganz basal als sich orientierende Stellungnahme gegenüberWelt aufzufassen. Diese Stellungnahme geschieht in Gestalt dessen, dass nach denFolgen von Handeln gefragt wird und zugleich die darauf gewonnen Antworten an denAnfang der Frage nach der Bewährbarkeit von Hypothesen und Theorien gestelltwerden. Zum anderen wird dadurch offenkundig, dass Pragmatismus sich vonmetaphysischen Seins-Aussagen und Essentialismen abwendet. Diese Abwendunggeschieht jedoch vornehmlich in Indifferenz und nicht in Konfrontation.Pragmatismus stellt schlicht andere Fragen, als beispielsweise eine Metaphysik.

Im Zuge der Frage, was eine „Pragmatistische Politikdidaktik“12 leisten muss, setztScherb die GPJE-Kompetenzen als Zielmarke fest13. Diesseits nennt er nebenpolitischer Urteilsfähigkeit und politischer Handlungsfähigkeit, auch methodischeFähigkeiten. Jene Kompetenzen werden insofern vor dem Hintergrund plausibel, als„Politische Bildung die Entwicklung von politischer Mündigkeit zum Ziel hat unddamit einen Beitrag zur Förderung demokratischer Einstellungen undVerhaltensweisen, also zur Entwicklung habitueller Demokratiekompetenz leistenmuss“14. Hierbei ginge es beispielsweise nicht ausschließlich um das bloße Befolgenvon der Verfassung. Demokratielernen sei vielmehr „das Resultat geronnenerVernunftsdiskurse“15. Scherb relativiert diese Legitimationsweise jedoch zugleich,indem er bemerkt, dass „nicht jeder immer am Pouvoir constituant[‚verfassungsgebende Gewalt‘ Anm. d. Verf.] teilhaben kann“16. Demnach stelltenverfassungsrechtliche Vorgaben nichtdestotrotz äußere Setzungen dar.

In der Folge wirft Scherb die Frage nach einem Mindeststandard für den Wertbezugeiner didaktischen Konzeption auf. Diesen bestimmt er als Aufrechterhaltung desSpannungsverhältnisses von Selbstbestimmung und normativer Bindung17. Scherbbringt damit zum Ausdruck, dass eine rein normative Bildung und Erziehung hin zueinem gewissen Wert, zwangsläufig mit Einbußen in der Selbstbestimmung des Lernenden einhergehen würde. Demnach ist eine Positionierung an den beiden Extrema zu vermeiden. Nach Scherb erfüllt die Formulierung aus der BayVerf. und der NRW Verf. ‚im Geiste der Demokratie zu erziehen‘ dieses Kriterium, da sich diese Formulierung im Spannungsverhältnis beider Pole befinde.

Rezeption in der Politischen Bildung nach 1945

Für Scherb ist es insbesondere Friedrich Oetinger, der in seinem Sinne einen‚pragmatistischen Entwurf‘ vorlegte; wenngleich dieser von ihm als „halbierteRezeption“18 bezeichnet wird. In seinem Werk von 1951 ‚Wendepunkt der politischenErziehung - Partnerschaft als pädagogische Aufgabe‘ bezieht sich Oetinger dezidiertauf Dewey. Scherb führt aus, dass dieser das Gleichnis eines Wanderers bemühe, derauf seinem Weg vor unausweichlichen und nicht hintergehbaren Aufgaben gestelltwird, welche Problemlösungen dringlich notwendig machen19. Oetinger betrachte diesals Allegorie für das menschliche Denken, welches ebenso durch das stetige Suchennach Lösungen charakterisiert ist. Hieran werde gleichzeitig auch der Nexus zwischenDenken und Praxis deutlich: Dewey selbst expliziert diesen Erfahrungsprozessinsofern, als sich dieser als ein Changieren zwischen aktivem Eingreifen einerseits undpassivem Hinnehmen andererseits darstellt20. Beide Hinsichten bedingen sichgegenseitig, wobei die differierenden Grade ihrer Verzahnung dem Maß der jeweiligenErfahrungsqualität entsprechen21. Hieraus wird deutlich, dass es Annährungsprozessesein müssen, mithilfe derer sich Wirklichkeit anzueignen versucht wird. Um im Bilddes Wanderers zu bleiben, ist es diesem gerade nicht möglich, definiteLösungsmöglichkeiten für Probleme in der ‚Wirklichkeit‘ zu finden. Vielmehr ist einExperimentieren, ein Trial-and-Error -Verfahren, notwendige Bedingung fürErfahrung.

[...]


1 Scherb, Armin (2014): Pragmatistische Politikdidaktik. Making it explicit. Schwalbach am Taunus: Wochenschau (Reihe Politik und Bildung, 76).

2 Scherb, 2014, S. 13.

3 Was insbesondere bei James‘ religionspsychologischen Abhandlungen auffällt. Dies ist vor allemseiner empirischen, fallibilistischen Methode geschuldet. James, William; Sloterdijk, Peter(2014): Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Erste Auflage.Berlin: Verlag der Weltreligionen (Taschenbuch / Verlag der Weltreligionen, 21).Peirce hingegen stellt den Erfahrungs- und auch Wahrheitsbegriff des Pragmatismus‘ stets unter denFallibilismus-Vorbehalt. Für diesen ist Erfahrung nämlich stets interpretierbare Erfahrung und jedeInterpretation (Konsens) bleibt bis zum idealen Konsens revidierbar. Peirce folgt also der von bspw.James behaupteten Erfahrung ‚realer Wahrheit‘ nur unter Vorbehalt. Vgl. Martens, Ekkehard;Peirce, Charles S. (Hg.) (1992): Pragmatismus. Ausgewählte Texte. [Nachdr.]. Stuttgart: Reclam(Universal-Bibliothek, 9799).

4 Ernst, Oliver (2014): Wahrheit, Systemtheorie und Subjektivität. http://edoc.hu-

berlin.de/dissertationen/ernst-oliver-2015-08-03/PDF/ernst.pdf (23. April 2016). S. 32.

5 Scherb, 2014, S. 13.

6 James, 2014, S. 51.

7 Peirce, Charles Sanders (1992): Die Festlegung einer Überzeugung. In: Ekkehard. S. 64.

Dieser Gedanke korrespondiert mit Heidegger, der konstatiert, es bleibe den Menschen nichts anderes übrig, als „zu warten, bis das zu-Denkende sich uns zuspricht. Warten heißt hier: Ausschau halten und zwar innerhalb des schon Gedachten nach dem Ungedachten, das sich im schon Gedachten nochverbirgt.“ Heidegger, Martin (1954): Was heisst denken? Tübingen: Niemeyer.

8 Scherb, 2014, S.13.

9 Ebd.

10 Wiltschko, (2001): https://www.daf-focusing.de/wp-content/uploads/Wiltschko-William-James- 2001.pdf (abgerufen: 02.08.2018). S. 10.

11 James, 2014, S. 34.

12 Scherb, 2014, S.14.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd.

15 Scherb, 2014, S.15.

16 Ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Scherb, 2014, S.28.

19 Vgl. Scherb, 2014, S.29.

20 Dewey, John; Schreier, Helmut (1994): Erziehung durch und für Erfahrung. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta (Theoriegeschichtliche Quellentexte zur Pädagogik). S. 112.

21 Vgl. ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668815322
ISBN (Buch)
9783668815339
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444035
Note
1,0
Schlagworte
pragmatismus welche potenziale politische bildung

Autor

  • Michael Müller (Autor)

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