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Rahmenbedingungen für eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft

Am Beispiel von Hans G. Kippenbergs und Kocku von Stuckrads "Einführung in die Religionswissenschaft"

von Michael Müller (Autor)

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Emergenz des cultural turn

Religionsbegriff

Religionsphänomenologie und Religionswissenschaft

Die Anfänge und das Ende

Schluss

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Frage nach dem eigenen Verständnis der Fachdisziplin Religionswissenschaft istmindestens so alt wie die Disziplin selbst. Diese Kontroverse besteht deswegen nochimmer fort, da die damit einhergehenden Folgefragen sowohl die Grundbegriffe desFachs, als auch methodische und methodologische Selbstverständnisse, berühren. Wiedie jüngere Entwicklung der Religionswissenschaft zeigt, deuten die derzeitigenOrientierungen auf eine im Wesentlichen empirisch ausgerichtete Kulturwissenschafthin. Als Beleg dessen dürften wohl auch die kulturtheoretische Ausrichtung zahlreicherreligionswissenschaftlicher Lehrstühle, wie beispielsweise der an der UniversitätBayreuth, dienen. Wie sich eben genannte kulturelle Wende auf das Selbstverständnisdes Fachs auswirkte, soll im Folgenden aufgezeigt werden. Dieses Unternehmen erfolgtvor allem hinsichtlich der Gesichtspunkte Religionsbegriff, Methodik. Da sich einsolches Unterfangen, aufgrund der vorhandenen Datenflut, leicht zu einer ausuferndenÜberschau entpuppen kann, wird diese Einschränkung als hinreichende Bedingung fürdiese Arbeit betrachtet. Der hierbei vertretene Anspruch muss ein bescheidener undkeineswegs ein sich allumfassend erschöpfender sein. Im Folgenden wird die sichdaraus resultierende Engführung insofern realisiert, als die Einführung in die Religionswissenschaft von Hans G. Kippenberg und Kocku von Stuckrad in diesemKontext den oben genannten Begriff ‚Selbstverständnis des Fachs‘ repräsentieren soll.

Fragt man danach, wie sich das eine auf das andere auszuwirken vermochte, in diesemFall die kulturelle Wende auf die Disziplin Religionswissenschaft, sieht man sich vormehrere Problemstellungen versetzt. Denn so liegt es dem Begriff ‚auswirken‘zugrunde, dass dieser eine kausale Beziehung nahelegt. Jedoch wird es diese Arbeitnicht leisten können, solche Beziehung aufzudecken. Dies begründet sich einerseitsdurch die gewählte Methode, die eine deskriptive sein wird und andererseits ebendadurch, dass anstelle eines minutiösen Vergleichs mehrerer beispielsweiseEinführungswerke, lediglich zur Anschauung dasjenige von Kippenberg und Stuckradherangezogen wird. Die Frage, was unter Kausalität verstanden werden kann und fürwen oder was eine derart geartete Untersuchung einen deutlichen Mehrwert einbringenwürde, soll vernachlässigt werden. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass es sich bei den Entitäten und Untersuchungsgegenständen dieser Arbeit ‚Religionswissenschaft‘ und‚kulturelle Wende‘ um analytische Begriffe handelt, deren Definition und Abgrenzungnicht abschließend geklärt werden könnte. Vielmehr soll auf den Vorzug der hiergewählten Methode verwiesen werden, der sich daraus ergibt, einen unverfälschtenretrospektiven, selbstanalytischen und selbstreflektiven Blick zweier imdeutschsprachigen Raum führender Religionswissenschaftler vorliegen zu haben. Diessoll betont werden, um den Standpunkt beider Autoren nicht aus dem Blickfeld geratenzu lassen und dem Kontext Rechnung zu tragen. So war es der Soziologe Friedrich H.Tenbruck, dem auffiel, Religionswissenschaftler gingen davon aus, sie seien bloßeBeobachter1. In diesem Zuge konstatiert auch Hans Kippenberg eine beidseitigeVerflochtenheit von Religion und Religionswissenschaft. „Es waren Wissenschaftler,die aus disparaten Quellen Weltbilder und Normen konstruiert haben“2. Auch inunserem Zusammenhang handelt es sich um keine gegebene Geschichte einer Disziplin.Vielmehr ist davon auszugehen, dass diese durch Wissenschaftler(innen) konstruiertwurde, um ein kohärentes Gefüge zu erhalten. Die Frage, ob dies womöglich ausOperationalisierungsgründen geschah und geschieht oder die Ursachen im Menschenals sinnhaftem Wesen zu suchen sind, soll hier außen vorgelassen werden. Quintessenzdieses Exkurses ist es, darauf hinzuweisen, wie mit Textgattungen wie mit einerwissenschaftlichen Einführung umzugehen zu sei; wenngleich die grobeerkenntnistheoretische Haltung des Autors und seine wissenschaftstheoretischeBeheimatung, die eines kulturtheoretischen Konstruktivismus‘, dadurch ablesbar wird.

Zum eigenen Standpunkt Kippenbergs und Stuckrads bemerken sie im Vorwort, dasssie sich „bald einig [waren], dass sie den Pfaden phänomenologisch orientierterEinführungen nicht mehr folgen könnten“3. Diese dienten in der heutigen Zeit vor allemzur Darstellung der Forschungstradition4. Die Darstellung aktueller Begriffe undTheorien hingegen betreffend, hielten sie es mit Max Webers Grundannahme, „dass esdie Gegenstände sind, die eine wissenschaftliche Disziplin formen, und nichtvorgefasste Theorien und Begriffe, die man lediglich auf neue Fragen anwenden könnte“5. Doch welche Gegenstände sind gemeint? Grundlegend festzuhalten ist, dass sich das ‚landläufige‘ Verständnis dieser von einem wissenschaftlichen insofernunterscheiden, als ersteres vor allem Glaubensanschauungen und Handlungen derGläubigen und deren Innenperspektive umfasst, während sich letzteres als etwasKulturelles verstanden wissen möchte, das sich von anderen (sozial)wissenschaftlichenGegenständen nicht genuin unterscheidet6. Dieser Wandel umfasste neben derReligionswissenschaft die gesamten Kulturwissenschaften und wird von den Autorenals „Die Wendung der Sprachtheorie zur Pragmatik“7 bezeichnet. Demnach würdenSprache und Worte nicht mehr auf eine ihnen unabhängige Wirklichkeit verweisen,sondern erhalten ihren Sinn vielmehr durch ihren Gebrauch. In dieser Zeit der 1960er,70er Jahre erfuhr auch die Handlungstheorie einen kulturellen Wandel. Nunmehr wurdesubjektives Handeln nicht mehr als bloßes „Mittel der Realisation von Zwecken“8 aufgefasst, sondern deren Voraussetzungen als historisch und kulturell identifiziert.Handlungstheorien wurden in der Folge aufgrund derer für sie notwendigen Engführungauf subjektives Handeln kritisiert. Theorien, die den Subjektbegriff negieren, etabliertensich zu dieser Zeit. Dazu zählen beispielsweise Niklas Luhmann, der Kommunikationals Grundeinheit seiner Systemtheorie konzeptioniert oder auch Vertreter derRelationalen Soziologie wie der zeitgenössische Netzwerktheoretiker Harrison C.White. Die Relationale Soziologie wiederum findet ihre Wurzeln auch in Autoren wieKarl Marx, der bereits in seinem Werk ‚Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie‘folgendes bemerkte: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt dieSumme der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen“9.Ebenfalls können Emile Durkheim relationale Gedanken unterstellt werden. In seinem1893 erschienen Werk ‚Über soziale Arbeitsteilung‘ lässt sich der Befund, dieDifferenzierung von Gesellschaften könne nach der Struktur ihrer sozialen Beziehungenund den daraus resultierenden sozialen Prozessen erfolgen, durchaus als ein relationalerAnsatz bezeichnen. In diesem Zuge ist auch Georg Simmel unter dem Schlagwort‚Wechselwirkung‘ zu nennen, welches ihm als grundlegende Letzterklärung von Sozialem diente. Dieser kurze Exkurs zeigt exemplarisch die Traditionslinien einzelner Wissenschaftsbereiche auf.

Emergenz des cultural turn

Die beiden Autoren stellen in der Folge fest, dass der cultural turn zu einer Zeitemergierte, zu der Kulturprobleme wieder ins allgemeine öffentliche Bewusstseingeraten seien10. Diese Aufbruchsphase in der Religionswissenschaft wurde durch dasWerk Samuel P. Huntingtons C lash of Civilizations befeuert. Darin wird Religion einetragende, und zum Teil als in der Öffentlichkeit beängstigend wahrgenommene, Rollezuteil. Mit diesem Entwicklungsstrang ginge nicht nur die Beunruhigung über ‚dieneuen Religionen‘ einher, sondern auch das Erfordernis einer disziplinärenNeuausrichtung. Der zuvor etablierte Status Quo war davon geprägt,Glaubensanschauungen „zu zeitresistenten eingängigen Kategorien - etwa dem Glaubenan geistige Wesen - [zu verdichten]“11. Daraus folgte, dass die Phänomenologie, eineSchule der Religionswissenschaft, menschliches Erleben und die Disziplin selbst alsetwas Autonomes betrachtete. Es erfolgte eine Konzentration auf das ‚Wesen‘ derReligion. Dabei wurden Begrifflichkeiten und Methoden anderer Wissenschaften, wieder Soziologie und Psychologie, negiert und harsch zurückgewiesen, da sie eine„unzulässige Reduktion“12 des Gegenstandes darstellen würden und dem selbst erklärtenZiel, ‚das Wesen der Religion‘ untersuchen zu wollen, entschieden konträr liefen.Kippenberg und Stuckrad beschreiben die Folge dieser Ausrichtung als eine Art‚Glättung‘ des Gegenstandes. Demnach bildete sich ein Beschreibungsmodell aus, dasIrritierendes, vermeintlich Irrationales und Unerklärliches als solches benannte und ausdem Gegenstand ‚Religion‘ auszuklammern vermochte. Dazu zählten beispielsweiseidealisierte Vorstellungen von Gewalt oder irritierende Ideen über sexuelle Unreinheit13.All dies wurde zugunsten des Ziels, das zeit- und kontextunabhängige Wesen derReligion zu ergründen, in Kauf genommen. Es wird an dieser Stelle ersichtlich, wie engdas Selbstverständnis von Religionswissenschaft mit der Auffassung ihres eigenen Gegenstandes verflochten ist. Deswegen war es nur folgerichtig, dass mit dem Wandel des ersteren auch eine Veränderung des zweiten einherging. So hat es sich in der Religionswissenschaft eingebürgert, Arbeitsdefinitionen von Religion zu konzipieren, die ihre Gültigkeit zunächst nur im Rahmen der vorliegenden Arbeit entfalten und somit als etwas Analytisches zu betrachten sind. Kippenberg und Stuckrad nennen für ihre Arbeitsdefinition folgende Kriterien14:

1. Ein Religionsbegriff muss ein Begriff sein, welcher von der Wissenschaftverwendet wird und nicht von den Gläubigen.
2. Wissenschaftler haben Religionen konstruiert, und zwar unterschiedlich.Beispielsweise als Glaube an geistige Wesen oder als Erleben des Unendlichen.
3. Religionswissenschaft darf und kann sich nicht hinter die unter Punkt 2 genannteKonstruktion bewegen, also keine Wahrheitsaussagen treffen.
4. Das Verhältnis des Menschen zur Welt ist vieldeutig und voller Ungewissheit.Wissenschaftliche Definitionen beschreiben aus kulturwissenschaftlicher SichtAkte der Erzeugung von Gewissheit und Sinn: sowohl in intellektueller als auchin moralischer Hinsicht.

Religionsbegriff

Der erste Punkt betrifft den Religionsbegriff und bezeichnet damit gleichzeitigdasjenige, wovon ausgegangen wird, Religionswissenschaft solle es untersuchen.Dadurch, dass sich nicht mehr das Vokabular der von Religion betroffenen Menschenzu eigen gemacht wird, gewinnt Religionswissenschaft an Distanz. Es stellt eine gewisseVerkürzung dar, von ‚Gläubigen‘ zu sprechen, da religiöse Begrifflichkeiten und‚Religion‘ selbst längst in den allgemeinen Wortschatz diffundiert sind und andererseitseine Berührung mit dem, was viele als ‚Religion‘ bezeichnen würden, auch ohne denGlauben an dasjenige erfolgen kann. Darüber hinaus sei angemerkt, dass zwar dieVerwendung eines anderen Begriffs beansprucht wird und dies in der Wissenschaft auchdurch beispielsweise Arbeitsdefinitionen, die sich vom Alltagsverständnisunterscheiden, realisiert wird; der Begriff ‚Religion‘ jedoch derselbe geblieben undsogar im Namen der Disziplin fest verankert ist. Die Frage muss also gestellt werden, ob es nicht konsequent wäre, vom Begriff ‚Religion‘ gänzlich abzuweichen, auf ihn zu verzichten, wenn doch sowieso etwas vom Mehrheitsverständnis desselbenAbweichendes untersucht werden soll. Dient der rudimentäre Begriff ‚Religion‘ imreligionswissenschaftlichen Diskurs also vorzugsweise als Kommunikationscode zurVerständigung in der wissenschaftlichen Community und außerhalb derer in ‚derÖffentlichkeit‘? Falls diese Frage nicht entschieden verneint werden kann, stellt sich dieFrage: Cui bono? Geht man davon aus, dass der Begriff ‚Religion‘ als einKommunikationscode zur Verständigung und Positionierung dient, um relativeStabilität und Sicherheit herzustellen, auf was sonst verweist er, wenn nicht auf einMehrheitsverständnis von ‚Religion‘, von dem sich Wissenschaft ja gerade distanzierenmöchte? Schließlich handelt es sich dabei um keinen eindeutigen, sondern um einen inhöchstem Maße schillernden, vieldeutigen Begriff. Zu was sonst dient also dieser nochimmer vorhandene Verweis, als zum Verweis auf ein allgemeines Mehrheitsverständnisvon Religion, obwohl Religionswissenschaft ja gerade dieses zur Selbstkonstituierungnicht benötige? Nichtsdestoweniger steht fest, dass durch das Festhalten an diesemanscheinenden Kernbegriff Missverständnisse vorprogrammiert sind, wennReligionswissenschaft Thema öffentlich ausgetragener Diskurse ist.

[...]


1 Vgl. Kippenberg (2001): S. 264.

2 Ebd.

3 Kippenberg, Stuckrad (2003): S. 7.

4 Vgl. ebd.

5 Ebd. S. 8.

6 Ebd. Vgl. S. 11.

7 Ebd.

8 Ebd. S. 12.

9 Marx (1958): S. 176.

10 Vgl. Kippenberg (2001): S. 12.

11 Ebd. S. 13.

12 Ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd. S. 14.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668811560
ISBN (Buch)
9783668811577
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444036
Note
1,0
Schlagworte
rahmenbedingungen religionswissenschaft beispiel hans kippenbergs kocku stuckrads einführung

Autor

  • Michael Müller (Autor)

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Titel: Rahmenbedingungen für eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft