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Die chinesische Netzwelt im Kontext der Kultur

Beschaffenheit des digitalen Raums als Folge kultureller Bedingungen und Forderungen

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Das Internet im nationalen Kontext

2. Theoretische Grundlagen und Methodik

3. Beschaffenheit des Internets mit Kultur-Merkmalen 7
3.1 Demographie und Infrastruktur 7
3.2 Kontrolle und Regulierung 8
3.3 Nationale Beschaffenheit der Cybersphäre 10
3.4 Inhaltsangebot und Nutzungsweise

4. Konklusion und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

“China has had a long and complex history and has managed to evolve its own culture for 4,000 years. It therefore not necessarily true that we know exactlywhat is best for the internal structure of China.”

- Henry A. Kissinger

1. Einleitung - Das Internet im nationalen Kontext

Die Medienlandschaft der Volksrepublik China wurde in ihrer Entwicklung stark durch die kommunistische Partei (KPCh) geprägt. Aufgrund der alleinigen politischen Entscheidungskraft und dem autoritären Ansatz des Staates beeinflussen Eingriffe und Regulierung den Medienmarkt und seine Inhalte bis heute deutlich (vgl. Abels 2006: 81). Das Aufgabenverständnis der Massenmedien gilt in erster Linie der ideologischen Kontrolle und der Erziehung des Volkes im Sinne der KPCh (vgl. Abels 2006: 117).

Presse, Rund- und Hörfunk, wie auch Internet wuchsen im Rahmen strikterRegulierung und Einschränkung, anstelle von freien Marktmechanismenheran. So paradox es scheinen mag, entwickelten sich die nationalen Medieninnerhalb dieses Klimas doch divers und vielfältig (Hediger 2007: 5) undMedien- sowie IT-Branche sind mittlerweile die am stärksten wachsendenMärkte der Nation. Erklärbar ist dieser Widerspruch durch die sukzessiveUmsetzung einer Form der “sozialistischen Marktwirtschaft”: Die Regierungüberließ dem privaten Mediensektor bis heute zunehmend Freiheiten zurKommerzialisierung und ökonomischen Entfaltung - jedoch ohne jedoch ihrenAnspruch auf absolute Kontrolle und Informationssicherheit zu widerrufen.

Seit 2008 verfügt die Volksrepublik China über die weltweit meisten Internetnutzer. Unter dem prunkvollen Namen “goldene Projekte” (j ī nz ì g ō ngch é ng) formulierte die Regierung bereits frühzeitig Ziele denen das neue Medium dienen sollte. Einerseits sollten so Potenziale zur Entwicklung der nationalen Wirtschaft, andererseits Möglichkeiten zur Gewährleistung der nationalen öffentlichen Sicherheit genutzt werden.

Das Resultat der folgenden Jahre: Chinesische Online-Unternehmen florierten,gleichzeitig wurden Überwachungs- und Filter-Software sowie Regelungen zurInternetzensur umfassend implementiert. Diese speziellen Umstände habenihre Früchte getragen und das chinesische Internet mit seinen Bewohnern zueinem Medium mit nationalen Eigenschaften und einzigartiger Kultursphäreheranwachsen lassen.

Seit der Präsidentschaft von Xi Jinping ab 2013 wurden Kontrolle und Zensur vor Allem im Online-Bereich durch mehrere Gesetzesverabschiedungen, wie dem Verbot des “Streuens von Gerüchten”, weiter verschärft und das pardoxe Gefüge aus wirtschaftlicher Orientierung und staatlicher Reglementierung weiter gefordert. Es stellt sich die Frage, worin diese besonderen Voraussetzungen begründet liegen. Die Arbeit wirft einen Blick auf die kulturellen Bedingungen und überprüft ob diese sich in der Entwicklung und Beschaffenheit des chinesischen Internets wiederfinden.

2. Theoretische Grundlagen und Methodik

In einer etischen Kulturbetrachtung sollen spezifische Merkmale des Internetsin China betrachtet und auf Kennzeichen kultureller Eigenschaften überprüftwerden. Es wird in dieser Arbeit vom Modell des erweiterten Kulturbegriffsausgegangen. Kultur wird in Folge nicht als in verschiedenen Gradenbesitzbares Gut verstanden, sondern als allseits anwesende Summe vonMerkmalen, geprägt durch unterschiedliche Bereiche der Lebenswelt vonIndividuen oder Gruppen. Besagte Merkmale setzen sich in Form von gemeinsamen Verhaltensweisen, Werten, Motiven und Einstellungen zusammenund gelten folglich als Kulturprodukte (vgl. Keller 1982: 114ff). Diese erfülleneine Orientierungsfunktion, an der soziale Gruppen sich ausrichten. DesWeiteren wird die Auffassung konstruktivistischer Kulturentwicklung vertreten; Kultur manifestiert sich erst durch vielschichtige Entstehungsprozesse (“Enkulturation”) und Rahmenbedingungen innerhalb der erfahrbaren Lebenswirklichkeit.

Obgleich die Betrachtung einzelner Kultur-Sphären in einer sich stetig globalisierenden Welt und grenzübergreifenden kulturellen Einflüssen zunehmend schwierig wird, sind nichts desto trotz nationale Kulturmerkmale feststellbar. So bezeichnet Hofstede nationale Kultur als die „kollektive Programmierung des Geistes, die durch das Aufwachsen in einem bestimmten Land erworben wird“. Wie auch Kultur selbst, stellen Nation und nationale Identität künstlich geschaffene Konstrukte dar.

Auch die Nation als politisch-geographisches Gefüge hält kulturbildendeFaktoren wie Sprache, Historie - insbesondere dem Umgang mit dieser -, Wertvorstellungen, Bildungssystem und Konsummuster, vor Allem im Sinne verfügbarer und angebotener Massenmedien inne (vgl. Hansen 2011: 12). Durchdie gesellschaftliche Wahrnehmung und Verwurzelung national bedingterEigenschaften, werden diese zugleich realer Teil der kollektiven Kulturebene.Die politische Orientierung der KPCh wird häufig als “Sozialismus mitchinesischen Attributen” beschrieben. Bereits im Wortlaut ist das Attribut derNation vertreten und tritt entgegen anderer sozialistischer Systeme nicht fürein stellvertretendes Klassensystem in den Hintergrund. Unter dem Begriff chinesischer, beziehungsweise nationaler Kultureigenschaften werden folgendhauptsächlich Geert Hofstedes Ergebnisse zu den Kulturdimensionen Chinas, sowie die nationalen Kulturstandards (siehe Thomas 1996: 112) nach Yong/Kammhuber (2003: 171f) und Alexander Thomas vereint:

Quantitative Auslegung der chinesischen Kulturdimensionen:

- Hohe Machtdistanz
- Niedriger Individualismus
- Relativ hohe Maskulinit ä t
- Niedrige Unsicherheitsvermeidung
- Hohe Langzeit-Orientierung
- Niedrige Genussorientierung

Zusammenstellung und Charakterisierung chinesischer Kulturstandards :

- Soziale Harmonie: Konfliktvermeidung, enge Zusammenarbeit, Kompromissbereitschaft und Einbindung von Individuen in eine Gemeinschaft
- Hierarchie: Respekt vor Autorität, Rollenzuweisungen und bereitwillige Einräumung von Privilegien
- Gesicht wahren: Bewahren von beidseitiger Würde und Ansehens, Zollen von Respekt, Zurückhaltung von Kritik
- Guanxi / Nei-Wai (Gruppenorientierung):Identitätsstiftende Rolle sozialer Gruppen, ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl und Loyalität

Als Subkategorie der Nationalkultur werden unter dem gewählten Begriff der Regierungskultur folgend zudem Wertvorstellungen im Sinne von Ideologien, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen verstanden, die seitens der Regierung,respektive der KPCh vertreten werden. Diese setzt sich aus der Gruppe derParteimitglieder und Beamten zusammen, welche unter dem Schirm desStaates die gleichen Motive und Wertvorstellungen nach außen tragen und alsEinheit handeln.

Anstelle von realer, innerhalb der Bevölkerung beobachtbarer Kultursoll die Regierungskultur eine von der Staatsführung angezielte, ideelleKulturvorstellung bezeichnen. Aufgrund vielschichtiger Maßnahmen derRegierung und der Legitimation der Erziehung des Volkes zu dienen, färbtdiese Kulturvorstellung mit ihren Merkmalen womöglich auf dieNationalkultur ab. Diese These wird als Teil der Arbeit behandelt.Charakterisierbar ist die Regierungskultur anhand von Ausführungen in Gesetzgebung, sozialistischen Richtlinien, sowie Aussagen von Regierungsbehörden und -persönlichkeiten.

Es wird die Beschaffenheit der Online-Sphäre in China bezüglich Faktoren wieNutzerverhalten, Inhaltsangebot, sowie wirtschaftlichen und politischenBesonderheiten untersucht und erklärt. Anschließend sollen festgestellteMerkmale dahingehend überprüft werden, ob ihnen - nationale oderregierungsseitige - kulturelle Bedingungen oder Funktionszuweisungenzugrunde liegen, sie durch solche gefördert werden oder ihnen garwidersprechen.

3. Beschaffenheit des Internets mit Kultur-Merkmalen

3.1 Demographie und Infrastruktur

Mit 1,37 Milliarden Einwohnern stellt die Volksrepublik China das bevölkerungsreichste Land der Erde dar. Internetzugang erreicht in China trotz dem hohen Technisierungsgrad der Nation lediglich eine Penetration von 52,2 % (Internetlivestats.com, Stand: Januar 2017).

Die Gründe für diese Quote sind wohl in den infrastrukturellenUngleichheiten zwischen städtischen und ländlichen Regionen zu finden (vgl.Zhang 2011: 1f). So erreicht die Internetpenetration in Ballungszentren wieBeijing, Shanghai oder Guangdong über 70 %, in ländlichen Gegenden hingegenknapp unter 40 %. Aufgrund der hohen Bevölkerungszahl stellen chinesischeInternetnutzer dennoch einen weltweiten Anteil von circa 21% dar, und somiteine riesige, auch international relevante Zielgruppe. Mit etwa 83% mobilerNutzung hat das Smartphone den Desktop-PC (circa 70 %) bereits überholt(Schmatzberger et al 2015: 4). Der durchschnittliche chinesische Netizen iststatistisch somit etwa 20 Jahre alt, studiert in einer Metropolstadt und istvorzugsweise mit dem Smartphone online.

In China wird im sozialen, sowie wirtschaftlichen Rahmen häufigzwischen zwei Gruppen an Internetnutzern unterschieden, gemessen anOnline-Affinität, Internetumgang und sozialem Status. Die “Grassroots”[sinnbildlich: Bevölkerungsbasis] repräsentieren dabei die Novizen desInternets. Charakterisiert werden sie durch niedrigeren Bildungs- undBerufsstand - vergleichbar mit der Arbeiterklasse (Blue-Collar-Workers) - meistsesshaft in kleineren Städten oder Dörfern und mit einem verhältnismäßigniedrigem Anspruch an Onlineangebote. Grassroot-Nutzer machen dabei dengrößten Anteil chinesischer Internetnutzer aus. Auf der anderen Seite stehendie “Baifumei” [übersetzt: gutaussehend und wohlhabend] mit akademischemBildungsgrad, hohem Einkommen und selektiver, versierter Online-Nutzung(siehe Zhang 2012: 2f).

Obwohl die Grenzen beider Gruppen in Folge von Lernprozessen,erschwinglichen Endgeräten und sich angleichendem Einkommenverschwimmen, ist die praktische Anwendung dieser Unterscheidung dennochAusdruck von kulturellen Eigenschaften. Bezeichnung und Kategorisierung nach sozialem Stand weist auf hierarchische Strukturen hin, bemessen nach Wertvorstellungen. Der Aspekt der Gruppenorientierung kommt im Sinne einer zweigeteilten sozialen Kategorisierung mit jeweiliger Rollenzuteilung bereits schemenhaft zum Tragen.

3.2 Kontrolle und Regulierung

Als die Kommerzialisierung des Internets Anfang der 90er Jahre ins Rollen kam, übernahm der chinesische Staat die Einrichtung der nationalen Anbindung. Mit eigenem Haupt-Rechnernetz (Backbone) verfügt die Regierung somit bis heute über die technischen Mittel Bandbreite und Datenverkehr in und aus China heraus zu steuern und indirekt zu überwachen.

Auf erste Bestimmungen zur Kontrolle des Internet 1996 folgte die Gründung des Ministeriums für Informationsindustrie (X ì nx ī Ch ǎ ny è b ù) und weiterer Autoritäten welche mit der Regulierung verschiedener Faktoren des Internets betreut wurden. So ist heute eine Vielzahl von Institutionen und Behörden für Fragen der Zulassung, Sicherheit, Kontrolle und des Informationsangebots im Online-Bereich zuständig.

Nach und nach wurden vorhandene Netze unter Auflagen und Lizenz-Voraussetzungen auch privaten Providern überlassen(vgl. Chen 2008: 9). Ebenso wie Seitenbetreibern wurde diesen jedoch eine redaktionelle Verantwortung für angebotene Inhalte übertragen. Angebotene Inhalte umfassen hierbei nicht nur eigens erstellten Content, sondern auch von Kunden und Nutzern eingestellten Content, beispielsweise in Form von Beiträgen in Social-Media-Kanälen.

In Folge moderieren Seiten- und Netzprovider neben staatlichenInstitutionen zusätzlich selbst ihr Inhaltsangebot - Kontrolle und Regulierungwerden somit dezentralisiert und in ihrer Effektivität gesteigert. DieKooperation privater Unternehmen mit staatlichen Institutionen verläuftneben obligatorischen auch auf freiwilligen Ebenen. Dies geschieht in Formvon Solidaritäts-Vereinbarungen, in welchen Wirtschaftsunternehmen dieEinhaltung von normkonformen Richtlinien garantieren. Die Teilnahme ansolchen verbildlicht die Ausprägung an Loyalität und Akzeptanz gegenüber derAutorität. Die entstehende Abhängigkeit und Privilegierung bezüglich derObrigkeit kann als Symptom hoher geltender Machtdistanz betracht werden.

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Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668812390
ISBN (Buch)
9783668812406
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444166
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
netzwelt kontext kultur beschaffenheit raums folge bedingungen forderungen

Autor

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Titel: Die chinesische Netzwelt im Kontext der Kultur