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Identitätsspiele. Zinaida Gippius und der russische Symbolismus

Seminararbeit 2017 20 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ästhetik und Poetik des Symbolismus

3. Zinaida Gippius (1869-1945)
3.1 Biografie
3.2 Rezeption

4. Identitätsspiele und "Gender Trouble"
4.1 Androgynität
4.2 Liebe
4.3 Sexualität

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

The goal of [Gippius'] mystification [...] was to deflect attention away from herself. She hid or concealed her true face under different masks so that no one would guess or find out who she was or what she wanted [...].1

Zinaida Gippius, die sowohl als Dichterin, aber auch für ihre Prosatexte und Memoiren bekannt ist, war, ebenso wie ihr Ehemann Dmitrij Merežkovskij, eine wichtige kulturelle Persön­lichkeit in Petersburg und wird generell als die treibende Kraft des Künstlerpaars betrachtet. Bei der Lektüre des Werkes Gippius' ergibt sich häufig die Frage nach der Verneinung des weiblichen Geschlechts und/oder einer androgynen Veranlagung der Autorin. So gibt es in ihren Gedichten in den meisten Fällen ein männliches lyrisches Ich; sie benutzte außerdem männliche Pseudonyme und spielte im Allgemeinen mit Fragen der Geschlechtsidentität. Die Selbstinszenierung des Künstlers, so wie auch Gippius sie betrieb, war dabei ein prägender Teil des Symbolismus:

Ein Genre, das der Symbolismus so pointiert wie keine Stilepoche vor ihm kultiviert hat, ist die Selbstinszenierung des Künstlers oder des Dichters.2

In der vorliegenden Arbeit sollen einleitend die wichtigsten Grundlagen zum Symbolismus in Russland dargelegt werden. Nach einem Überblick zu Gippius' Biografie und der (teils in hohem Maße sexistisch anmutenden) Rezeption ihres Werkes und vor allem ihrer Person wird näher auf die Themen Androgynität, Liebe und Sexualität in den Werken Gippius' eingegangen.

Die dieser Arbeit zugrunde liegende Sekundärliteratur fokussiert sich auf deutsch- und vor allem auf englischsprachige Beiträge. Eine umfassendere Behandlung der religiös-intellektu­ellen Überlegungen und Thesen Gippius' würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, weswegen hierauf nicht näher eingegangen wird.

2. Ästhetik und Poetik des Symbolismus

In der Mitte der 1890er Jahre wurden im Symbolismus die innovativen Tendenzen der post­realistischen Moderne gebündelt. Der Gegenstand der Kunst war dabei die Transzendenz, das eigentliche Sein. Dmitrij Merežkovskij (1865-1941), Symbolist und Ehemann von Zinaida Gippius, definierte die drei Hauptelemente der neuen Kunst wie folgt: der mystische Inhalt, die Symbole, sowie die Erweiterung der künstlerischen Empfänglichkeit. Im Mittelpunkt seiner Romane standen große Gestalten, gezeigt in den geistig-religiösen Spannungen ihrer Zeit.3

Valerij Brjusov definierte das Ideal der symbolistischen Kunst wie folgt: "[D]as dichterische Werk [ist] in seinem Ideal so beschaffen, daß es nur dem Autor zugänglich [ist] [...]."4 Dieses Diktum gelte, so Lauer in seiner Geschichte der russischen Literatur, für einen Großteil der symbolistischen Dichtung überhaupt.

Der Symbolismus kann dabei – und zwar primär inhaltlich und nicht zeitlich differenziert – in zwei Phasen bzw. Generationen aufgeteilt werden: Die ältere, mystisch-idealistische Vari­ante (vertreten z. B. durch Nikolaj Minskij, Merežkovskij und Gippius, Konstantin Bal'mont und Fëdor Sologub), die sich seit 1891 in der Petersburger Zeitschrift Северный вестник (Der nördliche Bote)5 artikulierte und dem französischen, dekadenten Symbolismus näher stand, welcher wiederum den ästhetisierenden Aspekt der symbolistischen Kunst betonte:

[Es] wird das primär Ästhetische, der absolute Kunst- und Gestaltungswille, der Panästhetismus hervorgehoben, der sich alle Erscheinungen des geistigen und materiellen Lebens unterwirft. Aber das Dekorative ist nur die Hülle, unter der die Abgründe und der Schrecken des Fin-de-siècle-Empfindens verborgen werden.6

Die jüngere Ausprägung des Symbolismus (vertreten z. B. durch Aleksandr Blok und Andrej Belyj) profilierte sich unmittelbar nach der Jahrhundertwende, war gekennzeichnet durch religiöse Ideen und beeinflusst durch die sophiologischen Überlegungen in den Werken Vladimir Solov'ëvs.

Laut Schuler war der russische Symbolismus dabei "occasionally misogynist" und "relatively masculinist"7. Gleichwohl wären in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in diesem "intensely patriarchal milieu"8, und das unabhängig von ihrem Geschlecht, ohnehin nur wenige Menschen in den Genuss von Bürgerrechten gekommen:

[A]lthough a Russian feminist movement, based on British and American models, existed in the latter half of the nineteenth century, for several reasons its influence, at least in terms of tangible political reform, was negligible[.] [...] [R]egardless of sex, few of the tsar's subjects enjoyed civil rights.9

Gippius und ihr unkonventionelles Verhalten waren dabei für Pachmuss typisch für die "einzigartige" Atmosphäre in Russland in der Zeit um die Jahrhundertwende:

Her intentional violation of the canons of established traditions and her attempts at reevaluation were [...] typical of the unique atmosphere which prevailed in Russian literature of the 1890's and early 1900's.10

3. Zinaida Gippius (1869-1945)

3.1 Biografie

Hippius herself explained [...] that she wanted to write poetry not just as a woman but as a human being, "kak chelovek, a ne tol'ko kak zhenshchina."11

Zinaida Nikolaevna Gippius, die "bedeutendste Dichterin im Kreis der Symbolisten"12, einer der "guiding spirits of the entire Symbolist movement"13, eine "dekadente Dichterin par ex­cellence"14, eine von "three Russian women poets who should be a source of national pride"15 wurde am 8. November 1869 in Belëv geboren. Nach dem frühen Tode ihres Vaters im Jahre 1881 wuchs sie hauptsächlich unter Frauen (drei jüngere Schwestern, Mutter, Tante, Groß­mutter mütterlicherseits und ihre njanja Dar'ja Pavlovna Sokolova)16 auf.

Auch aufgrund einer großen Anzahl an Umzügen war ihre Schulkarriere recht turbulent.17 Gippius entwickelte im Laufe ihrer schulischen Bildung eine Vorliebe für Klassiker der russischen Literatur, insb. Dostoevskij18, und entwickelte schon in jungen Jahren eine "con­scious tactlessness for which she later became infamous"19.

Das erste Treffen mit ihrem zukünftigen Ehemann Merežkovskij fand im Mai 1888 in Boržom20 statt. Ein Jahr später heirateten die beiden in Tiflis in einer betont einfachen Zere­monie. Matich beschreibt die Anziehungskraft Merežkovskijs auf Gippius wie folgt:

She felt that he was more intelligent and better educated than she; these realizations made him very attractive to her. In 1889 the Merežkovskijs were married in Tiflis in an intentionally simple ceremony, since both were against all Church rituals.21

Die Ehe, die von 1889 bis zum Tode Merežkovskijs im Jahre 1941 anhielt, wurde dabei regel­mäßig als "außergewöhnlich", "seltsam" oder auch als überhaupt nicht "vollzogen"22 bezeichnet – und doch hielt die Ehe 52 Jahre an:

Zlobin writes that Merežkovskij and Gippius were created for each other, although not in the usual romantic sense. Their strange married life was salvation for both. "Why, we are one and the same being,", wrote Gippius after his death. In spite of this closeness, it is well known that the Merežkovskijs quarreled endlessley as a result of intellectual disagreements.23

Dabei führte das Ehepaar Gippius-Merežkovskij ab 1892 bis zu ihrer Emigration nach Paris eine "on-and-off" Ménage-à-trois mit Dmitrij Filosofov (1872-1940), einem "confirmed homosexual"24, den sie auf einer Italienreise kennengelernt hatten25 und der regelmäßig Artikel in der von Gippius und Merežkovskij geprägten Zeitschrift Новый путь (Der neue Weg) veröffentlichte. Eine Dreierbeziehung bzw. "außereheliche Beziehungen", sowohl hetero- als auch homosexueller Natur, an sich seien dabei in symbolistischen Kreisen nichts Ungewöhn­liches gewesen:

[...]


1 Georgij Adamovič, zit. nach Matich, Reading Zinaida Gippius, S. 625 f.

2 Ebert, Die symbolistische Inszenierung, S. 25. Vgl. auch ebd., S. 27: "Zinaida Gippius gilt als eine feinsinnige Dichterin des Fin de Siècle in Rußland, mehr aber noch machte sie Furore als Meisterin ihrer ebenso grandiosen wie umstrittenen Selbstinszenierung, die selbst die an die exzentrische Naturen gewöhnten Zeitge­nossen das Staunen und Entsetzen lehrte."

3 vgl. Lauer, Geschichte der russischen Literatur, S. 455-459.

4 Lauer, Geschichte der russischen Literatur, S. 457.

5 Vgl. Rosenthal, The Silver Age: Highpoint for Women?, S. 36.

6 Ebert, Die symbolistische Inszenierung, S. 25.

7 Schuler, Zinaida Gippius, S. 132. Vgl. hierzu auch Schuler, Zinaida Gippius, S. 137: "A cursory glance at Russian modernism suggests that, although using the rhetoric of inclusiveness, modernism was a movement dominated by men and governed, therefore, by what might now be called 'masculinist aesthetics.' Women were not absent from Gippius's circle, but she tended to surround herself with male colleagues and her flirtation with physical androgyny was, for the most part, male identified." Vgl. zur "male tradition" auch Forrester, Wooing the Other Woman, S. 108 und Rosenthal, The Silver Age: Highpoint for Women?, S. 34.

8 Schuler, Zinaida Gippius, S. 132. Vgl. zur Frage nach "female voices and female self-empowerment" bei den Frauenfiguren Gippius' de Sherbinin, "Haunting the Center", S. 738 f.

9 Schuler, Zinaida Gippius, S. 133.

10 Pachmuss, Zinaida Hippius, S. 15.

11 Pachmuss, Zinaida Hippius, S. 17. Vgl. hierzu auch Forrester, Wooing the Other Woman, S. 108, Schuler, Zinaida Gippius, S. 137 und Taubman, Women Poets, S. 172: "Her phrase 'not just as a woman' reveals the extent to which Gippius understood (and internalized) the values of her time: The female voice was not considered sufficiently authoritative for the weighty philosophical and religious questions she addressed in her poetry."

12 Lauer, Geschichte der russischen Literatur, S. 463. Vgl. zum Stellenwert Gippius' in der symbolistischen Dichtung auch Pachmuss, Zinaida Hippius, S. 5: "Among the early Symbolists with distinct metaphysical leanings probably the most remarkable was Zinaida Hippius, who deserves to the recognized as one of the most significant and influential creative artists of the Silver Age in Russian belles-lettres." sowie ebd., S. 17: "It is because of Zinaida Hippius' place as one of the great central figures in the Russian Silver Age that her work has great historical and literary significance in our time." Vgl. auch McCormack, Images of Women, S. 63: "Simon Karlinsky describes her influence, saying that she was 'one of the main initiators of the poetic renaissance known as Russian Symbolism, the originator of the verse forms and thematic concerns that helped shaped the poetics of Alexander Blok, Andrei Bely, and numerous other poets.'"

13 Karlinsky, Introduction: Who Was Zinaida Gippius?, S. 1.

14 Ebert, "Die Seele hat kein Geschlecht", S. 53.

15 Rosenthal, The Silver Age: Highpoint for Women?, S. 36. Die anderen beiden genannten Dichterinnen sind Karolina Pavlova und Mirra Lochvitckaja.

16 Vgl. Matich, The Religious Poetry, S. 10 f. und Taubman, Women Poets, S. 175. Taubman sieht Gippius' Aufwachsen unter Frauen als einen möglichen Grund für den "shock of confrontation with patriarchal Russian reality an".

17 Vgl. Rosenthal, The Silver Age: Highpoint for Women?, S. 34.

18 Vgl. Karlinsky, Introduction: Who Was Zinaida Gippius?, S. 4, S. 17, Pachmuss, Zinaida Hippius, S. 5, Presto, Reading Zinaida Gippius, S. 634 und Schuler, Zinaida Gippius, S. 136. Laut Schuler übte Dostoevskij den "strongest influence on her early work" aus.

19 Matich, The Religious Poetry, S. 12.

20 Vgl. Matich, The Religious Poetry, S. 12 und Matich, Erotic Utopia, S. 162.

21 Matich, The Religious Poetry, S. 12.

22 Vgl. Karlinsky, Introduction: Who Was Zinaida Gippius?, S. 4: "They lived together, inseparably, for the rest of their lives, in a fraternal, apparently never-consummated marriage which was an intellectual partnership more than anything else."

23 Matich, The Religious Poetry, S. 13.

24 Matich, Erotic Utopia, S. 193. Vgl. auch Matich, Androgyny and the Russian Silver Age, S. 45. Matich beschreibt an dieser Stelle Gippius als "either bisexual or frigid". Für Karlinsky war die Beziehung Gippius' zu Filosofov eine "amour impossible", da dieser "unattainable" für sie war. Karlinsky, Introduction: Who Was Zinaida Gippius?, S. 3.

25 Vgl. Karlinsky, Introduction: Who Was Zinaida Gippius?, S. 11-14.

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668828568
ISBN (Buch)
9783668828575
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444452
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
Russland Symbolismus Zinaida Gippius Hippius Avantgarde Androgynität Identität weibliche Literatur

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Titel: Identitätsspiele. Zinaida Gippius und der russische Symbolismus