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Ivan Gundulićs "Osman". Dubrovnik zwischen Adlern und Drachen

Seminararbeit 2017 12 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dubrovnik

3. Ivan Gundulić (1589-1638)

4. Osman
4.1 Entstehung und Handlung
4.2 Adler und Drachen

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

I examined Gundulić's use of Polish and Ottoman (Turkish) histories respec­tively, and concluded that there is no difference in his treating of both: he had a very good, not to say excellent, knowledge of both. Where he departed from the truth, he did so for purely poetic reasons.[1]

Über den kroatischen Dichter des Barock Ivan Gundulić (1589-1638) ist nur sehr wenig bekannt. Sein Epos Osman gilt nicht nur als sein bedeutendstes Werk, sondern auch als das slavische Epos überhaupt.

Osman erzählt von dem tragischen Untergang und Tod des jungen Sultans Osman II. nach seiner Niederlage gegen den polnischen Königssohn Władysław anlässlich der Schlacht von Chotyn (pl. Chocim) während des Kampfes der Polen und Kosacken gegen die Osmanen im 1. Osmanisch-Polnischen Krieg, der von 1620 bis 1621 andauerte.

In der vorliegenden Arbeit sollen einleitend die wichtigsten Grundlagen zur historischen Situation in Dubrovnik/Ragusa zu Zeiten Ivan Gundulićs dargelegt werden. Nach einem Überblick zu Gundulićs Biografie wird eine kurze Übersicht zu Osman gegeben sowie auf die Motivik von "Adler und Drache" zur Bezeichnung der beiden Kriegsparteien (Polen und Türken bzw. Osmanen) eingegangen.

Ein umfassenderer Vergleich mit dem vom italienischen Dichter Torquato Tasso (1544-1595) verfassten Epos La Gerusalemme liberata, nach dem Osman zum Teil modelliert wurde und mit dem es gewisse Ähnlichkeiten hat, sowie eine genauere Beschäftigung mit der Frage, inwiefern und inwieweit Gundulić als (früher) Vertreter des Panslavismus einzuschätzen ist, würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, weswegen hierauf nicht näher einge­gangen wird.

2. Dubrovnik

[Dubrovnik] was a city-state that had been a part of the Byzantine (to 1205), and Venetian (1205-1358) empires, and subject to the protection of the Croato-Hungarian kings (1358-1526), and finally a tributary of the Ottoman Empire (1458-1808) itself.[2]

Die dalmatische Stadt Dubrovnik (ital. Ragusa) musste im Jahre 1205 die Vorherrschaft Vene­digs anerkennen. Dabei waren die Gegensätze zwischen Venedig und Dubrovnik deutlich: Ve­nedig als Vertreterin des Westens (katholisch, römisch) einerseits, Dubrovnik als Vertreterin des Ostens (orthodox, byzantinisch) andererseits.[3] Für Zlatar entwickelte sich Dubrovnik zwar zu einer "smaller replica of Venice"[4], die Stadt sei dennoch eindeutig dem Balkan zuge­hörig gewesen.[5]

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatten sich auf dem Balkan die rivalisierenden Staaten Bosnien und Serbien "on the ashes of the Byzantine Empire"[6] etabliert, wobei die venezische Herrschaft Dubrovnik vor einer Annektion durch Serbien bewahrte. Im 14. und 15. Jahrhundert kam es dabei immer wieder zu osmanischen Eroberungen im Balkan; im Jahre 1358 musste Venedig Dubrovnik und die adriatische Küste letztlich aufgeben, welche in Folge durch das Königreich Ungarn inkorporiert wurden.[7]

Das osmanische Reich hatte seine Eroberungen im Balkan im 15. Jahrhundert abge­schlossen.[8] 1430 gewährte Sultan Murat der Stadt Schutz für den Dubrovniker Handel,[9] wäh­rend das Gebiet weiterhin unter ungarischer Herrschaft blieb.[10] Obwohl die Dubrovniker unter dem Schutz des osmanischen Sultans standen, die Kaufleute in den Genuss gewisser Privilegien kamen und die Position der Stadt aus handelstechnischer Sicht damit gleichfalls privilegiert war, gab es ein "strong anti-Turkish sentiment"[11] in Dubrovnik. Gleichwohl mussten sich die Dubrovniker nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen und dem Fall des by­zantinischen Reiches eingestehen, dass die türkische Herrschaft bis auf Weiteres bestehen bleiben würde.[12]

Die Dubrovniker Regierung bestand zu dieser Zeit aus dem Geschlecht der Patrizier[13], die stark vom Rest der Gesellschaft abgeschottet und generell eher pro-osmanisch waren.[14] Eine der Ausnahmen war dabei die Familie Gundulić/Gondola, die pro-ungarisch/kroatisch war und zu der der Autor Ivan Gundulić gehörte.

Laut Zlatar waren die Schriftsteller und Gelehrten in Dubrovnik und Dalmatien tenden­ziell "anti-Turkish"[15], dabei war allerdings natürlich Vorsicht vor einer Veröffentlichung anti-osmanischer Schriftstücke geboten. In Verbindung mit dieser Ablehnung der osmanischen Herrschaft gab es ein "Slavic consciousness"[16], das auch Gundulić hatte:

[Gundulić] saw the events of 1622 as inaugurating not only the demise and fall of that [Ottoman] Empire whose tributary state Dubrovnik was, but the beginning of the unification of all the Slavs into a powerful kingdom ruled by Wladyslaw, Prince of Poland, and future Wladyslaw IV, King of Poland and Lithuania (1632-1648). Wladyslaw was to unite the Slavs on the ruins of the Ottoman Empire by liberating the Balkan Slavs.[17]

Obwohl die Osmanen in Dalamatien die Vorherrschaft hatten, bestand eine volle rechtliche Unabhängigkeit Dubrovniks vom osmanischen Reich, da die Stadt als "commercial 'window to the West'"[18] angesehen wurde und somit eine äußerst wichtige Rolle für den Handel einnahm.[19] Bis 1526 war Dubrovnik, wie bereits oben erwähnt, ein autonomer Stadtstaat unter dem Schutz der ungarisch-kroatischen Könige.

3. Ivan Gundulić (1589-1638)

GUNDULIĆ IS A GREAT POET – and yet he is hardly known outside of Croatia and the rest of what used to be Yugoslavia, and even there read only by specialists in Old Croatian Literature.[20]

Ivan Gundulić wurde höchstwahrscheinlich im Jahre 1589[21] geboren und verstarb am 10. De­zember 1638. Sein kroatischer Name ist Đivo Franov Gundulić, die italienische/lateinische Variante ist Giovanni Gondola bzw. Johannes Francisci Gondola.

Insgesamt gibt es nur sehr wenige biografische Informationen über Gundulić, da auch keinerlei persönliche Korrespondenz von ihm erhalten geblieben ist. Dies liegt zum einen wohl an dem großen Erdbeben von 1667 und den damit verbundenen verheerenden Zerstörungen, zum anderen aber auch an der "noticeable negligence in preserving private correspondence among old Ragusans"[22].

Gundulić entstammte dem Hause der außerordentlich einflussreichen Patrizierfamilie Gundulić/Gondola[23] und hatte einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester; eine gene­relle (aber umstrittene) Annahme besteht darin, das Gundulić ein Schüler der (anti-osma­nischen) Jesuiten war.[24] Er hatte drei Söhne und zwei Töchter; nach dem Studium der Philoso­phie und der Rechtswissenschaften legte er eine relativ durchschnittliche Senatskarriere hin und verstarb im Jahre 1638 in Dubrovnik.[25]

Sein Epos Osman wird oft als seine größte literarische Leistung bzw. nicht nur als bestes kroatisches Epos, sondern als bestes slavisches Epos überhaupt bezeichnet: "Osman is in its poetical form and in its leading ideas the greatest work of the old Ragusan literature."[26]

4. Osman

4.1 Entstehung und Handlung

[Gundulić] wrote his works, foremost among which is his epic Osman, at the time when the Ottoman Empire no longer appeared to be invincible to him and to so many of his contemporaries. The deposition and murder of Sultan Osman II in 1622 [...] [is] the pivotal event around which Gundulić built his epic[.][27]

Zlatar sieht die Gründe für das Entstehen des "slavischen Epos" schlechthin Osman ausge­rechnet in der dalmatischen Stadt Dubrovnik in den folgenden Umständen: 1) die geopolitische Position der Stadt, 2) die Nähe zu Italien und der Einfluss der italienischen Renaissance, 3) der Aufstieg der Patrizier und deren Vormachtstellung in Kulturangelegenheiten, 4) das slavische Bewusstsein aufgrund der besonderen Lage Dalmatiens und Dubrovniks.[28]

Gundulić modellierte sein Werk Osman zum Teil nach Torquato Tassos (1544-1595) Epos La Gerusalemme liberata,[29] in welchem die den Christen widerfahrenden wechselhaften Ereignisse bei der Eroberung Jerusalems während des 1. Kreuzzuges und ihr letztendlicher Er­folg geschildert werden. Gundulić hatte seine Pläne, La Gerusalemme liberata für den pol­nischen König Sigismund III. Wasa zu übersetzen, wohl aufgrund der Schlacht von Chotyn und des sich ihm daraus bietenden "Materials" für ein eigenes Epos hintenan gestellt:[30]

That Gundulic had intended to translate Tasso's epic and dedicate it to Zygmund III is sufficient proof of his reverence for the Polish monarch and his views as a Christian and a Slav of the need to liberate Europe from Islam. Obviously the events of 1621 and 1622 were sufficient to alter his plans and the rest of his life was spent in writing his epic.[31]

Osman wurde, nachdem Gundulić die Arbeit an seinem Epos zwischen 1622 und 1624 begon­nen und bis zu seinem Tode im Jahre 1638 daran gearbeitet hatte,[32] erst im Jahre 1826 veröffent­licht[33] und erzählt in 20 Gesängen (von welchen die Gesänge XIV und XV verschollen sind[34] ) von dem tragischen Untergang und Tod des jungen Sultans Osman II. nach seiner Niederlage gegen den polnischen Königssohn Władysław anlässlich der Schlacht von Chotyn (pl. Chocim) während des Kampfes der Polen und Kosacken gegen die Osmanen im 1. Osmanisch-Pol­nischen Krieg von 1620 bis 1621. Thematisiert werden die Unterschiede zwischen Christentum und Islam, Europa und dem osmanischen Reich und dem Okzident und Orient im allgemeinen:

In chosing Chotim as a topic of his epic Gundulić was following Tasso who argued that a topic for an epic should come from history and, whenever possible, sing of Christian exploits in the past. [...] Like Tasso's epic, Gundulić's Osman deals with the struggle between Christianity and Islam.[35]

Die Gründe für den Krieg waren die wiederholten Einfälle der Tataren in polnisches Gebiet, die polnische Einmischung in moldawische Angelegenheiten (Moldawien war zu dieser Zeit Vasallenstaat des osmanischen Reiches) und der Vorstoß der Kossacken in osmanisches Ge­biet.[36]

Zu Beginn von Osman werden Osmans II. Überlegungen zur bereits stattgefundenen (und verlorenen) Schlacht von Chotyn geschildert; die Schlacht selbst wird nicht ausführlich be­schrieben, ihr wird kein eigener Gesang gewidmet.[37] Der Zeitraum der Handlung liegt, abgesehen von den Retrospektiven, zwischen der Rückkehr Osmans II. aus Chotyn nach Konstantinopel am 14.01.1622 bis hin zu seiner Ermordung am 20.05.1622, wobei "the real sequence of historical events"[38] eingehalten werde, wenn auch die "historic truth, the gloomy and bitter reality, should find in the poet's agreeable fantasia their spice and adornment"[39].

[...]


[1] Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 206.

[2] Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 196.

[3] Vgl. Zlatar, The Slavic Epic, S. 25.

[4] Zlatar, The Slavic Epic, S. 25.

[5] Vgl. ebd.: "Dubrovnik [...] belonged squarely to the Balkans: though ist 'high culture' was strongly Italianate, it never belonged to the Italian culture as such."

[6] Zlatar, The Slavic Epic, S. 6.

[7] Vgl. ebd., S. 26.

[8] Vgl. ebd., S. 8.

[9] Vgl. ebd., S. 27.

[10] Vgl. ebd., S. 14.

[11] Ebd., S. 28. Und das, obwohl das osmanische Reich "expressly guaranteed Dubrovnik's full legal independence within its territory [...] [and] [f]or all practical purposes Dubrovnik [...] enjoyed a fully independent status." Ebd., S. 29. Vgl. auch Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 196: "Though forced to pay annual tribute to the Ottoman Porte it was left complete autonomy in its internal and external affairs, this state of affairs amounting to virtual independence."

[12] Vgl. Zlatar, The Slavic Epic, S. 28.

[13] Vgl. Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 196: "The patriciate held the monopoly of power, was financially and commercially dominant, and set the cultural pace for the brilliant flowering of Renaissance culture in sixteenth- and early seventeenth-century Dubrovnik."

[14] Vgl. Zlatar, The Slavic Epic, S. 33, S. 35. Zlatar sieht den Grund für die Unterstützung der Dubrovniker Patrizier für die Osmanen darin, dass die Patrizier sich dadurch zum einen gegen die venezischen Eroberungs­versuche zu schützen gedachten und zum anderen, dass sie ihre eigene Herrschaft durch eine entsprechende Unterstützung der Osmanen bewahren wollten.

[15] Ebd., S. 18.

[16] Ebd., S. 19.

[17] Ebd., S. 2.

[18] Ebd., S. 30. Vgl. auch ebd., S. 35.

[19] Vgl. Lozovina, Gundulić, S. 668.

[20] Zlatar, The Slavic Epic, S. 1.

[21] Vgl. ebd., S. 46 f. und Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 196.

[22] Zlatar, The Slavic Epic, S. 45.

[23] Vgl. ebd., S. 58-61. Die Familie Gundulić/Gondola ist laut Zlatar von Beginn an "among the most prominent supporters of the rule of Croato-Hungarian kings in Dubrovnik after 1358" gewesen (ebd., S. 59) und habe "the pinnacle of power and influence in Dubrovnik" (ebd., S. 61) repräsentiert. Vgl. auch Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 199 f.

[24] Vgl. Gundulić, Osman, S. vii, Puchner, Die Literaturen Südosteuropas, S. 37, Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 198 und Zlatar, The Slavic Epic, S. 48. Die große Mehrheit der Patrizierfamilien war gegen die Jesuiten, wobei die Familie Gundulić/Gondola – unabhängig davon, ob Ivan tatsächlich ein Schüler der Jesuiten gewesen war oder nicht – auch hier eine Ausnahme darstellte. Vgl. ebd., S. 55 f., S. 64.

[25] Vgl. ebd., S. 56-58, Lozovina, Gundulić, S. 669 und Puchner, Die Literaturen Südosteuropas, S. 37.

[26] Lozovina, Gundulić, S. 676.

[27] Zlatar, The Slavic Epic, S. 2.

[28] Vgl. ebd., S. 2 f., S. 11.

[29] Vgl. Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 203, Zlatar, The Slavic Epic, S. 149, Puchner, Die Literaturen Südosteuropas, S. 37 und auch Lozovina, Gundulić, S. 675: "Osman has many analogies with Jerusalem Liberated in its origin, its diction, its technique, its tendencies, but it also has characteristic divergences."

[30] Vgl. Gundulić, Osman, S. xiii.

[31] Ebd., S. xiv.

[32] Vgl. ebd., S. xvii.

[33] Vgl. Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 195.

[34] Vgl. Lozovina, Gundulić, S. 674 und Gundulić, Osman, S. xvii.

[35] Ebd., S. 149. Vgl. auch ebd., S. 297.

[36] Vgl. ebd., S. 172 f. Vgl. auch Gundulić, Osman, S. viii.

[37] Vgl. Zlatar, The Slavic Epic, S. 185: "Gundulić did not devote a single canto to the battle of Hoczym as such; there is no long account of the encounter in Osman."

[38] Lozovina, Gundulić, S. 673.

[39] Ebd. Vgl. auch Zlatar, The Poetics of Slavdom, S. 224.

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668818989
ISBN (Buch)
9783668818996
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444453
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Lyrik Epos Drama slavisch Barock Ivan Gundulić Osman Dubrovnik Adler Drache Kroatien Dalmatien Balkan Osmanen osmanisch Reich

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Titel: Ivan Gundulićs "Osman". Dubrovnik zwischen Adlern und Drachen