Lade Inhalt...

Zur Geschichte der Sozialen Arbeit

Die Idee des Heimwesens/ der Fremdunterbringung anhand von Johann Heinrich Pestalozzi, Johann Hinrich Wichern, André Manderscheid und Claude Vandivinit

Essay 2015 10 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Sozialen Arbeit

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vielen Schülern und Studenten erscheint eine historiografische Auseinandersetzung eines Themenbereiches oftmals als unverständlich und unnütz. Dass diese Form der Auseinandersetzung jedoch ein wichtiger Faktor, in diesem Fall für das Verständnis der Sozialen Arbeit, beinhaltet wird oftmals außer Acht gelassen.

Im folgenden Essay soll in einem ersten Schritt die Idee des Heimwesens respektiv der Fremdunterbringung, anhand von Johann Heinrich Pestalozzi, Johann Hinrich Wichern, sowie André Manderscheids und Claude Vandivinits Beitrag zur Heimerziehung, in ihren jeweiligen zeitlichen Relationen dargelegt werden. In einer weiteren Darstellung kommt es dann zu weiteren persönlichen Reflexionen und Relationierungen, vor allem in Bezug zu den Bettelordnungen des Mittelalters, der Arbeit der Kongregationen in psychiatrischer Hinsicht, der Arbeit der Wohltätigkeitbüros, der persönlichen Auseinandersetzung mit den Textformaten und schlussendlich auch eine persönliche Reflexion zu Thomas von Aquins Tugendlehre. In welcher Relationalität wurden die verschiedenen Gegenstände im Rahmen der „Geschichte der Sozialen Arbeit“ behandelt und welche Reflexionen sind entstanden?

2. Geschichte der Sozialen Arbeit

Eine erste Thematik die im Rahmen dieses Essay angesprochen werden soll, bezieht sich auf die Form des Heimwesens respektiv der Fremdunterbringung. Dabei soll vor allem eine gewisse Kontrastierung dargestellt werden, die sich im Laufe der Zeit aufgetan hat. Der erste Text, der sich unter anderem mit der Notlage der kindlichen Erziehung beschäftigt, ist der Text von Johann Heinrich Pestalozzis „Stanser Brief“, aus dem Jahre 1799.

Pestalozzi illustriert sehr bildhaft den Notstand nach der französischen Revolution und die Zurücksetzung der menschlichen Natur. Es herrschen Kinderarmut, Krankheiten und Verwahrlosung. (vgl. Pestalozzi 2006, S. 83-84) Die Menschen und die Kinder erscheinen als Tiere, denen jene Form der Menschlichkeit und Zivilisation fehlt. Es herrscht ein Mangel an der Übung mentaler und physischer Fertigkeiten, sowie ein großer Defizit an schulischer Ausbildung. Vor allem die öffentliche Erziehung scheint ein Problem der Unvollständigkeit aufzuweisen. (vgl. Pestalozzi 2006, S. 88) Es fehlt zudem nicht nur an schulischer Ausbildung, sondern vor allem auch an Sittlichkeit, die durch eine Verwahrlosung der Kinder gekennzeichnet ist. Dieser Zustand ist jedoch nicht unumgänglich, denn die Kinder sollten durch verschiedene Bildungsmaßnahmen glücklicher werden und einen Ausweg aus dieser Form der Armut finden. Hauptausgangspunkt dieser Problematik ist jedoch die häusliche Erziehung, die nicht mehr im traditionellen Sinne zu existieren scheint. Es dominiert vor allem ein negativer Einfluss auf Seiten der Eltern und ihrer schlechten Lebenssituation. Die Idealvorstellung der häuslichen Erziehung wäre einerseits die Mutter als emotionale und fürsorgliche Instanz, andererseits der Vater als dominante physische Bezugsperson, die für die Erziehung zuständig ist. Da dies jedoch nicht mehr der Fall ist, soll der Erzieher, in dem Fall Pestalozzi, als handelnde Instanz in die Erziehung eingreifen. Um diese Kinder nun aus den schlechten Lebensbedingungen befreien zu können, soll es zur Errichtung einer Anstalt kommen, in der die Kinder aus ihrer häuslichen Umgebung heraus genommen werden und „in einfache, aber rein häusliche Umgebungen und Verhältnisse versetzt“ (Pestalozzi, 2006, S. 86) werden. In dieser Anstalt verkörpert Pestalozzi die mütterliche, wie auch die väterliche Instanz zugleich. Es soll durch Betreuung und Beobachtung der Kinder zu einer interaktiven Gefühlsverbundenheit, sowie zu einer familienähnlichen Gefühlswelt kommen. Es folgt eine Erziehung die auf Sittlichkeit und der Darlegung ethisch und moralisch richtigem Handeln basiert. Die Kinder sollen gutes und richtiges Benehmen verinnerlichen und dies auch später an andere Personen weitervermitteln können.

Wichern fokussiert sich auf eine andere „Kategorie“ von Kindern, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht konkret angesprochen wurde. Er verweist vor allem auf die Armut unter den Waisenkindern. Des Weiteren verweist er, wie auch bereits Pestalozzi, auf das Problem des familiären und häuslichen Lebens: „Das unzüchtige Wesen der wilden Ehen und das durch dieselben wie begonnen, so zerstörte […] Familienleben.“ (Wichern, 1958, S. 102) Problematisch ist vor allem die geistige und die physische Verwahrlosung, die durch einen Mangel an elterlicher Fürsorge hervorgerufen wird. Probleme die damit verbunden sind, sind oftmals Alkoholismus, Spielsucht oder auch häusliche Gewalt. Die Kinder sind somit der Unehelichkeit, Ungläubigkeit, wie auch der Unsittlichkeit ausgesetzt. Wie auch bereits bei Pestalozzi sollen die Kinder aus den Familien heraus genommen werden und in Kinderhäuser mit familienähnlicher Struktur untergebracht werden. Durch Liebe und christliche Lehren sollen die Kinder wieder auf den richtigen Pfad des sozialen Lebens gebracht werden.

Ein weiterer Text den ich im Rahmen dieses Gegenstands mit einbringen möchte, ist der Text: „Die Entwicklung der Zusammenarbeit des Staates mit den freien Trägern in den Jahren 1967-1998“ von André Manderscheid und Claude Vidivinit. Auch dieser Text bezieht sich auf das Heimwesen, wobei nun eine weitere Problematik zum Vorschein gebracht wird. Hier kommt es nun nicht mehr zur Darstellung der problematischen Ausgangsituation der Kinder, sondern die Form der Heimerziehung und der Fremdunterbringung selbst wird problematisiert. Die Heime befinden sich in Bezug zur Materialität in desaströsen Zuständen. Zudem existiert eine Abschottung und eine Ausgrenzung der Heimkinder in der sozialen Gesellschaft. Sie werden regelrecht von der Öffentlichkeit ferngehalten, stigmatisiert und ausgeschlossen. Des Weiteren existieren Qualitäts- und Qualifizierungsmängel um die Kinder auch gerecht betreuen zu können. Um dieses Problem behandeln zu können, soll es zur Etablierung verschiedener Konventionen kommen, die wenn nötig, von einer Kommission angepasst und ausgebaut werden können.

Warum wurde gerade diese Thematik in Relation zu den dargestellten Texten und im Rahmen dieses Essays ausgesucht? Bei der persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik und diesen Texten, schien mir vor allem der Prozess der Heimentwicklung sehr interessant zu sein. So scheint bei Pestalozzi und bei Wichern auf der einen Seite die Notwendigkeit zu bestehen, die Kinder aus der eigenen Familie heraus nehmen zu müssen. Auf der anderen Seite soll bei der neuen Unterkunft der natürliche Kreis der Familie respektiv der Familienkonstellation allerdings nicht unterbrochen werden. Im Gegensatz zu Pestalozzi scheint Wichern jedoch für eine möglichst individuelle Betreuung der Kinder zu plädieren, wobei Pestalozzi sich vor allem im Bereich der Massenpädagogik befindet. Des Weiteren wird deutlich dass Wichern bei der Organisation seines Projektes viel präziser auf die Umsetzung der Erziehungsmaßnahmen eingeht. Zudem ist es verblüffend, dass der Gedanke der Fremderziehung keine Idee des 20./21. Jahrhundert zu sein scheint, sondern dass diese Form der „Resozialisierung“ bereits 200 Jahre zuvor stattgefunden hat. Interessant ist vor allem dass sich die spätere Situation, vor allem in Bezug zu den dargestellten Texten, nicht mehr auf das Prinzip der Armut oder der fehlenden Geistesanlagen bezieht, sondern auf das Problem der materiellen Gegebenheiten der Heimerziehung und deren Strukturen. So werden zwar in gewisser Form die Projekte von Pestalozzi und Wichern verwirklicht, jedoch taucht nun ein weiteres Problem auf und zwar die Organisation und die Situation der Heime selbst. Auch wenn mir anfangs die Texte noch relativ abstrakt und weit entfernt erschienen, so wurde mir beim Besuch des „SOS Kannerduerf“ in Mersch erstens noch einmal die hohe Anzahl von Kindern und der Personalmangel dieses Berufszweiges bewusst. Zweitens wurden mir die Texte in ihrer Konzeptualisierung quasi direkt vor Augen geführt und somit eine neue Relationalität sowie ein neuer Realitätsbezug eröffnet. So scheinen alle möglichen Formen der Fremdunterbringung, die auch beispielsweise bei Wichern dargestellt wurden, in der Institution zu existieren. Es besteht nicht nur die Möglichkeit einer Heimerziehung, sondern zudem können die Kinder auch in fremden Familien untergebracht werden. Auch in Bezug zur Konventionisierung und der Finanzierung ermöglichen die Texte einen direkten Vergleich, so heißt es auch beispielsweise auf der Internetseite des „SOS Kannerduerf Lëtzebuerg“: „Die Fondation Lëtzebuerger Kannerduerf unterzeichnet, wie jede vom Staat anerkannte soziale Vereinigung ohne Gewinnzweck, jährlich erneuerbare Konventionen mit dem Ministère de l’Éducation Nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse (MENJE)“ (http://www.kannerduerf.lu/de/wer-wir-sind/finanzierung). Wie bereits angedeutet schien mir vor allem diese Entwicklung des Heimwesens als besonders verblüffend. Natürlich haben sich die Umgangsformen, sowie die Kompetenzformen innerhalb der Familien und innerhalb der Kinderhäuser weiter entwickelt, die Idee Kinder in einer familienähnlichen Struktur aufwachsen zu lassen scheint jedoch weiter von besonderer Bedeutung zu sein. Außerdem scheinen das Prinzip des Herausnehmens aus schlechten Lebensverhältnissen, sowie die Idee der Fremdunterbringung, sich über Jahrhunderte gehalten zu haben.

[...]

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668817104
ISBN (Buch)
9783668817111
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444712
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,3
Schlagworte
geschichte sozialen arbeit idee heimwesens/ fremdunterbringung johann heinrich pestalozzi hinrich wichern andré manderscheid claude vandivinit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Geschichte der Sozialen Arbeit