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Unterschiede des unzuverlässigen Erzählens zwischen heterodiegetischer und autodiegetischer Erzählinstanz

Hausarbeit 2017 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arten des unzuverlässigen Erzählens
2.1 Unzuverlässiges Erzählen nach Martinez/Scheffel
2.2 Unzuverlässiges Erzählen in the living handbook of narratology
2.2.1 Das rhetorische unzuverlässige Erzählen
2.2.2 Das kognitivistische unzuverlässige Erzählen

3. Unzuverlässige Erzählsituationen
3.1 Die heterodiegetische unzuverlässige Erzählsituation in Die Brücke über den Eulenfluß
3.2 Die autodiegetische unzuverlässige Erzählsituation in Der Horla

4. Unterschiede des unzuverlässigen Erzählens zwischen Die Brücke über den Eulenfluß und Der Horla

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen der unzuverlässigen Erzählung ist in einer Vielzahl an Texten vorzufinden, weshalb sich auch viele Arbeiten mit diesem Thema beschäftigen. Allerdings gibt es aber auch deutliche Inkongruenzen der verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze, was durch die reine Menge an Texten bedingt ist, die sich durch einen unzuverlässigen Erzähler auszeichnen. Die in der Forschung herausgearbeiteten Mittel und Signale zur Analyse des unzuverlässigen Erzählers, sind oft leider nicht allgemein gültig oder anwendbar, sondern in vielen Fällen nur textgebunden zu verwenden. Häufig beziehen sich Analysekriterien nicht nur auf textinterne Signale, sie untersuchen auch die vom Autor bezweckte Funktion der Unzuverlässigkeit oder die Normen und Vorprägungen der Gesellschaft beziehungsweise der Personen, die den Text lesen. Diese, oftmals nur bedingt kompatiblen, Ansätze führen zu einem Arsenal an Merkmalen, unter denen man die entsprechend besten für den zu analysierenden Text auswählen muss.

Ziel der folgenden Arbeit ist es, unzuverlässiges Erzählen an zwei unterschiedlichen Erzählinstanzen zu analysieren und danach festzustellen, welche Unterschiede sich im Vergleich der beiden zeigen. Zu diesem Zweck wird die heterodiegetische Erzählinstanz, sowie die autodiegetische Erzählinstanz analysiert. Anfangs werden Theorien zur Analyse von Matias Martinez und Michael Scheffel aus ihrem Lehrbuch Einführung in die Erzähltheorie und aus dem Onlinehandbuch the living handbook of narratology von Dan Shen vorgestellt. Anschließend werden diese Theorien auf zwei Beispieltexte mit unterschiedlichen unzuverlässigen Erzählern angewandt, die später auch Hauptbestandteil der Herausarbeitung der Unterschiede sein werden. Zur Analyse der heterodiegetischen Erzählinstanz wird der Text Die Brücke über den Eulenfluß von Ambrose Bierce herangezogen. Zur Analyse der autodiegetischen Erzählsituation dient die Erzählung Der Horla von Guy de Maupassant. Im Anschluss werden im direkten Vergleich des unzuverlässigen Erzählens aus der heterodiegetischen Erzählperspektive sowie der autodiegetischen Erzählperspektive die Unterschiede der Erzähler anhand der Theorie und der Beispieltexte analysiert. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Schlussbetrachtung, die die Ergebnisse zusammenfasst.

2. Arten des unzuverlässigen Erzählens

2.1 Unzuverlässiges Erzählen nach Martinez/Scheffel

Um festzustellen worin sich unzuverlässiges Erzählen unterscheidet, wenn eine heterodiegetische oder eine autodiegetische Erzählinstanz vorliegt, muss zuerst auf die Begrifflichkeit des unzuverlässigen Erzählens eingegangen werden. In Kapitel 5 ihrer Einführung in die Erzähltheorie befassen sich Matias Martinez und Michael Scheffel mit dem unzuverlässigen Erzählen.[1] Als erstes unterscheiden sie zwischen Erzählerrede und Figurenrede. In der grundlegenden Unterscheidung der beiden, wird dem Erzähler uneingeschränkter Wahrheitsanspruch eingeräumt, welcher im Gegensatz dazu, bei der Figurenrede nicht vorzufinden ist. Falls dieser Erzähler jedoch Behauptungen aufstellt, die in der erzählten Welt als falsch gelten muss, so liegt ein unzuverlässiger Erzähler vor. Gibt es in einem Text keine privilegierte Erzählerrede, so können alle in diesem Text aufgestellten, sowohl expliziten als auch impliziten Behauptungen, nur den bedingten Geltungsanspruch von Figurenrede beanspruchen. Außerdem unterscheiden sie zwischen theoretischen und mimetischen Sätzen, wobei sich theoretisch, in diesem Zusammenhang, auf allgemeingültige Sätze bezieht, während mimetische Sätze in einem fixierten räumlich und zeitlichen Sachverhalt der erzählten Welt als wahr behauptet werden. Um diese Analyse weiter zu vertiefen stellen sie im Anschluss drei Kategorien auf um die Art des unzuverlässigen Erzählens weiter einzugrenzen.

Der erste Typ ist das theoretisch unzuverlässige Erzählen. Dieser Typ zeichnet sich durch einen intradiegetischen Erzähler aus, der aufgrund seiner Präsenz in der erzählten Welt den anderen Figuren gegenüber nicht privilegiert ist. Seine Unzuverlässigkeit beschränkt sich jedoch meist auf seine theoretischen Sätze. Typ zwei ist das mimetisch teilweise unzuverlässige Erzählen. Bei diesem Erzählen sind nicht nur die theoretischen Sätze falsch oder irreführend, sondern auch die mimetischen. Bei dieser Sorte stellt sich teilweise erst am Schluss heraus, dass die mimetischen Sätze des extradiegetischen oder auktorialen Erzählers, die der Leser aufgrund seiner privilegierten Stellung als notwendig wahr angesehen hat, falsch sind. Der dritte und letzte Typ ist als mimetisch unentscheidbares Erzählen definiert. Bei dieser Kategorie handelt es sich um einen Erzähler, der nicht in einer eindeutig bestimmbaren erzählten Welt erkennbar wird. Solche Erzähler treten in Texten auf, die aus brüchstückhaften Abschnitten zusammengesetzt werden, oder in seriellen Handlungssträngen auftreten. So entsteht keine eindeutige erzählte Welt und der Wahrheitswert der Erzählerbehauptungen ist unentscheidbar.

Zur Erklärung des unzuverlässigen Erzählers ziehen Martinez/Scheffel einen Vergleich mit der ironischen Kommunikation heran. Diese verdoppelt das Kommunikat zwischen den Gesprächspartnern in eine explizite und eine implizite Botschaft. Diese implizite Botschaft wiederspricht der expliziten und soll vom Rezipienten als eigentlich gemeinte verstanden werden. Bei normaler ironischer Kommunikation ist der Sender beider Botschaften dieselbe Person. Bei dem unzuverlässigen Erzählen wird diese Botschaft im fiktionalen Text auf zwei Sender verteilt. Der unzuverlässige Erzähler kommuniziert eine explizite Botschaft, während der Autor, am Erzähler vorbei, eine gegensätzliche Botschaft vermittelt. Die explizite Botschaft des Erzählers ist die nicht eigentlich gemeinte, die implizite des Autors ist somit die, die kommuniziert werden soll.

2.2 Unzuverlässiges Erzählen in the living handbook of narratology

In the living handbook of narratology[2] erläutert Dan Shen andere Ansätze der Analyse des unzuverlässigen Erzählens, als dies bei Martinez/Scheffel der Fall ist. Es handelt sich primär um eine Analyse des homodiegetischen Erzählers, welcher nach seiner Definition als unzuverlässig gilt, wenn er falsch berichtet oder einschätzt, oder auch zu wenig berichtet oder einschätzt. Als erstes führt er das von Booth (1961) eingeführte Konzept des implied authors an. Dieses Konzept basiert auf einem implizierten Autor, der über Unzuverlässigkeit Ironie generiert, was bei dem Leser zu einer erzählerischen Distanz zwischen dem implizierten Autor und dem Erzähler führt. Danach führt er Phelan an, der die Kategorien der Unzuverlässigkeit weiter verfeinert (Phelan & Martin 1999; Phelan 2005). Er bestimmt sechs Typen der Unzuverlässigkeit, die in zwei größere Gruppierungen fallen:

(1) misreporting, misinterpreting (misreading) and misevaluating (misregarding); (2) underreporting, underinterpreting (underreading), and underevaluating (underregarding). The contrast between the “mis-” category and the “under-” category is basically a contrast between being wrong and being insufficient.[3]

Oft können diese Gruppen auch zusammen auftreten, beispielsweise wenn ein Erzähler ein Geschehen korrekt wiedergibt, dieses aber falsch interpretiert.

Grundsätzlich unterscheidet Shen bei der Analyse des unzuverlässigen Erzählens zwischen zwei Gruppen. Für die erste Gruppe ist Unzuverlässigkeit im Erzählerischen rhetorisch begründet. Die Unzuverlässigkeit ist vom implied author als textuelle Eigenschaft im Text verarbeitet, die der implied reader identifizieren und entschlüsseln muss. Die zweite Gruppe erklärt die Unzuverlässigkeit mit einem kognitivistischen Ansatz. Der interpretierende Prozess steht im Vordergrund und die Unzuverlässigkeit entsteht durch die verschiedenen Leseweisen der Rezipienten.

2.2.1 Das rhetorische unzuverlässige Erzählen

Die Grundidee dieser Herangehensweise ist, dass der Erzähler seine Sicht der Geschichte darstellt, wobei der implied reader anhand der dargestellten Fakten eine andere Wirklichkeit erkennen kann. So kann der Erzähler die Dinge auf eine Weise interpretieren, die für ihn als logisch oder wahr erscheinen kann, der implied reader durch die Schlussfolgerung der dargestellten Fakten aber zu einer anderen Interpretation kommen und damit eine Diskrepanz zwischen Erzähler und implied author feststellen kann. Da in der homodiegetischen Erzählsituation nur ein Erzähler in der ersten Person vorliegt, hängt die Interpretation schließlich komplett von der Deduktion und dem Urteilsvermögen des Lesers ab. Um die Unzuverlässigkeit anhand des Textes festzustellen formulierte Rimmon-Kenan verschiedene sprachliche Aspekte die auf sie hinweisen:

(a) contradiction between the narrator’s views and the real facts; (b) a gap between the true outcome of the action and the narrator’s erroneous earlier report; (c) consistent clash between other characters’ views and the narrator’s; and (d) internal contradictions, double-edged images and the like in the narrator’s own language.[4]

Außerdem bestimmt er drei hauptsächliche Quellen der Unzuverlässigkeit: das eingeschränkte Wissen des Erzählers, seine persönliche Beteiligung und seine problematische Wertansichten.

[...]


[1] Martinez, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. C. H. Beck, München 2012, S. 99-110

[2] Shen, Dan: "Unreliability" In: Hühn, Peter et al. (eds.): the living handbook of narratology. Hamburg: Hamburg University Press. URL = hup.sub.uni-hamburg.de/lhn/index.php​?title=Unreliability​&oldid=1529 [view date: 30 Sep 2017]

[3] Phelan, James (2005). Living to Tell about It. Ithaca: Cornell UP S. 34–37; 49–53

[4] Rimmon-Kenan, Shlomith ([1983] 2002). Narrative Fiction. Contemporary Poetics. London: Routledge. S. 7-8

Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668817289
ISBN (Buch)
9783668817296
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444814
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Schlagworte
Unzuverlässiges Erzählen Martinez Scheffel heterodiegetische Erzählinstanz autodiegetische Erzählinstanz Maupassant Der Horla Ambrose Bierce Die Brücke über den Eulenfluß Living handbook of narratology Dan Shen

Autor

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Titel: Unterschiede des unzuverlässigen Erzählens zwischen heterodiegetischer und autodiegetischer Erzählinstanz