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Wo ist der Niels Bohr der Philosophie? Eine philosophische Betrachtung des Leib-Seele-Problems

Essay 2018 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhalt

1 Ist der Bereich physischer Phänomene kausal geschlossen?

2 Das Physische – ein geschlossenes System? Ausgewählte Stimmen
2.1 Platon
2.2 Die Stoa
2.3 Thomas von Aquin
2.4 René Descartes
2.5 Baruch de Spinoza )
2.6 Materialisten, Reduktionisten und so weiter

3 Das Physische – kein geschlossenes System! Die eigene Position
3.1 Aus Staub wird Freude – die Evolution des Menschen aus der Anor-ganik
3.2 Die Figur der „Erklärungslücke“ – ein untauglicher Versuch
3.3 Der Alte würfelt doch!

4 Und die Philosophie – warum hält sie an einem geschlossenen Bereich des Physischen fest?

Literatur- und Medienverzeichnis

Wo ist der Niels Bohr der Philosophie?

1 Ist der Bereich physischer Phänomene kausal geschlossen?

Diese Frage stellt sich virulent im Zusammenhang mit dem Leib-Seele-Problem. Das Leib-Seele-Problem ist nach wie vor „das verzwickteste philosophische Rätsel“[1] überhaupt[2]. Du Bois-Reymond sieht darin sogar eines der sieben Welträtsel[3]. Obwohl sich Denker von der Antike bis in unsere Tage mit den Fragen beschäftigen, wie Leib und Seele beziehungsweise Körper und Geist einander bedingen können, gibt es nach wie vor keine allseits konsensfähige Lösung.

Auf den Punkt gebracht ist diese Problematik im sogenannten Bieri-Trilemma[4], das aus folgenden drei Behauptungssätzen besteht:

„(1)Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene.
(2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam.
(3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.“

Mit einem ,Trilemma‘ haben wir es zu tun, weil aus logischen Gründen alle drei Sätze nicht gleichzeitig wahr sein können. Aus dieser Sackgasse kommt man deshalb nur heraus, wenn man zeigen kann, dass wenigstens eine Aussage des Trilemmas widerlegt werden kann.

Damit beschäftige ich mich in dieser Arbeit und konzentriere mich dabei auf die These, dass „der Bereich physischer Phänomene […]

kausal geschlossen“ sei. Inhaltliche halte ich das für falsch und argumentiere deshalb gegen dieses dritte Horn des Bieri-Trilemmas.

Ich werde dazu die folgenden Überlegungen anstellen:

- Mit der Evolution des Menschen ist ein kausal geschlossener Bereich des Physischen unvereinbar.
- Die Figur der „Erklärungslücke“[5] für den Übergang von Körperlichem zu Geistigem und umgekehrt suggeriert fälschlicherweise einen geschlossenen Bereich des Physischen. Tatsächlich ist die sogenannte „Erklärungslücke“ ein untauglicher Versuch, das Rätsel der Entstehung von Mentalem aus Physischem und vice versa zufriedenstellend zu beschreiben.

- Die moderne Physik rechnet spätestens seit Niels Bohr mit „objektiven Zufallsprozessen“[6]. Der Zufall ist aber der Feind deterministisch kausaler Geschlossenheit. Denn wenn ein Ereignis zufällig, also nicht vorhersehbar eintritt, tritt an Stelle messbarer Ursachen entweder Beliebigkeit oder systemfremde Anstöße.

Zuerst will ich mich freilich mit ausgewählter Literatur zur Geist-Körper-Problematik auseinandersetzen, soweit sie für das dritte Horn des Bierie-Trilemmas relevant sein könnte.

2 Das Physische – ein geschlossenes System? Ausgewählte Stimmen

2.1 Platon

Für Platon ist der Körper Kerker und Grab der unsterblichen Seele[7], die nach dem Tod des Menschen zurückkehrt ins Reich der ewigen, unveränderlichen und materiefreien Ideen. Insofern vertritt Platon ei-nen ontologischen Dualismus von Leib und Seele. Nichtsdestotrotz ist es Aufgabe der Seele, den Körper zu beherrschen[8], und umgekehrt hinterlässt der körperliche Lebenswandel auch noch nach dem Tod bleibende Spuren an der Seele[9].

Die intensive Beziehung zwischen Mentalem und Leiblichem ist bei Platon also Teil seines Menschen- und Weltbildes. Er problematisiert sie nicht, sondern baut darauf auf. Die Welt des Physischen ist bei Platon deshalb kein geschlossener Bereich; Seelisches und Körperliches agieren wechselseitig miteinander .

2.2 Die Stoa

Für die Stoiker ist es keine Frage, dass die physische Welt ein geschlossenes System ist. Allerdings gehört dazu Alles[10]: Belebtes, Unbelebtes, ja selbst die Götter[11]. Alles ist stofflich, einschließlich der Seele und hängt in einem einzigen großen „Kausalnexus“[12] zusammen. Damit ist klar: Wenn Jedes und Alles stofflich ist, einschließlich der Gefühle und Gedanken, dann liegt ein geschlossenes System vor. Und das Leib-Seele-Problem, jedenfalls so wie es sich uns stellt, kommt bei den Stoikern als solches erst gar nicht vor.

2.3 Thomas von Aquin

Wie schon Platon und Aristoteles beschäftigt sich Thomas von Aquin sehr ausführlich mit der Leib-Seele-Thematik. Er kommt zu dem Schluss:

„Also muß die Seele als Princip des Wesens „Mensch“ im ganzen Körper sein und in jedem seiner Teile.“[13]

Die Seele als Lebensprinzip ist damit im Körper enthalten, ohne aber selbst körperlich zu sein[14]. Trotzdem ist sie Ursache für alle körperlichen Bewegungen des Menschen[15].

Bei Aquin ist das Physische demnach kein geschlossenes System, weil es die nicht materielle Seele ist, die die Bewegungen des lebenden Körpers verursacht.

2.4 René Descartes

Es war die radikale Trennung der res extensa von der res cogitans[16], die Descartes zum Urheber des Leib-Seele-Dilemmas in der Neuzeit machte. Denn trotz dieser Trennung, die den Körper als seelenlosen Automaten begreift, konzediert Descartes eine Wechselwirkung zwischen beiden[17]. Obwohl der Geist im gesamten Körper über sogenannte „esprits animaux“ wirksam ist, macht Descartes die Zirbeldrüse als den Ort aus, von dem aus die Interaktion dirigiert wird[18].

Das Problem der Kausalität zwischen Geist und Materie, das mit diesem Dualismus einhergeht, war Descartes anscheinend bekannt[19]. Jedenfalls meinte er gegenüber Prinzessin Elisabeth von Böhmen, der Zusammenhang zwischen Körper und Geist sei ein selbstverständlicher, was man bereits aus eigener Erfahrung wisse[20].

Selbst wenn diese Begründung womöglich nicht zu überzeugen vermag, ist Descartes offensichtlich ein Vertreter derer, die die Welt des Physischen nicht als geschlossen betrachten, weil bei ihm die Zirbeldrüse just die Schnittstelle ist, über die der Geist den Körper lenkend kommandiert.

2.5 Baruch de Spinoza

Spinoza gehört zu den Monisten. Das heißt, Spinoza versteht unter Körper und Geist ein und dasselbe:

„…daß nämlich der Geist und der Körper ein und dasselbe Ding sind, welches bald unter dem Attribute des Denkens, bald unter dem der Ausdehnung begriffen wird.“[21]

Wenn nun aber Körper und Geist dasselbe Ding sind, dann findet zwischen ihnen auch keine Interaktion statt[22], weil ein Ding nicht mit sich selbst interagieren kann. ,Inter’agieren setzt schon begrifflich zwei Entitäten voraus.

Was das dritte Horn des Bieri-Trilemmas angeht, so würde Spinoza als Pantheist zwar von einem einheitlichen System des Mental-Physischen ausgehen. Aber die Existenz einer nur körperlichen Welt würde Spinoza ablehnen, sodass es für ihn schon deshalb keinen abgeschlossenen physikalischen Bereich gibt.

2.6 Materialisten, Reduktionisten und so weiter

Deutlicher kann man es kaum sagen:

„I hold that mental states are contingently identical to physical - in particular , neural – states.“[23]

David Lewis zählt zu den prominentesten Vertretern des Materialismus und des Reduktionismus, der die Position einnimmt, dass mentale Phänomene ausschließlich auf physikalische Zustände zurückzuführen sind[24]. Von dieser These ausgehend, gibt es eine Vielzahl von philosophischen Entwicklungen, die alle mehr oder weniger überzeugend zu zeigen versuchen, wie ein kausaler oder gerade nicht kausaler Zusammenhang zwischen Körperlichem und Geistigem erklärt werden kann.

Soweit ich sehe, halten jedenfalls die monistischen Theorien, solange es irgend geht, an der Forderung fest, dass das Physische sich in einer geschlossenen Welt abspielt. Den Einfluss auf die Psyche erklären die einen mit der Identität von Psychischem und Physischem, die anderen mit Parallelismus und wieder andere mit Emergenz[25].

3 Das Physische – kein geschlossenes System! Die eigene Position

Nach den bisherigen Untersuchungen ergibt sich kein eindeutiges Bild hinsichtlich des dritten Satzes des Bieri-Trilemmas. Jedenfalls für die meisten der modernen naturwissenschaftlich geprägten Ansätze gilt nach wie vor die kausale Abgeschlossenheit alles Physischen.

Tatsächlich gibt es daran freilich größte Zweifel, wie ich nachfolgend belegen werde.

3.1 Aus Staub wird Freude – die Evolution des Menschen aus der Anorganik

Soweit wir wissen, entstand das Universum vor 13,7 Milliarden, unser Sonnensystem vor 4,7 Milliarden Jahren aus dem Staub erloschener Supernovae. Am Anfang war eine riesige Nebelwolke aus Wasserstoff und Helium, aus der weitere Elemente durch Kernfusion entstanden sind. Die Urstoffe der Erde sind Silikate und Eisen, die aufgrund der enormen Gravitationshitze ganz am Anfang in flüssiger Schmelze vorlagen[26]. Wie Vieles aus der frühen Erdgeschichte liegen auch die Umstände, wie sich eine Hydrosphäre vor 4 Milliarden Jahren bildete, noch im Dunkeln[27].

In unserem Zusammenhang ist nur wichtig, dass die modernen Naturwissenschaften entgegen Isaac Newton von einer kausal schlüssigen Entwicklung der Erd- und Menschheitsgeschichte von den Anfängen bis heute ausgehen. Während Newton meinte, Gottes Schöpfung bedürfe immer wieder eines göttlichen Nachjustierens[28], spottete Leibniz, dass nach Newton und seinen Anhängern der Schöpfergott ab und zu seine Uhr aufziehen müsse[29]. Für Leibniz dagegen konnte sich Gott nach dem Schöpfungsakt aus dem Weltgeschehen zurückziehen[30], weil „diese wirkliche Welt besser sein muss als alle anderen möglichen Welten“[31]. Die reale Welt war also so perfekt, dass Gott sie sich selbst überlassen konnte.

Mit Leibniz kann man deshalb von einem physikalisch und chemisch konsistenten Entwicklungsverlauf ausgehen, in dem aus anorganischen Elementen die Bausteine des Lebens entstanden sind. Das ist jedenfalls auch die gemeinsame Auffassung der modernen Naturwissenschaften, die sich freilich über die Details der einzelnen Entwicklungsschritte nicht einig sind[32]. Darauf kommt es hier jedoch nicht an; es genügt für die vorliegende Argumentation, dass sich das organische Leben im Laufe der Erdgeschichte aus anorganischer Materie ausschließlich nach physikalisch-chemischen Gesetzen entwickelt haben kann.

[...]


[1] Diese Metapher habe ich aus anderem Zusammenhang übernommen von Kripke, Saul A.: Reference and Existence|The John Locke Lectures. Oxford u.a. 2013. Seite 4. Kripke bezeichnet dort die Verwendung von Namen, die sich auf nichts beziehen als größtes Rätsel der Philosophie.

[2] Ähnlich auch Waß, Bernd: Das Leib-Seele-Problem und die Metaphysik des Materiellen|Ontologische und erkenntnistheoretische Untersuchungen. Frankfurt 2013.
Seiten 318f.

[3] Du Bois-Reymond, Emil: Über die Grenzen des Naturerkennens * Die sieben Welträthsel|Zwei Vorträge. Leipzig 1891. Seiten 85 ff.

[4] Bieri, Peter: Analytische Philosophie des Geistes. Weinheim und Basel 2007. Seite 5.

[5] Der Begriff wurde erstmals thematisiert von Levine, Joseph: Materialism and Qualia: The Explanatory Gap. In Pacific Philosophical Quarterly 64. Herausgegeben von der University of Southern California. Los Angeles 1983. Seite 357.

[6] Vergleiche zum Beispiel Schurz, Gerhard: Wahrscheinlichkeit. Berlin/Boston 2015.
Seite 56.

[7] Platon: Phaidon. Deutsche Bearbeitung von Peter Denker. Jülich 2006. 82e.

[8] Platon: ibidem. 80a.

[9] Platon: Gorgias|Übersetzung und Kommentar von Joachim Dalfen. Göttingen 2004.
Seite 99.

[10] Vergleiche zum Beispiel Aurel, Marc: Selbstbetrachtungen. Frankfurt am Main und Leipzig 2008. Siebentes Buch, 9. Absatz.

[11] Pohlenz, Max: Die Stoa|Geschichte einer geistigen Bewegung. Göttingen 1992. Seite 72.

[12] Pohlenz, Max: ibidem. Seite 295.

[13] Aquin, Thomas von: Summe der Theologie. Prima Pars Quaestio 76. Bibliothek der Kirchenväter http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel77.htm.

[14] Aquin, Thomas von: ibidem. Quaestio 75 Artikel 2.

[15] Aquin, Thomas von: ibidem.

[16] Descartes, René: Die Prinzipien der Philosophie. Herausgegeben von Karl-Maria Guth.
Berlin 2016. Seite 15.

[17] Descartes, René: Les Passions de l’Âme. Herausgegeben von TheVirtualLibrary.org. Paris 1649. Premiere partie Article 34.

[18] Descartes, René: ibidem. Article 32.

[19] Vergleiche Perler, Dominik: René Descartes. München 2006. Seite 181.

[20] Zitiert nach Perler, Dominik:ibidem.

[21] Spinoza, Baruch de: Ethik. Altenmünster 2016. Seite 83.

[22] So auch Wunderli, Jürg: Über Spinozas Beitrag zur Leib-Seele-Problematik unter Berücksichtigung der Relation zur modernen Psychosomatik. In Gesnerus - Swiss Journal of the history of medicine and sciences. Basel 1968. Band 25 Seite 105.

[23] Lewis, David: Reduction of Mind. In A Companion to the Philosophy of Mind. Herausgegeben von Samuel Guttenplan. Oxford; Cambridge, Massachusetts 1994. Seiten 412 ff.

[24] Brüntrup, Godehard: Das Leib-Seele-Problem|Eine Einführung. Stuttgart 2008.
Seiten 89 ff.

[25] Siehe zum Beispiel Carrier, Martin; Mittelstraß, Jürgen: Geist, Gehirn, Verhalten|Das Leib-Seele-Problem und die Philosophie der Psychologie. Berlin New York 1989. Seiten 54 ff.

[26] Boenigk, Jens; Wodniok, Sabina: Biodiversität und Erdgeschichte. Berlin Heidelberg 2014. Seiten 14ff.

[27] Tardent, Pierre: Meeresbiologie. Stuttgart New York 2005. Seite 15.

[28] Newton, Isaac: Opticks or A Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections & Colours of Light. New York 1952. Seite 402.

[29] Clarke, Samuel: Der Briefwechsel mit G. W. Leibniz von 1715/1716. Hamburg 1990.
Seite 10.

[30] Bierbrodt, Johannes: Naturwissenschaft und Ästhetik 1750 – 1810. Würzburg 2000.
Seite 67.

[31] Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodicee. http://www.archiv-swv.de/pdf-bank/Leibniz,%20G.W.%20-%20Die%20Theodicee.pdf. Anhang I, I. Einwurf. Seite 674.

[32] Siehe den Überblick zum Beispiel bei Hoffmann, Emil: Evolution der Erde und des Lebens|Von der Urzelle zum Homo sapiens. Edition Kindle 2015. Seiten 34 ff.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668840591
ISBN (Buch)
9783668840607
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445058
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Bieri Trilemma Niels Bohr Albert Einstein physikalisch geschlossener Bereich Leib-Seele Newton Leibniz Reduktionismus Stoa Lewis Levine Spinoza Gravitationshitze Aquin Erklärungslücke Qualia C-Fasern Moleküle Quantenmechanik Determinismus Descartes Evolution Universum

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