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Biblisches Lernen vor den Herausforderungen der Postmoderne

Hausarbeit 2018 22 Seiten

Theologie - Didaktik, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biblisches Lemen als zentrales Thema des Religionsunterrichts

3. Herausfordemngen der Postmoderne und Chancen biblischen Lernens für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II
3.1. Aufgaben und Ziele des Religionsunterrichts
3.2. Didaktische Methoden für ein erfolgreiches biblisches Lernen
3.3. Kernlehrplan im Fach Katholische Religion für das Gymnasium Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der heutige Religionsunterricht in weiterführenden Schulen kann auf gesellschaftskritische Probleme Stoßen, da für manche Schülerinnen im Alter die Bedeutung der Bibel abnehmen kann.[1] Dementsprechend muss sich die Arbeit mit der Bibel der Kritik der Erfahrungs-, Relevanz- und Effektivitätsverlustes stellen.[2] Biblisches Lernen sieht sich heutzutage vor dem Problem der Postmoderne.[3] Oftmals meinen Nichtgläubige, dass die Bibel im Unterricht irrelevant sei. Daraus ergibt sich die Frage, ob biblisches Lernen für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II noch relevant ist. Um zu einem endgültigen Resultat zu gelangen, müssen die Erfahrungen der SuS in den Religionsunterricht miteinbezogen werden, damit sie der Bibel offen entgegenstehen können. Des Weiteren kann durch die Arbeit mit der Bibel ein Dialog zwischen den Menschen und Gott entstehen, welcher sich positiv auf den Unterrichtsverlauf auswirken kann.[4] Auch im Klassenverband unterstützt sie, sodass die SuS das Wort Gottes auf ihre eigene Lebenssituation beziehen können. Ebenso ist das Lernen an der Bibel für Jugendliche eine Unterstützung im Hinblick auf die Identitätsfindung. Die Verse der Bibel sollen die SuS dazu ermutigen ihr eigenes Leben zu hinterfragen. In der Bibel können Antworten auf ihre Fragen gefunden werden, die sie bewegen. Auch negative Entwicklungen der Geschichte lassen sich aus der Bibel lesen. Zusätzlich gehört die Wirkungsgeschichte der Bibel zur Allgemeinbildung der Schülerinnen und Schüler.[5]

Zum neuesten Forschungsstand der Bibeldidaktik gehört zum einen der bibeltheologische Ansatz von Miljam Schambeck und zum anderen die offene Bibel didaktik von Gerd Theißen.[6]

Im Jahr 2017 veröffentlichte die deutsche Bischofskonferenz einen Aufsatz zum Thema ״Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen“. Zu diesem Zweck wurden insbesondere neue Aufgaben und Ziele des katholischen Religionsunterrichts formuliert.[7] Die religionsdidaktische Forschung beschäftigt sich verstärkt mit der Frage, warum wir eigentlich biblischen Unterricht erteilen.[8] Dabei ergeben sich theologische und pädagogische Gründe für die Bibelarbeit.

Eingangs lässt sich somit vor dem Hintergrund der vorherigen Überlegungen folgende Arbeitshypothese aufstellen: Biblisches Lernen ist nach wie vor für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II relevant und lässt sich mithilfe von theologischen wie auch pädagogischen Aspekten begründen.

In der vorliegenden Arbeit sollen insbesondere die Intentionen und Ziele des gegenwärtigen Religionsunterrichts beleuchtet und nachfolgend bewertet werden. Anschließend werden didaktische Methoden für ein erfolgreiches biblisches Lernen herangezogen, welche anhand des Kernlehrplanes im Fach Katholische Religion für das Gymnasium Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2014 verdeutlicht werden sollen. Ziel ist es, die Chancen biblischen Lernens für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II herauszustellen sowie kritisch zu beurteilen. Daneben werden auch Herausforderungen des Religionsunterrichts genannt. Der Schwerpunkt liegt auf der Bibeldidaktik und dem biblischen Lernen als zentrales Thema des Religionsunterrichts in der Sekundarstufe Π. Die Religionspädagogik versucht theologische wie auch pädagogische Aspekte zu vereinen. Demzufolge gilt es im Hauptteil der Abhandlung den doppelten Fokus des biblischen Lernens herauszustellen. Im Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse zum biblischen Lernen wie auch zum gegenwärtigen Religionsunterricht ausführlich zusammengefasst, sodass ersichtlich wird, welcher Beitrag zur Beantwortung der obigen Forschungsfrage geleistet wurde.

2. Biblisches Lernen als zentrales Thema des Religionsunterrichts

Die Religionspädagogik bezieht sich auf alle Bereiche der religiösen Erziehung, Bildung, Entwicklung und Sozialisation in Schule, Kirche und Gesellschaft. Grundlegend für die Religionspädagogik ist die pädagogisch-theologische Perspektive.[9] Im Gegensatz dazu ist die Religionsdidaktik auf den Lernort Schule begrenzt. Demnach gehört biblisches Lernen als zentrales Thema des Religionsunterrichts der wissenschaftlich reflektierten Religionsdidaktik an.[10] Unter dem Begriff Religionsdidaktik versteht man ״die wissenschaftlich begründete Reflexion religiösen Lernens und die Reflexion des Lehrens religiösen Lernens“. Demnach versteht sich die Religionsdidaktik als Didaktik religiöser Lernprozesse.[11] [12] Daneben stellt die Relevanz des biblischen Lernens im Religionsunterricht eine große Grundfrage der Bibel didaktik im 21. Jahrhundert dar. Sie behandelt, ob die biblischen Texte an unseren heutigen Erfahrungen Vorbeigehen und wie man der Bibel im Unterricht begegnen kann, damit ein erfolgreiches biblisches Lernen bei den SuS vollzogen werden kann. Die Schüler müssen ״mit den ihnen eigenen Lebens- und Vorstellungsweisen den Ausgangspunkt biblischen Lernens bilden “ u Trotz alledem kann der Religionsunterricht auf Probleme Stoßen. Mit der zunehmenden Säkularisierung nimmt das Interesse der SuS an der Bibel und ihren Inhalten immer mehr ab.[13] Außerdem kann man heutzutage als Religionslehrer nicht mehr davon ausgehen, dasss alle Schüler an den Umgang mit der Bibel gewöhnt sind. Die Herausforderungen und Anforderungen biblischen Lernens erscheinen vielfältig. Obwohl der Stellenwert der Bibel innerhalb des Religionsunterrichts häufig diskutiert wird, gehört biblisches Lernen nach wie vor zu den zentralen Themen des Religionsunterrichts. An dieser Stelle liegt die Frage nahe, ״ Wie aber kann biblisches Lernen heute gelingen? “. Darauf will der Ansatz einer bibeltheologischen Didaktik antworten.[14] Hierbei kommt vor allem die Welt des Lesers deutlicher zur Geltung. Das Interessante ist, dass die bibeltheologische Didaktik die Bewegungen zwischen Textwelt und Leserwelt kommunikabel macht, also aufzeigt, wie Texte SuS verändern und wie SuS Texte transformieren.[15]

3. Herausforderungen der Postmoderne und Chancen biblischen Lernens für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II

Das dritte Kapitel widmet sich ausführlich den Herausforderungen und Chancen biblischen Lernens für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II. Bei dieser Gelegenheit wird

die veränderte religiöse und schulpolitische Situation der Gegenwart angesprochen. Auch die Rahmenbedingungen des Unterrichts haben sich im Laufe der Zeit verändert. Aus diesem Grund sind neue religionspädagogische Schwerpunktsetzungen erforderlich. Ziel dieses Kapitels ist es, die Herausforderungen und Chancen biblischen Lernens herauszustellen und anschließend gegeneinander abzuwägen.

Aufgrund des postmodernen Verständnisses von Wirklichkeit entstehen Infragestellungen der bibeldidaktischen Entwürfe. Die moderne Bibeldidaktik bewertet dies konstruktiv und produktiv. Besonders folgende Charakteristika der Postmoderne wirken sich auf die Bibeldidaktik aus: Pluralismus, Individualisierung und Mehr perspektivität}[6] Es stellt sich die Frage, welche Konsequenzen postmoderne Charakteristika für biblisches Lernen haben. Parallel dazu werden Begründungen für die Bedeutung des biblischen Lernens heute erörtert.[16] [17]

Maurice Baumann versteht unter dem Begriff Pluralismus das Nebeneinander verschiedener Traditionen und Wertesystemen, die für sich keine allgemeine Gültigkeit mehr beanspruchen können. Weiter heißt es ״ Traditionen sind keine Offenbarungssysteme, die einfach (...) als Antworten verstanden werden, sondern gleichzeitig auch als Fragen. (...) Die innere Kohärenz des Pluralismus ist bei den Fragen zu suchen, denn letztlich sind wir alle Kinder der gleichen Fragen“. Folglich versucht der Erziehungsauftrag in der Postmoderne weiterzugeben, dass Traditionen unter anderem das Suchen nach Wahrheiten widerspiegeln.[18] [19] Für die Bibel didaktik bedeutet dies, dass der sich Religionsunterricht in SuS mit wachsendem Bedürfnis nach religiösem Interesse und SuS mit keinerlei Bezug teilt.

Das zweite Charakteristikum der Individualisierung zielt auf die Selbstständigkeit von Jugendlichen. Heute Stehen Jugendliche mehr als je zuvor vor der Aufgabe sich in einer Welt zurechtzufinden zu müssen: ״Sie sind nicht mehr Mitglieder eines ihnen vorgängigen Traditionsstroms, der ihnen Sinn und Identität verbürgt, sondern partizipieren an verschiedenen Traditionen und Sinnsystemen, aus denen sie Fragmente auswählen und synthetisieren müssen“}[9] Die Identitätsfmdung stellt eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben des Jugendalters dar. Dieser Auftrag wird zunehmend schwieriger, die ״Subjektiv er dung gerät (...) zu einem hochgradig aktiven und konstruktiven Prozess, zu einem biographischen Basteln, das eine Patchwork-Identität hervorbringť [20] Dementsprechend haben sich bei den SuS unterschiedliche Wege der Subj ektwerdung in unterschiedlichsten Umgebungen ergeben. Was wiederum heißt, dass die SuS diesbezüglich unterschiedlich weit sind. In diesem Zusammenhang betont Ulrich Kropac die weit auseinander gehende Haltung der SuS. Ihre Haltung der Bibel gegenüber sei das gesamte Spektrum von Hochachtung bis Ablehnung.[21]

Das letzte Charakteristikum der Mehrperspektivität kann zum einen als Herausforderung und zum anderen als Chance biblischen Lernens für den Religionsunterricht gelten. Die Mehrdeutigkeit bezweckt, dass Antworten auf Fragen der Gegenwart sowie Zukunft nicht mehr von einem allgemeingültigen Traditions- und Wertesystem gegeben werden können: ״Komplexe Probleme in einer komplexen Welt verlangen nach einem Dialog zwischen gleichberechtigten Partnern, der seine Kraft aus der Komplementarität und Differenz der unterschiedlichen Perspektiven bezieht[22] Für die Bibeldidaktik hat dies zur Folge, dass Bibeltexte für den Empfänger eine breite Vielfalt von Sinninhalten zulassen. Daher wird biblisches Lernen zum Dialog zwischen Text und dem Leser. Im Anschluss daran kann eine sehr persönliche und individuelle Beziehung zwischen ihnen entstehen.

Es ist festzuhalten, dass die Subj ektwerdung für die Jugendlichen insofern schwieriger wird, weil höchst aktive und teils verwirrende Prozesse im Religionsunterricht ausgelöst werden können, welche Ängste und Desorientierung zur Folge haben. Hierbei kann die Mehrperspektivität der Bibel helfen, in dem sie unterstützend hilft und diesem Prozess konstruktiv dient.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, besitzt die hier zu behandelnde Thematik einen doppelten Fokus: Einmal lassen sich theologische Argumente für die Chancen biblischen Lernens in der Sekundarstufe II finden. Zum anderen können auch pädagogische Begründungen herangezogen werden. Zusätzlich ergeben sich eine didaktische und eine methodische Fragestellung. Bei der ersteren geht es um die Beziehung zwischen Subjekt und Sache. Die letztere Frage zielt dahingehend ab, dass bestimmte Formen eines Lernprozesses sowohl subj ektori enti ert als auch sachangemessen gestaltet werden.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Medien im Unterricht.[23]

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man der Bibel im Unterricht begegnen kann, damit ein erfolgreiches biblisches Lernen vollzogen werden kann. Die Chancen, die das biblische Lernen im Religionsunterricht bereit hält, sollen im Folgenden dargelegt und bewertet werden.

Nach Horst Klaus Berg stellt ״(...) neues Interesse, und zwar da, wo Leser die Lebensbedeutung der Überlieferung wieder wahrnehmen“ ein wesentliches Ziel der Bibeldidaktik dar.[24] Den Beginn macht die theologische Begründung des biblischen Lernens. Eines der zentralsten Argumente beinhaltet den Hoffnungsentwurf der Bibel. Ferner erweist sich Gotteswort in Menschenwort als Argument. Auf Gotteswort folgt die Einladung zur Gottesbegegnung. Als Letztes kann das ״ungeschminkte Menschenbild“ angeführt werden.[25] All diese Begründungsfiguren stellen Chancen biblischen Lernens im Religionsunterricht dar. Im späteren Verlauf der Arbeit wird noch auf die bildungstheoretische Begründung biblischen Lernens eingegangen.

Das Leitmotiv der Hoffnung drückt sich in unterschiedlichen Formen der Sprache aus.[26] [27] Führt man diesen Gedanken weiter, fordern die Geschichten der Hoffnung den Leser dazu auf, nach Antworten zu suchen und Fragen im Horizont der Hoffnung zu stellen. Es entstehen ״(...) Räume, in denen menschliches Zusammenleben ohne Gewalt und in Gemeinschaft möglich ist“[11]־ Zusätzlich berichten sie immer wieder von einem gelingendem Zusammenleben vieler Menschen. Aus diesem Grund kann biblisches Lernen zum Ort werden, ״(...) an dem Fragen und Suchen als menschliches Existential entfaltet und die Kraft der Phantasie kultiviert wird“. Dahinter steckt die Aufforderung: ״(...) im Horizont begründeter Hoffnung Gegenwelten zu vermeintlich unveränderlichen Strukturen“ sich vorzustellen und anzufangen.[28] Die Bibeldidaktik muss versuchen auf die Missstände einzugehen, die sich im Spannungsfeld einer vielgestaltigen Umwelt von Jugendlichen ergeben, und eine Antwort zu finden, die von Hoffnung geprägt ist. Denn vor allem die Bibel gilt als Inbegriff der Hoffnung. Nur mit einer glaubwürdigen Hoffnung kann die Bibeldidaktik der heutigen Generation die benötigte Hilfestellung und Unterstützung geben.

Das nächste Argument bezieht sich auf die Rede von der Bibel als Gotteswort in Menschenwort. Hierbei geht es um die einzigartige Beziehung Jesu Christi zu Gott. Nach Kropac zeichnet dies die Besonderheit der Bibel und ihre Relevanz für die Christen aus. Dabei nimmt die Bibel gegenüber der gesamten Glaubenslehre und -praxis eine normierende Aufgabe ein. Bezieht man dies auf den Religionsunterricht, ergibt sich aus diesem Aspekt eine Letztbegründung des christlichen Glaubens. Sozusagen stellt die Bibel eine ״Ur-Kunde“ der Selbstoffenbarung Gottes dar.[29] Aufgrund des Aufzeigens der christlichen Tradition kann dies für das biblische Lernen im Religionsunterricht äußerst hilfreich sein. Das Kernproblem besteht darin, dass in der postmodernen Gegenwart ein Abbruch der biblischen Tradition bei Jugendlichen festzustellen ist. Mithilfe der Vergegenwärtigung der christlichen Tradition bei den SuS im Religionsunterricht, welche biblisches Lernen impliziert, kann die genannte Problematik aufgelöst werden. Auf Gotteswort folgt die Einladung zur Gottesbegegnung. Hierbei handelt es sich um die Selbstoffenbarung Gottes, welche sich im Handeln Gottes manifestiert. Bezogen auf den gegenwärtigen Kontext erschließt sich Gottes Wort in neuen Bedeutungen. Demzufolge können die SuS neue Möglichkeiten der Selbst- und Gotteserkenntnis gewinnen. Was wiederum bedeutet, dass das Hören in der Vergangenheit sowie in der Gegenwart von großer Bedeutung ist. Nachfolgend kann ein Dialog beziehungsweise eine personale Begegnung Gottes stattfinden, welcher als Heilserfahrung endet.[30]

Den Schluss bildet das ״ungeschminkte Menschenbildwelches die Bibel als ״(...) Spiegelbild dessen (...), was unter Menschen möglich ist“ widerspiegelt. Die Wahrhaftigkeit der Bibel drückt sich vor allem durch ihre ungeschönten Geschichten aus. Hier lassen sich Glücks- und Leiderfahrungen entnehmen. Der SuS hat die Möglichkeit die Bibel als ״Spiegel“, in dem er sich selber erkennen kann, zu nutzen.[31] Dieses Mittel zielt in erster Linie auf den Lebensweltbezug der SuS. Erkennen die SuS eine Parallele zu seinem Leben, öffnen sie sich der biblischen Arbeit und eine Gottesbegegnung wird möglich.

Neben den theologischen Aspekten gibt es auch pädagogische Aspekte, die das biblische Lernen maßgeblich beeinflussen und begründen. Eins der stärksten bildungstheoretischen Gründe lautet: ״Biblisches Lernen als Beitrag zur Allgemeinbildung“. Zur Allgemeinbildung gehört insbesondere der Umgang mit Frage- und Problemstellungen. Bei dem bereits erwähnten Argument ״ungeschminktes Menschenbild“ ging es ebenfalls um Frage- und Problemstellungen, die sich in der Bibel widerspiegeln. Aus diesem Grund gehört die Allgemeinbildung zum biblischen Unterricht dazu. Um die Bedeutung der biblischen Tradition erschließen zu können, ist es unerlässlich auf biblische Quellen zurückzugreifen. Besonders ״(...) in den Diskussionen um Bewahrung der Schöpfung, um Gerechtigkeit, Euthanasie, Schutz des Lebens, Schutz der Familie, Erhaltung des Friedens (...)“ wird die ״Stimme der biblischen Tradition “ deutlich. Kropac ist der Auffassung, dass ethische Diskurse aus der Kraft biblischen Denkens leben. Des Weiteren bestärkt er das bildungstheoretische Argument, in dem er sagt: ״ Wenn es sich die Schule zur Aufgabe macht, im Sinne einer Allgemeinbildung die Erscheinungsformen unserer Kultur zu erschließen, muss die Bibel für sie ein Thema sein“. Er geht sogar so weit zu behaupten, der Religionsunterricht sei diesbezüglich der einzige Ort.[32]

Bereits bei dem biblischen Leitmotiv der Hoffnung kam die religiöse Sprachfähigkeit zum Vorschein. Entsprechend gilt es das biblische Lernen als Dienst an der religiösen Sprachfähigkeit zu untersuchen. Für Kropac eröffnet sich die Wirklichkeit durch die Sprache und in der Sprache. Biblisches Lernen leistet einen bedeutsamen Beitrag, wenn es um das Vertrautmachen mit der Sprache und ihrer erschließenden Funktion für die Wirklichkeit geht. Das biblische Lernen im Religionsunterricht bietet den SuS die Chance, ״ein eindimensionales Welt- und Sprachverständnis aufzubrechen“. Biblische Texte und biblische Sprache können den SuS die Wirklichkeit und ihren Grund offenbaren. Somit fördert das biblische Lernen die Sprachkompetenz und das Verständnis von Wirklichkeit. Die SuS können nun durch das Erlernen von sprachlichen Formen zur Verbalisierung ihre eigenen Erfahrungen im religiösen Kontext mitteilen. Natürlich lässt der Religionsunterricht auch Raum für Erfahrungen, die nichts mit Theologie an sich zu tun haben. Trotz alledem gilt dies in erster Linie für religiöse Erfahrungen. Hierbei handelt es sich um biblische Kategorien, welche in unserem Kulturkreis zur Sprache kommen und dadurch wird eine Alphabetisierung in der religiösen Sprache bezweckt.[33] Biblisches Lernen trägt nicht nur zur Allgemeinbildung, sondern auch zur Identitätsfindung bei. In der Lebensphase Jugend stellen sich SuS oftmals existentielle Lebensfragen wie ״ Wer bin ich? “ oder ״ Welchen Sinn hat mein Leben? “. Hier greift ebenfalls die Bibelarbeit, in dem die Bibel einen ״Gesprächspartner zur Verfügung“ stellt. Er hilft dabei, diese Fragen zu stellen und sich ihnen zu stellen. Dieser Prozess ist für die Selbstkonstitution des Jugendlichen maßgeblich. Die Bibel lässt Raum für die mit den existentiellen Grundfragen verbundenen Ängste und Hoffnungen. Auf diese Weise leistet das biblische Lernen im Religionsunterricht einen erheblichen Beitrag zur erfolgreichen Bewältigung der Entwicklungsaufgabe des Jugendlichen. Entweder erkennen die SuS, dass sie auf der Suche nach ihrer Identität nicht auf ihre Leistung allein setzen müssen, sondern immer schon über die Anerkennung eines liebenden Gottes verfügen.[34] Durch dieses Mittel haben die SuS die Chance, aus eigenem Antrieb ihre Identität zu finden und zugleich den Sinn des Lebens zu erfahren. Biblisches Lernen agiert hier als Antriebskraft.

Der letzte zu erwähnende Punkt thematisiert biblisches Lernen als Einübung in Kritik und Hoffnung. Hier gibt es ebenfalls eine Paralle zur theologischen Argumentation. In diesem Kapitel wurde bereits der Hoffnungsaspekt im theologischen Kontext erörtert.

Wenn es um die Einübung in Kritik und Hoffnung geht, greift die kritische Funktion der Bibel. Die Bibel gibt sogar in der Kritik die Möglichkeit zu hoffen. Dieser Aspekt unterstreicht ihre Besonderheit und Relevanz. Die SuS können der Bibel ״gefährliche Erinnerungen “ entnehmen, aber auch Hoffnung auf Veränderungen lassen sich erkennen. Aus diesem Grund ist die Sprache der Bibel eine anklagende sowie hoffnungsvolle Sprache. Dies wirkt zuerst widersprüchlich, jedoch schafft es die Bibel beide Gegensätze harmonisch zu vereinen. Gerade die kritische Funktion der Bibel ist im Religionsunterricht für die SuS fundamental. In Zeiten der Postsäkularität müssen die SuS lernen, dass nicht immer eine Anpassung an die bestehenden Verhältnisse richtig ist, sondern Veränderungen im Sinne eines humaneren Lebens anzustreben sind. Wenn dies genauso im Religionsunterricht weitergegeben wird, befindet sich biblisches Lernen ״auf einem soliden bildungstheoretischen und schulpädagogischen Fundament“.[35] Nicht nur den SuS bringt eine solche kritische Funktion im Religionsunterricht weiter, auch die Kirche benötigt kritische Instanzen für ihr Handeln.

Die herausgestellten Begründungsfiguren für biblisches Lernen zeigen, dass die religionsdidaktische Thematik zwei Grundlagen besitzt, welche die Relevanz und den Erfolg biblischen Lernens für den katholischen Religionsunterricht nochmals verstärken.

[...]


[1] Klaus Horst Berg hat auf den schwierigen Punkt des biblischen Lemens und der Korrelation heutzutage hingewiesen, in dem er unter 4000 Schülern eine Befragung durchgeführt hat. Siehe hierzu Kropac, Ulrich: Biblisches Lemen. In: Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf. München 2001, s. 385f.

[2] Berg, Horst Klaus: Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung. München u.a. 2000, s. 16-18.

[3] Vgl. Berg, Horst Klaus: Ein Wort wie Feuer? Zur Arbeit mit der Bibel im Religionsunterricht. In: Wermke, Michael (Hg.): Aus gutem Grand: Religionsunterricht. Göttingen 2002, s. 112-117.

[4] Zum dialogischen Bibelunterricht siehe: Niehl, Franz w. : Bibel verstehen. Zugänge und Auslegungswege. München 2006.

[5] Hilger, Georg u.a. (Hg.): Religionsdidaktik. München 2008, s. 389.

[6] Zum neuesten Forschungsstand vgl.: Schambeck, Mirjam: Bibeltheologische Didaktik. Biblisches Lernen im Religionsunterricht. Göttingen 2010. Theißen, Gerd: Zur Bibel motivieren. Aufgaben, Inhalte und Methoden einer offenen Bibeldidaktik. Gütersloh 2003.

[7] Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Der Religionsunterricht vor neuen

Herausforderungen (Die deutschen Bischöfe 80). Bonn 2017.

[8] Berg, Horst Klaus: Grundriss der Bibeldidaktik. Konzepte-Modelle-Methoden. Stuttgart u.a. 1993, s. 37.

[9] Hilger 2003, s. 387ff. Vgl. dazu auch: Schweitzer, Friedrich/ Simojoki, Henrik: Modeme Religionspädagogik. Ihre Entwicklung und Identität. Freiburg im Breisgau 2005.

[10] Vgl. Schambeck 2009, s. 17-67.

[11] Alim. 9, s. 19.

[12] Hilger 2008, s. 394.

[13] Vgl. Theißen 2003, s. 47-53.

[14] Anm. 6.

[15] Ebd.

[16] Maurice Baumann charakterisiert die Postmoderne mit drei wesentlichen Punkten. Siehe hierzu auch Baumann, Maurice: Bibeldidaktik als Konstruktion eines autonomen Subjekts. In: Godwin, Lämmermann u.a. (Hg.): Bibeldidaktik in der Postmoderne. Stuttgart и.a. 1999, s. 35.

[17] Vgl. hierzu Hilger 2008, s. 67ff.

[18] Anm. 23.

[19] Kropac 2001, s. 386.

[20] Anm 19.

[21] Ebd., s. 387.

[22] Ebd

[23] Bitter u.a. (Hg.): Neues Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe. München 2002, s. 433.

[24] Ebd., s. 215.

[25] Hilger 2008, s. 387ff.

[26] Baldermann, Ingo: Einführung in die biblische Didaktik. Darmstadt 2011, s. 15.

[27] Anm. 25.

[28] Anm 33, s. 388.

[29] Ebd.

[30] Ebd., s. 389.

[31] Anm. 38.

[32] Ebd.

[33] Hilger 2008, s. 390.

[34] Ebd., s. 391.

[35] Vgl. Hilger 2008, s. 391.

Details

Seiten
22
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668820333
ISBN (Buch)
9783668820340
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445065
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Katholisches Institut
Note
2,7
Schlagworte
biblisches lernen herausforderungen postmoderne

Autor

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Titel: Biblisches Lernen vor den Herausforderungen der Postmoderne