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Flucht und Vertreibung der Tschetschenen

Welche Faktoren haben die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im Tschetschenien der Nachkriegszeit (1. Tschetschenienkrieg) im Besonderen beeinflusst?

Ausarbeitung 2016 16 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

1. Einleitung

Die Geschichte Tschetscheniens ist geprägt von zahlreichen Konflikten, die die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen maßgeblich beeinflusst haben. Das Land hat ein hohes Maß an Zerstörung und Unterdrückung erfahren und es gab immer wieder große Bevölkerungsbewegungen zu verzeichnen. Hier werde ich, zunähst, kurz einige allgemeine Informationen zu Tschetschenien geben (2) und anschließend auf die vier Ereignisse eingehen, die meiner Meinung nach für den Großteil der Migrationsbewegungen verantwortlich sind. Zum einen sind da die Eroberung des Nordkaukasus durch Russland in dem Kaukasuskrieg (3) und die Deportation der Tschetschenen unter Stalin (4), zum anderen die zwei Tschetschenienkriege (5, 7), die sich erst in jüngster Zeit ereignet haben. Danach gehe ich etwas genauer auf die Kriegsfolgen für die Tschetschenen ein (6, 8) und gebe einen Überblick über die Situation in der sich das Land heute befindet (9). Einen besonderen Augenmerk richte ich dabei auf die Kriegsfolgen und die Frage:

"Welche Faktoren haben die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im Tschetschenien der Nachkriegszeit (1. Tschetschenienkrieg) im Besonderen beeinflusst?" (6)

Abschließend fasse ich die Ergebnisse in einem Fazit zusammen (10).

2. Allgemeines zu Tschetschenien

Tschetschenien ist eine im Nordkaukasus gelegene, autonome Republik in Russland. Mit einer Fläche von 15.647[2] handelt es sich um ein relativ kleines Land (vor allem, wenn man es mit seiner Konfliktparte¡ Russland vergleicht) mit einer relativ geringen Bevölkerungsanzahl von ca. 1,3 Millionen Einwohnern. Die Hauptstadt des Landes heisst Grosny und bildet mit etwas über 270.000 Tausend Einwohnern (Stand: 2010) das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes (Wikipedia: Tschetschenien; Wikipedia: Tschetschenien: Bevölkerung).

Im Jahr 2010 setzte sich die Bevölkerung Tschetscheniens aus 95,1% Tschetschenen, 1,9% Russen und 3% Menschen anderer Nationalität zusammen (Stand: 2010). Vor den beiden Tschetschenienkriegen, in denen es auf beiden Seiten zu ethnischen Säuberungen kam, war der Anteil anderer Ethnien deutlich höher (u. a. Russische, inguschetische, nogayische, armenische und ukrainische Minderheiten), sodass der Anteil der Tschetschenen bei ca. 75 % lag (Schmidinger: 3). Es ist anzunehmen, dass der Ausländeranteil in Tschetschenien (vor allem der russischen Staatsbürger) sich bis heute, wo das Land relativ stabil ist und gezwungenermaßen gute Beziehungen zu Russland pflegt, erhöht hat (ARTE 2015).

Die am weitesten verbreitete Glaubensrichtung ist der Islam, genauer der Suffismus (ARTE 2015). Momentan gilt in dem Land (zumindest offiziell) die Scharia (ARTE 2015). Historisch gesehen wurden seitens der Russen (auch in hohen politischen Ebenen) viele Vorurteile gegenüber der tschetschenischen Ethnie geschürt. So gab es, beispielsweise, im Jahr 1999 inoffizielle Anweisungen an die russischen Medien die Tschetschenen als "Banditen" oder "Terroristen" zu bezeichnen (Nichols 2000: 242). Auch standen im zweiten Tschetschenienkrieg aufgrund der zuvor erfolgten Terroranschläge tschetschenische Männer im Alter zwischen 10 und 60 Jahren unter Generalverdacht ein Freiheitskämpfer oder Terrorist zu sein (Nichols 200: 247). Dieser Glauben hält sich immer noch hartnäckig in der russischen Bevölkerung, sodass Tschetschenen in Russland sich bis heute mit vielen Vorurteilen konfrontiert sehen und es immer wieder zur Diskriminierung oder Gewalt gegenüber Tschetschenen seitens der russischen Bevölkerung oder gar den staatlichen Institutionen kommt (Nichols 2000: 247, 253).

Bis heute sind tschetschenische Rebellengruppen aktiv und verüben, unter anderem, Anschläge auf russischem Gebiet (eins der prominentesten Beispiele aus den Nachrichten ist dabei die Geiselnahme von Beslan durch die Gruppierung Rijadus-Salichin im September 2004) (AG Friedensforschung: Fortgesetzte Menschenrechtsverletzungen).

3. Der Kaukasuskrieg

Nach zahlreichen Konflikten zwischen Russland und dem osmanischen Reich entbrannte ein Krieg um den Nordkaukasus der von 1817 bis 1864 dauerte und mit dessen Eroberung durch Russland endete. Als Motivation für Russland diente unter anderem ein Zugang zum Mittelmeer (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864); AG Friedensforschung: Vorgeschichte).

Im Krieg starben rund 130.000 russische Soldaten. Die Kriegsopfer der Bewohner des Nordkaukasus sind unbekannt (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864): Kriegsfolgen).

Da die Muslimisch geprägte Region vorwiegend mit dem osmanischen Reich zusammengearbeitet hatte, gab es seitens Russlands bedenken wegen einer erfolgreichen Eingliederung der Region. So kam es zu massiven Bemühungen Muslime aus der Gegend zu vertreiben (unter anderem zahlreiche Hinrichtungen, ethnische Säuberungen, Deportationen und Flüchtlingsabkommen mit den Zielländern) (Nichols 2000: 243). Mehrere 100.000 Menschen flüchteten auf das Territorium der heutigen Türkei, Syriens, Jordaniens, Israels, Ägyptens und anderer nahöstlicher Staaten (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864)).

Die Flüchtlingszahlen der Tschetschenen blieben dabei relativ unbedeutend (Nichols 2000: 243). Während andere ethnische Gruppen in der Region Anteile von Auswanderern von 80% (Tscherkessen, Abasinen) oder 50% (Balkaren, Karatschaiern) verzeichneten, belief sich der Wert bei den Tschetschenen und Awaren auf ca. 10% (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864): Kriegsfolgen).

Verlassene Gebiete wurden anderen ethnischen Gruppen zugewiesen (meistens Russen oder Ukrainern) (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864): Kriegsfolgen).

Der religiöse Führer der Sufi im Nordkaukasus wurde im Laufe des Konfliktes von Russland gefangen genommen und ins Exil verbannt. Bis heute sehen einige sufitische Gruppierungen dies als Anlass gegen Russland zu Rebellieren (Wikipedia: Kaukasuskrieg (1817-1864): Kriegsfolgen; AG Friedensforschung: Vorgeschichte). Sicherlich kommen noch andere religiös oder historisch bedingte Gründe hinzu (wie zum Beispiel die weiteren Zwischenfälle mit Russland, das Verlangen nach Unabhängigkeit oder das momentan vorherrschende Regime in Tschetschenien (siehe Kapitel 9)).

Auch nach Beendigung des Krieges kam es zu einigen Aufständen sufitischer Protestbewegungen, darunter vor allem Inguschen und Tschetschenen, die meistens blutig niedergeschlagen wurden (AG Friedensvorschung: Vorgeschichte).

4. Die Deportationen

Nach einer anfänglichen, liberalen Phase unter Lenin, in der die Kultur kleinerer Völker geduldet und gefördert wurde (so wurde beispielsweise das Tschetschenische zu einer Schriftsprache ausgebaut), schürte die repressive Politik unter Stalin Unzufriedenheit unter den Tschetschenen.

So führte die innere Politik der Sowjetunion dazu, dass sich zahlreiche tschetschenische Widerstandsgruppen bildeten und mit dem vorrückenden deutschen Reich zusammenarbeiteten, obwohl es ihrerseits keine Überschneidungen mit der Naziideologie gab und Tschetschenien weiterhin auf seiner Unabhängigkeit bestand (Wikipedia: Tschetschenien: Geschichte).

Da die Wehrmacht nicht bis nach Tschetschenien vorgedrungen war, wurde der Aufstand schnell gewaltsam beendet und es kam zu massenhaften Deportationen der Tschetschenen wegen der "Kollaboration mit dem Feind". Beschlossen wurde dabei die ausnahmslose Deportation aller Tschetschenen nach Sibirien, Kasachstan, Kirgistan und weitere Gebiete in Zentralasien (AG Friedensforschung: Früherer Kampf um Unabhängigkeit; Nichols 2000: 243).

Wer sich der Deportation widersetzte oder nicht in der Lage war zu reisen wurde meist hingerichtet. Insgesamt starben ca. 200.000 Tschetschenen an der Deportation und ihren Folgen (Nichols 2000: 243). Es kam darüber hinaus auch zu zahlreicxhen Todesfällen durch Krankheitsausbrüche oder die Anstrengungen der Deportation (Nichols 2000: 243). Weiterhin wurden zahlreiche tschetschenische Kultur- und Baudenkmäler zerstört und die leerstehenden Dörfer zogen zahlreiche russische und ukrainische Migranten an (ARTE 2015).

Flier wird, meiner Meinung nach, zum ersten Mal ein Bemühen Russlands deutlich, die "tschetschenische Identität" und damit den Widerstand gezielt zu zerstören. Die Verstreuung des tschetschenischen Volkes über weite Regionen und die Zerstörung von Kulturdenkmälern, sowie die Ansiedlung anderer Ethnien auf tschetschenischem Gebiet dienten der systematischen Assimilation der Tschetschenen und der Zerstörung ihrer Identität.

Erst nach Stalins Tod waren erste Rückkehrer zu verzeichnen. Die "Rehabilitation der Tschetschenen" im Jahre 1956 und die offizielle Erlaubnis für die Rückkehr im Jahr 1957 lösten dann größere Rückkehrbewegungen aus (Nichols 2000: 243).

Trotzdem blieben die Tschetschenen weiterhin Bürger zweiter Klasse im eigenen Land. So wurden lukrative oder anspruchsvolle Jobs vorwiegend an Russen vergeben, während die Arbeitslosigkeit unter den Tschetschenen sie dazu veranlasste, sich Arbeit im Ausland zu suchen. Wieder kam es zu großen Menschenbewegungen aus Tschetschenien in andere sowjetische Gebiete (Nichols 2000: 243).

1989 lebten nur ca. 700.000 von 900.000 Tschetschenen auf tschetschenischem Gebiet. Alleine in Kasachstan und Kirgistan waren etwa 50.000 ihrer Nachkommen zu verzeichnen und noch einmal etwa so viele in Russland(Nichols 2000: 243f). So waren es diesmal ökonomische und soziale Gründe, die die Auswanderung der Tschetschenen bewirkten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam in Tschetschenien eine Unabhängigkeitsbewegung auf und 1991 erklärte der damalige Regierungschef des Landes dessen Unabhängigkeit. Die neue politische Leitlinie war auch unter Tschetschenen umstritten und führte zum Kollaps der Wirtschaft und zum Aufblühen der Kriminalität. So wurden zahlreiche Einwohner Tschetscheniens durch Diskriminierung, Armut oder die politische Instabilität in die Flucht getrieben (Nichols 2000: 244). Genauere Zahlen aus dieser Zeit sind jedoch nicht bekannt.

5. Erster Tschetschenienkrieg

Nach anfänglichen politischen Bemühungen ein russlandfreundliches Regime in Tschetschenien zu installieren (darunter auch die Kurzzeituge entsendung von russischen Truppen nach Tschetschenien im Jahr 1991 oder die Unterstützung der Opposition in Tschetschenien) (AG Friedensforschung: Erste Truppenentsendung), intervenierte Russland im Jahr 1994, obwohl seitens des tschetschenischen Regierungschefs Verhandlungsbereitschaft signalisiert worden war (AG Friedensforschung: Erste Truppenentsendung).

Der Krieg dauerte zwei Jahre und kostete ungefähr 50.000 Menschen das Leben. Die Zahl der zivilen Opfer bleibt bis heute unbekannt (Jedoch starben alleine bei dem Artilleriebeschuss Grosnys etwa 25.000 Menschen, darunter vorwiegend Zivilisten) (Wikipedia: Erster Tschetschenienkrieg). Tschetschenien hatte in der Zeit einen Bevölkerungsschwund von ungefähr 284.000 zu verzeichnen. Dazu zählen alle Kriegstoten, Flüchtlinge, zivile Opfer sowie das ausbleibende Bevölkerungswachstum aufgrund einer in Kriegszeiten sinkenden Geburtenrate (Nichols 2000: 244f).

Fast die gesamte Infrastruktur Tschetscheniens wurde dabei zerstört, die Flauptstadt Grosny erfuhr einen beispiellosen Grad an Zerstörung (sie ist bis heute nicht vollständig wieder aufgebaut) und weite Teile des Farmlandes wurden vermint oder vergiftet (Nichols 2000: 245; AG Friedensforschung: Erster Tschetschenienkrieg).

Flier wird deutlich, dass das Land gezielt auch strukturell geschädigt wurde, vermutlich um eine schwache, abhängige Situation zu schaffen, in der die Tschetschenen auf die hülfe Russlands nach dem Kriegsende angewiesen seien (die heutigen Verhältnisse in dem Land unterstreichen diese These (siehe Kapitel 9)).

Nach langen Verhandlungen, der Rückeroberung Grosnys durch tschetschenische Rebellen und einem wiederholt von beiden Seiten gebrochenen Waffenstillstand beschloss der Kreml schließlich 1996 den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und das Land behielt seinen unabhängigen Status bei (AG Friedensforschung: Erster Tschetschenienkrieg).

Obwohl die Unabhängigkeit Tschetscheniens bewahrt werden konnte, fand sich das Land in völliger Flandlungsunfähigkeit wieder. Die Zerstörung der Infrastruktur, der Industrie und des Farmlandes resultierten im ökonomischen Ruin des Landes und begünstigten das Wachstum von Chaos, Gesetzeslosigkeit und Radikalität (Nichols 2000: 245).

Russland verweigerte die Zahlung von Reparationen und internationale hülfen wurden durch das Verbrechen abgeschreckt (So wurden in der Nachkriegszeit bis 1999 rund 1000 Menschen von Geiselnehmer-Banden entführt, darunter zahlreiche ausländische Krisenhelfer). Außerdem nahm die Zahl radikaler Islamisten stetig zu (Nichols 2000: 245). Insgesamt war das Land von Armut, Verbrechen und Instabilität geprägt, was weitere Flüchtlingsbewegungen begünstigte. Seit dem Kriegsende bis 1999 waren ca. 150.000 weitere Emigranten aus Tschetschenien zu verzeichnen (Nichols 2000: 245). Als vorwiegende Motive können hier ökonomische Gründe (Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit), politische Gründe (ein völlig lahmgelegter Verwaltungsapparat) und soziale Gründe (Verbrechen, religiöse Verfolgung) genannt werden.

So kam es, dass im Jahr 1999 die tschetschenische Diaspora auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion bei 200.000 bis 300.000 lag (Nichols 2000: 245). Hier wird wieder die zunehmende Verstreuung der tschetschenischen Ethnie sichtbar.

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668818521
ISBN (Buch)
9783668818538
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445102
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Schlagworte
Tschetschenien Russland Migration Deportation Flucht Vertreibung UdSSR Krieg Geschichte Soziologie

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Titel: Flucht und Vertreibung der Tschetschenen