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Phonologiebeschreibung in Missionarsgrammatiken

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Moderne Phonologiebeschreibung

3. Allgemeine Informationen zu den Manuskripten und Missionaren

4. Phonologiebeschreibung in den Missionarsgrammatiken
4.1. Geschichte der Abiponer, einer berittenen und kriegerischen Nation in Paraguay
4.2. The Indian Grammar Begun
4.3. Unterschiede und Parallelen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist nichts leichtes für einen Europäer seine Ohren und Zunge an die fremden und sonderbar gezerrten Laute zu gewöhnen, welche die Wilden bald mit der Zunge zischend, bald durch die Nase schnurrend, bald durch die Zähne kirrend und bald aus der Kehle gurgelnd aussprechen, und zwar schnell und unvernehmlich, so dass man nicht die Worte redender Menschen sondern das Gequäcke von Aenten zu hören glaubt, und mit der grössten Aufmerksamkeit keine Spur von einem Buchstabenlaut zu entdecken im Stande ist.“ (Dobrizhoffer 1783/84: 192)

Die Fähigkeit neue Sprachen zu erlernen nimmt mit dem Alter ab, da der Mensch seine auditive und artikulatorische Sensibilität gegenüber neuen Lauten und deren Produktion verliert (vgl. Dobrizhoffer 1783: 192). Möchte man nun eine gänzlich unerforschte, und im Vergleich zur eigenen Muttersprache, exotische Phonologie beschreiben, so stößt man auf das genannte Problem. Und in genau dieser Situation befanden sich die Missionare im Zeitalter des Kolonialismus, die u. a. in Amerika die Sprachen der Ureinwohner dort in Manuskripten erfassten und für die Nachwelt festhielten. Dabei gingen sie auch auf anthropologische Besonderheiten innerhalb der Sprechergemeinschaften ein und befassten sich mit der Grammatik, dem Vokabular und der Phonologie der Sprache. Dies taten sie, um mithilfe der dann erworbenen Sprachkenntnisse mit den Ureinwohnern zu kommunizieren und ihnen den christlichen Glauben näherzubringen – sie zu missionieren. Im Zuge dieser Arbeit stießen sie jedoch auf zahlreiche Hindernisse, wobei hier vorrangig die Sprachbeschreibung – genauer die Phonologiebeschreibung – betrachtet werden soll. Zu dem allgemeinen Problem der Verständigung kam außerdem die Tatsache, dass es zur Zeit der Missionierung noch keine einheitlichen Beschreibungskriterien von Lauten gab, da Richtlinien wie das International Phonetic Alphabet (im Folgenden mit IPA abgekürzt) erst deutlich später zur Vereinfachung und Vereinheitlichung eingeführt wurden. Die schriftlichen Gelehrten, die die Missionare waren, mussten also auf andere Beschreibungsmodalitäten zurückgreifen, um die lautliche Beschaffenheit der zu beschreibenden Sprache verständlich zu erfassen. Doch in welcher Art und Weise und mit welchen Beschreibungsmodalitäten, haben die Missionare die Phonologien der Ureinwohner-sprachen festgehalten, welche Besonderheiten, Probleme und Unterschiede können festgestellt werden? Der Antwort dieser Frage soll sich die vorliegende Arbeit annehmen, wobei dazu exemplarisch zwei Missionarsgrammatiken hinsichtlich ihrer Phonologiebeschreibung ver-glichen werden. Gegenstand sind zum einen die Arbeit von Martin Dobrizhoffer über die Sprache der Abiponer, verfasst 1783/84, und zum anderen die Arbeit von John Eliot zur Massachusetts Indian Language, welche er 1666 veröffentlichte.

Zunächst wird kurz ein Blick auf die moderne Phonologiebeschreibung geworfen, um den Kontrast zur Beschreibung in den Missionarsgrammatiken deutlich zu machen. Anschließend werden allgemeine Informationen zu den zu vergleichenden Manuskripten dargelegt. Daraufhin werden beide Manuskripte erst isoliert voneinander betrachtet und schließlich verglichen. Im Fazit soll noch einmal auf vorher herausgefilterten Unterschiede und Parallelen bzgl. der Phonologiebeschreibung eingegangen werden, sowie mögliche Probleme und Besonderheiten hervorgehoben werden.

2. Moderne Phonologiebeschreibung

Dass man nicht jede Aussprache durch arabischen Schriftzeichen repräsentieren kann, beweist die deutsche Phonologie: das Neuhochdeutsche hat allein fünf e-Laute, die alle von demselben Graphem repräsentiert werden. Aufgrund der hiermit beispielhaft verdeutlichten Graphem-Phonem-Korrespondenz, wird klar, dass andere Modalitäten zur Beschreibung einer Phonolo-gie vonnöten sind (vgl. Glück 2010: 252).

Die moderne Lautbeschreibung ist mithilfe von einheitlichen Beschreibungsmodalitäten standardisiert und somit für alle Linguisten weltweit verständlich. Verantwortlich dafür ist der Verein Association Phonétique Internationale oder auch International Phonetic Association, der 1886 vom französischen Phonetiker Paul Édouard Passy gegründet wurde. Sein Ziel war es die phonetische Transkription zu standardisieren, sodass er 1888 das erste IPA herausbrachte. Nach Überarbeitungen in den Jahren 1993 und 1996 ist es auch heute noch für die Beschreibung von einzelsprachlichen Phonologien unabdingbar (vgl. Glück 2010: 48f).

Beim Beschreiben einer Sprache werden zunächst die bedeutungsunterscheidenden Laute – Phoneme – mithilfe von Minimalpaaren und einer Analyse ihrer distinktiven Merkmale herausgefiltert. Anschließend geht es darum, die phonologischen Regularitäten zu beschreiben und Allophone zu definieren (ebd.: 510). Die genaue Lautbeschreibung erfolgt durch die Analyse der artikulatorischen Eigenschaften, die die Laute der entsprechenden Sprache besitzen. Genauer geht es bei den Konsonanten um den Artikulationsort, das artikulierende Organ, den Artikulationsmodus und die Stimmhaftigkeit. Vokale werden mithilfe von Zungenhöhe, Zungenlage und Rundungsgrad der Lippen klassifiziert. Des Weiteren gibt es eine Einteilung der Klicklaute, Implosive und Ejektive, diakritische Zusätze, Zeichen für Akzente und außerdem Töne und Tonbewegungen (vgl. ebd.: 48f). So lässt sich jeder sprachliche Laut in das IPA einfügen und bestimmten, sodass theoretisch jeder in der Lage wäre phonologisch korrekte Laute in der beschriebenen Sprache zu produzieren oder zu rezipieren.

Dass aber nicht nur die richtige Einzellautproduktion eine entscheidende Rolle beim Sprechen und Verstehen einer Sprache ist, weiß jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat. Natürlich spielen und suprasegmentale Eigenschaften eine große Rolle. Hierzu zählen der Wort- und Satzakzent, die Intonation von Phrasen, der Sprachrhythmus und die Sprechge-schwindigkeit (vgl.: Hoffmann 2010: 410-414). Kann ein Fremdsprachenlerner nun auch diese sprachlichen Eigenschaften fehlerfrei anwenden, so würde er auf der lautlichen Ebene von keinem Muttersprachler als Nicht-Muttersprachler identifiziert werden. Ob dies überhaupt möglich ist, soll in dieser Arbeit jedoch nicht diskutiert werden.

Die heutige Phonologiebeschreibung ist also hochgradig standardisiert, sodass Menschen in aller Welt mithilfe von schriftlich festgehaltenen Sprachinformationen die Artikulation einer fremden Sprache begreifen können. Da diese Standardisierung erst 100 Jahre nach dem Verfassen der Missionarsgrammatik von Martin Dobrizhoffer (die jüngere Missionarsgrammatik, der beiden hier zu analysierenden Manuskripte) eingeführt wurde, mussten die beiden Missionare auf andere Art und Weise die Aussprache der Ureinwohnersprachen verschriftlichen.

3. Allgemeine Informationen zu den Manuskripten und Missionaren

Bevor die Lautbeschreibungen der Missionare in den Mittelpunkt rücken wird, sollen einige allgemeinere Informationen zu den beiden Missionarsgrammatiken und deren Autoren darge-legt werden, um einen Gesamteindruck von den Werken, in denen die Phonologiebeschrei-bungen festgehalten sind, und den Verfassen zu erlangen.

Martin Dobrizhoffer, der von 1718-1791 lebte, studierte zunächst Philosophie in Wien und Theologie in Graz, bis der Jesuit 1748 nach Paraguay in die Mission entsandt wurde. In Córdoba beendete er sein Theologiestudium, um anschließend 18 Jahre lang u. A. in den Gebieten der Abiponer seinem missionarischen Wirken nachzugehen. Im Zuge dessen erlernte er die Sprache und die Lebensgewohnheiten der Stämme, bis er schwer erkrankte und versetzt wurde. 20 Jahre nach seiner Entsendung kommt er als Gefangener zurück nach Europa, wo weitere 11 Jahre mit der Niederschrift seiner Erlebnisse in Paraguay wartete. 1783/84 erschien sein dreibändiges Lebenswerk über die Abiponer auf Latein und Deutsch (vgl. Jesuiten Website).

Im ersten Band seines Werkes geht er in der Vorrede auf die zahlreichen Bücher ein, die vor dem Erscheinen seines Buches veröffentlicht wurden. In denen gehe es ebenfalls um Aspekte wie Lebensweise, Sprache und Geologie in Paraguay, aber er betont mehrmals, dass nicht Jedes wahrheitsgemäße Aussagen enthielte. Außerdem legt er Wert darauf, dass er nicht in einem Atemzug mit diesen, seines Erachtens nach, Betrügern, genannt wird, da er durch seinen mehr als zwanzigjährigen Aufenthalt in Amerika einen tieferen Einblick in die Kultur und Sprache der Ureinwohner habe. Er habe den Anspruch an sich mit den inhaltlichen Fehlern seiner Vorgänger aufzuräumen und die Lebenswelt der Abiponer so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen. Im weiteren Verlauf der Bände geht er auf geografische und anthropologische Aspekte sowie die Tierwelt, die Missionierung, Bodenschätze und schließlich die Sprache der Abiponer ein. Letztere ist im zweiten der drei Bände zu finden und umfasst 49 Seiten, wovon lediglich 4 Seiten zur Phonologiebeschreibung zu zählen sind.

John Eliot, der knapp 100 Jahre vor Dobrizhoffer lebte (1604-1690), studierte ebenfalls Theolo-gie, wurde puritanischer Priester und ging 1631 nach Boston Massachusetts, um dort ein Jahr später Leiter des Kirchensprengls Roxbury zu werden, was er bis zu seinem Tode blieb. Er pflegte enge Beziehungen zu den indigenen Völkern und setzte sich stets für ihre Rechte ein, was ihm u. A. dem Titel des „Apostle of the American Indian“ verlieh. 1663 übersetzte er die Bibel im Zuge seine Missionierungstätigkeit in einige indianische Sprachen und drei Jahre später verfasste er die Sprachbeschreibung der „Massachusetts Indian Language“ (vgl. Boston University Website).

Sein 66 Seiten langes Buch über die Sprache der Indianer beginnt mit einem kurzen Brief an den Gouverneur Robert Boyle, dem er dieses Buch widmet, worauf sich eine kurze Einleitung anschließt, in der er beschreibt, wie sich seine Grammatik aufbaut. Er gliedert sein Buch in zwei große Teile: „The Art of making Words“ und „The Art of ordering words for speech“. Ersteres beinhaltet Beschreibungen zu Lauten, Silben, Wörtern und ein Aussprachealphabet. Der zweite Teil enthält sieben von ihm beschriebene Wortarten, je einen Teil zur Wortbildung und Satzbil-dung sowie am Ende ein Schlusswort. Die Phonologiebeschreibung umfasst viereinhalb Seiten.

4. Phonologiebeschreibung in den Missionarsgrammatiken

Nachfolgend sollen lediglich die Teile mit den Phonologiebeschreibungen analysiert und verglichen werden, obgleich die Manuskripte wesentlich mehr enthalten. Andere Merkmale sollen nur zur Erklärung möglicher Unterschiede und Parallelen herangezogen werden.

4.1. Geschichte der Abiponer, einer berittenen und kriegerischen Nation in Paraguay

Bevor Dobrizhoffer auf phonologische Aspekte der abiponischen Sprache eingeht, gibt er allgemeine Informationen zur Sprache, wie sich die sprachliche Situation bei den Missionaren verhält und außerdem geht er darauf ein, dass viele Europäer versucht hätten, indianische Sprachen zu sprechen und dabei kläglich gescheitert seien (vgl. Dobrizhoffer 1783/84: 190f). Zunächst beschreibt er das Erlernen der indianischen Sprachen allgemein als einen Prozess, der für die erwachsenen Missionare, im Vergleich zu den spanischen Kindern, „nicht wenig Zeit und Mühe kostet“ (ebd.: 192), da sich „Ohren und Zunge an die fremden und sonderbar gezerrten Laute […] gewöhnen“ müssen (ebd.: 192). Den Klang bzw. die Produktion der Laute beschreibt er wie folgt: „durch die Zunge zischend“, „durch die Nase schnurrend“, „durch die Zähne kirrend“ oder „aus der Kehle gurgelnd“. Hier geht er also auf für ihn unbekannte Laute ein, denen er keine ihm bekannten Buchstabenlaute aus den europäischen Sprachen zuordnen kann, sodass er auf auditive Lautbeschreibung und Artikulationsorte zurückgreifen muss. Der Leser bekommt so einen Eindruck wie sich die Sprache ungefähr angehört haben könnte, ohne konkrete Buchstabenlaute als Bezugspunkte zu haben. Dass die Laute für ihn oft schwer zu beschreiben sind, macht er durch die Darstellung der Sprache als „schnell und unvernehmlich“ (ebd.: 192) deutlich und vergleicht den Höreindruck, den man von sprechenden Abiponern gewinnt mit dem „Gequäke von Aenten“ (ebd.: 192). Er kreiert damit einen sehr wilden und unzivilisierten Eindruck vom Abiponischen, obgleich er am Anfang hervorhebt, dass Abiponisch eine „kunstmäßige“ (ebd.: 190) Sprache sei. Einerseits nennt er die Abiponer also ungebildet und zeigt, dass sich dieser Eindruck auch in der Sprache widerspiegelt, andererseits sagt er, dass das Abiponische „klingend und singmäßig“ (ebd.: 194) sei, was positive Assoziationen sind.

Seine konkreten Lautbeschreibungen beginnt er mit der Prämisse, dass nicht alle den Europäern geläufigen Laute auch in der indianischen Sprache vertreten sind, aber das Abiponische andersherum auch andere Laute benötigt, die der Europäer nicht kenne (ebd.: 193). Ein Laut, der seines Erachtens nach besonderer Aufmerksamkeit bedürft, ist einer, der artikulatorisch „aus dem R und G zusammengesetzt“ (ebd.: 193) ist. Um ihn zu artikulieren „muß man die Zunge ein wenig an den Gaumen anstossen, und zugleich gegen die Kehle zurückziehen“ (ebd.: 193). Noch besser veranschaulicht er die Artikulation, als er dessen Produktion mit dem „Naturfehler [mancher Europäer, die] das R stammelnd aussprechen“ (ebd.: 193). Der zuletzt beschriebene Laut indiziert vermutlich ein gerolltes Rachen-R, welches mithilfe des IPA heute als [R] dargestellt werden würde. Zur Wiedergabe dieses Lautes greift Dobrizhoffer also wiederum auf Vergleiche, und auditive sowie ebenfalls artikulatorische Beschreibungen zurück. Die Verschriftlichung des Mischlautes geschieht entweder durch das R oder das G, wobei der Buchstabe dann jeweils ein Zeichen bekommt, um ihn als den Mischlaut zu identifi-zieren: z. B. „ ȓ “. In Pluralformen wird der Laut als [k] gesprochen. Die Wichtigkeit der richti-gen Artikulation begründet der Missionar damit, dass die Abiponer einen Europäer allein an der Aussprache dieses Lautes identifizieren können, ganz gleich wie gut sie die Sprache an-sonsten beherrschen (ebd.: 193). Hiermit macht er auch deutlich, dass es den eingereisten Europäern nahezu unmöglich sei, die Sprache der Abiponer auf muttersprachlichem Niveau sprechen zu lernen können. Erneut zieht er einen Vergleich, dieses Mal zu einer Bibelstelle, in der die Ephraimiten von den Salaaditen auch allein durch die Aussprache des Wortes „Sibboleth“ als solche identifiziert wurden. Als Ausnahme für sehr gute (Aus-)Sprachelerner nennt er die spanischen Kinder, die mit den Abiponischen zusammen spielen und so von klein auf die Sprache nahezu perfekt erlernen (Dobrizhoffer 1783/84: 193). Dobrizhoffer misst der richtigen Aussprache also offensichtlich große Bedeutung bei und gibt auch Hinweise, wie die Wörter zu lesen sind. Ein Vergleich zu einer Geschichte aus der Bibel untermauert seine An-sicht, dass die Aussprache ein entscheidender Faktor beim Erlernen einer Fremdsprache sei.

Dass Vergleiche ein bewährtes Mittel zur Phonologiebeschreibung darstellen, zeigt sich auch im weiteren Verlauf seiner Ausführungen. Er vergleicht die abiponische mit europäischen Spra-chen (Französisch, Deutsch und Ungarisch), um das Vorhandensein des „ö“ in der Indianer-sprache aufzuzeigen. Lediglich die Notationsweise („lieber mit dem mit zween Punkten be-zeichneten ë“ (ebd.: 194)) sei abweichend. Auch das „x“ aus dem Griechischen scheint in der abiponischen Sprache lautgleich verwendet zu werden, genau wie das spanische „n“, nach dem die Abiponer „ein j hören lassen“ (ebd.: 194). Bei Letzterem handelt es sich wahrscheinlich um den heute noch sehr gebräuchlichen spanischen Buchstaben „ñ“. Daraufhin schließt er mit der Darstellung der Laute ab und fügt an, dass „[d]ie gehörige Aussprache dieser und anderer Buchstaben […] nur mündlich erkläret und gezeigt werden [kann]“ (ebd.: 194). Daraus lässt sich schließen, dass die beschriebenen Laute nicht alle Laute der abiponischen Sprache sind, er sie, genau wie die dargestellten, jedoch verständlicher erklären könne, wenn er dem Lernenden oder Sprachinteressierten direkt gegenüberstehe. Möglicherweise, aber das bleibt eine Vermutung, handelt es sich bei den gezeigten Lauten um die Schwierigsten oder zumindest Wichtigsten in der alltäglichen Kommunikation mit den Abiponern, sodass er es als besonders wichtig empfand gerade diese in seine Sprachbeschreibung mitaufzunehmen. Wiederum gibt es also viele Vergleiche, um dem europäischen Leser die Aussprache der abiponischen Sprache näherzubringen. Außerdem scheint es fast so, als wäre er der Ansicht, dass man die richtige Aussprache nicht durch das Rezipieren eines Textes über die Phonologiebeschreibung einer Sprache lernen könne, da er keine weiteren Laute und deren Produktion beschreibt und auf mündliches Erklären verweist. Ein schriftliches Medium ist seiner Meinung nicht auszureichen, um die Phonologie des Abiponischen erschöpfend und verständlich zu erklären.

Zu jedem von ihm beschriebenen abiponischen Laut gibt er nach der Beschreibung außerdem jeweils ein paar abiponische Wortbeispiele mit deutschen Übersetzungen.

Nach der Beschreibung einiger Phoneme geht er weiterhin auf „Tonzeichen und Punkte“ (ebd.: 194) der Sprache ein, da auch diese bedeutungsunterscheidende Lautmerkmale sind. Es wäre gar ein Musiklehrer nötig, oder man müsse jede Silbe mit Noten versehen, weil seines Erachtens nach die Akzente nicht ausreichend seien, um den Sprachklang der Abiponer nachzuahmen. Obwohl er Minimalpaare und weitere Beispiele anführt, so bleibt doch unklar, wie genau deren Artikulation erfolgen muss (vgl. Dobrizhoffer 1783/84: 194).

Anschließend geht er darauf ein, dass die Wörter in der abiponischen Sprache oft aus 10 bis 20 Buchstaben bestehen und selten einsilbig sind, da die „großgewachsenen Abiponer […] Liebhaber von langen Wörtern [sind], die nämlich ihnen gleichen“ (ebd.: 195). Mit dieser Analogie schließt er seine Phonologiebeschreibung ab.

Zusammenfassend kann man seine Phonologiebeschreibungen also in vier grobe Kategorien einteilen: Vergleiche, Beschreibungen wo und wie ein Laut produziert wird und wie er klingt. Wichtig ist noch, dass er längst nicht alle Laute und phonologisch relevanten Merkmale der Sprache beschreibt, sondern dafür auf mündliche Erläuterungen verweist. Strukturiert ist der Abschnitt der Phonologiebeschreibungen nur grob: er beginnt mit allgemein mit Informationen zur Sprache und Sprachsituation, dann reißt er die Schwierigkeiten der Sprache an, beschreibt ihren Klang, anschließend geht er auf Laute ein und erwähnt zum Schluss Tonzeichen und Punkte der Sprache. Er arbeitet sich also von den groben Beschreibungsebenen zu den feineren, detaillierteren Bereichen vor.

4.2. The Indian Grammar Begun

Die Grammatik von Eliot hingegen beginnt sehr systematisch mit einer Art Inhaltsverzeichnis, wie sich das Manuskript zusammensetzt. Er beschreibt Grammatik als Kunst oder Regel des Sprechens, welche sich aus zwei weiteren Künsten zusammensetzt: die Kunst Wörter zu bilden und die Kunst die Wörter für die mündliche Rede zu sortieren. Ersteres setzt sich wiederum aus zwei Teilen zusammen: artikulierte Laute und die richtige Zusammensetzung selbiger. Die artikulierten Laute können zusammengesetzt Wörter und Silben bilden und müssen selbst in „Names“ und „Characters“ (Eliot 1666: 1) unterschieden werden, welche das „Alpha-bet“ (ebd.: 1) bilden (vgl. ebd.: 1). Die Terminologien, die Eliot verwendet, können teilweise mit heutigen Begriffen der Linguistik gleichgesetzt werden, wie z. B. die Kunst Wörter zu machen den heutigen Disziplinen der Phonologie und Morphologie entsprechen. Sein sogenanntes Alphabet enthält alle Phoneme, bzw. seine sog. Silben, der indianischen Sprache und deren Realisierung, sodass man hier erkennen kann, wie diese notiert und ausgesprochen werden – eine Art minimalistisches IPA, wobei man für die richtige Aussprache des Englischen mächtig sein muss. Die Characters entsprechen den Phonemen und die Names repräsentieren ihre Aussprache (vgl. Eliot 1666: 1).

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Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668828926
ISBN (Buch)
9783668828933
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445622
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Sprachwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Missionarsgrammatik Phonologie Wissenschaftsgeschichte

Autor

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