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Psycholinguistische Ansätze zum Code-Switching

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psycholinguistik und Bilingualismus

3. Code-Switching

4. Psycholinguistische Ansätze zum Code-Switching
4.1. Organisation des bilingualen Speichers nach Paivio und Desrochers (1980)
4.2. Sprachmodusmodell nach Grosjean (1995)
4.3. Konzept der Auslösefunktion (triggering) nach Clyne (1987)
4.4. MLF Modell von Myers-Scotton (1993)
4.5. 4M-Modell von Myers-Scotton und Jake (2000)
4.6. BIMOLA-Modell von Grosjean und Lewy (2008)
4.7. Zusammenfassung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zweisprachigkeit ist ein Thema, das sowohl Wissenschaftler, als auch Laien, gleichermaßen interessiert und fasziniert. Denn während der eine oder andere Fremdsprachenlerner bereits beim Erlernen der neuen Grammatik und Aussprache mit Problemen konfrontiert wird, können bilingual aufgewachsene Menschen sogar innerhalb eines Satzes mühelos die Sprache wechseln und sich so mit anderen zweisprachigen Mitmenschen austauschen (vorausgesetzt beide Gesprächsteilnehmer sprechen dieselben zwei Sprachen). Genauso spannend stellt sich das breite Gebiet der Psycholinguistik dar, welches auch heute noch keinesfalls gänzlich erforscht ist. Da die genauen neurologischen Vorgänge bei der Sprachverarbeitung noch nicht umfassend beantwortet werden können, ist bereits die Definierung der „einfachen“, also monolingualen, Sprachproduktion die Summe aus komplexen Theorien und Studien. Dies wiederum ist der Grund dafür, dass es weitere Theorien im Bereich des bilingualen Gehirns gibt, die ebenfalls auf Falsifizierung warten. Das oben sehr stark vereinfacht dargestellte Phänomen des Code-Switchings stellt die Linguisten also vor eine komplexe Aufgabe, wenn es darum geht dieses zu erklären. Einige theoretische Ansätze aus der Psycholinguistik sollen in dieser Arbeit beleuchtet werden, um einen Eindruck von den möglichen neurologischen Abläufen beim Code-Switching zu gewinnen.

Dafür werde ich zunächst die grundlegenden Begriffe und Themengebiete umreißen, die wichtig für das Verständnis der nachfolgenden Theorien zur Code-Switching sind. Nachdem ich mich den Begriffen des Bilingualsimus und des Code-Switchings gewidmet habe, geht es weiter mit den von mir ausgewählten sechs Theorien bzw. Modellen zum Code-Switching: das Modell für die Organisation des bilingualen Speichers nach Paivio und Desrochers, das Sprachmodusmodell nach Grosjean, das Konzept der Auslösefunktion nach Clyne, das MLF Modell von Myers-Scotton, das 4M-Modell von Myers-Scotton und Jake sowie das BIMOLA-Modell von Grosjean und Lewy. Nach einer Zusammenfassung der Erkenntnisse aus den Modellen mit eventuellen Gemeinsamkeiten komme ich zu einem abschließenden Fazit.

2. Psycholinguistik und Bilingualismus

Bevor es um die komplexen Vorgänge beim Code-Switching gehen soll, muss zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen werden. Personen, die Code-Switching betreiben, nutzen bei mündlicher Sprachproduktion mehr als eine Sprache und in den meisten Fällen sind diese Personen zweitsprachig bzw. bilingual. Beim Aufstellen einer tiefergehenden Definition des Phänomens des Bilingualismus, gehen die Meinungen auseinander und es lassen sich viele Kategorisierungen finden. Einerseits kann man zwischen gesellschaftlichem und individuellem Bilingualismus unterscheiden. Ersteres bezieht sich auf eine größere Sprechergemeinschaft, die mehr als eine Sprache nutzt (Myers-Scotton 2006: 46) und Zweiteres meint eine Person, die zwei oder mehr Sprachen ausreichend gut spricht, um eine konventionelle Konversation zu führen (ebd.: 44). Dies sind sehr breite Definitionen, sodass im Folgenden noch weitere Klassifizierungen vorgestellt werden.

Sehr enge Definitionen bezeichnen nur die Personen als bilingual, die „beide Sprachen vollständig und gleich verteilt in allen Bereichen beherrschen“ (Banaz 2002: 8). Dies würde eine Sprachkompetenz beinhalten, die von Monolingualen in jeweils einer der beiden Sprachen erwartet wird. In diesem Zusammenhang werden auch oft Formulierungen wie „muttersprachliche Kompetenz in beiden Sprachen“ (ebd.: 8) genannt. Dennoch wird von einigen Autoren darauf hingedeutet, dass ein solches Maß an Sprachkompetenz selten der Fall ist (ebd.: 8). Viel öfter ist es der Fall, dass bilinguale Sprecher eine dominantere Sprache haben und somit in der einen Sprache höhere Sprachkompetenz besitzen als in der anderen (Bogdain 1988: 245). Dem gegenüber stehen breitere Definitionen, wie die oben genannte, sodass man von einem Kontinuum sprechen kann, an dessen einem Ende der womöglich „perfekte[…] Sprecher beider Sprachen“ (Banaz 2002: 10) steht und am anderen Ende die Fähigkeit Worte in einer anderen Sprache zu verstehen bzw. produzieren zu können (ebd.: 10). Dass Letzteres keinesfalls dem gemeinen Bild eines zweisprachigen Menschen entspricht, sollte mehr als deutlich sein. Es ist offensichtlich, dass „monolinguale Sprecher als Maßeinheit gesehen werden“ (ebd.: 10), mit dem Unterschied, dass Monolinguale kein Code-Switching betreiben können (ebd.: 10). Eine Möglichkeit, um den Grad der Bilingualität eines Menschen zu ermitteln, wäre das Feststellen seiner rezeptiven und produktiven Sprachkompetenz, sowie das Testen weiterer linguistischer Ebenen, wie Grammatik, Lexikon, Semantik und Phonologie (ebd.: 11). So kann ein Sprecher in manchen Bereichen besser sein als in anderen und sich trotzdem als bilingual bezeichnen (ebd.:11).

Neben dem Grad der Zweisprachigkeit wird außerdem zwischen frühem und spätem Bilingualismus unterschieden (ebd.: 24). Menschen, die die zweite Sprache in frühem Kindesalter gleichzeitig mit der ersten Sprache erwerben erlernen beide Sprachen einfacher und beherrschen beide Sprachen auch besser, als solche, die die zweite Sprache erst später erlernt haben (ebd.: 24). Aus dieser Erkenntnis wurde die Theorie einer kritischen Periode entwickelt, laut der Menschen eine zweite Sprache ab einem bestimmten Alter bzw. einer bestimmten Altersperiode nicht mehr auf so erlernen können, dass sie sie schließlich auf muttersprachlichem Niveau beherrschen. Einzelne Gegenbeispiele aus der Forschung falsifizierten diese Hypothese jedoch (Banaz 2002: 24f).

Des Weiteren wurden Unterteilungen von bilingualen Sprechern in zusammengesetzt und koordiniert zweisprachig vorgenommen (Banaz 2002: 26). Koordinierte Bilinguale „assoziieren […] mit dem Wort “pain” immer etwas bestimmtes (z.B. immer Weißbrot) und mit dem Wort “bread” etwas anderes (z.B. immer Graubrot)“ (ebd.: 27), während „zusammengesetzt Bilinguale […] sowohl mit “pain” als auch mit “bread” dasselbe (z.B. immer Schwarzbrot) [assoziieren]“ (ebd.: 27). Das heißt

„Zusammengesetzte Bilinguale, die die Zweitsprache in einer natürlichen Umgebung erlernt haben, verfügen über ein und dasselbe Sprachsystem, in dem die Zeichen der beiden Sprachen mit einem einzigen Begriff zusammengefügt werden“ (ebd.: 26).

Während auf der anderen Seite

„Koordinierte Bilinguale […] über zwei funktional unabhängige Sprachsysteme [verfügen], in dem jeder Signifikant ein anderes Signifikat hat bzw. in dem zwei sprachliche Signale eines Wortes unterschiedliche Bedeutungen repräsentieren“ (ebd.: 26).

Ist ein Sprecher ausgewogen Bilingual, spricht er beide Sprachen gleich gut im Gegensatz zu semilingualen Sprechern, die „sowohl qualitative als auch quantitative Defizite in beiden Sprachen aufweisen“ (ebd.: 27). Diese Einteilung ist in der Praxis jedoch kaum haltbar, da es sich gezeigt hat, dass Zweisprachige ihre Sprachen nahezu immer funktional gebrauchen, sodass die Bezeichnung als ausgewogen bilingual nicht anwendbar ist (ebd.: 28).

Ob ein Sprecher bilingual ist, kann also nicht immer einfach festgestellt werden, aber dennoch gibt es die Möglichkeit ein Profil zu erstellen, das viele relevante Faktoren berücksichtigt: Sprachentwicklung, das Verhältnis beider Sprachen zueinander, Sprachkompetenz und evtl. Dominanz beider Sprachen, funktionaler Sprachgebrauch, linguistische Eigenschaften wie Code-Switching, Entlehnungen und Interferenzen, Spracheinstellung, innerer und äußerer Druck in Bezug auf die Sprachen, Umweltfaktoren und inwieweit der Sprecher mit beiden Kulturen seiner Sprachen bekannt ist (ebd.: 29).

Obwohl gerade die letzte Differenzierung der sprachlichen Eigenschaften des Sprechers als sinnvoll und umfassend erscheint, so sollte doch klar sein, dass eine bilinguale Person nicht die Summe aus zwei Sprachen ist, sondern als eine Einheit gesehen werden muss. Generell erscheint das Vergleichen von einsprachigen Menschen mit zweisprachig aufgewachsenen unpassend (ebd.: 31).

Die wohl psycholinguistisch gesehen größte Frage ist die, „ob bei bilingualen Personen die Wörter ihrer beiden Sprachen in zwei verschiedenen Speichern oder in einem einzigen gespeichert werden“ (Langenmayr 1997: 382). Auf lexikalischer Ebene scheinen getrennte Speicher zumindest sehr wahrscheinlich (ebd.: 382). Bei Untersuchungen der semantischen und syntaktischen Ebenen weisen einige Ergebnisse auf ein einheitliches System hin (ebd.: 385), dennoch gibt es höchstwahrscheinlich ein einziges bildliches Vorstellungssystem, da Interferenzen innerhalb einer Sprache stärker ausgeprägt sind, als zwischen den beiden erworbenen Sprachen (Langenmayr 1997: 401).

Trotz der vermeintlich großen Unterschiede zwischen mono- und bilingualen Sprechern, ist das Sprachzentrum bei nahezu allen Sprechern in der linken Hemisphäre des Hirns zu finden und auch die Hirnaktivität im Allgemeinen ist gleichwertig (Myers-Scotton 2006: 291). Laut der Sapir-Whorf Hypothese bestimmt die Sprache einer Person die Art und Weise wie er oder sie die Welt versteht und beeinflusst somit auch die Intentionen und Gedanken (ebd.: 296f). Auch, wenn die Sprache laut der starken Hypothese auf Gedanken und Intentionen Einfluss hat, heißt dies nicht automatisch, dass sie diese steuert, sondern eher deren Ausdrucksform bestimmt (ebd.: 296f). Dennoch ist dies ein interessanter Ansatz, da das unterschiedliche Denkprozesse bei anderssprachlichen und auch zweisprachigen Menschen bedeuten würde. Es besteht aber eine generelle Übereinstimmung, dass beide Sprachen des Bilingualen zu jederzeit in einer Form aktiviert sind und nicht nur eine (ebd.: 299f).

Eltern, die ihre Kinder zweisprachig aufwachsen lassen, haben oft Bedenken, dass die jungen Sprachlerner durch den doppelten sprachlichen Input durcheinanderkommen. Fehlt den Kindern beispielweise einmal ein Wort in der momentan verwendeten Zielsprache, nutzen sie ein Wort aus der anderen Sprache, um sich so gut wie möglich ausdrücken zu können. Dieses frühe Code-Switching wird von den Eltern als alarmierend wahrgenommen, obgleich es nur den Kommunikationswunsch des Kindes verdeutlicht (Werker/Byers-Heinlein 2008: 145). Code-Switching ist für die Kinder eine Methode um „Lücken zu füllen“ (Michieli 2013: 1). Natürlich geht der Erwerb zweier Sprachen nicht ohne Beeinflussung der beiden Sprachen untereinander vonstatten (ebd.: 2), aber es hat sich gezeigt, dass zweisprachig aufgewachsenen Kinder von ihrer Bilingualität in den allermeisten Fällen profitieren, da sie höhere kognitive Fähigkeiten vor allem im Bereich der Metalinguistik aufweisen (Langenmayr 1997: 400).

3. Code-Switching

Wie das vorherige Kapitel gezeigt hat, ist Code-Switching ein Phänomen, das bei bilingualen Sprechern auftritt. Während des Sprechens hören sie auf Sprach A zu sprechen und verwenden Sprache B, sodass nun syntaktische Verknüpfungen u. A. mit Einheiten von Sprache B bestehen (Clyne 1987: 740).

Myers-Scotton und Jake definieren klassiches Code-Switching wie folgt:

„[T]he use of morphemes from two or more linguistic varieties in the same intrasentential clause (CP), with the grammatical frame derived from only one of the participating varieties. Speakers are proficient enough in that variety to produce wellformed, monolingual utterances, and they are often proficient in the other participating variety as well” (Myers-Scotton/Jake 2000:1070).

Oft tauchen in dem Zusammenhang auch die Begriffe Code-Mixing oder Transfer und Borrowing bzw. Entlehnung auf, wobei Code-Mixing manchmal als Oberbegriff von Code-Switching und Entlehnungen bezeichnet wird (Michieli 2013: 5).

Eine weitere Unterscheidung ist die in Sprachwechsel bzw. Code-Switching innerhalb eines Satzes, zwischen zwei Sätzen, zum Ausdruck von Interjektionen, Füllwörtern und idiomatischen Wendungen sowie die vierte Unterscheidung in Sprachwechsel innerhalb eines Wortes (Banaz 2002: 65ff). Der Begriff des Code-Switchings ist jedoch nicht zu verwechseln mit Entlehnungen, da bei Letzterem Wörter und Sätze in das andere Sprachsystem integriert werden und u. U. auch anders ausgesprochen werden, während beides beim Code-Switching nicht der Fall ist (ebd.: 67f). Lehnwörter gehören außerdem „zum allgemeinen Wortschatz“ (ebd.: 68) und Code-Switching ist charakterisiert durch individuellen Erscheinungen (ebd.: 68). Dennoch könnte eine Verbindung zwischen Lehnwörtern und häufig beim Code-Switching verwendeten Wörtern bestehen, da Erstere oft aus Letzteren entstehen (ebd.: 69).

Manche Autoren sehen den Verwendungsgrund des Code-Switching darin, dass der betroffene Sprecher sich dieser Strategie nur bedient, weil ihm das entsprechende Wort in der anderen Sprache nicht schnell genug einfalle. Dass es noch mehr Funktionen gibt, zeigen wiederum andere Autoren. Bommes (1993) unterscheidet das situative Code-Switching, das bei Situationswechseln stattfindet, und das metaphorische Code-Switching, dessen sich ein Sprecher bedient, wenn der situative Code festgelegt ist und der Code aufgrund von individuellen Sprecherentscheidungen gewechselt wird (Bommes 1993: 392).

Wie gerade erwähnt, bedienen sich bilinguale Sprecher nicht nur bei Wortfindungsstörungen des Code-Switchings, sondern sie nutzen es intendiert und mit einer bestimmten Absicht (Banaz 2002: 71). Insgesamt können sechs Funktionen vom Code-Switching identifiziert werden (ebd.: 71-73):

1. die referentielle Funktion: dem Sprecher fällt das benötigte Wort in Sprache A nicht ein, sodass das entsprechende Wort aus Sprache B verwendet oder es gibt dieses Wort in Sprache A nicht, sodass er das aus Sprache B verwendet

2. die direkte Funktion: Code-Switching wird genutzt, um Sprecher bewusst ein- oder auszuschließen

3. die expressive Funktion: der Sprachwechsel passiert eher unbewusst und dient dem Ausdruck der bilingualen Persönlichkeit

4. die metaphorische Funktion: Code-Switching wird als Mittel zum Verändern des Tons der Unterhaltung genutzt, da eine bestimmte Haltung oder Einstellung zumGesagten hervorgerufen werden soll

5. die metalinguistsiche Funktion: es wird sich direkt oder indirekt zu den am Code-Switching beteiligten Sprachen geäußert, um andere beispielsweise zu beeindrucken

6. die poetische Funktion: ein beabsichtigter Sprachwechsel, um Witze und Wortspiele zu erzeugen

Code-Switching ist also eine Strategie, die von Bilingualen bewusst oder auch unbewusst eingesetzt wird und nicht nur als Hilfsstrategie bei vermeintlichen Wortfindungsstörungen dient. Manche Autoren gehen sogar so weit zu sagen, dass „der Grad der Bilingualität eines Sprechers an der Komplexität seines Sprachwechsels gemessen werden kann“ (Banaz 2002: 90). Das zeigt, dass die einst umstrittene Meinung zum Code-Switching als Indiz für mangelhafte Sprachkompetenz längst überholt ist. Nicht nur die Frequenz des Sprachwechsels, sondern auch die Art des Wechsels spielen dabei eine entscheidende Rolle. Bilinguale Sprecher, die nur für Interjektionen, Füllwörter und idiomatische Ausdrücke in die zweite Sprache wechseln „weisen den niedrigsten Grad an bilingualer Kompetenz auf, da für den Sprachwechsel eine minimale Kenntnis der Grammatik der L2 ausreicht“ (ebd.: 91). Eine höhere sprachliche Kompetenz wird bei Sprechern gesehen, die zwischen den Sätzen die Sprachen wechseln können. Die höchste bilinguale Sprachkompetenz weisen demnach Sprecher auf, die innerhalb eines Satzes Code-Switching betreiben (ebd.: 91). Untersuchungen ergaben jedoch, dass diese grobe Einteilung nicht der sprachlichen Realität entsprechen, da auch weniger kompetente Sprecher innerhalb eines Satzes Code-Switching betreiben (ebd.: 91). Dennoch scheint diese Einteilung in gewissem Maße die richtigen Tendenzen aufzuweisen, da tatsächlich komplexere Sprachwechsel bei kompetenteren Bilingualen häufiger sind (ebd.: 92).

Anhand des Code-Switching konnte auch nachgewiesen werden, dass die beiden Sprachen des jeweiligen Bilingualen zu jederzeit aktiviert sind und auf sie zugegriffen werden kann (Maas 2016: 55; Langenmayr 1997: 377). Im Zuge der Untersuchungen des Code-Switchings fand Grosjean sechs Effekte in Bezug auf die Grund- und Gastsprache bei zweisprachigen Äußerungen.

Die Grundsprache ist dabei die Sprache die den morphosyntaktischen Rahmen der Äußerung bildet, manchmal auch Matrixsprache genannt, sodass in die Gastsprache für das Code-Switching gewechselt wird: (Langenmayr 1997: 378)

1. Grundsprachen-Effekt: im Grundsprachen-Kontext suchen die Bilingualen nach einem Grundsprachen-Wort, wenn ihnen nur der erste Teil eines Gastwortes genannt wird

2. Phonotaktischer Effekt: Wörter, die phonotaktisch nur der Gastsprache angehören können, werden leichter und schneller erkannt, als Wörter, bei denen das nicht der Fall ist

3. Einziges-Lexikon-Effekt: Wörter die nur dem Lexikon der Gastsprache angehören können, werden ebenfalls schneller und einfacher erkannt, als solche, die nicht nur einem Lexikon angehören

4. Grundsprachen-Homophon-Effekt: schwerer zu erkennen sind Gastwörter, die nahe Homophone in der Grundsprache haben (im Gegensatz zu solchen ohne Homophone)

5. Sprachphonetik-Effekt: wie repräsentativ die Phonetik eines Wortes für eine Sprache ist, beeinflusst die Auswahl des Lexikons und die Schnelligkeit, mit der dieses ausgewählt wird

6. Häufigkeitseffekt für sprachübergreifende Homophone: bei Homophonen in beiden Sprachen hängt es von der Häufigkeit des Gastsprachen-Homophons im Gegensatz zum Grundsprachen-Homophon ab, wie schnell Ersteres identifiziert wird

Aus den Effekten lassen einige Annahmen formulieren. Wie bereits oben erwähnt, sind vermutlich immer beide Sprachen aktiviert, wobei man davon ausgehen kann, dass das Netzwerk der Grundsprache stärker aktiviert ist. Die Aktivierung von Wörtern bzw. Einheiten in einem Netzwerk und gleichzeitig im anderen hängt von ihrer Ähnlichkeit ab. Das Auftauchen von typischen z. B. phonotaktischen Eigenschaften führt zu stärkerer Aktivierung des dafür vorgesehenen Sprachnetzwerks, sodass Wörter aus diesem Lexikon schneller erkannt werden. Gibt es ein Wort nur in einer der beiden Sprachen, so erhöht sein Auftauchen die Aktivität dieses Netzwerkes. Gibt es Wörter die in beiden Lexika ähnlich sind, verlangsamt dies das Erkennen eines Gastwortes, wobei Häufigkeit und Phonetik diesen Effekt beeinflussen können (Langenmayr 1997: 378).

Wer Code-Switching betreibt muss über ein ausgeprägtes Strukturwissen verfügen, da der Sprachwechsel nicht an willkürlichen Stellen erfolgt, „sondern unter Berücksichtigung der Strukturregeln der beteiligten Sprachen“ (Schwabl 2015: 29). Durch Sprachkontakt kommt es zustande und tritt dort auf, wo Menschen beide Sprachen kompetent beherrschen und diese auch regelmäßig im Alltag verwenden. Code-Switching ist „ein Phänomen des informellen Sprachgebrauchs und wird in Situationen, in denen formellere Sprachformen gefordert sind, unterdrückt“ (Schwabl 2015: 30).

Das Phänomen des Sprachwechsels ist nicht nur in der Zweitsprachenerwerbsforschung ein fruchtbares Forschungsfeld, sondern auch in der Psycholinguistik, da man dadurch „konkrete Aussagen über die Anordnung der Sprachen im menschlichen Gehirn“ (Michieli 2013: 1) aufstellen möchte. Denn damit das Code-Switching reibungslos funktionieren kann, muss der Sprecher gewissen Regeln folgen, denen er sich zwar nicht bewusst ist, die er aber dennoch beherrscht, wenn er eine „ausgebaute Mehrsprachigkeit“ (ebd.: 6f) besitzt. Obwohl die Gründe für den Sprachwechsel eher in das Forschungsgebiet der Soziolinguistik gehört, ist das Code-Switching an sich ein Phänomen, das beim Bilingualen im Gehirn anfängt (ebd.: 8).

4. Psycholinguistische Ansätze zum Code-Switching

Welchen Regeln der bilinguale Sprecher beim Code-Switching unbewusst folgt oder folgen könnte, wurde in zahlreichen Modellen und Theorien festgehalten, von denen sechs hier nachfolgend vorgestellt und erläutert werden sollen.

4.1. Organisation des bilingualen Speichers nach Paivio und Desrochers (1980)

Basierend auf dem Dualkodierungsmodell haben die kanadischen Forscher Paivio und Desrochers das Modell für die Organisation des bilingualen Speichers entworfen. Es zeigt, zwar noch sehr allgemein, wie Sprachproduktion und Sprachperzeption bei einem bilingualen Sprecher funktionieren könnten.

Verbale und nonverbale Stimuli werden von den sensorischen Systemen wahrgenommen, in repräsentative Verbindungen umgewandelt und gehen in das verbale und nonverbale System ein. Zwischen beiden Systemen gibt es referentielle Verbindungen, d. h. Logogene aus dem verbalen System sind mit Bildern aus dem nonverbalen System verbunden. Beide Systeme können unabhängig voneinander funktionieren, aber genauso aufgrund ihrer Verbindungen. Das nonverbale sowie das verbale System generieren beide Output: das verbale System eine verbale Antwort und das nonverbale System eine nonverbale Antwort. Bei einem Bilingualen ist das verbale System doppelt vorhanden, ein System für Sprache 1 und ein System für Sprache 2. Das zweisprachige Modell weist dann auch Verbindungen von Logogenen beider Sprachen miteinander auf, sodass Logogene aus einer Sprache Logogene der anderen aktivieren können, oder Logogene einer Sprache aktivieren bildliche Vorstellungen, die dann wiederum Logogene der anderen Sprache aktivieren können. Der Grad der Verbundenheit hängt vom Alter der Bilingualitätsentstehung und der Dauer der Bilingualität ab (Langenmayr 1997: 392).

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Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668823105
ISBN (Buch)
9783668823112
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445629
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Sprachwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Code-Switching Psycholinguistik Zweitsprachenerwerb

Autor

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Titel: Psycholinguistische Ansätze zum Code-Switching