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Bedeutung und Funktion des Raumes im Versroman "Evgenij Onegin" von A.S. Puskin

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Ziel der Arbeit

2. Begrifferklärung des literarischen Raumes

3. Die Struktur des Raumes in „Evgenij Onegin”
3.1. Die Stadt
3.1.1. Sankt Petersburg als Makroraum
3.1.2. Die Mikroräume in Sankt Petersburg – Onegins Zimmer, das Restaurant, das Theater, der Ball
3.1.3 Moskau als Makroraum
3.1.4 Der Moskauer Mikroraum des Balls
3.2. Das Dorf als Makroraum
3.2.1. Der Mikroraum des Gartens
3.2.2. Der Traumraum
3.2.3. Onegins alte Haus auf dem Lande
3.2.4. Tatjanas Namenstag als äquivalenter Mikroraum des Balls

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Ziel der Arbeit

Standpunkt dieser Arbeit ist die Struktur des literarischen Raumes in Puskins Versroman „Evgenij Onegin“. Der Raum als Begriff ist Forschungsgegendstand in verschiedenen Wissenschaften und stellt ein Thema von besonderer Aktualität vor, da in allen Epochen und implizit in der Gegenwart bleibt er von zentralen Relevanz - desto mehr in der Literatur, wo die Begrenzungen der Seite ihm eine Reihe von spezifischen Eigenheiten verleihen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll analysiert werden, welche Funktionen und Bedeutungen der literarische Raum in „Evgenij Onegin“ hat. Es werden hiermit verschiedene implizite Fragen behandelt, wie inwiefern beeinfluβt eigentlich der Raum das Verhältnis eines Helden, wie kann der Raum die tatsächliche Handlung bestimmen, welche Beziehung hat der Raum mit der Zeit, welche Motive werden mit dem Raum asoziiert und vor allem wie werden in Puskins Roman verschiedene Räume und Subräume mit Hilfe von Äquivalenzen verknüpft.

Die Gliederung meines Beitrags besteht aus drei zentralen Subkapitel. Im ersten Teil werde ich einen kurzen Überblick über den literarischen Begriff des Raumes geben, basierend auf Lotmans, Bachelards und Bachtins Raumtheorien. Verschiedene Ausdrücke wie „räumliche Äquivalenz“, Topo-Analyse und Chronotopos werden in diesem Subkapitel erklärt werden, da sie weiter für den Inhalt relevant sind. Dann folgen zwei Kapitel die die zentrale Schema des Romans erläutern, und zwar die zwei Makroräume – die Stadt und das Dorf mit ihren bestimmten Mikroräumen, Funktionen, Besonderheiten und Beziehungshaftigkeit im Zusammenhang mit anderen Räumen im Text. Abschlieβend werde ich die wichtigste Aspekte meiner Abhandlung zusammenfassen.

Weiterhin wird also der Begriff des literarischen Raumes kurz präsentiert.

2. Begrifferklärung des literarischen Raumes

Natürlich behält der literarische Raum eine gewisse Reihe von Valenzen des Raumes im allgemeinen, aber hier wird er „voll”, ein voller Raum, er selbst Botschaft, selbst Stoff und Sinn. Gaston Bachelard spricht über eine Einbildungskraft die mit dem Raum verbunden ist, denn Raum in der Literatur hat immer eine Partikularität: er wird erlebt. Auch leere Räume werden in diesen Fall vom Autor und von den Lesern erlebt und von der eigene Leere „bewohnt”. Bachelard definiert die Topo-Analyse, die „das systematische psychologische Studium der Örtlichkeiten unseres inneren Lebens”[1] sei. So ist es offensichtlich, dass der Raum auch den Inneren beeinflußt, die meschlichen Empfindungen, Träume, Erinnerungen, Verhalten – sogar mehr in der Literatur, wo die Beziehung Held-Raum wesentlich für den allgemeinen Sinn des Werkes ist. Der Raum ist also nicht nur Rahmen der Handlung, der Ereignissen, sondern auch Begründung und Einfluss einer besonderen Handlungsart, eines Verhaltens oder Eigenschafts des Helden.

Der Raum existiert aber nie „allein”, er ist immer mit der Zeit verbunden. In der Literatur verdichtet sich die Zeit paradoxerweise sogar mit Hilfe des Raumes. Man habe die Wahrnehmung der Zeit nur weil die Handlung in einem spezifischen Ort passiert ist oder weil der Held irgendwo irgendwann war.[2] Bachelard synthetisiert die ganze Struktur des Raumes in eine „Zerstückelungsdialektik”, in eine Dialektik des Ja und des Nein, also in eine Wechselbeziehung verschiedenen Oppositionen: Draußen und Drinnen, Sein und Nichtsein, das Offene und das Geschlosßene, das Endliche und das Unendliche.[3]

Ähnlich zu Bachelards Perspektive ist Jurij Lotmans, der aber vor allem die Sprache als Mittel zur Erscheinung des Raumes und zur Erfassung der Wirklichkeit bezeichnet. In diesem Sinne stellen sprachliche Zeichen die Raumbeschaffenheit in Form semantischer Oppositionen dar, die aber auch emotionell wahrgenohmen werden. „Die Begriffe hoch – niedrig, rechts – links, nah – fern, offen – geschlossen, abgegrenzt – unabgegrenzt, diskret – kontinuierlich bilden dabei das Material für den Aufbau von kulturellen Modellen mit keineswegs räumlichen Inhalt und erhalten die Bedeutung: wertvoll – wertlos, gut – schlecht, eigen – fremd, zugänglich – unzugänglich, sterblich – unsterblich und dergleichen mehr.”[4] Nach Lotman ist der Raum unendlich, während im Kunstwerk ist er begrenzt und zweidimensional. Dementsprechend erfordert die Raumdarstellung in der Kunst eine eigene „Sprache”, ein eigenes Zeichensystem, also eine Raumsemiotik. Aus literarischen Texten lassen sich Weltmodelle rekonstruieren, indem man räumliche Oppositionen auf ihre Semantik hin analysiert.

Für Lotman ist also der literarische Raum ein Kontinuum und ein Modell für die Raumstruktur der Welt. Deshalb ist der Ort der Handlungen nicht nur eine Beschreibung einer Landschaft oder eines dekorativen Hintergrunds, sondern ein bestimmter Topos voll von Gegenständen. Die Rolle der Gegenständen, der Objekten ist wesentlich: nicht alle solchen Gegenstände reißen einen Raum um, sondern nur diejenigen, die Relationen definieren. „Hinter der Abbildung der Dinge und Gegenstände (...) entsteht ein System räumlicher Relationen, die Struktur des Topos. Als Prinzip der Organisation und Anordnung der Personen im künstlerischen Kontinuum erscheint die Struktur des Topos dabei als Sprache, die den anderen, nichträumlichen Relationen des Textes ausdrückt.”[5] Alle solche Relationen nennt Lotman „räumliche Äquivalenzen”.

Ein weiterer wichtiger Begriff für das Thema ist der des „Chronotopos”, den Bachtin als der „grundlegender wechselseitiger Zusammenhang der in der Literatur künstlerisch erfaβten Zeit-und-Raum-Beziehungen”[6] bezeichnet. Was besonders an diesem Chronotpos ist, sei genau die Tatsache, dass die zwei Komponenten (Raum und Zeit) - so wie auch Bachelard bemerkt hat - untrennbar sind, dass in der Literatur die räumliche und zeitliche Merkmale verschmelzen.[7] Nach Bachtin nehme der Chronotopos mehrere Formen – es geben Chronotopoi der Begegnung, der Idylle, der Schwelle, der Straβe, der Krise, des Weges, sogar des Autors und des Lesers. Verschiedene solche chronotopische Formen werden auch im Inhalt meines Beitrages veranschaulicht werden. Sie sind immer sehr relevant für das Sujet, als „Organisationszentren der grundlegenden Sujetereignisse des Romans.[8]

Die „Wechselbeziehungen” (Lotman) zwischen den Chronotopoi bezeichnet auch Bachtin, „wobei gewöhnlich einer von ihnen der umgreifende oder dominierende ist”[9]. Es geht dementsprechend immer um Einfluβ und Kontakt zwischen diesen Beziehungen, derer allgemeine Charakter deshalb „dialogisch”[10] sei.

Der Raum nehme also sowohl die Funktion eines Hintergrunds, als auch die einer Kulisse uns soll dabei helfen, die Charakterbeschreibungen der Protagonisten auszuarbeiten, die Ereignishaftigkeit des Textes zu ermöglichen und eine gewisse Symbolistik vorzustellen.

Ein solches Thema nehme ich mir mit dem vorliegenden Referat vor zu erläutern, und zwar wie die verschiedene Räume in Puskins Versroman „Evgenij Onegin” untereinander verknüpft sind, welche Äquivalenzen diese Räume stiften, welche Polaritäten dadurch entstehen und welche Funktion der Raum mit allen Subräumen hat, besonders in Beziehung mit dem Charakter und Beschreibung des Helden – Onegin. Die obene Begrifferklärung soll für die folgende Konstituierung der Raumstruktur im Versroman „Evgenij Onegin” herangezogen werden.

3. Die Struktur des Raumes in „Evgenij Onegin”

Vor einer genauer Analyse der Raumstruktur in Puskins Versroman ist eine generelle Beobachtung zu machen: die wichtigste, „primäre” Form des Chronotopos ist in „Evgenij Onegin” was Bachtin „der Chronotopos des Weges” nennt, da der ganze Roman tatsächlich ein „Weg” ist – sowohl denotativ (der Roman ist eine Kette von verschiedenen Wegen, Räumen und Bewegungen), als auch metaphorisch, im Sinne von Zusammenstöβungen von Schicksalen (Evgenij – Tatjana, Evgenij – Lenskij usw.) oder als „Lebensweg”[11]. Hier, im Fall des Chronotopos des Weges, ist die Beziehung mit der Zeit am klarsten im Sinne von Synchronie[12].

Diese Synchronie umfasst aber zwei verschiedenen Bereichen nach Bachtin, und zwar „das Alltagsleben” und die „auβergewöhnliche, nichtalltägliche Geschehnisse”[13]. Alle sogenannten „Abenteuer”, Ereignisse würden sich immer auβerhalb des Alltags befinden, indem der Held sich von seinem Hintergrund, von seiner „Maske”[14] irgendwie verabschieden muss. Das ist auch mit Evgenij Onegin der Fall, denn Onegin muss erst Petersburg verlassen, um wirklich einen „Riss” zu erleben (erstmal in dem Dorf, wo er Tatjana kennenlernt und dann in Moskau, wo er sich in sie verliebt). Der Hintergrund dieser „Alltag” spielt aber auch eine wichtige Rolle in der Charakterisierung von Onegin und das wird, unter anderen, im folgenden Subkapitel gezeigt.

In erster Linie kann festgehalten werden, dass im Roman ein zentraler Verknüpfungspunkt gibt, nähmlich die Stadt-Dorf Dynamik. Die Stadt und das Dorf würden dementsprechend die zwei Pole der Geschichte darstellen, unter denen ein Zusammenspiel von sekundären Räumen/Topoi, Wegen, Äquivalenzen und Funktionen entsteht, in dem die ganze Substanz des Textes von den ‘Bewegungen’ und ‘Wege’ der Helden erzeugt wird. Im Folgendem wird als Erstes der Stadt-Raum analysiert.

3.1. Die Stadt

Das Bild der Stadt hat in Puskins Versroman eine besondere Bedeutung, weil der Held selbst in diesen Hintergrund abgewachsen und davon definiert ist. Der zwei Städte - Sankt Petersburg und Moskau – werden ähnliche Beschreibungen zugewiesen, aber mit bestimmten bedeutenden Unterschieden. Sie stellen dennoch die Rahmen des Textes dar, weil die Geschichte nicht nur in der Stadt beginnt, sondern sich auch zyklisch in der Stadt endet, so seien Petersburg und Moskau die zwei Pole dieser „extravaganten“ Welt.

3.1.1. Sankt Petersburg als Makroraum

Mit Petersburg beginnt nicht nur die Handlung, sondern auch die Charakterisierung von Onegin. Der an den Ufern der Neva geborener Held:

Без предисловий, сей же час

Позвольте познакомить вас:

Онегин, добрый мой приятель,

Родился на брегах Невы,

Где, может быть, родились вы

Или блистали, мой читатель;[15] – (EO 1, II)

wird schon seit dem ersten Kapitel zum Bild dieses Raumes. In anderen Worten erfahrt der Leser schon die zwei Haupteigenheiten Onegins, die in diesem Raum der Stadt ‘geboren’ sind: das ‘Dandysmus’ und das ‘Spleen’, die хандра. Während die хандра auch auf dem Lande fortgesetzt wird, wird das Dandysmus zum Äquivalent der Stadt und gleichzeitig des Helden. Onegin stelle er selbst genau diese Welt dar:

Вот мой Онегин на свободе;

Острижен по последней моде;

Как dandy лондонский одет -

И наконец увидел свет.

Он по-французски совершенно

Мог изъясняться и писал;

Легко мазурку танцевал

И кланялся непринужденно;

Чего ж вам больше? Свет решил,

Что он умен и очень мил. - (EO 1, IV).

Die Merkmale des Dandysmus sind in allen Mikroräumen, in denen Onegin lebt, zu erkennen, wie ich im Folgendem veranschaulichen werde.

Die Langeweile, die хандра erscheint auch sehr oft im Text - ein Zeichen, dass diese Eigenheit Onegins nicht von einem besonderen Raum bestimmt wird, sondern im Gegenteil, sie beherrscht alle Räume und Subräume. Dieses „spleen“, die хандра bezeichnet eigentlich nichts anderes als eine Art von Langeweile (obwohl mit mehreren Nuancen – für Puskin scheint die хандра Synonim mit скука und тоска zu sein), von „ennui“ (fr.), die aber auch maladiv erscheint, im Sinne von Hypochondrie. Dennoch wird die хандра schon zum Klischee in Puskins Zeit und ist sehr literarisch produktiv, da diese besondere „Stimmung“ immer den Held in Bewegung hält[16]. Dieser ist der Fall auch mit Onegin.

Der Leser habe also zur Wahrnehmung der Welt nur diese „bestäubte“ Perspektive Onegins. Die wird aber immer von den Beschreibungen des Erzählers verdoppelt, die in einer bestimmten Maβe diese Welt auch „reabilitieren“. Ansonsten wird sehr oft im Roman ein Kontrast zwischen Onegins und Puskins (also des Erzählers) Perspektiven skizziert, indem die beiden die Welt gleichzeitig (der Erzähler manchmal sogar vor Onegin) entgegengesetzt wahrnehmen. Die Beschreibungen und Kommentaren des Erzählers werden sogar ironisch im Laufe des Romans, um die langweilte, „spleenische“ Weltansicht Onegins zu „demontieren“.

Das Bild Petersburgs wird also als ein „locus spatialis“ gezeichnet, als eine offene, lebendige, extravagante, moderne, sich immer in Bewegung befindende Stadt. In diesem Sinne wird durch die Struktur „увидел свет”[17] nicht „eine” Welt bezeichnet, sondern „die” Welt, die „gute” Welt.[18] Eigentlich sind Onegins Reisen mit der Troika die die Sankt Petersburg vor dem Leser mit allen Valenzen bringen: von der Winterabend

Перед померкшими домами

Вдоль сонной улицы рядами

Двойные фонари карет

Веселый изливают свет

И радуги на снег наводят:

Усеян плошками кругом,

Блестит великолепный дом;

По цельным окнам тени ходят,

Мелькают профили голов

И дам и модных чудаков. – (EO 1, XXVII)

bis zur Morgenroutine und zum Summen der Stadt:

А Петербург неугомонный

Уж барабаном пробужден.

Встает купец, идет разносчик,

На биржу тянется извозчик,

С кувшином охтенка спешит,

Под ней снег утренний хрустит.

Проснулся утра шум приятный.

Открыты ставни; трубный дым

Столбом восходит голубым,

И хлебник, немец аккуратный,

В бумажном колпаке, не раз

Уж отворял свой васисдас. – (EO 1, XXXV)

3.1.2. Die Mikroräume in Sankt Petersburg – Onegins Zimmer, das Restaurant, das Theater, der Ball

Die früher erwähnte Eigenheiten – das Dandysmus und die Langeweile – sind aber durch und in den Mikroräume der Stadt zu erläutern, und zwar in allen „locus angustus“, also in den kleinen „geschlossenen“ Räumen die von Onegin nacheinander „bewohnt“ sind. In Onegins Fall sind diese Mikroräume genau die „Ringe“ der räumlichen und implizit Kausalkette: Onegins Zimmer, das Restaurant, das Theater (der Ballettsaal) und der Ballsaal und jeder von diesen Räumen betont eine Charakteristik Onegins.

Onegins Zimmer entspricht seiner täglichen Routine: die Faulheit und die Tatsache, dass er zu allen mondänen Begebenheiten eingeladen wird,

Бывало, он еще в постеле:

К нему записочки несут.’

Что? Приглашенья? В самом деле,

Три дома на вечер зовут” – (EO 1, XV),

der Geschmack für Luxus und Mode und sogar das Narzissmus wegen des Motivs des Spiegels

Изображу ль в картине верной

Уединенный кабинет,

Где мод воспитанник примерный

Одет, раздет и вновь одет?

Все, чем для прихоти обильной

Торгует Лондон щепетильный – (EO 1, XXIII)

Духи в граненом хрустале;

Гребенки, пилочки стальные,

Прямые ножницы, кривые,

И щетки тридцати родов

И для ногтей и для зубов. – (EO 1, XXIV)

Он три часа по крайней мере

Пред зеркалами проводил – (EO 1, XXV)

und die ewige Langeweile, troztdem er immer unterwegs ist.

Alexei Rybakov spricht von einer bestimmten „Hierarchie der Welten”, die als Pole das Niedrige und das Mondäne habe. Sankt Petersburg und implizit Onegins Routine würden dann nichts Niedriges enthalten, da auch die „‚Details‘, die angeblichen ‚Kleinigkeiten‘, mit denen diese Welt ausgestattet ist” gar „keine Zeichen und Merkmale einer ‘niedrigen’, sondern einer ‘mondänen’ und (...) einer ‘festlichen’, einer sich selbst inszenierenden Welt” darstellen würden. Diese „alltägliche” Gegenstände – zum Beispiel die von Onegins Zimmer hätten somit nichts mit dem ‘byt’ zu tun, also mit der täglichen Exitenz, sondern eine andere Funktion hätten, nähmlich die der Charakterisierung des Helden und der Beschaffenheit dieser Welt.[19] Der Raum bestehe also auch aus dieser „dinglichen” Welt, die obwohl keine Grenzüberschreitung exemplifiziert, eine wichtige Rolle im Gestalten des Bild des Helden spielt.

Tatsächlich sind alle Mikroräume durch Onegins Bewegungen verknüpft. Die Geschwindigkeit seines Lebens stellt nichts anderes als eine Folge von Räumen dar – paradoxerweise wird hier Zeit mit Hilfe des Raumes entworfen (wie erwähnt, die zwei Komponenten sind immer untrennbar): der Held ist immer zur Unzeit mit der Stadt, denn wenn Petersburg ‘aufwächt’ geht er schlafen.

Das Restaurant und das Theater sind keine Ausnahmen dieser Kette - auch Räume der „guter Welt”, an denen Onegin gehört, die aber ihn langweilen:

Всё видел: лицами, убором

Ужасно недоволен он;

С мужчинами со всех сторон

Раскланялся, потом на сцену

В большом рассеянье взглянул,

Отворотился -- и зевнул,

И молвил: "всех пора на смену;- (EO 1, XXI)

Das Ballett, zum Beispiel, ist für Onegin nur eine Gelegenheit die Welt der Frauen zu begegnen:

Всё хлопает. Онегин входит,

Идет меж кресел по ногам,

Двойной лорнет скосясь наводит

На ложи незнакомых дам; - (EO 1, XXI)

Eigentlich werde hiermit nur „das Verhältnis zum Theater eines ‘Dandy’”[20] erläutert, denn Onegin ist und bleibt „ein Mann von Welt”.[21] Hier ist dieser Kontrast der Art und Weise,

[...]


[1] Bachelard, Poetik des Raumes, in : Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaft, S. 167.

[2] Bachelard, S. 167-168: “Manchmal glaubt man sich in der Zeit auszukennen, wenn man doch nur eine Folge von räumlichen Fixierungen des feststehenden Seins kennt, eines Seins, das nicht verfließen will, das sogar in der Vergangenheit, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, den Flug der Zeit >aufheben< will. In seinen tausend Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit. Dazu ist der Raum da. (...) Nur mit Hilfe des Raumes, nur innerhalb des Raumes finden wir die schönen Fossilien der Dauer, konkretisiert durch lange Aufenthalte. Das Unbewußte hält sich auf. Die Erinnerungen sind unbeweglich, und um so feststehender, je besser sie verräumlicht sind.”

[3] Bachelard S. 170-171.

[4] Lotman, Die Struktur des künstlerischen Textes, in: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaft, S. 530.

[5] Lotman, S. 532.

[6] Bachtin, S. 7.

[7] Bachtin (wie Anmerkung 6): „Die Zeit verdichtet sich hierbei, sie zieht sich zusammen und wird auf künstlerische Weise sichtbar; der Raum gewinnt Intensität, er wird in die Bewegung der Zeit, des Sujets, der Geschichte hineingezogen”.

[8] Bachtin, S. 187f: „Die Sujetereignisse werden im Chronotopos konkretisiert, mit Fleisch umhüllt und mit Blut gefüllt. (...) Doch wird das Ereignis nicht zum Bild. Der Chronotopos nun liefert die entscheidende Grundlage, auf der sich die Ereignisse zeigen und darstellen lassen. Und das eben dank der besonderen Verdichtung und Konkretisierung der Kennzeichen der Zeit (...) auf bestimmten Abschnitten des Raumes”.

[9] Bachtin, S. 190; auch: „Die Chronotopoi können sich aneinander anschlieβen, miteinander koexistieren, sich miteinander verflechten, einander ablösen, vergleichend oder kontrastiv einander gegenüberstellt sein oder in komplizierten Wechselbeziehungen zueinander stehen”.

[10] Bachtin (wie Anmerkung 9)

[11] Bachtin, S. 46: „Charakteristisch ist für den Roman insbesondere, dass der Lebensweg des Menschen (in seinen entscheidenden Peripetien) mit dessen realen räumlichen Weg, d. h. mit dessen Wanderungen verschmilzt”.

[12] Bachtin (wie Anmerkung 11): „Die Fortbewegung des Menschen im Raum, sein Umherirren verliert hier jenen abstrakt-technischen Charakter, der der Verknüpfung von Raum- und Zeitbestimmungen (Nähe – Ferne, Gleichzeitigkeit – Ungleichzeitigkeit) eigen ist (...). Der Raum wird konkret und mit einer substantielleren Zeit ausgefüllt. Er nimmt realen, lebensbezogenen Sinn in sich auf und gewinnt eine wesentliche Beziehung zum Helden und dessen Schicksal”.

[13] Bachtin, S. 46f.

[14] Bachtin, S. 47.

[15] Alle Beispiele werden nach der foldenden Ausgabe zitiert: А.С. Пушкин. Собрание сочинений в десяти томах. Ред. Д.Д. Благой, С.М. Бонди, В.В. Виноградов, Ю.Г. Оксман. М. 1959-1962, im Internet: http://rvb.ru/pushkin/.

[16] Vgl. Nabokov, Bd. 2, S. 151-156.

[17] „Когда же юности мятежной/Пришла Евгению пора,/Пора надежд и грусти нежной,/Monsieur прогнали со двора./Вот мой Онегин на свободе;/Острижен по последней моде,/Как dandy2 лондонский одет —/И наконец увидел свет./Он по-французски совершенно/Мог изъясняться и писал;” – EO 1, IV.

[18] Vgl. Nabokov, Bd. 2, S. 44.

[19] Vgl. Rybakov, S. 193ff.

[20] Vgl. Rybakov, S. 196

[21] Alexei Rybakov unterscheidet auch zwischen drei „Sphären”, und zwar zwischen der Petresburger oder der „Onegin Sphäre”, der „Moskauer Sphäre” und der „ländlichen Sphäre”. Das Wort „mondän” sei auch seiner Meinung nach ein zentraler Begriff für die Petersburger Welt, denn dieser Adjektiv erläutert genau die wichtigste Charakteristik Onegins. Er wird als „ein Mann von Welt” beschrieben und bleibt das auch wenn er sich in anderen „fremden” Sphären befindet, S. 192-193

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668824560
ISBN (Buch)
9783668824577
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446145
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Chronotopos Zeit Raum Evgenij Onegin

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Titel: Bedeutung und Funktion des Raumes im Versroman "Evgenij Onegin" von A.S. Puskin