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Inszenierungsmöglichkeiten von Heinrich von Kleists "Zerbrochnem Krug. Ein Lustspiel"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 48 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

1 Einleitung

Im Rahmen des Kompaktseminars „Drama – Theater – Szenisches Spiel“, geleitet von den Dozenten Dr. Ursula Elsner und Herrn Reinhold Voss, wurde eine Woche in den Räumen des Freiburger Stadttheaters zugebracht. Das Ziel dieser Veranstaltung war, die verschiedenen Stadien kennenzulernen, die ein Theaterstück durchlaufen muss, um von der Strichfassung auf die Bühne gebracht zu werden. Konkret wurde bei diesem Seminar die Inszenierung von Heinrich von Kleists Drama „Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel“ beobachtet.

Aus dem persönlichen Interesse heraus, das Fach Deutsch über das Theater mit dem Fach Kunst zu verbinden, entstand in diesem Rahmen die Idee der Bearbeitung eines Projekts, das sich mit der genauen Umsetzung von Kleists Dramas auf der Bühne des Theaters beschäftigen soll.

Hierfür wird zunächst von dem Leben Heinrich von Kleists (2) ausgehend der Bogen zu seinem Werk „Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel“ (3) geschlagen, um nach der kurzen Wiedergabe der Entstehungsgeschichte (3.1), der Fabel (3.2) und der Darstellung der Struktur dieses Dramas (3.3) eine Aussage dieses Stücks, treffen zu können (3.4). Die Botschaft nämlich, die der Autor mit seinem Stück dem Betrachter vermitteln will, kann durch die entsprechende Umsetzung auf der Bühne (durch die Kostümierung der Darsteller, der Dekoration der Bühne und auch durch das Bühnenbild selbst) dem Zuschauer verstärkt nähergebracht werden. Ebenso wie Kleist seine Botschaft durch den Text codiert, der vom Leser oder Zuhörer decodiert werden soll, codiert der Bühnenbildner, der für die Inszenierungsidee dieses Stücks verantwortlich ist, die Botschaft in Form von Bildern. Hierbei spielen die Farben und Formen eine große Rolle, die den Bühnenraum definieren, sowie der Raum selbst, den der Inszenierer den handelnden Figuren dadurch zuteilt.

Deshalb wird im dritten Teil dieser Arbeit das Hauptaugenmerk auf die Inszenierung dieses Lustspiels selbst gelegt (4). Als erstes werden das Bühnenbild betreffende Informationen gesammelt, die konkret im kleistschen Text aufzufinden sind (4.1). Einige Umsetzungen dieser Informationen werden in dieser Hausarbeit untersucht und dargestellt, jede Umsetzung verbunden mit ihrer eigenen Interpretationen des Stücks, so die von Goethe auf die Bühne gebrachte Uraufführung in Weimar (4.2.1), die Inszenierung des Laientheaters „Glasperlenspiel“ in Ludwigsburg (4.2.2), die der Kölner Bühnen (4.2.3), die des Deutschen Theaters Berlin (4.2.4) und die der im Seminar besuchten Aufführung am Stadttheater Freiburg (4.2.5).

Aus einem kritischen Vergleich dieser Inszenierungen (4.3) werden die Vor- und Nachteile einer jeden Umsetzung bezogen auf die Zuschauerwirkung erläutert, woraufhin eigene Inszenierungsvorschläge dargestellt werden (4.4). Zwei Überlegungen zur künstlerischen Umsetzung dieses Dramas werden anschließend detailliert erläutert (4.4.1), indem der vorgeschlagenen Bühnenaufbau genau beschrieben wird (4.4.1.1 u. 4.4.1.2), sowie die jeweilige didaktische Idee hinter dem Bühnenbild erläutert wird (4.4.1.1.1 u. 4.4.1.2.1). Diese didaktischen Überlegungen werden im darauffolgenden Kapitel konkret auf die Schülerwelt bezogen und verallgemeinert (5), so dass sich die Möglichkeit eines Entwurfs zur Gestaltung eines ähnlichen Projekts in der Schule bietet, durch welches der Deutsch- mit dem Kunstunterricht verbunden werden könnte (5.1).

2 Leben und Werk Heinrich von Kleists

Laut Angaben des Kirchenbuches am 18. Oktober, nach seinen eigenen Angaben aber bereits am 10. Oktober 1777 wird Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist in Frankfurt/Oder als Sohn Joachim Friedrich von Kleists und dessen Frau Juliane Ulrike von Kleist, geborene von Pannwitz, geboren[1]. Damit ist Heinrich von Kleist das fünfte von sieben Kindern, wobei die beiden ältesten, aus erster Ehe des Vaters stammen. Nach dem Tod des Vaters im Juni 1788 wird G.F. Dames als Amtsvormund für Heinrich von Kleist und seine Geschwister ernannt. Im selben Jahr wird Kleist zusammen mit seinen beiden Vettern Karl von Pannwitz und Johann Heinrich Ernst von Schönfeldt zur weiteren Erziehung nach Berlin geschickt. Der Elfjährige wächst weiter ohne Vater auf, ebenso wie die Eve aus dem Zerbrochnen Krug. Beide haben nur noch ihre Mutter.

Vier Jahre später, also kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, tritt Kleist als Gefreiter-Corporal in das Bataillon des Regiments in Potsdam ein. Kaum ein Jahr darauf stirbt seine Mutter, während sich Kleist mit seinem Regiment zur Belagerung von Mainz bereitmacht. Nachdem er zwei Jahre im Gefecht zugebracht hat, wird 1795 der „Separatfriede zu Basel“[2] zwischen Frankreich und Preußen beschlossen. Obwohl er selbst anscheinend jenen Dienst in der Armee verabscheut, lässt er sich daraufhin trotzdem zum Portepeefähnrich ernennen und kehrt nach Potsdam zurück. Hätte er sich vielleicht jemanden an seiner Seite gewünscht, wie jene Eve, die darum kämpft, ihren Geliebten vom Kriegsdienst zu befreien?

Der seine Arbeit verabscheuende Soldat verbringt zwei weitere Jahre im Regiment als beförderter Sekondelieutenant bis er 1798 seinen ersten Text verfasst: „Aufsatz, den sicheren Weg des Glücks zu finden“.

Damit beendet Kleist seine Karriere bei der Armee. Er tritt im Jahr darauf aus dem Militärdienst aus, besteht seine schulische Reifeprüfung und immatrikuliert sich daraufhin in der Philosophischen Fakultät Frankfurt an der Oder, wo er drei Semester lang die Fächer Physik, Mathematik, Kulturgeschichte, Naturrecht und Latein studiert. Während dieses Studiums verlobt sich Kleist Anfang 1800 mit Wilhelmine von Zenge. Ein Jahr später entstehen seine Werke „Kantkrise“ und „Geschichte meiner Seele“. Am Ende desselben Jahres reist Kleist nach Bern, wo aus einem Wettstreit im Jahre 1802 das Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ entsteht, welches den Gegenstand dieser Arbeit bildet. Während dieses Aufenthalts in der Schweiz löst Kleist das Verlöbnis zu Wilhelmine von Zenge. Hat er seine eigenen Zweifel an dem Verhältnis zu seiner Verlobten vielleicht im Zerbrochnen Krug verarbeitet? Spiegelt sich in der zu Papier gebrachten Beziehung zwischen Eve und Ruprecht ein Teil seines eigenen Lebens wider?

Während der Zerbrochne Krug erst einmal zur späteren Überarbeitung beiseitegelegt wird, entstehen 1803 die Werke „Familie Schroffenstein“, „Amphitryon“ und „Robert Guiskard“, wobei Kleist das Manuskript zu letzterem nach einem Streit mit seinem Bekannten Pfuel in Paris verbrennt. Hierauf bricht Kleist an die französische Nordküste auf, um der französischen Armee beizutreten, wird aber nach Potsdam zurückgeschickt, was ihm den eigentlich verhassten Dienst an der Waffe erspart.

Ein Jahr darauf findet die Uraufführung der „Familie Schroffenstein“ in Graz statt. Zur selben Zeit erbittet Kleist bei Köcheritz im Schloss Charlottenburg eine Einstellung in den Staatsdienst, woraufhin er 1805 erst im Finanzdepartement unter Altenstein eine Anstellung findet, anschließend als Diätaar an der Domänenkammer unter Auerswald, wobei er gleichzeitig Vorlesungen über Finanz- und Staatswissenschaften beiwohnt und seine Arbeit an der Erzählung „Michael Kohlhaas“ beginnt. Weiter hocharbeiten kann Kleist sich nicht, obwohl er davon träumt, in ein höheres Amt aufzusteigen. Gern hätte Kleist selbst einmal eine bedeutende Position eingenommen, um etwas an dem ihm umgebenden Gesellschaftssystem verändern zu können. Statt dessen lebt er eben jenen Traum in seinen literarischen Werken aus, so auch im Zerbrochnen Krug. Hier prangert er die korrupte Richterschaft an und stellt die Welt in Form von einem Scherbenhaufen dar.

Während Kleist 1806 jenes Drama „Der zerbrochne Krug“ überarbeitet und das Stück „Penthesilea“ entwirft, wird er aus dem Staatsdienst entlassen, kurz bevor Napoleon den Zusammenbruch Preußens herbeiführt. Der Traum von einem Posten als „Weltveränderer“ zerplatzt, er liegt nun selbst vor ihm wie ein Scherbenhaufen. Zusätzlich wird Kleist im Januar 1807 von den Franzosen verhaftet und in das Gefangenenlager nach Châlons-sur-Marne gebracht. Noch vor seiner Freilassung im Juli wird sein Stück „Amphitryon“ im C. Arnolds Verlag in Dresden publiziert. Kleists Erfolg beginnt, zwar nicht als Staatsmann, aber als Schriftsteller.

Im selben Jahr wird die Erzählung „Jeronimo und Josephe“ abgedruckt, die später den Titel „Das Erdbeben in Chili“ tragen soll[3], die Arbeit an „Käthchen von Heilbronn“ wird aufgenommen und „Penthesilea“ wird vollendet und im Jahr darauf im „Phöbus“ abgedruckt, wie auch die Erzählung „Die Marquise von O...“. Goethe inszeniert die Uraufführung des „Zerbrochnen Krugs“, welche missglückt, und auch dieses Stück wird daraufhin in einem „Phöbus“ abgedruckt. In weiteren Heften des „Phöbus“ erscheinen in jenem Jahr ebenso Fragmente aus „Robert Guiskard“, „Käthchen von Heilbronn“ und „Michael Kohlhaas“. „Penthesilea“ erscheint im Juli erstmalig als Buch, gleichzeitig beendet Kleist sein Werk „Die Hermannsschlacht“ und gibt sich geheimen politischen Aktivitäten hin[4]. Er versucht die Welt mit seinen literarischen Mittel zu verändern. Hierzu verfasst Kleist 1809 einige politische Schriften, sowie Kriegslyrik. Im selben Jahr erscheinen Fragmente von Kleists Werken „Der Schrecken im Bade“, sowie „Käthchen von Heilbronn“. Das „Käthchen“ kommt 1810 zur Uraufführung, kurz nachdem Kleist der Königin Luise ein Geburtstagssonett überreicht hat. Im Herbst desselben Jahres erscheinen die Werke „Käthchen von Heilbronn“, „Michael Kohlhaas“, „Die Marquise von O...“ und „Das Erdbeben in Chili“ als Buchausgabe. Auch der „Zerbrochne Krug“ erscheint im Jahr darauf, 1811, als Buch in Reimers Realschulbuchhandlung in Berlin. Ebenso werden „Die Verlobung in St. Domingo“, „Der Findling“ und „Der Zweikampf“ abgedruckt und ein Widmungsexemplar des „Prinz Friedrich von Homburg“ wird der Prinzessin Wilhelm überreicht[5]. In diesem Jahr schreiben Kleist und Henriette Vogel ihre „Todeslitaneien“, bevor sie sich am 21. November am Kleinen Wannsee (Stolpsches Loch“) gemeinsam umbringen.

3. Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel

3.1 Entstehungsgeschichte

Wie Kleist selber in der Vorrede zu seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ sagt, entstand dieses Stück in Anlehnung an einen Kupferstich, den Kleist in der Schweiz sah[6]. Kleist verbrachte hier einige Monate in Bern, unter anderem mit seinen beiden Bekannten H. Zschokke und Ludwig Wieland. In Zschokkes Pensionszimmer sah Kleist einen Kupferstich von einem niederländischen Meister, auf welchem ein gravitätischer Richter dargestellt war, vor dem eine alte Frau stand, „die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war, zu demonstrieren: Beklagter, ein junger Bauernkerl, den der Richter, als überwiesen, andonnerte, verteidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte [...] spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze [...].[7] “. Der Künstler, der diesen Stich 1782 fabriziert hatte und ihm den Titel „Le juge ou la cruche cassée“ (Der Richter oder der zerbrochene Krug) gab, ist Jean Jacques André le Veau. Dieser Kupferstich entstand möglicherweise in Anlehnung an ein 1781 von dem französischen Maler und Kupferstecher Louis Philibert Debucourt produziertes Werk[8], in welchem sich Einflüsse der niederländischen Genremalerei wiederfinden lassen.[9]

Ausgehend von diesem Kupferstich ließen sich Kleist und seine beiden Freunde in Bern auf einen Wettbewerb ein: jeder sollte unter Bearbeitung desselben Stoffes, nämlich des auf dem Stich Dargestellten, ein literarisches Werk schaffen. Gewinner sollte derjenige sein, dessen Werk in der Öffentlichkeit am meisten Erfolg bringen würde. Zschokke schrieb daraufhin eine Satire, Wieland eine Erzählung und Kleist ein Drama: „Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel“.[10]

Begonnen hat Kleist mit der Arbeit an seinem Drama zwar bereits 1802, jedoch hat er dieses Stück 1806 noch einmal überarbeitet, bevor es am 2. März 1808 in Weimar zur Uraufführung kam.

Aus seinem Briefwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe geht hervor, dass Kleists Drama „Der zerbochne Krug“ nicht explizit für die Bühne geschrieben sei, da keine Bühne so beschaffen sei, dieses Stück zur Aufführung bringen zu können.[11] Dies wird einige Jahre später widerlegt, indem das in Reimers Realschulverlag erscheinende Drama ausdrücklich als „Bühnenfassung“ deklariert wird. Nach Schindlbeck[12] wollte Kleist in seinem Schreiben an Goethe einerseits seine Unzufriedenheit darüber ausdrücken, dass es zu seiner Zeit weder einen geeigneten Regisseur, noch die geeigneten Schauspieler gab, um dieses Stück seinen Vorstellungen entsprechend auf die Bühne zu bringen, andererseits drückt Kleist in jenem Brief seine Zufriedenheit darüber aus, dass sein Lustspiel in Weimar von Goethe selbst inszeniert werden würde.

Goethe war jedoch nicht nur ein guter Bekannter Kleists, der das Drama nach Kleists Vorstellungen umsetzen sollte, sondern ebenso ein Kritiker und Neider des begabten Dichters. Kleists Vorstellungen von Theater brachen nach Goethes Auffassung einige Kriterien, an die man sich als Dramatiker zu halten hatte. So verabscheute Goethe zum Beispiel die Form des analytischen Dramas, in dem der Vorfall, der das gesamte Stück bestimmt, außerhalb des Aufführungsrahmens liegt. Dies führte dazu, dass Goethe das Lustspiel in drei Akte einteilte, in die er eine von Kleist vergebens zu verhindern versuchte Pause einbaute. Damit provozierte er eine allgemeine Langeweile auf Seiten der Zuschauer, die die Uraufführung missglückten ließ.[13]

3.2 Fabel

Doch welcher ist der Vorfall, der nach Goethes Vorstellung auf der Bühne hätte dargestellt werden sollen? Frau Marthes Krug ist zerbrochen und nun gilt es im Verlauf des Stückes, den Krugzertrümmerer zu identifizieren. Wie genau der Krug zertrümmert wurde und wer der eigentliche Krugzertrümmerer ist, bleibt im Dunkeln verborgen. Dieser Moment wird auf der Bühne nicht nachgespielt.

Der Zuschauer darf dafür aber miterleben, wie der Richter Adam an einem Morgen in einem niederländischen Dorf bei Utrecht von seinem, den Richter um sein Amt beneidenden, Gerichtsschreiber Licht geweckt wird, wobei Licht feststellen muss, dass sein Vorgesetzter eine Kopfverletzung und einen verstauchten Fuß hat. Auch seine Perücke ist nicht mehr aufzufinden, und aus den absurden Erklärungsversuchen Adams erkennt dessen Gerichtsschreiber sofort, dass sein Vorgesetzter versucht, die Geschehnissee der vorigen Nacht zu vertuschen. Eine neue Perücke ist von den beiden Mägden auch nicht aufzutreiben, obwohl diese an jenem Tag dringend gebraucht werden würde, da ein besonderer Gerichtstag ansteht: Der Gerichtsrat Walter aus Utrecht lässt sich ankündigen, da er gerade dabei ist, alle umliegenden dörflichen Ämter zu inspizieren. Hierbei ist Adam und Licht sehr wohl bewusst, dass der prüfende Blick in deren Gerichtskasse verhindert werden muss, wenn Richter Adam sein Amt behalten will.

Als der Gerichtstag beginnt, betritt Frau Marthe Rull mit ihrer Tochter Eve und deren Verlobten Ruprecht, begleitet von dessen Vater Veit Tümpel, den Gerichtssaal um Anklage zu erheben gegen denjenigen, der ihren Krug in der Nacht zuvor in Eves Kammer zerschlagen hat. Ohne, dass Eve ihre Mutter davon abhalten kann, bezichtigt diese Ruprecht der Tat. Richter Adam will die Gelegenheit nutzen, den Verdacht auf sich selbst gar nicht erst aufkommen zu lassen, und möchte Ruprecht daraufhin sogleich verurteilen. Jedoch schreitet Gerichtsrat Walter ein, um die Beweisführung in gerichtlich korrekte Bahnen zu lenken. Hierbei stellt sich heraus, dass sowohl Eve, als auch der Richter selbst ein Geheimnis miteinander teilen. Adam aber will das Geheimnis nicht lüften um seiner selbst Willen, Eve nicht um Ruprechts Willen.

Die Zeugin Brigitte, Veit Tümpels Schwester, beteuert, in der Nacht zuvor den Teufel an Eves Fenster gesehen zu haben, der nach ihrer Beschreibung große Ähnlichkeiten zu Adam aufweist. Außerdem wurde die vermisste Perücke unter Eves Fenster gefunden und nun von Licht und Brigitte als Beweisstück dem Gericht vorgelegt.

Da Adam durch diese belastende Aussage bereits entlarvt zu sein scheint, erzählt Eve nun, was an jenem Abend tatsächlich geschehen ist: Richter Adam kam zu ihr, um sein Pfand dafür zu holen, dass er Ruprecht auf Eves Bitte vom anstehenden Kriegsdienst befreien würde. Hierbei wurde er von Ruprecht, der Eve besuchen wollte, überrascht. In dem Moment, als Adam seine auf dem Krug abgelegte Perücke an sich riss, um zu fliehen, stürmte Ruprecht, mit dem Verdacht, Eve mit einem anderen Liebhaber zu erwischen, durch die Tür ins Zimmer und der Krug brach entzwei. Ruprecht schlug dem Richter, den er jedoch nicht erkannte, bei dessen Fluchtversuch auf den Kopf, wobei die Perücke in den Dornen unterm Fenster hängen blieb. Der Richter warf ihm Sand in die Augen und konnte unerkannt entfliehen.

Was aber in jenen zwei Minuten vorher geschehen ist, in denen Eve und Adam allein waren, wird der Zuschauer nie erfahren. Das Stück endet mit der Flucht des angeklagten Richters aus dem Gerichtssaal, mit einem Kuss zwischen Eve und Ruprecht und mit Frau Marthes Aussage, die Gerichtsverhandlung um den Krug in Utrecht weiterführen zu wollen. Es ist möglich, dass das Stück so weiterläuft, wie es angefangen hat: mit einem zerbrochenem Krug, dessen Zertrümmerer nicht entlarvt wird.

3.3 Aufbau und Struktur

Diese ganze Gerichtsverhandlung um einen zerbrochenen Krug bringt Kleist in die Form eines einaktigen, analytischen Dramas mit pyramidalem Aufbau, wobei sich die „Spitze der Pyramide“ nach zwei Drittel des Stückes befindet . In der Exposition der ersten Szene wird der zerschundene Zustand des Dorfrichters Adam dargestellt. Wie in einem Verhör, eine Gerichtsszene quasi vorwegnehmend, stellt der Gerichtsschreiber Licht viele Fragen, die Richter Adam zum Antworten zwingen.[14] Die Spannung in diesem Dialog wird durch einige erregende Elemente gesteigert: durch die Ankündigung des Gerichtsrats Walter[15], die fehlende Perücke[16], den bevorstehenden Gerichtstag und Adams bösen Traum[17], der gleichzeitig eine Vorrausdeutung auf das Ende des Dramas ist. Im sechsten Auftritt wird die Hauptszene vorbereitet, indem die streitenden Parteien auftreten: Marthe und Eve auf der einen Seite, Ruprecht und Veit auf der anderen.[18] Diese sich vom siebenten bis zum zehnten Auftritt erstreckende Hauptszene lässt sich in vier Teile unterteilen: 1. die Anklage der Frau Marthe[19], 2. eine kurze Zwischenszene[20], die als Pause gewertet werden kann, 3., im neunten Auftritt die Gerichtsverhandlung[21] und 4., bevor wieder eine Zwischenszene eingebracht wird, die einer längeren Verschnaufpause (auch für den Zuschauer) gleichkommt[22], im elften Auftritt der Höhepunkt des Verhörs: die Entlarvung des Täters durch Frau Brigitte und seine Flucht.[23] Das Stück findet daraufhin seinen Ausklang im zwölften und dreizehnten Auftritt. Licht wird losgeschickt, um Adam zurückzuholen und Frau Marthe erkundigt sich nach einer Möglichkeit, ihren Krug vor dem Gericht in Utrecht weiterverteidigen zu können.[24] Durch diesen Ausgang wirkt das Ende des Stückes offen, das heißt viele Fragen bleiben offen: Was wird mit Adam geschehen? Geht die Geschichte wieder von vorne los, wenn Marthe zum Gericht nach Utrecht geht? Was ist eigentlich zwischen Eve und Adam geschehen?

Das gesamte einaktige Verhör wird im Blankvers geführt. Der größte Redeanteil kann hierbei eindeutig dem Richter Adam zugeschrieben werden, kurz darauf folgt Frau Marte. Jene reißt durch ihren großen Monolog, der nur von wenigen Kommentaren unterbrochenen wird, einen großen Redeanteil an sich. Durch die im Verhör zustande kommenden Dialoge wird die Zeitebene der Gerichtsverhandlung auf die Bühne gebracht. Die Zeitebene der Tathandlung bleibt auf der Bühne außen vor. Es wird aber darüber gesprochen und die Vergangenheit wird somit Stück für Stück aufgedeckt: der Zuschauer gestaltet sich damit selbst ein Bild von der Tat.

Kleist verwendet durchaus Elemente des traditionellen Dramas: den pyramidalen Aufbau, die stilisierte Sprache (Blankvers), sowie die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Es wird dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, sich mit einigen Figuren zu identifizieren, sowie von anderen zu distanzieren, wodurch ein Mitfühlen mit den Figuren möglich ist. Emotionale Spannungen können zwar abgebaut werden, aber das Nachdenken über dieses Lustspiel ist damit noch nicht abgeschlossen. Der Zuschauer geht mit offenen Fragen aus dem Theater, die ihn dazu anregen, sich über die Aussage des Stücks weitere Gedanken zu machen.

3.4 Aussage

Anscheinend handelt es sich hier nicht nur um ein Lustspiel im herkömmlichen Sinn, was den Zuschauer unterhalten soll, sondern um eines, was ihn zum Nachdenken provozieren soll.

Daher darf das Stück nicht als bloße Umsetzung des Kupferstichs von Le Veau gelten. Durch den Verweis auf das Ödipus-Motiv, bekommt das Stück ein besonderes Gewicht. Wie Kleist in seiner Vorrede bemerkt, hat er dieses Motiv absichtlich ausgewählt, um einen Bezug zu schaffen zwischen Licht und Adam, entsprechend der Beziehung zwischen Kreon und Ödipus: „[...] und der Gerichtsschreiber sah (er hatte vielleicht kurz vorher das Mädchen angesehen) jetzt den Richter misstrauisch zur Seite an, wie Kreon, bei der ähnlichen Gelegenheit, den Ödip“[25].

Adam entspräche hier demnach dem Ödipus, der Gerichtsschreiber Licht dem Kreon. Sowohl Kreon als auch Licht bringen „Licht“ in die Aufklärung eines Falls. Während Kreon mit der Zeit mehr und mehr durchschaut, dass Ödipus selbst der Mörder seines Vaters ist, auf dessen Suche er sich befindet, durchschaut in Kleists Lustspiel der Gerichtsschreiber gleich zu Anfang die Lügen seines Vorgesetzten. Im Gegensatz zum Schicksal des König Ödipus, der selbst zu Anfang nicht weiß, dass er seinen Vater getötet hat, ist sich Adam seiner Tat jedoch die ganze Zeit über bewusst. Das erklärt, warum er sich immer mehr in seine Lügen verstrickt, die Licht durchschaut. Wird hier angezweifelt, ob es tatsächlich Täter gibt, die sich ihrer eigenen Tat nicht bewusst sind, wodurch Ödipus „Unschuld“ in Frage gestellt wird? Oder geht es darum, zu zeigen, dass jedem Täter sein Verbrechen auf kurz oder lang nachgewiesen werden kann? Demnach könnte die Moral dieses Stücks vielleicht lauten: „Lügen haben kurze Beine“.

Nicht nur im Verhältnis zwischen Adam und Licht werden Schuld und Unschuld thematisiert, sondern ebenso im Verhältnis zwischen Adam und Eve. Sie erinnern an Adam und Eva aus der Bibel, wo Eva diejenige ist, die Adam dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis zu essen, wodurch sie den Verstoß aus dem Paradies verschuldet. Bei Kleist ist auf den ersten Blick aber Adam der Schuldige, der anscheinend versucht hat, Eve zu erpressen und zu verführen und dabei den Krug zerbrochen hat. Jedoch bleibt dem Zuschauer bis zum Ende unklar, was zwischen Adam und Eve passiert ist, als sie allein in Eves Zimmer waren. Würde hier Adam Adam entsprechen und Eve Eva, dann müsste Eve die Verführerin sein. Hat wirklich nur Adam „so Schändliches [...], dass es kein Mädchenmund wagt auszusprechen“[26], von Eve verlangt, oder fühlt sie sich vielleicht selbst zu ihm hingezogen? Dies würde auch erklären, warum Eve sich während der Gerichtsverhandlung nicht eindeutig auf die Seite von ihrem Verlobten, Ruprecht, stellt, sondern zwischen ihm und Adam hin- und hergerissen scheint und bis zuletzt nicht sagt, was zwischen ihr und dem Richter in der Nacht zuvor passiert ist. Warum stürzt sie sich am Ende der Verhandlung nicht ausdrücklich in Ruprechts Arme vor Glück? Hat etwa Adam ihr den Weg zur Erkenntnis gezeigt, der sie an ihrer Liebe zu Ruprecht zweifeln lässt?

Wie leicht können die Lüge und die Wahrheit das gesamte weitere Leben von Eve bestimmen. Entscheidet sie sich für die Lüge, deckt sie also den Richter, ist offiziell bekannt: In jener Nacht war ein anderer bei ihr und sie wird als „Metze“ verschrien, sowohl von Ruprecht, als auch von ihrer eigenen Mutter. Sagt sie aber die Wahrheit, bleibt ihr moralisch anständiges Bild in Bezug auf die Treue zum Verlobten erhalten, jedoch muss Ruprecht gegebenenfalls zum Kriegsdienst aufbrechen und Adam wird verurteilt. Für welchen Mann und für welchen Ruf entscheidet sie sich also?

Eben dieselbe Frage stellt Jean-Paul Sartre in seinem 1943 veröffentlichten Drama „La putain respectueuse“ (Die ehrbare Dirne). Auch er greift das Motiv des Kupferstichs von Le Veau auf und stellt eine Figur, die Hure Lizzie, vor die Entscheidung zwischen Wahrheit oder Lüge. Da sie in einem Zugabteil miterleben musste, wie zwei weiße Amerikaner einen Schwarzen töten und einen anderen in die Flucht schlagen, wird sie von der Familie des weißen, angeklagten Mörders unter Druck gesetzt, vor Gericht zu lügen, indem sie aussagen soll, der getötete Schwarze habe sie zuvor vergewaltigt. Entscheidet sie sich für diese Lüge, wird die Familie des Angeklagten ihr auf ewig dankbar sein und vielleicht dafür sorgen, dass sie gesellschaftlich aufsteigt. Spricht sie aber vor Gericht die Wahrheit, bleibt sie für immer eine am Rand der Gesellschaft verkannte Hure, rettet aber dafür dem entflohenen, gesuchten Schwarzen das Leben.

Die beiden Frauen, Lizzie und Eve, stehen also vor der Wahl zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen einem gesellschaftlichem Ansehen und moralischer Verschrienheit. Kritisiert Kleist hier vielleicht das Gesellschaftssystem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts? Prangert er an, wie leicht ein Mensch von der Öffentlichkeit verkannt oder gelobt werden kann? Will er darstellen, wie nah Aufstieg und Fall beieinander liegen können? Und warum sind all diese Fragen bearbeitet unter dem banalen Vorwand, einem zertrümmerten Krug rechtzusprechen?

Vielleicht geht es hier in erster Linie gar nicht um einen Krug, der zerbrochen wurde, sondern um das, was dem Krug anhängt. So sagt Ruprecht aus, mit dem durchlöcherten Krug habe „auch die Hochzeit ein Loch bekommen“[27], der Krug ist damit also gleichzusetzen mit der Beziehung zwischen Eve und Ruprecht. Als der Krug noch heil war, lief ihre Beziehung anscheinend noch gut, sie war auf Vertrauen und Sicherheit aufgebaut, sogar die Hochzeit war konkret geplant. Dadurch, dass der Krug von einem Unbekannten zerbrochen wurde, wird das Vertrauen Ruprechts zu Eve zerstört, und vielleicht Eves Sicherheit in ihrer Partnerwahl.

[...]


[1] Siebert, Eberhard: Kleist. Leben und Werk im Bild. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S.221

[2] Siebert, Eberhard: Kleist. Leben und Werk im Bild. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S.222

[3] Siebert, Eberhard: Kleist. Leben und Werk im Bild. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S.226

[4] Siebert, Eberhard: Kleist. Leben und Werk im Bild. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S.227

[5] Siebert, Eberhard: Kleist. Leben und Werk im Bild. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1980, S.229

[6] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel, Stuttgart: Reclam 2001, S.3 (Vorrede)

[7] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel, Stuttgart: Reclam 2001, S.3 (Vorrede)

[8] siehe Anhang: 6.2 Louis Philibert Debucourt: Le juge de village, 1781

[9] Dies geht hervor aus einem Arbeitsblatt zur Maturvorbereitung im Fach Deutsch der Kantonsschule Glattal, Dübendorf, Schweiz.

[10] Internet: Verfasser: Verena Hartmann. www.uni-bamberg.de/split/ndl/prejekte/kleist_abc/artikel

Stand: 1.6.2004

[11] Schindlbeck, Michael: Von den Scherben, dem Theater und der Welt, Brief vom 24. Jan. 1808

[12] Schindlbeck, Michael: Von den Scherben, dem Theater und der Welt

[13] Internet: www.fortunecity.com/kleist Stand: 1.6.2004

[14] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1 ff.

[15] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.68

[16] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.220 ff.

[17] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.269 ff.

[18] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.415 ff.

[19] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.415 ff.

[20] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1070 ff.

[21] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1075 ff.

[22] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1411 ff.

[23] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1605 ff.

[24] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1968 ff.

[25] Kleist, Heinrich von: (Vorrede) Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, S.3

[26] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.1946

[27] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel. Stuttgart: Reclam 2001, V.441 ff.

Details

Seiten
48
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638422031
ISBN (Buch)
9783640387311
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44645
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1.5
Schlagworte
Inszenierungsmöglichkeiten Heinrich Kleists Zerbrochnem Krug Lustspiel

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