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Das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Ohnmacht in der Pflegebeziehung

Unterrichtsentwurf 2005 69 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhalt

1 Bedingungsebene
1.1 Bedingungen der Lernenden
1.1.1 Beschreibung der Lerngruppe
1.1.2 Förderung der beruflichen Handlungskompetenzen
1.2 Bedingungen des Lehrenden
1.3 Bedingungen der Organisation
1.4 Bedingungen der gesetzlichen und curricularen Vorgaben

2 Entscheidungsebene
2.1 Herleitung der Lernsituation
2.2 Unterrichtsfach Sozialwissenschaften
2.2.1 Hinführung zum Thema
2.2.2 Definitionen und Begriffsklärung
2.2.3 Die Ebenen der Macht
2.2.4 Die Makroebene – Staat und Gesellschaft
2.2.5 Die Mesoebene – Team und Organisation
2.2.6 Die Mikroebene – Die Dyade Klient & Pflegender
2.2.7 Strategien zum Ausgleich des Machtgefälles in der Pflegebeziehung
2.2.8 Inhaltsstruktur
2.3 Didaktische Reduktion
2.4 Übergeordnete Handlungs- und Themenstruktur
2.5 Einbettung der Lernsituation in die Unterrichtsreihe
2.6 Thema der Lernsituation
2.7 Übergeordnete Ziele und zu fördernde Kompetenzen
2.8 Didaktischer Ansatz
2.9 Allgemeine und pflegeimmanente didaktische Prinzipien
2.10 Methoden
2.11 Sozialformen
2.12 Medien

3 Artikulationsschema

4 Literaturverzeichnis

5 Anhang
5.1 Fallbeispiel für die gesamte Unterrichtsreihe
5.2 Flip-Chart Informierender Unterrichtseinstieg
5.3 Folienvortrag Informationsinput
5.4 Arbeitsauftrag für die Einzelarbeit und die Weiterverarbeitung in Kleingruppen
5.5 Erwartungshorizont für die Bearbeitung der Lernaufgabe in der Einzelarbeit
5.6 Evaluationsbogen

1 Bedingungsebene

1.1 Bedingungen der Lernenden

1.1.1 Beschreibung der Lerngruppe

Der Kurs, in dem die Lehrprobe stattfinden wird, hat die Ausbildung im April 2004 begonnen. Die Teilnehmer haben in ihren praktischen Einsätzen sowohl im stationären als auch im ambulanten Arbeitsfeld Erfahrungen gesammelt. Insgesamt haben die Teilnehmer drei praktische Einsatzphasen hinter sich gebracht. Der Ende Januar beginnende Theorieblock ist der vierte in der Ausbildung des Kurses.

Der Kurs besteht insgesamt aus 20 Teilnehmern. Die Altersstruktur zeigt eine Dominanz der jungen Altersgruppe zwischen 17 und 24 Jahren. Elf Teilnehmer sind dieser Altersgruppe zugehörig. Zwei weitere sind zwischen 25 und 29 Jahre alt, einer zwischen 30 und 39 Jahre und sechs Teilnehmer sind älter als 40 Jahre. Diese Altersstruktur ist ein Novum in diesem Fachseminar. Da sich jedoch seit dem Jahr 2004 die Förderungen des Arbeitsamtes und des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen erheblich verringert haben, ist der Altersdurchschnitt viel jünger als in allen bisherigen Kursen. Der überwiegende Teil der jüngeren Teilnehmer absolviert die Erstausbildung. Diese Teilnehmer werden nicht gefördert, sondern erhalten eine Ausbildungsvergütung durch den Ausbildungsträger. Die älteren Teilnehmer werden in der Regel durch Fördermittel des Landes finanziert oder absolvieren eine von der Bundesagentur für Arbeit finanzierte Umschulung. Sechs Teilnehmer haben Kinder. Zwei Teilnehmer sind verheiratet, weitere drei leben in Scheidung. Zwei Teilnehmer sind männlich und 18 weiblich.

Von der Schulbildung her stellt der Kurs eine homogene Gruppe dar. Siebzehn Teilnehmer haben die Fachoberschulreife in verschiedenen Schulformen absolviert, zwei Teilnehmer haben einen Hauptschulabschluss, eine Teilnehmerin besitzt die allgemeine Hochschulreife.

Insgesamt 11 Teilnehmer haben abgeschlossene Berufsausbildungen absolviert, bevor sie die Ausbildung zur Altenpflegerin oder zum Altenpfleger begonnen haben. Darunter sind zwei Schuhfertiger/innen, eine Uhrmacherin, eine Friseurin, eine Anwaltsgehilfin und drei Verkäuferinnen. Zwei Teilnehmerinnen haben die Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, wurden jedoch nach der Probezeit gekündigt. Zwei weitere Teilnehmer haben andere Ausbildungen begonnen, aber nicht beendet.

Im Kurs ist eine Teilnehmerin mit einer anderen als der deutschen Staatsbürgerschaft. Zudem sind noch drei weitere Teilnehmer mit einer anderen als der deutschen Muttersprache aufgewachsen. Die Sprachkenntnisse dieser Teilnehmer sind allerdings recht gut. In bisherigen Lernstandskontrollen ergaben sich keine durch die Sprache bedingten signifikanten Unterschiede gegenüber den Teilnehmern mit deutscher Muttersprache.

Vom Sozialverhalten her ist der Kurs im Vergleich zu anderen etwas auffällig. Die Unterrichtsatmosphäre ist bisweilen relativ laut und unruhig. Das bedeutet nicht, dass die Teilnehmer mit Absicht den Unterricht stören. Allerdings weisen einige einen erhöhtem Bewegungsdrang und eine große Mitteilungsfreudigkeit auf. Dies weise ich zumindest zum Teil der recht jungen Altersstruktur zu. In Kursen mit einem höheren Anteil an älteren Teilnehmern war das Sozialverhalten meist erheblich ruhiger und entspannter. Insgesamt ist die Gruppe jedoch gut steuerbar und erreicht die Unterrichtsziele in den allermeisten Fällen problemlos. Bei eventuellen Problemen helfen sich die Teilnehmer gegenseitig. Den Teilnehmern sind alle gängigen Sozialformen vertraut. Die Arbeit mit verschiedenen Methoden und Sozialformen hat sich als unkompliziert erwiesen, da die Teilnehmer stets offen sind, neue Elemente im Unterrichtsgeschehen zu akzeptieren. So haben die Teilnehmer die Einführung der Gruppenrollen sofort akzeptiert und bereitwillig umgesetzt. Kleinere Probleme gibt es nur, wenn die Teilnehmer ihre festen Arbeitsgruppen verlassen und neue Arbeitsgruppen bilden sollen. Diese beschränkten sich allerdings auf kurze Unmutsäußerungen; echte Widerstände gegen neue Arbeitsgruppen sind bisher nicht aufgetreten. Allerdings haben etliche Teilnehmer noch deutliche Schwierigkeiten bei der Präsentation von Arbeitsergebnissen. Sie neigen dazu, die Ergebnisse nur vom jeweiligen Medium abzulesen. Hier ist im Bereich der Methodenkompetenz (Umgang mit verschiedenen Medien) und der sozialen Kompetenz (Präsentation von Ergebnissen vor einer größeren Gruppe) noch einige Förderung notwendig.

Drei Teilnehmer haben zurzeit große Probleme, den Lernstoff zu bewältigen. In allen drei Fällen ist jedoch durchaus Potenzial erkennbar, die Situation zu verbessern und das Ziel der Ausbildung zu erreichen. Zudem erhalten die lernschwächeren Teilnehmer gute Unterstützung durch die Lernstärkeren.

1.1.2 Förderung der beruflichen Handlungskompetenzen

Wie es wahrscheinlich in den allermeisten Ausbildungseinrichtungen üblich ist, liegt der Schwerpunkt der Kompetenzförderung auch an diesem Fachseminar eindeutig im Bereich der Fachkompetenz. Im Rahmen der bisherigen Ausbildung wurden bereits einige für diese Unterrichtsreihe relevanten Inhalte thematisiert. Im Folgenden habe ich die betreffenden Inhalte aus der empfehlenden Richtlinie (vgl. Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, 2003, S. 30 – 89) tabellarisch den bereits (teilweise) behandelten Lernfeldern oder Teillernfeldern zugeordnet und aufgelistet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 - Für die Unterrichtsreihe relevante Inhalte der bisherigen Ausbildung

Der Bereich der Methodenkompetenz wurde unter anderen im Rahmen der Umsetzung des Lernfeldes 4.2 „Lernen lernen“ gefördert. Dabei ist allerdings anzumerken, dass das in diesem Fach erörterte Methodenrepertoire sehr eingeschränkt ist. Die Auswahl der Methoden hängt sehr vom Repertoire des jeweiligen Fachdozenten ab. Die Gruppe der Lernenden ist jedoch jederzeit bereit, sich auf neue Methoden einzustellen. So wurden in verschiedenen Unterrichtsreihen Rollenspiele, szenische Spiele, Strukturlegepläne und verschiedene Evaluationsmethoden von mir in die Gruppe eingebracht. Diese Methoden wurden allesamt positiv von der Gruppe aufgenommen und umgesetzt.

Im Bereich der sozialen Kompetenz betrachte ich die Gruppe als recht weit fortgeschritten. In verschiedenen Gruppenarbeiten haben die Teilnehmer ihre Kompetenz bewiesen, gezielt und effizient gemeinsam zu arbeiten und gute Ergebnisse dabei zu erzielen. Dabei werden alle Teilnehmer mit einbezogen. „Soziales Faulenzen“ oder das Ausgrenzen von lernschwächeren Teilnehmern habe ich hier noch nie erlebt. In der Ausbildungsrichtlinie von 2003 wird zudem verstärkt Wert auf die gezielte Förderung der sozialen Kompetenz gelegt. Im Lernfeld 4.3 habe ich bereits eine Unterrichtsreihe über die Emotion des Ekels in der Pflege geplant und durchgeführt. Im Rahmen dieser Reihe habe ich festgestellt, wie professionell und dennoch emotional sich die Teilnehmer in Diskussionen über ein derart heikles Thema einbringen können. Dabei wurde auf die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer im Hinblick auf Ekel in der Pflege eingegangen. Ich war überrascht, in welch intensiver und einfühlsamer Art und Weise dabei die verschiedenen Erlebnisse thematisiert und bearbeitet wurden. Deswegen gehe ich davon aus, dass auch in dieser Unterrichtsreihe eine sehr konstruktive und fruchtbare soziale Atmosphäre herrschen wird.

Im Bereich der personalen Kompetenz sind die Teilnehmer ebenfalls mehrheitlich recht weit fortgeschritten. Sie sind in der Lage, sich selbst und den eigenen Lernprozess sehr konstruktiv zu reflektieren und zu evaluieren. Bemerkenswert ist zudem die große Hilfsbereitschaft der lernstarken gegenüber den lernschwächeren Teilnehmern. Es kommt zwar wie in den meisten Kursen vor, das vermeintlich weniger durchdachte Unterrichtsbeteiligungen spontan belacht oder kommentiert werden, allerdings hält sich das sehr in Grenzen. Deswegen sind auch nahezu alle Teilnehmer bereit, sich angstfrei und motiviert im Unterricht einzubringen.

1.2 Bedingungen des Lehrenden

Zum Zeitpunkt der Lehrprobe werde ich in diesem Kurs schon über 80 Stunden Unterricht durchgeführt haben. Insgesamt habe ich an diesem Fachseminar allerdings schon etwa 220 Stunden Unterricht abgeleistet. Mir ist der Kurs und somit die Gruppe der Lernenden gut bekannt. Da die Gruppe insgesamt recht unkompliziert ist, erhoffe und erwarte ich mir eine entspannte und fruchtbare Lernatmosphäre. Meine persönliche Zielsetzung für die Lehrprobe ist, den Lernenden die Relevanz des Themas für die Berufspraxis herauszustellen. Zudem möchte ich in meiner Rolle als Lehrender von den Lernenden akzeptiert und respektiert werden. Da dies bisher immer der Fall war, bin ich in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich.

Im Hinblick auf meine persönliche Ausbildung zum Lehrenden verspüre ich in der Tat eine intensive Entwicklung. Ich bin im Unterrichtsgeschehen deutlich sicherer als noch zu Beginn meiner Tätigkeit an diesem Fachseminar. Ich bin in der Lage, auch kurzfristig Unterrichte inhaltlich und didaktisch vorzubereiten und zu gestalten. Dabei kommt mir zu Gute, dass meine Mentorin Frau Thompson mir weitestgehend freie Hand in der didaktischen Ausgestaltung lässt, so dass ich in dieser Hinsicht keinerlei Einschränkungen hatte. Vorgegeben wird mir nur der zu unterrichtende Inhalt, was allerdings auch Auswirkungen auf meine Lehrtätigkeit hatte, da ich oftmals viele Inhalte in relativ kurzer Zeit vermitteln musste. Aus diesem Grund waren meine Möglichkeiten, das gesamte im Studium erworbene Methodenrepertoire auszuprobieren, etwas begrenzt.

Durch die Lernenden fühlte ich mich jederzeit als Lehrender akzeptiert, wobei ich als Student und Praktikant am Fachseminar allerdings eindeutig eine Sonderrolle einnehme. Manchmal erschien es mir, dass die Lernenden mich „einspannen“ wollten, ihre Wünsche oder Kritikpunkte bei der Seminarleitung zu vertreten. Die Gruppe war in meinen Unterrichten oft ruhiger und motivierter als bei anderen Dozenten. Da mir eine kritische Rückmeldung durch die Lernenden sehr wichtig ist, habe ich mehrfach anonyme Evaluationsmethoden eingesetzt. Dabei waren die Rückmeldungen sehr positiv, was mich darin bestärkt hat, meinen bisherigen Weg weiter zu verfolgen.

Bei meinen Kolleginnen im Fachseminar wurde ich von Anfang an vollständig akzeptiert. Zweifel an meiner Kompetenz gab es nie. Die Bereitschaft zur Mitarbeit mit mir war allerdings sehr unterschiedlich. Während manche Honorar-Dozenten bereitwillig mit mir zusammenarbeiten wollten, waren andere eher skeptisch, da sie Mehrarbeit befürchteten. Meine Mentorin Frau Thompson war von Anfang an mit meiner Arbeit zufrieden. Aufgrund ihrer sehr hohen Arbeitsbelastung durch Praxisbegleitung und Prüfungen war sie gerne bereit, mir ihren Unterricht komplett abzutreten. Zudem ergaben die bisherigen Lernstandskontrollen, dass die Lernenden durch meinen Unterricht hinsichtlich ihrer beruflichen Handlungskompetenz in gutem Maße gefördert werden.

1.3 Bedingungen der Organisation

Das Fachseminar ist in der Trägerschaft der Diakonie des Kreises Unna. Der Träger unterhält im Kreis insgesamt drei Fachseminare für Altenpflege. Bisher arbeiten alle drei Einrichtungen unabhängig voneinander. Allerdings laufen zurzeit Planungen, die Kooperation in Zukunft auszuweiten.

Das Fachseminar ist mit einem sehr geringen Personalschlüssel besetzt. Neben der Schulleitung Frau Schneider, die sich ausschließlich um administrative Belange kümmert, ist mit Frau Thompson nur noch eine hauptamtliche Lehrkraft an der Schule, die jedoch keine didaktische Ausbildung hat, sondern sich ihr didaktisches Wissen selbstgesteuert sowie in Fortbildungen angeeignet hat. Diese Kraft übernimmt große Teile des Pflege-Unterrichts sowie die komplette Praxisbegleitung. Sie ist auch meine Mentorin und erste Ansprechpartnerin. Ansonsten wird der Unterricht durch Honorardozenten abgedeckt, wobei sich darunter auch einige nicht didaktisch geschulte Fachdozenten finden.

Die räumliche Ausstattung ist sehr gut. Es gibt insgesamt drei Kursräume, einen Medienraum mit Videogerät und Fernseher, sowie eine recht gute Ausstattung mit Moderationsmaterial (Stellwände, Flip-Chart, Moderationskoffer). Seit neuestem ist die Schule auch mit zwei PCs auf aktuellem technischem Stand ausgerüstet. In jeder Klasse gibt es einen Overhead-Projektor.

1.4 Bedingungen der gesetzlichen und curricularen Vorgaben

Der Kurs, in dem diese Lehrprobe abgehalten wird, wird nach dem Altenpflegegesetz vom 25. August 2003 (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2003, S. 1690 - 1696) und der Ausbildung- und Prüfungsverordnung vom 26. November 2002 (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2002, S. 4418 - 4428) ausgebildet. Dieses Altenpflegegesetz ist das erste bundeseinheitliche Gesetz dieser Art. Als wichtigste Änderung zu allen vorherigen Landesgesetzen zur Regelung der Altenpflegeausbildung ist hier die Umsetzung des Lernfeldkonzeptes zu nennen. Die bisherigen Unterrichtsfächer wurden abgeschafft. Stattdessen werden die Inhalte in handlungsorientierte und fächerintegrativ ausformulierte Lernfelder eingeteilt. Das wichtigste Ziel dieser Änderung ist eine Abkehr von der reinen Fachsystematik der bestehenden Ausbildungsregelungen hin zu einer verstärkten Förderung der beruflichen Handlungskompetenz. Dies erforderte insbesondere von den Lehrenden ein radikales Umdenken, da sie nicht wie bisher rein fachbezogen unterrichten müssen, sondern alle Kompetenzen gleichermaßen fördern und Inhalte anderer Fachgebiete fächerintegrativ in ihren Unterricht einbinden müssen.

Die in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung dargestellten Lernfelder und Teillernfelder werden in dem Entwurf für eine empfehlenden Richtlinie für die Altenpflegeausbildung in Nordrhein-Westfalen (vgl. Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, 2003, S. 30 - 89) inhaltlich konkretisiert. Anhand dieser Richtlinie habe ich die Planung dieser Unterrichtsreihe vorgenommen.

Ein Curriculum wird an diesem Fachseminar für Altenpflege bislang nicht umgesetzt. Die einzelnen Lernfelder wurden zu Beginn des Ausbildungsganges grob auf die einzelnen Theorieblöcke verteilt. Die inhaltliche Ausgestaltung der Lernfelder erfolgt in Arbeitsgruppen kurz vor dem jeweiligen Theorieblock. Hier werden anhand der Richtlinie die Inhalte und eine grobe Verfahrensstruktur festgelegt. Daraufhin planen die einzelnen Dozenten ihre jeweiligen Stunden bzw. Unterrichtsreihen. Aufgrund der hohen Zahl an Honorardozenten konnte das Prinzip der Fächerintegration bislang nicht komplett umgesetzt werden.

Die von mir anlässlich der Lehrprobe geplante Unterrichtsreihe ist in der Ausbildungsplanung mit sechs Stunden veranschlagt. Allerdings hat diese Reihe diverse Berührungspunkte mit Unterrichtsreihen anderer Dozenten, die ebenfalls im nächsten Theorieblock vorgesehen sind. Somit ist meine Lernsituation prinzipiell nur als ein Teil eines größeren Ganzen zu sehen. Auf die von mir thematisierten Inhalte wird von den anderen Dozenten zu gegebener Zeit zurückgegriffen. Aufgrund der schwierigen Planung von Lernsituationen, die von mehreren Dozenten zusammen durchgeführt werden, ist meine anlässlich der Lehrprobe geplante Lernsituation eher kurz gehalten.

2 Entscheidungsebene

2.1 Herleitung der Lernsituation

Die Inhalte der hier beschriebenen Lernsituation sind aus dem Entwurf einer empfehlenden Richtlinie für die Altenpflegeausbildung (vgl. Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, 2003, S. 30 – 89) abgeleitet.

Die Lernsituation behandelt das Verhältnis zwischen Macht und Ohnmacht in der Pflegebeziehung zwischen Pflegeperson und Klient. In erster Linie entstammen die Inhalte dieser Lernsituation aus dem Themenbereich 4: Altenpflege als Beruf. In diesem Themenbereich steht das Lernfeld 4.3: Mit Krisen und schwierigen sozialen Situationen umgehen. Dieses Lernfeld ist in der Richtlinie mit 80 Stunden vorgesehen. Die für das Lernfeld vorgesehenen Inhalte thematisieren diverse berufsspezifische Probleme und Konflikte. Dazu gehören auch die so genannten „Spannungen in der Pflegebeziehung“ (Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, 2003, S. 86). Macht und Ohnmacht sind in der Richtlinie diesen Spannungen zugeordnet. Des Weiteren resultieren aus Konflikten und Spannungen möglicherweise aggressive oder gewalttätige Tendenzen, die ebenfalls in diesem Lernfeld thematisiert werden können.

Ich habe in meine Lernsituation weitere Inhalte aus allen vier Themenbereichen einbezogen. Untenstehend habe ich die Herleitung aller für meine Lernsituation relevanten Inhalte tabellarisch visualisiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 - Herleitung der Lernsituation aus der empfehlenden Richtlinie

2.2 Unterrichtsfach Sozialwissenschaften

2.2.1 Hinführung zum Thema

Während meiner wissenschaftlichen Analyse zum vorliegenden Thema „Das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Ohnmacht in der Pflegebeziehung“ stellte sich bald heraus, dass verhältnismäßig wenig pflegewissenschaftlich fundierte Literatur zum Thema existiert. Dies liegt meiner Ansicht nach darin begründet, dass das Thema noch nicht ausreichend in das Bewusstsein der Pflegenden gerückt wurde. Ich habe einige Pflegende nach ihrem Verständnis von Macht und Ohnmacht befragt. Sie äußerten sich übereinstimmend dahingehend, dass Macht und Ohnmacht relativ fest vorgegebene Gesetzmäßigkeiten sind. Sie sahen sich überwiegend als ohnmächtig gegenüber Vorgesetzten und übergeordneten Organisationen und Strukturen an, ohne Möglichkeiten zur Einflussnahme. Die eigene Macht wurde ausschließlich als Macht über die Patienten oder Bewohner erlebt, weniger jedoch als die Macht, etwas zu tun oder zu erreichen. Dieses Erleben ist in der Gesellschaft scheinbar sehr verbreitet. Macht wird von fast allen Menschen, mit denen ich über dieses Thema sprach, als ‚Macht über etwas oder jemanden’ empfunden. Ich denke, die Mehrheit der Menschen erlebt sich eher als machtlos oder ‚ohnmächtig’.

Angesichts dieser oft aus falschem Verständnis von Macht und Machtstrukturen resultierenden Resignation vieler Menschen ist es nicht verwunderlich, dass auch die Pflege bisher nur wenig unternommen hat, das Gefüge zwischen Macht und Ohnmacht tiefergehend zu erforschen. So wird das starke Machtgefälle zwischen Pflegeperson und Klient zwar von vielen Pflegenden unterschwellig wahrgenommen, aber nicht gezielt reflektiert und hinterfragt.

2.2.2 Definitionen und Begriffsklärung

Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen haben sich bislang daran versucht, den Begriff der Macht zu definieren. Tatsächlich variieren die entstandenen Definitionen sehr stark. Zudem sind die Machtbegriffe oftmals eher diffus und allgemein. Max Weber hat Macht als „jede Chance, in einer sozialen Beziehung den eigenen Willen durchzusetzen“ (Weber, 1972, nach Gukenbiehl & Kopp, 2003, S. 210 – 211) definiert. Hier wird also direkt vorausgesetzt, dass Macht nur dann ausgeübt wird, wenn etwas oder jemand gegen das Ziel der Machtausübung steht. Witte & Ardelt wurden 1989 (S. 478, nach Schöniger, 1998, S. 3) noch konkreter: „Macht kann Menschen dazu veranlassen, sich nach Werten und Normen zu richten, die nicht die ihrigen sind“. Das Ziel beider Definitionen ist also der Zwang. Hradil sprach sogar von „Gewaltpotentialen“ sowie „der Möglichkeit, zu belohnen oder zu bestrafen“ (Hradil, 1980 nach Bock-Rosenthal, 2000, S. 386).

Jedoch tritt Macht nicht erst mit dem Einsatz der Machtmittel in Erscheinung. Vielmehr spricht man bereits bei dem Vorhandensein dieser Mittel von Macht, wenn also verfügbare Ressourcen bestehen, mittels derer Macht eingesetzt werden kann.

Nach der Art dieser Machtmittel kann man eine Kategorisierung der Macht vornehmen. Man kann unterteilen in physische Macht, wobei hier die physische Gewalt das Extrem darstellt, in materielle oder finanzielle Macht sowie in normativ soziale Macht, die sich durch Wissen oder Information charakterisieren lässt. Hier wird bereits deutlich, dass Macht je nach der sie begründenden Ursache sehr unterschiedliche Qualitäten haben kann.

Hondrich wies 1973 darauf hin, dass Macht ebenfalls durch besondere Leistungen begründet werden kann. Hierbei ist der Vergleich der positiven oder negativen Leistungen der einzelnen Einheit in einem sozialen System bedeutsam. Diese Art der legitimierten Macht aufgrund positiver Leistungen bezeichnete Hondrich als Autorität (vgl. Hondrich, 1973 nach Bock-Rosenthal, 2000, S. 386)

Hier ist es ratsam, eine Abgrenzung zum Begriff der Herrschaft vorzunehmen. Bock-Rosenthal bezog sich 2000 auf Max Weber, als sie gesetzlich abgesicherte und legitimierte Autorität als Herrschaft bezeichnete (S. 387). Weber verbindet mit Herrschaft „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhaltes bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ (vgl. Gukenbiehl, 2003, S. 127 – 129). Sicherlich kann Macht auch mit dem Ziel der Herrschaft und Unterwerfung bzw. Überwältigung eingesetzt werden. Allerdings existiert auch eine funktionale Autorität, die auf exklusivem Expertenwissen bzw. auf geachtetem Sachverstand basieren kann.

Die oben genannten Definitionen vernachlässigen jedoch eine weitere wichtige Zielrichtung von Macht: die Macht zu helfen, zur Förderung und Unterstützung (vgl. Schöniger, 1998, S. 3). Bei dieser Zielrichtung von Macht erkennt man unschwer den positiven Charakter des Machtbegriffs. Hier kann man den Begriff des Einflusses einbringen. Im Gegensatz zur Macht im Sinne Webers, die sich gegen Widerstände durchsetzen muss, kann Einfluss im Einklang mit den Interessen des Interaktionspartners stattfinden und engt diese keinesfalls ein (vgl. Schöniger, 1998, S. 3).

Insgesamt wird anhand dieser Vielzahl verschiedener Aspekte des Machtbegriffes deutlich, dass diesem Begriff eine durchaus große Ambivalenz innewohnt. Macht ist nur die Möglichkeit, etwas zu tun. Erst der Gebrauch der Macht verwandelt sie in etwas „Förderliches oder Schädigendes“ (Schöniger, 1998, S. 3).

Im Thema dieser Lernsituation wird dem Begriff der Macht die Ohnmacht als Gegenteil gegenübergestellt. Hier empfiehlt sich ebenfalls eine kurze Begriffsklärung. Ohnmacht kann meiner Ansicht nach mitnichten vereinfacht als das Fehlen von Macht definiert werden. Zudem würde sich hier die Frage aufdrängen, ob eine vollständige Machtlosigkeit überhaupt existieren kann. Schöniger bezog sich 1998 (S. 2) auf Rabe-Kleeberg, als sie feststellte, dass ein machtfreier Raum zwischen interagierenden Menschen nicht existieren könne. Aus diesem Grund ist der Begriff der Ohnmacht besser gewählt, da Ohnmacht eher ein diffuses Gefühl der Machtlosigkeit meint als einen reellen Zustand. Viele Pflegenden beschreiben Ohnmacht als ein Gefühl oder einen emotionalen Zustand, der sich rationalen Überlegungen nicht immer voll erschließt. Hier sei auch verwiesen auf die von Pflegenden oftmals beschriebene Ohnmacht gegenüber Tod und Verfall. Diese natürlichen biologischen Prozesse, die auch die beste und professionellste Pflege nicht besiegen kann und niemals besiegen können wird lösen Ohnmachtsgefühle bei Pflegenden aus. Diese Gefühle teilen Pflegende mit anderen Professionen im gesundheits- und sozialpflegerischen, aber auch im medizinischen Arbeitsbereich. Aus diesem Grund ist es meiner Einschätzung zufolge unverzichtbar, dass die Pflegenden das von ihnen empfundene Ohnmachtsgefühl hinterfragen und die wirklichen Machtstrukturen erkennen.

[...]

Details

Seiten
69
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638422451
ISBN (Buch)
9783638724371
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44697
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Fachbereich Pflege
Note
1,0
Schlagworte
Spannungsverhältnis Macht Ohnmacht Pflegebeziehung Lehrprobe Unterrichtsfach Sozialwissenschaften Soziologie

Autor

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Titel: Das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Ohnmacht in der Pflegebeziehung