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Kula als Geschäft. Steckt im Kula-Tausch kapitalistisches Potential?

Essay 2017 5 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Kula als Geschäft- steckt im Kula-Tausch kapitalistisches Potential?

Laut Duden ist Wirtschaft die Gesamtheit „[aller] Einrichtungen, Maßnahmen und Vorgänge, die mit der Produktion, dem Handel und dem Konsum von Waren, Gütern in Zusammenhang stehen“ (Drosdowski et al. 1970, 776). Nach dieser Definition ist auch der Kula-Tausch, auch durch den mit ihm in Verbindung stehenden Nebenhandel, Wirtschaft. Dieser Tausch, beschrieben 1922 in Branislaw Malinowskis „Argonauten des westlichen Pazifik“, der um des Tausches Willen stattfindet (119) und dessen Motivation darin besteht, selbst ein großzügiger Kula-Partner zu sein (130), scheint auf den ersten Blick nichts mit den westlichen kapitalistisch geprägten Vorstellungen von Wirtschaft und Handel zu tun zu haben. Sieht man sich den Kula-Tausch jedoch aus der Perspektive eines Formalisten an, so scheint es doch einiges an Potential zu geben, den Kula-Tausch auch für wirtschaftliche Zwecke zu nutzen, die dem westlichen Verständnis bedeutend näher sind, als es auf den ersten Blick scheint. Als, wenn auch indirekter Teil eines monetären Handels gilt es sich damit zu beschäftigen, wie der Kula-Tausch zu profitorientiertem Handel eingesetzt werden kann und welche Kraft von dieser Profitorientierung auf den Tausch ausgehen könnte. Hierzu beziehe ich mich auch auf Überlegungen von Georg Klute, der fragte „Lässt sich Geld zähmen?“ (2003).

Zunächst folgen eine Beschreibung des Kula-Tauschs und der zentralen und für dieses Essay relevanten Gedanken Klutes.

Beim Kula-Tausch tauschen die Trobriander Wertgegenstände (vaygu´a) miteinander (Malinowski 1979,115). Es handelt sich einerseits um soulava, eine Halskette und mwali einen Armreif (115). Diese Gegenstände werden jeweils nur in eine Richtung getauscht, die soulava mit und die mwali gegen den Uhrzeigersinn (115). Die Tauschrituale sind streng reglementiert (115). Der ideelle Wert besteht darin, die Gegenstände zu besitzen und sich bei geeigneten Anlässen mit ihnen zu schmücken (120). Den Wert der jeweiligen Kette oder des jeweiligen Armreifes bestimmt hierbei beispielsweise, wer vorher schon in Besitz des vaygu´a war (122). Feste Kriterien anhand derer ein exakter Wert bestimmt werden kann, gibt es jedoch nicht (121). Es gibt keine Möglichkeit, eine adäquate Gegengabe für seine vaygu´a zu fordern, jedoch hängt der eigene Ruf von dieser ab (128-129). Wer großzügig ist und stets den Tauschwert des ihm gegebenen Wertgegenstandes erwidert, dessen Status steigt, da ein guter Ruf von Großzügigkeit abhängt (130). Je mehr Tauschpartner ein Trobriander hat, als desto einflussreicher und mächtiger gilt er (124).

Der rituelle Tausch findet nach den drei sozialen Pflichten des Gabentauschs 1. Geben 2. Nehmen und 3. Erwidern statt, die Marcel Mauss in seinem „Essai sur le don“ (1923/24) beschreibt. Durch den non-profitablen Charakter des Tauschs scheint der Bedeutung des Kula-Tauschs eher im sozialen Bereich zu liegen (Malinowski 1979, 119).

Parallel zum Kula-Tausch findet noch gewöhnlicher Handel statt. Die Handelswaren werden auf die teils weiten Reisen mitgenommen und bei den Kula-Partnern veräußert (116).

In „Lässt sich Geld zähmen? Ethnologische Perspektiven auf die Monetarisierung“ (2003) untersucht Georg Klute, wie die Einführung von modernem Geld sich auf nicht-monetäre Gesellschaften auswirkt. Hierbei stellt er fest, dass die Vorstellung vorherrscht, „dass dem Geld […] eine ungeheuer große Kraft zu tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen innewohne“ (99). Den besonderen Wert des Geldes sieht er darin, dass es ein universeller Tauschwert ist (102). Er verdeutlicht dies am Beispiel der nigerianischen Tiv, deren Konzept der Tauschsphären nach der Einführung des kolonialen, „modernen“ Geldes sich verändert und Geld über die Tauschsphären hinweg ein Faktor wird (108). Ähnliches ist auch beim Stamm der Nuer festzustellen (109).

Die Frage, die ich mir stelle, ist, inwieweit der Kula-Tausch auch für eigene Profite genutzt werden kann und vielleicht schon zu Malinowskis Zeiten genutzt wurde. Ich versuche den Kula-Tausch als Teil kapitalistischen Wirtschaftens zu sehen, beziehungsweise ihn mit solchen Handlungen in Verbindung zu bringen und damit weiter zu gehen, als nur soziale Beziehungen unter dem Maximierungsprinzip zu beleuchten.

Malinowski betont, dass der Nebenhandel weit weniger bedeutsam ist als der rituelle Tausch, der den Hauptzweck jeder Kula Aktion darstellt (1979, 118-119, 138, 139) oder, wie beispielsweise der Kanubau nur der Vorbereitung dient (116, 139). Es wird auch mit Stämmen Handel getrieben, die nicht am Kula partizipieren. Wird jedoch mit Stämmen Handel getrieben, die auch im Kula aktiv sind, so hat dieser stets oberste Priorität, während der gewöhnliche Handel sekundär wird (138). Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass den ein oder anderen kulatauschenden Trobriander nicht auch ein profitorientiertes Denken bei der Gewinnung neuer Kula-Partner treibt. Zwar stehen, wie bereits beschrieben, die Ziele des Kula konträr zu kapitalistischem Streben, dennoch wäre die Instrumentalisierung des Kula-Handels zur Erschließung neuer Märkte aus meiner westlich geprägten Perspektive nicht ganz abwegig.

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Details

Seiten
5
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668829268
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v447060
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
kula geschäft steckt kula-tausch potential

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Titel: Kula als Geschäft. Steckt im Kula-Tausch kapitalistisches Potential?