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Eduard Mörikes Gedichte "Er ist's" und "Um Mitternacht". Interpretation, Vergleich und Exkurs zur Vertonung durch Hugo Wolf

Seminararbeit 2018 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse der Gedichte
2.1 ,Um Mittemachť (1828)
2.2 ,Er istv (1832)

3. Interpretation
3.1 ,Um Mitternacht‘
3.2 ,Er istY

4. Vergleich im Hinblick auf musikalische Motive

5. Zur musikalischen Vertonung durch Hugo Wolf
5.1 ,Um Mitternacht‘
5.2 ,Er istY

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eduard Mörike zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 19. Jahrhunderts, dessen produktivste Zeit in die Epoche des Biedermeier fällt. Der Dichter, welcher auch als evangelischer Pfarrer arbeitete, wurde 1804 in Ludwigsburg geboren und starb 1875 in Stuttgart.

Das lyrische Werk von Eduard Mörike lässt sich in drei Phasen unterteilen: Die erste, frühe Phase dauert bis etwa 1830. Kennzeichnend für diese sind die beiden Leitthemen Liebe und Natur. Die zweite Phase bis 1840 und die dritte, späte Phase umfasst den Zeitraum nach 1840. Bis zum Jahre 1863 schrieb Mörike Gedichte.1 Bei ihm bekommen nebensächliche Dinge eine besondere Bedeutung,2 was sich auch vor allem in seiner frühen Lyrik zeigt. Diese ist eine am Detail interessierte Kunst, in der Mörike die Außenwelt kritisch aus der Sicht der Innenwelt betrachtet.3

Die vorliegende Seminararbeit möchte eine Analyse und Interpretation der beiden Gedichte ,Um Mitternacht' und ,Er ist’s‘ bereitstellen. Dabei ist der Hauptgegenstand der Arbeit die immanente Textanalyse der beiden Gedichte. Im Anschluss daran folgt ein Vergleich hinsichtlich musikalischer Motive, die in beiden Gedichten vorhanden sind. Abschließend soll untersucht werden, inwiefern durch Hugo Wolfs musikalische Vertonung weitere interpretatori sehe Aspekte hinzukommen.. Es sei schon hier am Rande erwähnt, dass sich Hugo Wolf bei seinen Textvertonungen deutlich von anderen Komponisten unterscheidet. Gibt es mit dessen Vertonungen möglicherweise eine entscheidende interpretatori sehe Deutung?

Abschließend wird im Schlusswort ein Fazit über das Verhältnis von Text und Ton, beziehungsweise von Literatur und Musik getroffen. Der eben gestellten Frage und einer zusammenfassenden Stellungnahme zu der vorliegenden Arbeit soll ebenfalls Raum gegeben werden.

2. Textanalyse der Gedichte

2.1. Um Mitternacht ‘ ( 1828)

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtets nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das am 23. Mai 1828 veröffentlichte Gedicht ,Um Mitternacht‘ gehört zu Mörikes bekanntester Lyrik.4 Zusammen mit einem weiteren Gedicht ,An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang ‘ lässt sich das abgedruckte Gedicht als eine Art Rahmung eines Tagesablaufs in Mörikes lyrischem Schaffen wiederfinden.

Das Gedicht ist formal streng aufgebaut und lässt sich in zwei Strophen gliedern, die jeweils aus acht Versen bestehen. Deutlich zu erkennen ist die formale Symmetrie im Text, die sich auch auf der Ebene des Inhalts widerspiegelt.5 Diese parallele Struktur der beiden Strophen ist bei der Analyse der äußeren Form bereits durch das Druckbild auffallend und prägt die Zweiteiligkeit des Gedichts.

Metrisch lässt sich feststellen, dass die ersten vier Zeilen einen Block bilden. Die in jambischen Hebungen verfassten Zeilen - zunächst vierhebig (Zeile 1-2), dann fünfhebig (Zeile 3-4) - welche mit Paarreimen verbunden sind, stellen einen gleichmäßigen und ruhigen Rhythmus dar. Die Zeilen beginnen jeweils mit einem Auftakt und enden in einer männlichen Kadenz.

In den Zeilen 5-8 findet ein Wechsel in ein anderes Versmaß statt. Die folgenden Verse sind jeweils daktylisch. Wieder wird ein Paarreim mit männlicher Endung gebildet - jetzt in den Zeilen 5 und 6 - und durch die regelmäßige Verwendung der männlichen Kadenz, wird die folgende weibliche Kadenz in den Zeilen 7 und 8 metrisch klar herausgestellt. Dies verstärkt der Binnenreim ,vom Tage‘, der eine eigene Zeile erhält.

Beim Betrachten der zweiten Strophe, wird deutlich, dass auch metrisch eine Symmetrie in Mörikes Gedicht ,Um Mitternacht ‘ vorherrscht. Zwar besteht diese nicht bis in das kleinste Detail - in den Zeilen 5 bis 6 wechseln ein- und zweisilbiger Takt, während in den Versen 13 und 14 durchgehend ein zweisilbiger Takt aufzufinden ist -, jedoch sind die beschriebenen regelmäßig auftretenden Paarreime in den Versen 1 bis 6 und 9 bis 14, alle mit männlicher Kadenz, und der Binnenreim am Ende einer jeden Strophe des Gedichtes als Indiz der Symmetrie beider Strophen vorzuweisen. Des Weiteren schließt jede der beiden Strophen dann mit einer dreihebigen Zeile mit identischem Reim, welchen Renate von Heydebrand als „weiblichen Echoreim“6 bezeichnet.

Eine auffallende Besonderheit ist in diesem Gedicht das Fehlen eines lyrischen Ichs, da dieses an keiner Stelle explizit auftritt. Vielmehr ist es die Nacht, die durch das Stilmittel der Personifikation vermenschlicht wird und zu Beginn der ersten Strophe als handelndes Subjekt fungiert. Im weiteren Gedicht wird die Nacht als Mutter bezeichnet, womit Mörike mit dem bekannten Topos der Mutter Natur bricht, da er an die Stelle der Natur die Mutter einsetzt. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich der genaue Inhalt des Gedichts nicht eindeutig festlegen lässt. So schreibt Heydebrand über das Gedicht: „Aber das vielleicht wichtigste scheint mir das Fehlen eines reflektierenden Ichs: Alles bleibt im Bild, das seine rätselhafte Verschlossenheit gegen jeden Deutungsversuch bewahrt und doch ein Verstehen ohne Verstehen erlaubt.“7 Allerdings lässt sich eine Polarität von Nacht und Quellen feststellen, die das Gedicht inhaltlich strukturiert. Während die erste Hälfte jeder Strophe von der Figur der Nacht handelt, beschreibt die zweite Hälfte die rauschenden und singenden Quellen.

2.2 ,Er ist’s‘ (1832)

Er isťs

Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bisťs!
Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörikes ,Er ist’s‘, ebenfalls eines seiner bekanntesten Gedichte, entstand am 9. März 1829.8 Über sein Bekanntheitsgrad hinaus ist das Gedicht des Künstlers weiterhin eines der beliebtesten deutschsprachigen Frühlingsgedichte und lässt sich in vielen Gedichtsammlungen wiederfinden. Heydebrand bezeichnet das Gedicht als eines der „überzeugendsten

Frühlingsgedichte“9, was insbesondere an der Qualität der sinnlichen Bilder liegt, die dem Leser einen unmittelbaren Nachvollzug der Frühlingsstimmung erlauben.10 Beim ersten Lesen fällt eine kunstvolle Schlichtheit auf, da das Gedicht aus nur einer einzigen Strophe besteht und einen abgerundeten und geschlossenen formalen Aufbau besitzt.

Das neunzeilige Gedicht ist durchgehend in regelmäßigen Trochäen verfasst, wobei die ersten vier Verse vierhebig gestaltet sind. Die restlichen Zeilen sind mit Ausnahme des siebten Verses dreihebig. Dieser siebte Vers ist als einziger fünfhebig und ragt aufgrund seiner Länge und orthographischen Besonderheit des einleitenden Gedankenstrichs deutlich hervor. Die ersten vier Zeilen des Gedichts sind in einem umarmendem Reim gestaltet. Im Gegensatz dazu sind die letzten fünf Zeilen durch einen Kreuzreim verschränkt. Allerdings lässt sich hier eine Besonderheit vorfinden, denn die achte Zeile reimt sich mit keiner der Verse in der Strophe und ist somit eine Waise. Auffallend ist jedoch, dass sich der achte Vers mit der Überschrift des Gedichts reimt. Aufgrund der Tatsache, dass bei diesem Gedicht eine Strophe vorliegt, die aber mehrere Verse beinhaltet und zudem eine Waise, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei der Strophenform um ein Madrigal handelt. In den Kadenzen wechseln sich männliche und weibliche Endungen ab und insgesamt überwiegen in diesem Gedicht klanglich die hellen Laute. Auch lautmalerische Elemente lassen sich hier finden. So ist bei dem Wort flattern das doppelte ,f lautmalerisch für die Geräusche im Frühling, wie etwa der Wind, der durch das erste grüne Laub weht. Bis auf kleine lautmalerische Elemente, die Personifikation des Frühlings und die Metapher des blauen Bandes, ist die Sprache des Gedichts einfach und schlicht, fast volkstümlich gehalten. Gewagte Satzstellungen oder Neologismen sind im Gedicht nicht vorzufinden und alle Sätze sind Hauptsätze.

Das lyrische Ich tritt in diesem Gedicht explizit erst in der letzten Zeile auf, indem es das Fazit zieht, dass es der Frühling war, den es wahrgenommen hat. Diese Tatsache lässt auf die Überschrift blicken, denn diese steht in Verbindung mit der vorletzten Zeile und bestätigt die Vorahnung des lyrischen Ichs. Die Überschrift gibt also an, was die Kernaussage des Gedichts ist, nämlich die Erkenntnis über den Beginn des Frühlings.

3. Interpretation

Im Anschluss an die textimmanente Analyse wird nun ein eigener Versuch einer Interpretation der beiden Gedichte vorgestellt. Das Kapitel bezieht sich auf die bereits vorgestellten Ergebnisse, welche im folgenden weiter ausgedeutet werden.

3.1 ,Um Mitternacht'

Auf den ersten Blick vermutet man als Leser ein mitternächtliches Stimmungsbild, das durch Naturbeschreibungen angereichert ist. Schaut man jedoch genauer hin, zeigen sich viele verschiedene Aspekte, was dazu führt, dass das genaue Thema des Gedichts nicht eindeutig festlegbar ist.

Die Grundstruktur des Gedichts ist durch den Gegensatz von Nacht und Quellen geprägt, der der sich durch die beiden Strophen zieht. Der Nacht gehört jeweils die erste, den Quellen jeweils die zweite Hälfte jeder Strophe. Damit ist diese Polarität nicht nur inhaltlich, sondern auch formal charakterisiert.11 Auch in den von Mörike entworfenen Bildern ist dieser Gegensatz dominierend. Während die Nacht nach Ruhe und Beständigkeit sucht, erinnern die Quellen an die Rastlosigkeit des täglichen Treibens. Durch ihr unablässiges Singen verhindern sie die angestrebte Stille. Auch die Tatsache, dass die personifizierte Nacht dem Lande zugehörig erscheint, verstärkt den Gegensatz zu den Quellen, welche zum semantischen Feld des Wassers gehören. Die Quellen symbolisieren das strömende Wasser und Stehen somit für Bewegung und Lebendigkeit. Durch ihr Rauschen und Singen sprechen sie den akustischen Sinn an und richten sich somit an das Ohr. Trotz der beschriebenen deutlichen Polarität lässt sich das Thema des Gedichts nicht eindeutig festlegen.

Bei der Betrachtung des Titels , Um Mitternacht ‘ fällt besonders der zeitliche Aspekt auf, der im Gedicht noch weiter entwickelt wird, es ist nämlich genau ,in der Mitte der Nachť und so wird der zeitliche Rahmen durch den Titel von dem Dichter klar vorgegeben. Diese Situation der Nacht wird durch den Vergleich des Zustands der ,goldenen Waage‘ beschrieben. Die

[...]


1 Vgl. Mattilias Luserke-Jaqui: Eduard Mörike. Ein Kommentar, S. 5 lf.

2 Vgl. Wolfgang Braungart; Ralf Simon (Hrsg.): Eduard Mörike. Ästhetik und Geselligkeit, S. 2.

3 Vgl. Mattilias Luserke-Jaqui: Eduard Mörike. Ein Kommentar, S. 3.

4 Vgl. Inge und Reiner Wild (Hrsg.): Mörike-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, S. 111.

5 Vgl. Mattilias Luserke-Jaqui: Eduard Mörike. Ein Kommentar, S. 56.

6 Renate von Heydebrand: Um Mitternacht. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike. Hrsg, von Mathias Mayer, S. 46.

7 Renate von Heydebrand: Um Mitternacht. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike, S. 55.

8 Vgl. Inge und Reiner Wild (Hrsg.): Mörike-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, S. 120.

9 Renate von Heydebrand: Eduard Mörikes Gedichtwerk. Beschreibung und Deutung der Formenvielfalt und ihrer Entwicklung, S. 251.

10 Vgl. Ebenda, S. 251.

11 Vgl. Renate von Heydebrand: Um Mitternacht. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike, S. 46.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668831698
ISBN (Buch)
9783668831704
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v448704
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Germanistik: Literatur, Sprache, Medien
Note
1,0
Schlagworte
Eduard Mörike Lyrik Interpretation Hugo Wolf Er ist's Um Mitternacht Gedichtsinterpretation Analyse

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Titel: Eduard Mörikes Gedichte "Er ist's" und "Um Mitternacht". Interpretation, Vergleich und Exkurs zur Vertonung durch Hugo Wolf