Lade Inhalt...

Die Figuren in Franz Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung' und ihre Beziehungen untereinander als Spiegelbild der kleinbürgerlichen Gesellschaft

Examensarbeit 2005 60 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Teil I
1. Allgemeine Daten zur Entstehung
2. Zur Publikation
3. Zur Form und zur Tradition des Verwandlungsmotivs

Teil II
Charakterisierung und Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren
1. Gregor
1.1. Gregors Beziehung zu sich selbst: Der Fremde im eigenen Körper als passiver Beobachter
1.2. Gregors Beziehung zu seinem Beruf
1.3. Die Flucht vor der Realität ins Sprachliche
1.4. Gregors Verhältnis zu seiner Familie
1.5. Gregors Kleinbürgertum
1.6. Gregors Kontaktscheue und Sexualität
1.7. Individualität
1.8. Der Tod Gregors
2. Der Vater
3. Die Mutter
4. Beide Eltern
5. Grete
6. Der Prokurist
7. Die drei Zimmerherren
8. Die knochige Bedienerin
9. Die Rolle der Sprache und die Rolle der Musik
9.1. Exkurs: Ein Vergleich mit Grillparzers Erzählung Der arme Spielmann

Schlusswort

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Kafka

Andere Autoren

Sekundärliteratur

Einleitung

Die Verwandlung schrieb Franz Kafka im Herbst 1912 nieder; ihre Entstehung ist gut dokumentiert in seinen Briefen an Felice Bauer, seiner damaligen Verlobten. Veröffentlicht wurde sie erstmalig im Herbst 1915 und gehört somit zu jenem geringen Teil von Kafkas Werk, der bereits zu seinen Lebzeiten publiziert wurde.

Schon in der zeitgenössischen Kritik wurde die Erzählung unterschiedlich aufgenommen. Ein zentrales Merkmal, auf das sowohl die negativen als auch die positiven Rezensionen eingingen und das auch später in der Forschung immer wieder diskutiert wurde, war dabei die Tatsache, dass zwar ein übernatürliches Ereignis – die Verwandlung des Handelsreisenden Gregor Samsa in ein Ungeziefer – der Geschichte den Anstoß gibt, der Rest der Erzählung aber „fast krampfhaft auf alles Magische und Phantastische verzichtet“ [1], wie es schon bei Kasimir Edschmid heißt, in der ältesten Rezension zur Verwandlung. Ganz offensichtlich spielt dabei, zumindest bei den ablehnenden Kritiken, eine traditionelle Literaturauffassung eine Rolle, die noch dem aristotelischen Mimesis-Gebot [2] verpflichtet ist, denn hier wird eine realistische Erzählweise als Wirklichkeitsnachahmung missverstanden und deshalb ein darin eingebettetes surreales Ereignis, weil es „alle biomechanische Wahrscheinlichkeit aufhebt“ [3], als unpassend abgelehnt.

Aber auch da, wo dies nicht der Fall war und die Erzählung in ihrem Kunstcharakter akzeptiert wurde, häuften sich, nicht nur in der Anfangsphase der Kafka-Rezeption, die psychologischen, theologischen, marxistischen und autobiographischen Missdeutungen. Diese gehen weit zurück bis auf Max Brod und sogar auf Kafka selbst. Somit ist die Geschichte der Rezeption der Verwandlung nicht von der Entstehungs- und Publikationsgeschichte zu trennen, von der ich im ersten Kapitel einen Abriss geben und auf ihre Folgen für die Forschung eingehen werde, bevor ich mich dem zweiten, zentralen Kapitel zuwende.

Im zweiten Kapitel dagegen wird die Erzählung bewusst von der Biographie des Autors getrennt. Stattdessen sollen ihr Kunstcharakter sowie die historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge untersucht werden. Schon der Titel der Geschichte lässt sich nicht nur auf die Verwandlung Gregors beziehen, sondern auch – dies ist bereits früh bemerkt worden [4] – auf die der Familienmitglieder, was ihre Haltung ihm gegenüber angeht. Hinzu kommt, dass sich die Verwandlung Gregors zum Ungeziefer, wie Heinz Politzer richtig bemerkt, bereits vor dem Beginn der Handlung ereignet [5] ; in der Erzählung selbst passiert nichts Unnatürliches, nur ihr Ausgangspunkt ist es. Ihr vordergründiger Inhalt sind somit lediglich die Folgen, die sich ergeben, wenn ein Ereignis aus dem Bereich des Phantastischen in einem Gedankenspiel ins gewohnte Umfeld einer kleinbürgerlichen Familie eingebettet wird. Versteht man das Käferdasein des Protagonisten als Symbol für Andersartigkeit, so ergibt sich hier im Rahmen der Erzählung, dass diese in der kleinbürgerlichen Familie nicht geduldet werden kann. Die Vereinbarkeit beider Welten wird im Laufe der Geschichte ad absurdum geführt.[6] Zwischenmenschliche Hilfe, Unterstützung und Zuneigung sind hier von bestimmten Voraussetzungen abhängig, wie ein vertretbares Bild in der Öffentlichkeit, finanzielle Sicherheit, usw. – selbst innerhalb einer Familie, der kleinsten sozialen Gemeinschaft.

Meiner Arbeit lege ich aus diesen Gründen als Schwerpunkt die Untersuchung der Verwandlung von Gregors Umfeld, seiner Familienmitglieder und deren Beziehung zum Protagonisten und untereinander zugrunde. Dazu gehören bestimmte typische Verhaltensmuster, die sich an jeder der Figuren in der Familie beobachten lassen und die zur Ausgrenzung des zum Außenseiter gewordenen Gregors, sowie zum Erhalt der kleinbürgerlichen Ordnung führen. Damit eng verbunden ist der Umgang mit Sprache der einzelnen Figuren, da dieser auch Aufschluss zu geben vermag über ihre Rezeption und ihren Umgang mit der Wirklichkeit.

Der Vater repräsentiert hier die konservative Kraft des Patriarchen, dessen Macht, die er in der eigenen Familie ausübt, die Grundlage, auf der sie einst aufgebaut wurde, schon verloren hat und die nur noch dadurch erhalten wird, dass sie inzwischen zum allgemeingültigen, nicht zu hinterfragenden Gesetz geworden ist. Diese Macht, die er innerhalb der Familie ausübt, ist naturgemäß konterkariert durch eine Unterwürfigkeit gegenüber der Welt außerhalb der Familie. Diese Unterwürfigkeit entwächst seiner tatsächlichen Schwäche, die er in einem Umfeld, in dem er seine Autorität erst noch behaupten muss, nicht mehr zu verbergen imstande ist.

Die Mutter dagegen ist diejenige, die sich fügt. Ihrer Schwäche entspricht eine zwischenmenschliche Sensibilität, die sie aber nicht durchzusetzen vermag. Probleme, die sie nicht bewältigen kann, verdrängt sie deshalb. Dies führt bei ihr aber zu einem Mangel an Einsicht in die soziale Realität, weshalb sie letztendlich auch keine Eigeninitiative entwickeln kann, um sich mit ihrem humaneren Willen zu behaupten. Ihre Mittel sind die Mittel der Schwächeren: Sie fügt sich sexuell ihrem Mann und versucht auch auf andere Art, sich dessen Gunst zu erwerben.

In Grete sehen wir eine sich heranbildende Macht. Einer ihrer Hauptwesenszüge ist, dass sie stets die Handelnde ist. Ausgehend von ihrer ehemaligen Außenseiterposition erarbeitet sie sich ihre Autorität, verlässt dabei aber nicht die kleinbürgerliche Ordnung, in deren Schutz sie gedeiht. Sie versteht es bestens, die gesellschaftlichen Konstellationen, die sie vorfindet, zu ihrem Vorteil auszunutzen und lenkt das Geschehen. Die Ausgrenzung ihres Bruders inszeniert sie aktiv mit und nutzt sie für den eigenen Aufstieg.

Gregor ist das Gegenbild dazu und zeichnet sich in erster Linie durch seine Passivität aus, verlässt sich auf andere. Sein Hauptfehler ist es, daran zu glauben, dass sich die Welt nach moralischen Grundsätzen richtet. Dementsprechend glaubt er auch, durch das Zurechtdefinieren dessen, was sein sollte, auf die Realität Einfluss üben zu können. Er glaubt an einen direkten Einfluss der Sprache auf die Realität. Dieser Trugschluss zeigt sich aber gerade in seinem Falle so deutlich, weil Sprache bei ihm nur im inneren Monolog vorkommt, also nicht intersubjektiv und deshalb für seinen Zweck unwirksam ist. Seine Ausgrenzung erfolgt durch Verdrängung: Er verdrängt zunächst sein Käferdasein, und die Familie verdrängt, dass er früher ein Mensch gewesen ist. Er wird wie ein Tier gehalten und gegen Ende auch nicht mehr als Familienmitglied betrachtet. Die Schwester spricht es in ihrem Urteil am Ende noch einmal explizit aus: „Du mußt bloß den Gedanken loszuwerden suchen, daß es Gregor ist“ (191).[7] Damit wird die passive Tötung für das eigene Gewissen leichter gemacht. Die Individualität, auf die Gregor bis zum Schluss beharrt, ist wertlos, sobald sie von seinen Mitmenschen für nichtig befunden wird.

Zu den Familienmitgliedern kommen noch Nebenfiguren, die bestimmte Eigenschaften der Samsas zutage bringen oder diese karikieren. So können die drei Zimmerherren als Gegenbild zu Gregor verstanden werden und gleichzeitig die Welt zeigen, aus der er kommt. Zudem zeigt sich die unterwürfige Seite der Familie, vor allem des Vaters, im Verhalten ihnen gegenüber. Ähnlich fördert der Prokurist das nach außen hin um Maskierung bemühte Auftreten des Vaters sowie Gregors bisherige Abhängigkeit vom Beruf zutage. Gregors Unfähigkeit zur Veränderung offenbart sich in seinem Verhalten dem Prokuristen gegenüber und widerlegt somit alle zuvor formulierten pseudo-rebellischen Gedanken. Zu guter Letzt ist die Bedienerin, welche die Realität unverblümt darstellt, und deshalb bei den scheinheiligen Samsas auf Entrüstung stößt, ein Spiegel, welcher der Familie vorgehalten wird.

Teil I

1. Allgemeine Daten zur Entstehung

Seine Erzählung kündigt Kafka erstmalig am 17.11.1912 in einem Brief an Felice Bauer an. Er teilt ihr mit, dass er „eine kleine Geschichte niederschreiben werde, die [ihm] in dem Jammer im Bett eingefallen“ sei und ihn „innerlichst“ bedränge.[8] Sehr bald stellt sich jedoch heraus, dass sich diese „zu einer größeren Geschichte auszuwachsen beginnt“ [9], deren Titel jetzt auch erstmalig genannt wird.[10] Er bezeichnet sie zunächst als „ein wenig fürchterlich“ [11] und nur einen Tag später schon als „ausnehmend ekelhafte Geschichte“, mit der er aber „im allgemeinen […] nicht unzufrieden“ [12] sei. Am Vormittag darauf liest er den ersten Teil bei Oskar Baum und Max Brod.[13] Den dritten Teil beginnt er am 01. Dezember [14] und in der Nacht vom 06. auf den 07. schreibt er den Schluss (den Teil nach Gregors Tod) und beendet die Geschichte.[15]

Während dieser Zeit beklagt sich Kafka mehrmals, sein Beruf, in erster Linie eine Geschäftsreise [16], die er in Angriff zu nehmen hatte, habe ihn am Schreiben gehindert. Er meint,

Eine solche Geschichte müßte man höchstens mit einer Unterbrechung in zweimal 10 Stunden niederschreiben, dann hätte sie den natürlichen Zug und Sturm, den sie vorigen Sonntag in meinem Kopf hatte.[17]

Auf ähnliche Weise hatte er auch Das Urteil „in der Nacht vom 22. bis 23. von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh in einem Zug geschrieben.“ [18]

Seine Beziehung zur Verwandlung ist, wie so oft, zwiespältig: Einerseits schreibt er am 01.03.1913 „Ein schöner Abend bei Max. Ich las mich an meiner Geschichte in Raserei“ [19], andererseits findet er den Schluss der Erzählung von Anfang an schlecht.[20] Schlecht findet er Die Verwandlung auch später noch, am 20. Oktober, bei erneutem Wiederlesen [21], und auch am 19.01.1914 notiert er:

Großer Widerwillen vor „Verwandlung“. Unlesbares Ende. Es wäre viel besser geworden, wenn ich damals nicht durch die Geschäftsreise gestört worden wäre.[22]

Andererseits ist er auch um die Veröffentlichung bemüht, und in einem Testamentschreiben an Brod heißt es:

Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählungen: Hungerkünstler.[23]

Diese eigenen Einschätzungen Kafkas halte ich jedoch für wenig ergiebig und z.T. sogar für irreführend. Das hängt natürlich einerseits mit der Widersprüchlichkeit der einzelnen Aussagen zusammen, vor allem aber mit ihrem privaten, unwissenschaftlichen Charakter, der sich vor allem in seiner starken Identifikation mit den eigenen Figuren äußert. Bei manchen seiner Aussagen meint man zuweilen, es handle sich um wirkliche Menschen; so z.B.:

Ich bin zu trübe jetzt […]. Dem Helden meiner kleinen Geschichte ist es aber auch heute gar zu schlecht gegangen und dabei ist es nur die letzte Staffel seines jetzt dauernd werdenden Unglücks. Wie soll ich da besonders lustig sein![24]

Oder:

Weine Liebste, weine, jetzt ist die Zeit des Weinens da! Der Held meiner kleinen Geschichte ist vor einer Weile gestorben. Wenn es Dich tröstet, so erfahre, daß er genug friedlich und mit allen ausgesöhnt gestorben ist.[25]

Auch das von Politzer benannte, auf Brod zurückgeführte

Ur-Übel aller Kafka-Interpretation […], nämlich die unmittelbare Übersetzung der dichterischen Bilder in die Sprache der Theologie, der Philosophie oder der Psychologie und die damit zwangsläufig verbundene Verflachung ihres dichterischen Werts[26]

geht z.T. auf Kafka selbst zurück: Die Verwandlung hat er zwar nie ausführlich interpretiert, dafür ist aber eine Interpretation der Erzählung Das Urteil überliefert, in der er die Namen der Figuren mit seinem und Felices Namen gleichsetzt und somit auch teilweise sein Werk auf ein bloßes Sprachspiel reduziert:

Georg hat soviel Buchstaben wie Franz. In Bendemann ist „mann“ nur eine für alle noch unbekannten Möglichkeiten der Geschichte vorgenommene Verstärkung von „Bende“. Bende aber hat ebensoviel Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an den gleichen Stellen wie der Vokal a in Kafka

Frieda hat ebensoviel Buchstaben wie Felice und den gleichen Anfangsbuchstaben, Brandenfeld hat den gleichen Anfangsbuchstaben wie Bauer und durch das Wort „Feld“ auch in der Bedeutung eine gewisse Beziehung.[27]

Natürlich ist es legitim, dass ein Autor seine Werke in dieser Weise kommentiert, zumal es hier wohl auch um den persönlichen „Wert“ der Erzählung für den Autor geht, und es sich um eine persönliche Eintragung in einem Tagebuch handelt. Das Problem entsteht nur, wenn andere Interpreten die Erzählungen deshalb nur als einen Bewältigungsversuch persönlicher Konflikte lesen und im Hinblick auf Die Verwandlung zu Aussagen kommen wie:

Die Erzählung sagt, daß Kafka, wollte er weiterleben, nicht den Rückzug aufs Schreiben, sondern den ausbalancierenden Kompromiß zwischen Büro, Felice, Familie und Schreiben brauchte [28]

2. Zur Publikation

Nachdem ein Jahr zuvor Kafkas Versuch, in der Neuen Rundschau zu publizieren, gescheitert war [29], erschien die Erzählung erst im Oktober 1915, in den Weißen Blättern [30], die vom Kurt Wolff Verlag betreut wurden. Der Vorschlag, dort zu publizieren, stammt von Kafka selbst.[31] Vom damaligen Leiter des Kurt Wolff Verlags, Georg Heinrich Meyer, stammt dagegen der Vorschlag zu einer Buchausgabe in der Reihe Der Jüngste Tag.[32] Anlass dafür war die Verleihung des Fontane-Preises an Carl Sternheim, wofür Kafka das damit verbundene Preisgeld für seine 1913 erschienene Erzählung Der Heizer erhalten sollte.[33]

Kafka verbessert dafür den Text, und das Buch erscheint noch im selben Jahr. Zu einem von Kafka gewünschten Sammelband mit dem Titel Strafen, der die Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung und In der Strafkolonie enthalten sollte [34], kommt es nicht.

Als Kafka erfuhr, dass Ottmar Starke ein Titelbild für diese Ausgabe zeichnen würde, bat er ausdrücklich, das Insekt nicht zu zeichnen, ja „nicht einmal von der Ferne aus“ [35] zu zeigen, was vor allem für die psychologischen Deutungen weitreichende Folgen hatte.

Eine zweite Auflage erscheint im Jahre 1918 [36] mit einigen Änderungen, bei denen es allerdings fraglich ist, inwieweit diese auch auf Kafka zurückgehen.[37] Die Werkausgabe, aus der hier zitiert wird, hat deshalb auch die erste Auflage der Buchausgabe als Grundlage.

3. Zur Form und zur Tradition des Verwandlungsmotivs

Was die Form angeht, so ist die Erzählung äußerlich zunächst in drei Kapitel von annähernd gleicher Länge aufgeteilt. Erzählt wird größtenteils aus der Perspektive des Protagonisten Gregor Samsa, obwohl sich der Erzähler nicht nur darauf beschränkt, wie oft behauptet.[38] Abstand von dieser Perspektive wird häufig dann genommen, wenn die Diskrepanz zwischen einer objektiven Sachlage und Gregors Fehlinterpretation derselben deutlich gemacht werden soll. Eine Ausnahme bildet der Schluss des dritten Kapitels, nach dem Tod des Helden. Hier tritt endgültig der auktoriale Erzähler hervor – und spätestens dann wird unmissverständlich klar, dass es sich bei der Verwandlung nicht um eine bloße „Wanzenphantasie“ [39] des Protagonisten handelt. Zur veränderten Erzählperspektive kommt eine räumliche Änderung hinzu, denn zum erstenmal begleitet der Erzähler die Familie hinaus aus der Wohnung ins Freie.

Die ersten beiden Kapitel beginnen mit dem Aufwachen und enden mit einem Ausbruch Gregors, der dann vom Vater angegriffen und am Ende des ersten Kapitels in sein Zimmer verbannt wird. Auch im dritten Kapitel bricht Gregor aus, und nach einem verbalen Angriff, diesmal durch die Schwester, zieht er sich, bevor er stirbt, in sein Zimmer zurück. Dadurch bekommt das dritte einen vorläufigen, an die ersten zwei Kapitel anschließenden Abschluss, und der darauffolgende Epilog erhält eine weitere, formale Trennung vom Rest.

Auffällig ist, dass hier eine Tatsache, die an sich erschreckend sein müsste, völlig ohne jede Gefühlsregung geschildert und auch vom Protagonisten so aufgenommen wird.[40] Zudem hatte es, wie bereits erwähnt, viele Kritiker irritiert, dass ein übernatürliches Ereignis in den gewohnten kleinbürgerlichen Alltag eingebettet wird. Dies war auch der Anlass dafür, dass die Erzählung z.B. auch stets vom Märchen differenziert wurde, in dem Verwandlungen in Tiere auch häufig vorkommen, allerdings in einem phantastischen Rahmen.[41]

Ein weiterer zentraler Unterschied zu Kafkas Erzählung, der oft betont wurde, ist der, dass im Märchen stets eine Rückverwandlung, eine Erlösung stattfindet, meistens durch ein weibliches Wesen.[42] In diesem Zusammenhang wurde Die Verwandlung auch als „Antimärchen“ [43] verstanden, da hier dieses Motiv in der Szene aufgegriffen wird, in der Gregor, angezogen vom Violinenspiel der Schwester, sein Zimmer verlässt, ohne sich jedoch Anschluss an die Gemeinschaft, geschweige denn eine Rückverwandlung, erhoffen zu können.

Eine zweite Traditionslinie, in der Verwandlungen stehen, ist die der Bestrafung, was auch weit reichende Folgen für die Forschung hatte. Hier ist meistens eine höhere Macht am Werk, und das Tier, in das die Bestraften verwandelt werden, steht im semantischen Zusammenhang mit der Tat. Derartige Metamorphosen finden sich beispielsweise bei Ovid [44], Dante [45] und in der Bibel.[46] Entscheidend ist sicherlich, dass in jedem Fall ein Grund für die Verwandlung genannt und meistens der Verwandlungsvorgang, wenn auch rückwirkend, geschildert wird.[47]

Teil II
Charakterisierung und Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren

1. Gregor

1.1. Gregors Beziehung zu sich selbst: Der Fremde im eigenen Körper

als passiver Beobachter

Gregor nimmt gleich zu Beginn die Rolle des Beobachters ein in Bezug auf sich selbst und seine Umgebung. Schlagartig ist er in einem Körper gefangen, den er nicht kennt. Hierin kann man einen Verweis auf das nach Sigmund Freuds Entdeckungen ins Wanken gebrachte Selbstbild des Menschen sehen, der erkennen musste, dass er auch den eigenen Körper nicht kannte [48], bzw. von daran gebundenen, ihm unbekannten Trieben dominiert war. Gregor ist also sich selbst entfremdet, was im Kontrast zum unveränderten Zimmer dargestellt wird.

Wir erleben ihn gleich zu Beginn in seiner Beobachter-Rolle als passiv.[49] Er ist sich nicht „ekelhaft“, schon gar nicht gerät er „in Panik“ oder „wehrt sich“, wie Martin Walser behauptet [50] ; aber gerade diese Teilnahmslosigkeit ist das Erschreckende. Man kann sein Verhalten auch nicht als den Versuch deuten, „seine Tendenz zur Panik energisch zu bekämpfen“ [51], da eine solche Tendenz nirgends zu erkennen ist. Stattdessen macht ihn „das trübe Wetter […] ganz melancholisch“ (116), das ist aber auch schon alles. Seine ganze Taktik besteht darin zu warten, bis etwas passiert, „als erwarte er vielleicht von der völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse.“ (123) Selbst die häufig in der Sekundärliteratur zu findende Frage nach der Ursache seiner Verwandlung [52] stellt sich Gregor nie. Schon gar nicht denke ich, dass bei einer so passiven Figur, wie Gregor es ist, die Verwandlung in irgendeiner Form seine Wünsche widerspiegelt.[53]

Seine existentielle Problematik bemerkt er nicht, da er noch immer seine alte Identität als gewahrt sieht, eine Identität, die er mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen gleichsetzt und die er für unabhängig, sowohl von anderen Menschen als auch von seinen Trieben, hält. Alles, was ihn diesbezüglich eines Besseren belehren könnte, schiebt er zur Seite. Der Versuch einzuschlafen, um sich somit der Realität zu entziehen, ist dementsprechend auch Gregors erste Reaktion auf sein verändertes Äußeres, und da ihm dies nicht gelingt, versteckt er sich dann hinter vereinzelten körperlichen Problemen, wie die mangelnde Kontrolle über seine vielen Beinchen. Außerdem flüchtet er im ersten Teil vor existentiellen Fragen, indem er immer nur über die unmittelbare Zukunft nachdenkt, was sich auch in den genauen Zeitangaben widerspiegelt, die später im zweiten Teil nicht mehr vorkommen.

Im zweiten und dritten Teil, nachdem der Prokurist geflüchtet ist und ihm klar wird, dass er nicht mehr zur Arbeit gehen kann, hat er auch keinen Grund mehr, sich auf die Sorge um technische Einzelheiten oder den Wecker zu konzentrieren. Die Zeitangaben werden nun ungenauer, z.B. heißt es einmal: „[E]s war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung vergangen“ (157). Dagegen fangen aufgrund der nachlassenden Sehkraft sein Blickfeld und damit auch seine räumlichen Grenzen an zu verschwimmen.[54] Auch sein Wirkungskreis wird kleiner; er zieht sich immer mehr zurück, flüchtet unters Kanapee und trägt später sogar ein Leintuch darüber.

Dadurch dass Gregor alle Gedanken über sich selbst und seine Lage zu verdrängen versucht, treibt er selbst seine Verwandlung voran und somit auch die Distanz zur Gemeinschaft, denn wenn er nicht über sich nachdenkt, benimmt er sich wie ein Tier. So nimmt er auch „zur Zerstreuung die Gewohnheit an, kreuz und quer über Wände und Plafond zu kriechen“ (159), was dann Grete den Anlass geben wird, Gregors Zimmer auszuräumen und ihn somit einer weiteren Anschlussmöglichkeit an seine menschliche Vergangenheit zu berauben.

Im dritten Teil ist auch seine Beweglichkeit erheblich einschränkt, er kann jetzt auch nicht mehr an der Decke kriechen. Mit der Zeit isst Gregor fast gar nichts mehr. Sein Zimmer wird jetzt als Abstellkammer verwendet, und nun, da auch der Kontakt immer spärlicher wird, denkt er an sein früheres Leben und fängt manchmal auch an, wütend seinen Zustand zu bemängeln, doch auch wenn er sich dagegen aufzulehnen scheint, so geschieht dies stets unüberlegt.

Wenn in diesem dritten Teil Gregors Beziehung zu sich selbst beschrieben wird [55], dann als eine Beziehung, ohne eine klare Linie. Gregor wird immer nur auf emotionaler Ebene seiner selbst gewahr, was ihm die Konsequenz in seinem Handeln und die Tiefe in der Selbstreflexion nimmt. Wenn er sich gegen die Familie durchzusetzen versucht, dann ist es nur eine momentane Auflehnung, die gleich verpufft, ohne Ziel und meist triebgesteuert. Er reagiert nur aus Panik oder später aus Trotz, wenn er ohne Hunger geheime Pläne macht, um in die Speisekammer zu gelangen [56] – jedenfalls ohne einen klar definierten Willen.

1.2. Gregors Beziehung zu seinem Beruf

Sehr bald reduziert Gregor das Problem auf die zu schweren Anforderungen durch seinen Beruf, angesichts der Tatsache, dass er nicht fähig ist zur Arbeit zu gehen:

„Dies frühzeitige Aufstehen“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß seinen Schlaf haben. […] Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hin getreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen! […]“ (117)

Dies ist die typisch kleinbürgerliche Protesthaltung, die prahlerisch in den eigenen vier Wänden verkündet wird, der aber keine Taten folgen. Für falsch halte ich deshalb auch die in der Forschung weit verbreitete Ansicht, Gregors Verwandlung sei ein Ausdruck des Protestes gegen die Lebensweise des Reisenden [57], denn Gregor protestiert nicht wirklich, er will eher den Zug noch erwischen und zur Arbeit fahren.[58] Auch dem Chef hat er nie die Meinung gesagt. Dieses Problem taucht erst jetzt auf, aber auch nur mit dem Zweck, ein viel größeres zu verdrängen. Genauso entscheidet er sich erst jetzt dafür, den „große[n] Schnitt“ (118) zu machen, als es schon zu spät ist. Wie wenig diese nun formulierten Vorsätze Gregors eigentliche Intention widerspiegeln und auf die angebliche „Unzufriedenheit in Beruf“ [59] schließen lassen, zeigt später der verzweifelte Versuch, den Prokuristen milde zu stimmen.[60] Gregors angebliche Bereitschaft, „seine gewohnte und verhaßte Lebensweise aufzugeben“ [61] taucht erst nach der Verwandlung auf, als ihm sowieso nicht anderes mehr übrig bleibt. Außerdem weist der Text nirgendwo sonst auf eine solche Bereitschaft vor der Verwandlung hin. Später taucht seine Arbeitswelt wieder in seiner Erinnerung auf, und in einem Atemzug mit ihr:

zwei drei Freunde aus anderen Geschäften, ein Stubenmädchen aus einem Hotel in der Provinz, eine liebe, flüchtige Erinnerung, eine Kassiererin aus einem Hutgeschäft, um die er sich ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte (176),

[...]


[1] Kasimir Edschmid: Deutsche Erzählungsliteratur. In: Jürgen Born (Hg.): Franz Kafka. Kritik und Rezeption, Bd.1: Zu seinen Lebzeiten, 1912 – 1924, Frankfurt/M 1979, S.61-63, hier S.63.

[2] Aristoteles: Poetik. Griechisch/deutsch, übers. u. hg. von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1982 (UB 7828), S.5.

[3] Robert Müller: Phantasie. In: NR 27 (1916), S.1421-1426, hier S.1425.

[4] Eugen Loewenstein: Die Verwandlung. Ein Buch von Franz Kafka (Kurt Wolff Verlag, Leipzig). In: Born: Kritik und Rezeption. Bd.1 (a.A.o.), S.64-68, hier S.67. (Rezension vom 09.04.1916).

[5] Heinz Politzer: Franz Kafka. Der Künstler, Frankfurt/M 1978, S.109.

[6] Dazu siehe auch Urs Ruf: Franz Kafka. Das Dilemma der Söhne. Das Ringen um die Versöhnung eines unlösbaren Widerspruchs in den drei Werken „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „Amerika“, Berlin 1974 (Philologische Studien und Quellen 79), S.56f.

[7] Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Kafka: Die Verwandlung. In: ders.: Schriften Tagebücher Briefe. Kritische Ausgabe, Bd.: Drucke zu Lebzeiten, hg. von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann, New York 1994, S.113-200.

[8] Franz Kafka: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, mit einer Einl. von Erich Heller, Frankfurt/M 1967, S.102.

[9] Ebd., S.116 (Brief vom 23.11.1912).

[10] Allerdings nur „Verwandlung“, ohne Artikel (ebd.).

[11] Ebd.

[12] Ebd., S.117 (Brief vom 24.11.1912).

[13] Ebd., S.122.

[14] Ebd., S.145.

[15] Ebd., S.163.

[16] Ebd., S.125.

[17] Ebd.

[18] Kafka: Schriften Tagebücher Briefe. Kritische Ausgabe. Bd.: Tagebücher, hg. von Hans-Gerd Koch Michael Müller und Malcolm Pasley, New York 1990, S.460. Er sah darin die einzige für ihn adäquate Schreibweise (ebd., S.461).

[19] Kafka: Briefe an Felice, S.320.

[20] Ebd., S.163.

[21] Kafka: Tagebücher, S.585.

[22] Ebd., S.624.

[23] Allerdings entkräftet er wenige Zeilen später wieder diese Aussage (Kafka, zit. aus: Max Brod: Nachwort. In: Kafka: Der Prozess. Roman, hg. von Max Brod, New York / Berlin 1946, S.317f).

[24] Kafka: Briefe an Felice, S.116 (Brief vom 23.11.12).

[25] Ebd., S.160 (Brief vom 6./7.11.12).

[26] Politzer: Problematik und Probleme der Kafka-Forschung. In: Monatshefte 42 (1950), S.273-280, hier S.274.

[27] Kafka: Tagebücher, S.492 (Eintragung vom 11.02.13); vgl. auch Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen, Frankfurt/M 1951, S.26: „[Janouch:] ‘Der Held der Erzählung heißt Samsa’, sagte ich. ‘Das klingt wie ein Kryptogramm für Kafka. Fünf Buchstaben hier wie dort. Das S im Worte Samsa hat dieselbe Stellung wie das K im Worte Kafka. Das A –’ “

[28] Karlheinz Fingerhut: Die Verwandlung. In: Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen, hg. von Michael Müller, Stuttgart 1994 (UB 8811), S.42-74, hier S.61.

[29] Robert Musil, dem Das Urteil und den Heizer gefallen hatten (Hartmut Binder: Zwei Briefe Robert Musils zur Druckgeschichte von Kafkas „Verwandlung“. In: JbDSG 39 (1995), S.56–79, hier S.62f), setzte sich, in der Zeit – er war seit kurzem in der Redaktion der Neuen Rundschau tätig – für Kafka ein, der übrigens die Zeitschrift schätzte (Binder: Kafka und „Die neue Rundschau“. Mit einem bisher unpublizierten Brief des Dichters zur Druckgeschichte der „Verwandlung“. In: JbDSG 12 (1968), S.94–111). Als von ihm aber gefordert wurde, die Erzählung um 1/3 zu kürzen, willigte er allerdings nicht ein (Joachim Unseld: Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben. Die Geschichte seiner Veröffentlichungen. Mit einer Bibliographie sämtlicher Drucke und Ausgaben der Dichtungen Franz Kafkas 1908-1924, Frankfurt/M 1984, S.94-98, der Brief ist auch abgedruckt bei: Binder: Kafka und „Die neue Rundschau“, S.103f).

[30] Kafka: Die Verwandlung. In: Die Weißen Blätter 2 (1915), S.1177-1230.

[31] Kafka: Gesammelte Werke, hg. von Max Brod, Bd.: Briefe 1902–1924, Frankfurt/M 1958, S.132 (Brief an Brod, etwa August 1915).

[32] Kafka: Die Verwandlung. Leipzig 1916 [1915] (Der Jüngste Tag 22/23); vgl. auch: Kurt Wolff: Briefwechsel eines Verlegers 1911–1963, hg. von Bernhard Zeller und Ellen Otten, Frankfurt/M 1966, S.34.

[33] Dass die Veröffentlichung der Verwandlung damit zusammenfallen sollte, hatte natürlich auch verlagspolitische Gründe (vgl. dazu: Unseld: Franz Kafka, S.103-107).

[34] Kafka: Briefe 1902–1924, S.134 (Brief an den Verlag Kurt Wolff vom 15.10.15). Nur die Erzählungen Das Urteil und In der Strafkolonie in einem Band zu publizieren, lehnt Kafka dagegen ab, da sie „eine abscheuliche Verbindung ergeben würden; ‘Verwandlung’ könnte immerhin zwischen ihnen vermitteln“ (ebd., S.149; Brief an den Verlag Kurt Wolff vom 19.08.16).

[35] Ebd., S.136 (Brief an den Kurt Wolff Verlag vom 25.10.15). Ein solches Anliegen war durchaus ungewöhnlich. Starke schreibt dazu: „Keiner der von mir illustrierten Autoren, mit denen ich meistens befreundet war (Kafka kannte ich nicht persönlich!) hat je die Illustrierung betreffende ‘Wünsche’ geäußert.“ (Ottmar Starke: Kafka und die Illustration. In: Neue literarische Welt 2 (1953), H.9, S.3).

[36] In dieser Ausgabe steht zwar 1917 als Jahreszahl (Kafka: Die Verwandlung, 2. Aufl., Leipzig 1918 (Der Jüngste Tag 22/23)), wahrscheinlicher ist aber das Jahr 1918 (Ludwig Dietz: Franz Kafka. Drucke zu seinen Lebzeiten. Eine Textkritisch-bibliographische Studie. In: JbDSG 7 (1963), S.416-457, hier S.437f; auch Dietz: Franz Kafka. Die Veröffentlichungen zu seinen Lebzeiten (1908-1924). Eine textkritische und kommentierte Bibliographie. Mit 18 Abbildungen und Faksimiles, Heidelberg 1982 (Repertoria Heidelbergensia 4), S.94-97). Ob Kafka von dieser zweiten Auflage wusste, ist auch fraglich (ebd., S.97).

[37] Dietz: Die autorisierten Dichtungen Kafkas. Textkritische Anmerkungen. In: ZfdPh 86 (1967), S.301-317, hier S.307f.

[38] Z.B. Friedrich Beißner: Der Erzähler Franz Kafka, Stuttgart 1952, S.35f.

[39] Loewenstein: Die Verwandlung, S.67. Eine andere, ähnliche Behauptung ist, dass in der Verwandlung erzählt werde, „wie ein Reisender verrückt wird“ (Franz Herwig: Vom literarischen Expressionismus. In: Hochland 13, Bd.2 (1916), S.232-235, hier S.234).

[40] Günther Anders sieht genau darin das Beunruhigende in Kafkas Texten. (Günther Anders: Franz Kafka – Pro und contra. In: NR 58 (1947), S.119–157; hier S.121). Dieser Aufsatz hat z.T. ziemlich gute Ansätze, wenn es um die Analyse der Techniken geht, die Kafka verwendet; andererseits ist er in vielen Punkten, ganz zu schweigen von der Peinlichkeit, die sich Anders leistet, wenn er dem Helden der Verwandlung den Namen „Georg Sanna“ andichtet (ebd., S.121), vor allem in seinen Schlussfolgerungen, die er zieht, sehr fraglich. So baut er seine Untersuchung wie ein Plädoyer auf, um am Ende die Frage zu beantworten, ob denn Kafka schuldig sei, einen jeglicher Grundlage entbehrenden Moralkodex zu befürworten. Dessen kann man Kafka allerdings nicht für schuldig befinden, nur weil er tief sitzende gesellschaftliche Grausamkeiten beschreibt, die nun mal da sind. Zu behaupten, er nehme ein System von Herrschaft und Knechtschaft an und beuge sich dem, nur weil er es beschreibt, halte ich für sehr gewagt. Günther Anders sieht zwar in der von Kafka in seinem Werk beschriebenen „Kombination von Agnostizismus und Ritualismus“ (ebd., S.148), im Glauben also an die Geltung nicht hinterfragbarer moralischer Prämissen, die sich mangels eines Glaubens an eine höhere Instanz als Moralkodex in ihrer Autorität verselbständigen, zurecht einen Wegbereiter des Faschismus. Allerdings begründet er darauf, wie ich finde fälschlicherweise, seine Bedenken gegenüber der weiten Verbreitung von Kafkas Texten: Fälschlicherweise, weil Kafka diesen Ritualismus ja gerade in seiner Integrität infrage stellt, statt ihn zu verklären.

[41] Michael Müller: Kafka: Die Verwandlung. In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts, Bd.1, Stuttgart 1996 (UB 9462), S.139-159, hier S.140f.

[42] Beispiele hierfür sind die Märchen der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (Brüder Grimm: Kinder und Hausmärchen. Ausgabe aus letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen, hg. von Heinz Rölleke. Bd.1: Märchen Nr.1-86, Stuttgart 1980 (UB 3191 [5]), S.29-33), die sieben Raben (ebd., S.154-156) und das singende, springende Löweneckerchen (Grimm: Kinder und Hausmärchen. (a.A.o.). Bd.2: Märchen Nr.87-200. Kinderlegenden Nr.1-10. Anhang Nr.1-28 (UB 3192 [6]), S.17-24). Ein anderes Märchen, das als besonderer Gegenentwurf zur Verwandlung erscheint, ist La Belle et la Bête, da hier gerade die Liebe einer Frau, die den äußeren Abscheu überwindet, den Verwandelten erlöst (Madame Leprince de Beaumont: La Belle et la Bête. Cointe. Die Schöne und das Tier. Ein Märchen. Französisch / Deutsch. Übersetzung und Nachwort von Ulrich Bossier, Stuttgart 1996 (UB 9608), S.38).

[43] Clemens Heselhaus: Kafkas Erzählformen. In. DVjs 26 (1952), S.353-376, hier S.360.

[44] P. Ovidius Naso: Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch, übers. und hg. von Michael von Albrecht, Stuttgart 1994 (UB 1360), Buch IV, 563-603: Cadmus und Harmonia verwandeln sich in Schlangen (er hatte zuvor eine getötet); Buch III, 138-252: Der Jäger Actaeon erblickt die Göttin Diana beim Nacktbaden und wird daraufhin von ihr zur Strafe in einen Hirsch verwandelt, der dann von den eigenen Hunden zerfleischt wird; Buch VI, 1-145: Die Weberin Arachne fordert Pallas Athene zum Wettbewerb im Weben auf und wird von ihr aus Neid und wegen ihres Übermutes in eine Spinne verwandelt; Buch V, 529-550: Ascalaphus verrät, dass Proserpina in der Unterwelt Nahrung zu sich genommen hat, verhindert damit ihre Rückkehr in den Himmel und wird daraufhin in einen Uhu verwandelt.

[45] Dante Alighieri: Commedia. Con il commento di Anna Maria Chiavacci Leonardi, Bd.1: Inferno, hg. von Arnoldo Mondadori, Mailand 1991, Canto XXV, V.25-151: In diesem Höllenkreis befinden sich die Diebe, deren Gestalt sich fortwährend verändert in verschiedene Echsen und Schlangen, so wie auch sie zu Lebzeiten andauernd die Besitzverhältnisse unrechtmäßig veränderten (der Verwandlungsvorgang ist übrigens der oben erwähnten Stelle über Cadmus und Harmonia aus Ovids Metamorphosen nachempfunden).

[46] 1. Mose, 19,26: „Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule“. (Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Mit Apokryphen. Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, hg. von der Evangelischen Kirche Deutschland und vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, Stuttgart 1985).

[47] Ein weiteres berühmtes literarisches Beispiel findet sich in der Odyssee. Hier werden Odysseus Gefährten von Kirke in Schweine verwandelt (Homer: Odyssee. Griechisch und deutsch. Übertragung von Anton Weiher. Mit Urtext, Anhang und Registern. Einführung von A. Heubeck, 9. Aufl., München 1990, S.269), später bekommen sie aber auch wieder ihre frühere Gestalt zurück (ebd., S.276).

[48] „Denn so wie K. im Dorf am Schloßberg lebt der heutige Mensch in seinem Körper; er entgleitet ihm, ist ihm feindlich. Es kann geschehen, daß der Mensch eines Morgens erwacht, und er ist in ein Ungeziefer verwandelt.“ (Walter Benjamin: Franz Kafka: Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. In: Ders: Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd.II 2: Aufsätze Essays Vorträge, Frankfurt/M 1991 (stw 932), S.409-438, hier S.424). Auch heißt es von Gregor, er habe den „unteren Teil seines Körpers […] noch nicht gesehen“ und könne sich davon „auch keine rechte Vorstellung machen“ (121).

[49] Die Passivität Gregors ist bereits in der Formulierung „fand sich“ im ersten Satz angedeutet. (Jürg Schubiger: Franz Kafka. Die Verwandlung. Eine Interpretation, Zürich und Freiburg 1969 (Züricher Beiträge zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte 34), S.28f). Überinterpretiert scheint mir dieser Satz allerdings bei Fingerhut, der von einer Aussage Martin Walsers ausgehend, darin „[g]eringfügige Abweichungen von standardsprachlich erwartbaren Formulierungen“ erkennen will, die aber wohl eher subjektiven Ursprungs zu sein scheinen (Fingerhut: Die Verwandlung, S.45). Walser hatte geschrieben: „Der erste Satz in Kafkas Verwandlung entsteht aus nichts als aus problematisch gewordenem Selbstbewußtsein.“ (Martin Walser: Selbstbewußtsein und Ironie. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt/M 1996, S.155f). Gemeint ist das Selbstbewusstsein des Autors. Walser macht hier den Fehler, Protagonist und Autor zu verwechseln.

[50] Ebd., S.158.

[51] Walter H. Sokel: Franz Kafka – Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst, München/Wien 1964, S.307.

[52] Ein Überblick findet sich bei Peter U. Beicken: Franz Kafka. Eine kritische Einführung in die Forschung, Frankfurt/M 1974, S.262.

[53] Herbert Tauber interpretiert die Verwandlung als „Wunschbild“ (Herbert Tauber: Franz Kafka. Eine Deutung seiner Werke, phil. Diss., Zürich und New York 1941, S.28). Ebenso sieht Kaiser in der „Verwandlung des Sohnes – psychologisch betrachtet – kein äußeres Ereignis, sondern einen inneren Wechsel der Triebrichtung.“ (Hellmuth Kaiser: Franz Kafkas Inferno. Eine psychologische Deutung seiner Strafphantasie. In: Imago 17 (1931), S.41-103, hier S.55). Selbst wenn man wie Kaiser vorgeht und die Erzählung psychologisch interpretiert, sollte man nicht, wie er es tut, vom Text abweichen – so wechselt dieser im Laufe der Interpretation willkürlich zwischen Gregor und einem K. (in Anlehnung an die Helden der Romane Das Schloß und Der Prozeß), den er als den psychologisch zu analysierenden annimmt. Will man aber nicht vom Text abweichen, so muss die Verwandlung auch als äußeres Ereignis betrachtet werden. Im Text selbst wird es auch betont: „Es war kein Traum“ (115). Dafür spricht auch das realistische Umfeld, die Reaktionen der anderen Figuren und vor allem der Teil, nach Gregors Tod, der nicht mehr aus seiner Perspektive geschildert wird.

Zwar nicht als Wunschbild, dafür aber als „Wahnidee des erkrankten Helden“ (Beißner: Der Erzähler Franz Kafka, S.36) legt Beißner die Verwandlung aus, obwohl er kurz zuvor ja bemerkt, dass „die Erzählung nach dem Tode des Helden […] in einer anderen Perspektive“ (ebd.) weitergeht, ohne diesen Widerspruch zu erläutern. Dagegen stützt er seine Vermutung auf das von Ottmar Starke gezeichnete Umschlagbild des Erstdrucks in Buchform. Auf dieser Zeichnung, bei der er Kafkas Mitwirkung für „sehr wahrscheinlich“ (ebd., S.37) hält, glaubt er in dem sich abwendenden „Mann im Schlafrock und Pantoffeln“ (ebd.), aufgrund des angeblich jugendlichen Aussehens, Gregor und nicht dessen Vater zu erkennen. Was aber Kafka selbst angeht, so ist durch einen Brief an seinen Verleger Kurt Wolff vom 25.10.1915 belegt, dass er zwar meinte, „[d]as Insekt selbst kann nicht gezeichnet“, ja „nicht einmal von der Ferne aus gezeigt werden“ (Kafka: Briefe 1902–1924, S.136), seine Mitwirkung an der Zeichnung beschränkt sich aber, da er den „Machtkreis [des Zeichners] nicht einschränken“ (ebd.) wollte, nur auf ein paar Vorschläge, und zwar, „die Eltern und de[n] Prokurist[en] vor der geschlossenen Tür oder noch besser die Eltern und die Schwester im beleuchteten Zimmer, während die Tür zum ganz finsteren Nebenzimmer offensteht“ (ebd.), also gerade nicht Gregor zu zeichnen.

[54] Schubiger sieht eine Entsprechung zwischen der sich auflösenden Zeit und dem sich öffnenden Raum (Schubiger: Die Verwandlung, S.27), während Politzer gerade ein Widerspiel zwischen dem im zweiten Teil sich verdichtenden Raum und den sich auflösenden zeitlichen Bezügen sieht (Politzer: Franz Kafka, S.115). Grundlage beider Auffassungen ist die schwindende Sehkraft Gregors, der sich gleichzeitig immer weiter zurückzieht. Hierin zeigt sich, wie so oft, dass die Erzählung mehrere Deutungsebenen zulässt.

[55] Politzer, zit. nach: Schubiger: Die Verwandlung, S.27 (allerdings steht dort eine falsche Quellenangabe).

[56] (177).

[57] Gert Sautermeister: [ohne Titel]. In: Kindlers neues Literaturlexikon. Hauptwerke der deutschen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationen, Bd.2: Vom Vormärz bis zur Gegenwartsliteratur, München 1994, S.284f, hier S.284.

[58] (118); (130). Gregor ist von seiner Arbeit geradezu besessen. Die von marxistischer Seite ansetzende Deutung Helmut Richters geht völlig am Text vorbei, wenn er in Gregors Verwandlung eine „bildhaft[e] Gestaltung des ‘arbeitsscheuen’ Menschen“ sieht und deshalb das Verhalten der anderen Familienmitglieder rechtfertigt. (Helmut Richter: Franz Kafka. Werk und Entwurf, Berlin 1962 (Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft 14), S.115). Richter bemerkt nicht, dass die Angehörigen des Protagonisten in Wahrheit die ständigen Schmarotzer waren und sind, die zwar so tun, als nagten sie am Hungertuch, aber dennoch nicht auf den Luxus einer Bedienerin verzichten wollen, die – wohlgemerkt zweimal täglich – kommt, angeblich um die schwerste Arbeit zu erledigen!

[59] Diese zählt Beicken zu den „eruierbaren Fakten“, die er allerdings auch als nicht ausreichende Erklärung für die Verwandlung verstanden sehen will (Beicken: Franz Kafka, S.261).

[60] (129f); (135-139).

[61] Richter: Franz Kafka, S.114.

Details

Seiten
60
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638424042
ISBN (Buch)
9783638707398
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44897
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Figuren Franz Kafkas Erzählung Verwandlung Beziehungen Spiegelbild Gesellschaft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Figuren in Franz Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung' und ihre Beziehungen untereinander als Spiegelbild der kleinbürgerlichen Gesellschaft