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Das Eigene im Fremden finden? Bedeutung und Intention des Fremdbildes in der Germania des Tacitus

Essay 2017 35 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
2.1 Hintergrund zum Autor
2.1.1 Tacitus: Leben und Werk
2.1.2 Tacitus als Historiker
2.2 Die Germania: Historikerurteile im Vergleich
2.3 Textarbeit
2.3.1 Übersetzung: Tac. Germ. 18,1-2; 18,4-19,2; 19,3-5
2.3.2 Zusammenfassung und Einordnung
2.3.3 Stilistisch-semantische Analyse (18,1-2; 18,4)
2.3.4 Stilistisch-semantische Analyse (19,1-2; 19,4-5)
2.4 Interpretation
2.4.1 Persönliches Werturteil
2.4.3 Tacitus‘ Umgang mit dem Fremdbild: ein Modell für heute?

III. Schluss
3.1 Fazit

IV. Anhang
4.1 Literaturverzeichnis
a. Primärliteratur (Texte, kommentierte Textausgaben, Kommentare, Übersetzungen)
b. Forschungsliteratur
4.2 Lateinische Textstelle (Tac. Germ. 18,1-2; 18,4-19,2; 19,4-5)

I. Einleitung

Die Germania – ein Werk, das trotz seiner kurzen Länge eine fast schon monumentale Wirkung entfaltet hat. Wie kaum ein anderes Schriftstück der Antike wirft diese Monographie des berühmten Historikers Tacitus Rätsel auf. Denn anders als bei sonstigen Geschichtswerken ist in diesem kein Proömium enthalten, in dem der Autor seine Beweggründe und Absichten darlegt. Überhaupt ist das Werk ein Novum in der römischen Geschichtsschreibung: ein Historiker, der sich mit einem fremden Volk, ja dem Erbfeind der Römer befasst? Anstatt tapfere Feldzüge der Römer gegen die Germanen aufzuzeigen oder die römische Überlegenheit anzupreisen, legt Tacitus seinen Fokus auf Kultur und Sitten der Germanen. Stellenweise ist er sogar voll des Lobes für die germanische Tugendhaftigkeit. Bis heute wirft diese sonderbare Darstellung Fragen nach der Intention des Tacitus auf. In den vergangenen Jahrhunderten entwickelten sich verschiedene Theorien, die sowohl über die Sprache als auch über den historischen Kontext und den autobiographischen Hintergrund versuchen, Sinn und Zweck des Werkes zu erschließen: Am populärsten sind die ethnographische Theorie, die „Sittenspiegel“-Theorie und die politische Theorie. Eine einheitliche Antwort aber gibt es nicht.

Wir wollen dieser Diskussion im Folgenden auf den Grund gehen und am Ende ein Urteil zu folgender Leitfrage bilden: Welche Bedeutung und Intention verbindet Tacitus mit dem Fremdbild der Germanen? Als Grundlage für unsere Analyse dienen die Kapitel 18 und 19, in denen sich Tacitus mit der Eheschließung und der Rolle der Frau in der germanischen Familie befasst. Der Weg zur Urteilsbildung wird in drei Abschnitte geteilt. Zu Beginn legen wir die Grundlage für unsere Analyse, indem wir die wesentlichen Informationen zur Biographie des Tacitus und seiner heutigen Bewertung als Historiker zusammenfassen. Darüber hinaus vergleichen wir die drei bekanntesten Theorien und Interpretationsansätze der Germania. Diese drei Theorien wollen wir im zweiten Teil, der Textarbeit, an einer ausgewählten Textstelle (Tac. Germ. 18,1-2; 18,4-19,2; 19,4-5) überprüfen. In diesem Abschnitt übersetzen wir die Textstelle, fassen sie gegliedert zusammen und ordnen sie in den Gesamtkontext des Werkes ein. Anschließend untersuchen wir sie auf ihre stilistisch-semantische Gestaltung, um Themenschwerpunkte, Wertungen und mögliche Ziele des Autors unter Berücksichtigung der drei Theorien zu erschließen.

Im dritten Teil dieser Abhandlung, der Textinterpretation, wollen wir ein Werturteil über die Intention des Tacitus fällen. Dazu bewerten wir mithilfe der Analyseergebnisse zunächst die drei bereits vorgestellten Theorien und stellen heraus, welche von ihnen im Hinblick auf die Bedeutung und Funktion des Fremdbildes in der Germania am schlüssigsten ist. Mit unserem Werturteil als Grundlage setzen wir uns anschließend kritisch mit der Frage auseinander, inwieweit Tacitus für uns heute noch eine Bedeutung hat und was wir von ihm lernen können – sowohl methodisch als auch inhaltlich.

II. Hauptteil

2.1 Hintergrund zum Autor

2.1.1 Tacitus: Leben und Werk

Publius Cornelius Tacitus lebte im ersten Jahrhundert nach Christus. Genaue Angaben zu Geburt und Tod sind nicht bekannt. Man schätzt sein Geburtsjahr auf 58 n. Chr. und sein Todesjahr auf 120 n. Chr. Als Jugendlicher wurde er in Rom rhetorisch ausgebildet. Im Jahr 77 n. Chr. entschied der damalige Konsul Cn. Julius Agricola, seine Tochter mit ihm zu verheiraten. Dank guter Beziehungen seines Vaters war es ihm möglich, eine senatorische Karriere einzuschlagen: So wurde er um 81 n. Chr. Quästor unter Kaiser Titus. Unter Domitian wurde er um 88 n. Chr. Prätor. Darüber hinaus hatte er als Mitglied der quindecemviri sacris faciundis ein religiöses Ehrenamt inne. Nachdem er Rom für einige Jahre verlassen hatte – über die Gründe gibt es nur Spekulationen – wurde er um 97 n. Chr. consul suffectus, vermutlich dank einer Entscheidung des Kaisers Domitian, der im September des Jahres 96 n. Chr. Opfer einer Verschwörung geworden war.1

In den Jahren seines Konsulats begann auch Tacitus‘ schriftstellerische Karriere: Sein erstes Werk Agricola wurde zwischen 97 und 98 n. Chr. verfasst und war seinem gleichnamigen Schwiegervater gewidmet, der im Jahr 93 n. Chr verstorben war. Das Werk ist eine enkomiastische Biographie Agricolas mit Schwerpunkt auf seiner politischen Karriere und seiner Tätigkeit als Statthalter in Britannien. Ein ethnographischer Exkurs über Britannien und dessen Völker selbst ist ebenfalls enthalten. Ein entscheidendes Merkmal des Agricola ist der politische Bezug des Werkes: Tacitus nutzte die Biographie, um Agricolas Taten zu würdigen und seine Loyalität gegenüber Domitian zu rechtfertigen. Trotz der tyrannischen Herrschaft des Kaisers vertritt er die These, die Loyalität und Unterordnung diene dem Reich mehr als die offene Opposition. Syme argumentiert darüber hinaus, mit dem Agricola trete Tacitus für die römischen Bürger aus den neuen Provinzen ein – Agricola selbst war schließlich Gallier –, womit er auch seine Unterstützung für den aus Spanien stammenden neuen Kaiser Trajan offen bekundete.2

Kurz nach dem Erscheinen des Agricola verfasste Tacitus die Germania und den Dialogus de oratoribus. Letzteres ist eine Diskussion über die Bedeutung der klassischen Rednerkunst im Gegensatz zur Rhetorik im Kaiserreich, deren sinkende Relevanz der Hauptcharakter Curiatius Maternus mit der politischen These begründet, die Einschränkung der Freiheit durch die Kaiser habe der Rhetorik ihre Möglichkeit genommen, als ein starkes politisches Werkzeug zu fungieren.

Politisch blieb Tacitus auch nach seinem Konsulat aktiv. Es ist anzunehmen, dass er seine politische Karriere noch bis über sein fünfzigstes Lebensjahr hinaus fortsetzte. In dieser Zeit widmete er sich allerdings immer der Geschichtsschreibung. Seine beiden größten Geschichtswerke sind die Historiae und die Annales. Die Historiae, vermutlich fertiggestellt im Jahr 109 n. Chr., umfassten 12 bis 14 Bücher; von ihnen sind allerdings nur die ersten vier vollständig erhalten. Das Werk beschreibt die Zeit von 69 n. Chr. bis zum Tod Domitians. Zur Datierung der Annales, seines letzten und größten Werkes, gibt es nur wenige Hinweise; mittlerweile geht man von einer Veröffentlichung im Jahr 117 n. Chr. aus. Von den ursprünglich 16 oder 18 Büchern der Annales sind nur sechs vollständig und vier teilweise erhalten. In ihnen schildert Tacitus den Zeitraum von Augustus‘ Tod bis zum Ende der Herrschaft Neros. Auch über Tacitus‘ Todesdatum können wir nur spekulieren; vermutlich starb er um 120 n. Chr.3

2.1.2 Tacitus als Historiker

Als Historiker nimmt Tacitus unter den römischen Geschichtsschreibern eine herausgehobene Rolle ein. Sowohl in der Sprache als auch in Form und Inhalt unterscheidet er sich wesentlich von anderen antiken Autoren. Ein entscheidender Faktor, der seinen Stil auszeichnet, ist der politische Bezug seiner Schriften. Tacitus machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Prinzipat, das knapp 85 Jahre vor seiner Geburt, im Jahr 27 v. Chr., die einst stolze Republik abgelöst hatte. In seinen beiden großen historischen Werken zeigt er sich zynisch und resigniert über den negativen Einfluss der absoluten Macht sowohl auf das Volk als auch auf die Machthaber selbst. Die nostalgische Sehnsucht nach der tugendhaften Vergangenheit und der verlorenen Republik ist ein Motiv, das sich durch all seine Werke zieht.4

Ebenso entscheidend wie die politische Einstellung ist die moralische Dimension seiner Werke. Römische Historiker verstanden es als ihre Aufgabe, auf moralisch-sittliche Missstände in ihrer Gesellschaft aufmerksam zu machen und den Römern exempla für tugendhaftes Verhalten in der Geschichte zu zeigen. Diese Absicht wird bei Tacitus jedoch in besonderem Maße stilisiert: Er fokussiert sich auf die negativen Aspekte der Gesellschaft, besonders die Dekadenz, den Luxus und die Extravaganz der Oberschicht und die Promiskuität. Mit großer Sorge beobachtet er die zunehmende Liederlichkeit der römischen Sitten, deren einstige Tugenden im Kaiserreich immer mehr an Bedeutung verlieren:5 „‚The whole period of the civil wars, uniquely reproduced and reconstructed by Tacitus, is seen as dominated by wild uncontrollable forces and irrational emotions: greed, lust for power, barbarous mob violence, hysteria, the breakdown of all loyalties except to oneself‘“6. Dem stellt er, wie es für die römische Geschichtsschreibung typisch war, Musterbeispiele des mos maiorum gegenüber – wie Agricola oder M. Aemilius Lepidus.7

Die dritte Besonderheit an Tacitus‘ Stil ist seine kunstvolle literarische Gestaltung der Texte. Die Struktur seiner Werke folgt dem für Römer typischen architektonischen Prinzip, was besonders in der Germania deutlich wird:8 Die Monographie ist in zwei Hälften gegliedert – die erste befasst sich mit den Germanen im Allgemeinen, die zweite mit den Stämmen im Besonderen –, die in entsprechender Weise wieder in sich gegliedert sind; auf eine Einleitung folgen zwei Unterteile mit weiteren inhaltlichen Abschnitten. Durch Form und Aufbau der architektonischen Struktur bringt Tacitus eine klare Ordnung in seine Werke; jeder Gedanke kommt zu seiner Geltung.9

Indes kommt der Historizität in seiner Geschichtsschreibung eine zweitrangige Bedeutung zu; vielmehr geht es Tacitus darum, mit seiner Darstellung der Geschichte eine bestimmte Wirkung zu erzielen: So verwendet er besonders in den Annales Innuendos und rumores, um den Leser nicht durch Fakten, sondern durch Eindrücke zu lenken.10 Viel mehr noch als andere Autoren ist Tacitus bei seiner Wortwahl darauf bedacht, umgangssprachliche oder ungewöhnliche Ausdrücke zu vermeiden und sich gewählt zu artikulieren. Um den Staccato-Effekt der brevitas zu erzielen, vermeidet er Parallelismen und gleichmäßige Strukturen zugunsten von unerwarteten Einschüben und Wendungen.11

Obwohl Tacitus als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Antike gilt und seine Geschichtswerke über die frühe Zeit des Prinzipats von großer Bedeutung für uns sind, wird er als Historiker kritisch gesehen. Ihm wird vorgeworfen, die Faktizität in seinen Werken zu vernachlässigen und sich zu einseitig auf die literarische Gestaltung sowie die Beeinflussung des Lesers zu konzentrieren.12 Über die Verwendung von rumores findet Grant scharfe Worte: „[T]he practice of Tacitus in this respect is persistent and lamentable. True, he rejected some rumours […], yet his willingness to accept many rumours impeded accurate history, and it was not helped by his reporting stories that he knew to be false. […] ‚He implants grave suspicions which he neither substantiates nor refutes. Their cumulative effect can be damning and distorting‘“13. Tatsächlich gewinnt man schnell den Eindruck, dass seine Motivation zur Geschichtsschreibung nicht in einem genuinen wissenschaftlichen Interesse begründet ist, sondern vielmehr in dem Bestreben, seiner Resignation über die politische Lage Luft zu machen. An vielen Stellen trete er mehr als moralisierender Redner denn als Historiker auf; anstatt Quellen kritisch zu prüfen und eine differenzierte Rekonstruktion historischer Ereignisse zu liefern, verlasse er sich auf Gerüchte, formuliere unbelegte Thesen und stilisiere historische Persönlichkeiten einseitig zu Ikonen der Tugendhaftigkeit wie Agricola oder zu bösartigen Verkörperungen der Sittenlosigkeit wie Tiberius. Dass die Fakten dabei nicht unbedingt seinem Bild der Realität entsprachen, habe Tacitus dadurch ausgeglichen, dass er die Realität durch Innuendos nach seiner Vorstellung verzerrte.14

2.2 Die Germania: Historikerurteile im Vergleich

Die Germania ist eines der umstrittensten Werke des Tacitus. Ein für römische Schriften typisches Proömium, in dem der Autor seine Beweggründe und Absichten darlegt, ist in dem Werk nicht enthalten, sodass wir über Sinn und Zweck des Werkes nur spekulieren können.15 Zum Verständnis der Bedeutung des germanischen Fremdbildes ist eine Analyse der Absicht des Tacitus jedoch von entscheidender Bedeutung, denn es macht einen Unterschied, ob wir ihn wissenschaftlich, moralisch oder politisch auslegen.16 In der modernen Forschung herrscht über diese Frage Uneinigkeit.17 Unter Historikern und Philologen wird deshalb bis heute eine Debatte über die möglichen Intentionen des Tacitus geführt.18 Wir wollen die drei populärsten Interpretationsansätze der Germania im Folgenden vergleichen und anschließend anhand einer selbstgewählten Textstelle überprüfen. Die Analyseergebnisse dienen als Grundlage für unsere eigene Stellungnahme zur Bedeutung und Intention des Fremdbildes in der Germania.

Einer der ersten Ansätze zur Interpretation der Germania war es, sie im Kontext ethnographischer Schriften zu betrachten. Bekannte Vertreter dieser Theorie sind Trüdinger, Mommsen und Gudeman.19 Demnach sei die Germania eine aus rein wissenschaftlichem Interesse verfasste völkerkundliche „Chorographie“20 über situ, origine und moribus der germanischen Stämme.21 Gemäß dieser Theorie wollte Tacitus die Römer über das ihnen fremde Volk der Germanen aufklären; seine Absicht ergebe sich aus der Existenz des Werkes selbst. Dass er dabei an einigen Stellen germanisches und römisches Verhalten kontrastiere oder römische Wertbegriffe und Götternamen verwende, diene lediglich dem besseren Verständnis des anderen Volkes. Die Ethnographie sei ein Exkurs zur Vorbereitung der Historiae, einem späteren Geschichtswerk des Tacitus. Anhänger dieser Theorie konzentrieren sich bei der Untersuchung der Germania vorrangig auf ihre inhaltlichen Erkenntnisse für die Forschung und ihren literarischen Stellenwert. Bis ins späte 20. Jahrhundert erfuhr diese Theorie breite Popularität, so wurden noch in den 70er Jahren Passagen aus der Germania in Geschichtsbüchern zitiert.

Heutzutage wird der rein ethnographische Ansatz größtenteils abgelehnt. Kritisiert wird unter anderem, dass er dem künstlerischen Wert des Werkes nicht gerecht kommt und seine eigentliche Absicht verfehlt. Wäre die Germania tatsächlich ein wissenschaftliches Werk, so müsste der geographische Aspekt weitaus länger ausgeführt werden, meint Büchner.22 Tatsächlich umfasse die Geographie Germaniens bei Tacitus gerade einmal vier Zeilen zu Beginn des Werkes, der eigentliche Schwerpunkt liege auf Kultur und Sitten der Völker. Ferner wird konstatiert, dass sich die römische Geschichtsschreibung nie aus rein wissenschaftlichem Interesse mit einem fremden Volk auseinandersetzen würde, sondern dass ihr eigentlicher Gegenstand immer die res Romanae 23 sind.24 Dies und die Tatsache, dass Tacitus das eigentlich primitive und barbarische Volk der Germanen in mancher Hinsicht als verwandt, gleichberechtigt und sogar vorbildlich darstellt, haben zu der Annahme geführt, dass die Intention der Germania weitaus mehr als „nur“ wissenschaftliche Aufklärung sein muss.

So entwickelte sich in der Diskussion ein weiterer Ansatz, die sogenannte „Sittenspiegel-Theorie“.25 Dieser Interpretation liegt der von Urban formulierte Grundsatz mores Romanos repetere 26 zugrunde: die Absicht, den Römern ihre eigene Sittenlosigkeit vorzuhalten und sie an die Tugenden ihrer Ahnen zu erinnern, den sogenannten mos maiorum. Tacitus, ein Anhänger der Republik und Gegner des Prinzipats, habe sich in die Zeiten zurückgesehnt, in denen noch tugendhafte Männer die res publica regiert hätten. Im Angesicht des Untergangs der Republik und der Schreckensherrschaft Domitians, die einen großen Teil von Tacitus‘ Leben dominierte, habe der Historiker Roms mit Sorge beobachtet, wie Rom im Inneren schwächer wurde: Sittenverfall und Dekadenz seien die Folge.27 Um diesem Verfall römischer Tugenden entgegenzuwirken, habe Tacitus die Römer auf ihr eigenes Fehlverhalten aufmerksam gemacht, indem er auf die besonders sittsamen, treuen und tapferen Germanen verwiesen habe. Tacitus habe in den Germanen ein „positives Korrelat“28 für die Römer gefunden und sympathisiere mit ihrer virtus, simplicitas und libertas.

Gegen diese Theorie wird traditionell eingewandt, dass Tacitus zwar sehr wohl verschiedene Aspekte germanischer Kultur und Sittsamkeit lobend hervorhebt, gleichzeitig aber auch eine Vielzahl von Schwächen bei den Germanen aufzeigt: ihre Faulheit, ihre Trunksucht, ihren Hang zum Würfelspiel, ihren Umgang mit den Sklaven und ihre nächtlichen Exzesse.29 Vielfach wird angeführt, die Germania würde, wenn sie denn als Sittenspiegel gedacht war, ihr Ziel verfehlen – bedenke man, was die obigen Kritikpunkte für eine Wirkung auf einen dekadenten Römer hätten.30 Mit anderen Worten: In der Germania stecke zu viel offene Kritik, als dass man sich die Germanen als ernstzunehmendes Vorbild hätte nehmen können.

Die dritte Gruppe von Historikern und Philologen betrachtet die Germania als politischen Kommentar, wobei die Meinungen über dessen Intention auseinandergehen.31 Einig ist man sich darin, dass Tacitus mit seiner Schrift Bezug zu aktuellen politischen Themen genommen hat: Von 81 bis 96 n. Chr. regierte Domitian als Kaiser in Rom. Trotz seiner militärischen und finanzpolitischen Erfolge, für die man ihn heute lobt, galt er wegen seines schlechten Verhältnisses zum Senat und seiner autokratischen Züge unter vielen Senatoren und Historikern als Tyrann: Demnach habe sich Domitian über den Senat hinweggesetzt und den Titel eines censor perpetuus für sich beansprucht, mit dem er sich das Recht einräumte, Senatoren willkürlich einzusetzen und zu entlassen – letzteres habe besonders jene betroffen, die ihn scharf kritisierten. Sueton erwähnt sogar eine Vielzahl von Exekutionen unliebsamer politischer Widersacher. Für Tacitus, einen entschiedenen Unterstützer der res publica, war Domitian Sinnbild der verlotterten Republik und des unterdrückerischen Prinzipats. Daraus leiten Forscher die These ab, dass die Germania, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 98 n. Chr. verfasst wurde, als Reaktion auf die Herrschaft Domitians betrachtet werden muss – als Ausdruck der wiedererrungenen Freiheit. Interessant wird dieser Bezug deshalb, weil sich Domitian als Sieger über Germanien gerierte: Nach mehreren erfolgreichen Feldzügen gegen die Chatten am Rhein in den Jahren 83 und 85 sowie der Errichtung des Limes, des Grenzwalles zwischen Rhein und Donau, nahm Domitian den Beinamen Germanicus an. Mit der Gründung der beiden germanischen Provinzen Germania superior („Obergermanien“) und Germania inferior („Niedergermanien“) erklärte er Germanien für besiegt : Germania pacata. Tatsächlich war der von Domitian propagierte Sieg ein Euphemismus, denn ein Großteil Germaniens war weder besetzt noch besiegt.32 Obwohl also die Germanenfrage für Domitian geklärt war, war sie für den Senat noch lange nicht beantwortet.33

[...]


1 Vgl. Rives (1999) 42-43, vgl. auch Grant (2004) 18-19.

2 Vgl. Syme (1958) 29, 125.

3 Vgl. Rives (1999) 44-45.

4 Vgl. ebd. 45.

5 Die Darstellung des Sittenverfalls habe Tacitus als seine Lebensaufgabe wahrgenommen, wie Grant (2004) 19 konstatiert: „Tacitus is a believer in the loft dignity and nobility of history, […] utilising a highly individual and sometimes ironical manner which imposes his personality upon us.“

6 Grant (2004) 19.

7 Vgl. Rives (1999) 45-46.

8 Häussler (2000) 126: „Und in der Tat ist die Germania eines der schönsten Zeugnisse für den baumeisterlichen Sinn der Römer und ihre Kunst, auch im Schriftwerk harmonisch ausgewogene Massen zu formen, zu gliedern und in mannigfaltige Beziehungen zu setzen“.

9 Vgl. ebd. 126-127.

10 Vgl. Grant (2004) 38-39.

11 Rives (1999) 47: „In constructing his sentences, he exploits all the devices available to him in order to achieve a maximum of brevity and concentration. He also has a taste for the unexpected“. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt auch Grant (2004) 19: „Even if, by modern standards, the intense, incisive, sombre, fulltoned, staccato, allusive, surprising, suspenseful style of Tacitus seems laboured, even precious, with all of ist dislocation and point and insinuation, its swiftness and plausibility and suggestive brevity keeps us constantly on the alert“.

12 Rives 46: „Indeed, some critics have claimed that he deployed his literary skill to the detriment of his reliability“.

13 Grant (2004) 38-39.

14 Ebd. 79: „Tacitus, so ambiguous, as we have seen, in his contradictory love for the Republic but awareness that the principate had to come, fastened upon the evil of rule by one man as his central theme – thus providing the most powerful ancient evocation of tyranny – and needed a villain to blame for this situation. He found this villain in Tiberius […]. [T]he facts did not really tell against Tiberius, so Tacitus made up for them by innuendo. He described Tiberius unfairly, but treated Tiberius’s mother Livia with even nastier unfairness“.

15 Vgl. Perl (1990) 19.

16 Vgl. Timpe (1986) 107.

17 Krebs (2005) 31 spricht gar von einer magna quaestio.

18 Vgl. Beck (1998) 9.

19 Vgl. Häussler (2000) 136f.

20 Mommsen (1905) 150.

21 Gudeman (1916) 1f: „So war es fast unvermeidlich, wenn seine Sammlungen dem zeitgenössischen Leser und der Nachwelt nicht verlustig gehen sollten, diese zu einer selbstständigen Monographie zu verarbeiten. […] eine in sich abgeschlossene, der wissenschaftlichen Erkenntnis dienende Abhandlung […], die wie jede wissenschaftliche Leistung ihren Zweck in sich selbst trägt“.

22 Vgl. Häussler (2000) 139.

23 Häussler (2000) 138.

24 Ebd. 138: „Es gibt keinen römischen Historiker […], der eine Darstellung über ein fremdes Volk an sich geschrieben hätte. […] Diese vornehmen Historiker, zumal der sich mit besonderer Betonung des Altrömischen in diese Reihe fügende Tacitus, hätten nie aus rein wissenschaftlichem Interesse oder gar aus Gründen der Mode eine ethnographische Schrift geschrieben.“

25 Vgl. Perl (1990) 20.

26 Urban (1982) 161.

27 Dieser Gedanke basiert auf dem sogenannten Dekadenzmodell Demandts, demzufolge die innere Schwäche Roms in Form von Dekadenz, Sittenverfall und Trägheit in der äußeren Schwäche des Reiches resultierte und damit dessen Untergang herbeiführte.

28 Fuhrmann (1972) 104.

29 Vgl. Häussler (2000) 140: „[…] [S]ollen sich die Römer etwa dem Würfeln ergeben, ihre Sklaven auch nur im Zorn erschlagen, sollen sie mäßig im Essen, unmäßig dagegen im Trunk sein?“

30 Vgl. Beck (1998) 24f.

31 Vgl. Perl (1990) 20.

32 Vgl. Städele (2001) 182.

33 Vgl. Rives (1999) 30-31.

Details

Seiten
35
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668833937
ISBN (Buch)
9783668833944
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449040
Note
Schlagworte
Latein Tacitus Germania Fremdbild Selbstbild Analyse Philologie

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Titel: Das Eigene im Fremden finden? Bedeutung und Intention des Fremdbildes in der Germania des Tacitus