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Migration und Gesundheit. Der Einsatz von Dolmetschern bei sprachbedingten Kommunikationsbarrieren zwischen medizinischen Versorgern und nichtdeutschsprachigen Migranten

Seminararbeit 2008 15 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Gesundheitlicher Zustand
2.1 Migranten allgemein
2.2 Frauen
2.3 Kinder mit Migrationshintergrund
2.4 Flüchtlingskinder

3 Zugang zu gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen

4 Überbrückung von Sprachbarrieren durch Dolmetscher

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Migration ist ein Prozess, der sich auf der ganzen Welt abspielt. Es gibt kein Land ohne Ein- und Auswanderung. Schätzungsweise gibt es über 150 Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen um sich in einem anderen Land niederzulassen und dort ihren Lebensmittelpunkt weiterführen (vgl. Angenedt, 2005). Durch zunehmende Globalisierung hat auch die Migration zugenommen, sodass sie mit Hilfe der Mobilisierung auch in Zukunft anhalten wird. Die Zahl der Einwanderer aus ärmeren Ländern nimmt in den Europäischen Staaten zu und führt zu einer Vervielfachung verschiedener ethnischer Zugehörigkeiten innerhalb der europäischen Großstädte. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat Deutschland eine Bevölkerungszahl von ca. 82 Millionen Menschen, darunter beträgt der Anteil der ausländischen Staatsangehörigkeit ca. 7 Millionen. Den größten Anteil an der ausländischen Bevölkerung machen Migranten aus der Türkei mit ca. 1,7 Millionen aus, gefolgt von rund 500 000 italienischen und rund 385 000 polnischen Migranten. Insgesamt leben in Deutschland etwa 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Prognostische Faktoren sagen aus, dass die Anzahl an Ausländern in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten steigen wird. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Deutschland zu einem Einwanderungsland entwickelt, doch diese Tatsache blieb lange ignoriert, sodass Integrationsarbeiten keine größere Aufmerksamkeit geschenkt wurden, obwohl es schon länger bekannt war, dass die >Ausländer< bereits zu >Inländern< wurden (vgl. Fischer 2005). Die mangelnden Bemühungen zur Integration schlagen sich in der schlechteren gesundheitlichen Lage der Migranten im Gegensatz zu Einheimischen nieder. Zurückzuführen ist dies auf die benachteiligten Lebenssituationen der Migranten. Auch der Themenbereich Migration und Gesundheit wurde zunächst unterschätzt, da man von Migranten, vor allem in den Gastarbeiterländern, ein junges, gesundes Bild hatte. Tatsache ist heute aber, dass Migranten in einem schlechteren gesundheitlichen Zustand sind wobei die Häufigkeit der psychosomatischen Erkrankungen besonders auffallend ist. In meiner Hausarbeit möchte ich in diesem Zusammenhang über die Auswertung der Fachliteratur den Gesundheitszustand bei Migranten im Allgemeinen, speziell bei Frauen, bei Migranten- und Flüchtlingskindern darstellen. Zudem weise ich auf die Barrieren hin, die zur schlechteren gesundheitlichen Versorgung der Migranten zu verantwortlich machen sind und gehe der Frage nach „Inwiefern ist es sinnvoll, Dolmetscher bei Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den medizinischen Versorgern und nichtdeutschsprachigen Migranten einzusetzen?“ Hieraus ergeben sich je nach Beantwortung der Fragestellung wichtige Aufgaben für die weitere Forschung und die Förderung einer Gesundheitsversorgung die auf die Bedürfnisse der Migranten abgestimmt ist.

2 Gesundheitlicher Zustand

2.1 Migranten allgemein

Obwohl Migranten eine vernachlässigte Population im Gesundheitswesen und Studien zur gesundheitlichen Versorgung darstellen, ist es bekannt, dass sie gegenüber der Einheimischen Bevölkerung deutlich höhere Gesundheitsrisiken und Risikozustände aufweisen. Dies ist auf Sprachbarrieren, Kulturunterschiede, unterschiedliches Gesundheitsbewusstsein, Einwirkungen psychosozialer Einflüsse und soziale Unterpreviligierung zurückzuführen. (vgl. Collatz 2001, Akbal 2001).

Bei Migranten treten häufig chronische und psychische Erkrankungen wie zum Beispiel schizophrene oder demenzielle und psychosomatische Erkrankungen auf. Primäre Ursache ist hier nicht der Migrationshintergrund, sondern mit der Migration einhergehende vielfältige Einflussfaktoren (vgl. Assion 2005).

Migranten sind besonderen belastenden Lebensbedingungen ausgesetzt die sich in ihrer schlechteren Gesundheit widerspiegeln. Solche Lebensbedingungen sind zum Beispiel schwierige Wohnverhältnisse, niedriger sozioökonomischer Status, vermehrte Risiken am Arbeitsplatz, drohender Arbeitsplatzverlust, instabile Familienverhältnisse, traumatische Vorerfahrungen, begrenzte Sprachkompetenz, fragliche Zukunftsorientationen, Entwurzelungserlebnisse, geringer Bildungsstand und schlechtere Ernährung. Diese Benachteiligungen und Belastungen machen Migranten für Erkrankungen anfälliger und beeinträchtigen ihre Lebensqualität. Die Autorin Weiss führt weitere Ansätze zur Entstehung gesundheitlicher Beschwerden bei Migranten auf und stützt sich auf die psychosoziale Forschung. Durch Anpassungsschwierigkeiten aufgrund von Unterschieden zwischen der Heimat und dem neuen fremden Land fällt der Begriff des Kulturschocks. Anpassungen können mit einem Wechsel der Kultur eine pathogene Wirkung haben. Weiterhin sind Stressoren wie Statusverlust, Identitätsprobleme, Trennungserfahrungen und die eingeschränkte Bewältigungskompetenz in einem migrationsspezifischen Stressmodel aufgezeichnet. Dieses Stressmodel ist seit den 80er Jahren wissenschaftlich akzeptiert. Um die psychosoziale Gesundheit bei Migranten zu beschreiben „werden vorwiegend Netzwerktheorien und ressourcenorientierte Konzepte konsultiert. Persönliche und soziale Ressourcen ermöglichen nämlich der Mehrheit der Zugewanderten die erfolgreiche Bewältigung des Alltags und helfen bei migrationsspezifischen Belastungen“ (Weiss 2005:14). Da die Bevölkerungsgruppe der Migranten aus verschiedenen Ethnien besteht, sind auch die sozialen und gesundheitlichen Bedingungen und Belastungen verschieden.

In dieser Hinsicht macht es Sinn die Migranten bezüglich ihrem Aufenthaltsrecht, ihrem Alter und ihrem Geschlecht zu differenzieren. So sind zum Beispiel Migranten mit einem längeren Aufenthaltsstatus besser integriert, „können aber wegen nicht umgesetzter Rückkehrpläne im Alter erneut in psychosoziale Belastungssituationen geraten“ (Weiss 2005:15). Bei Flüchtlingen und Asylanten sind die Belastungen vor ihrer Migration von größerer Bedeutung. „Verfolgungen, Flucht, teilweise unwürdige Lebensbedingungen und andere existenzielle Belastungen korrelieren mit deutlich gehäuften psychischen Beeinträchtigungen und Behinderungen“ (Weiss 2005:165). Zu psychosozialen Störungen können soziale Selektion oder später auch Überanpassungen an die Rezidenzgesellschaft führen, da die Migranten durch solch eine Anpassung versuchen weniger aufzufallen wobei sie ihre Traditionen leugnen und ihre inneren Zustände maskieren (vgl. Weiss 2005: 151ff).

2.2 Frauen

Aus internationalen Studien geht hervor, dass weibliche Migranten weltweit gesehen schlechtere gesundheitliche Zustände aufweisen als männliche Migranten. Dies führt Weiss auf den schwierigeren Zugang zu Gesundheitsangeboten der Migrantinnen zurück. Unter den Gründen hierfür nennt sie neben den sprachlichen Barrieren zum Beispiel die Bevorzugung von Jungen gegenüber Mädchen, die in einigen Kulturen herrscht sowie soziale Werte, Bräuche und die fehlende Beteiligung an gesundheitspolitischen Planungsprozessen. Somit stehen Migrantinnen Benachteiligungen im Gesundheitswesen gegenüber und stellen eine besondere Risikogruppe dar. Vor allem sind Frauen im Migrationsprozess bei der Koordination von Familie, Ehe und Beruf zusätzlich belastet. „Fehlende oder ungenügende familiäre Unterstützung in der Migration bei gleichzeitigen familiären Spannungen führen zu gehäuften psychiatrischen Störungen, vor allem bei

Frauen... “ (Weiss 2005:158). Weiterhin kamen Studien zu der Feststellung von Gesundheitsbeeinträchtigungen wie Magen-Darm Erkrankungen, Allergien, Hautkrankheiten und Herzkrankheiten, die bei Migrantinnen aufgrund von täglichen Stressoren als Folge häufiger als bei Einheimischen Frauen auftreten. ( vgl. Al- Jaar 2002:186).

Neben der Psychologie und Psychiatrie ist die Gynäkologie ein weiterer Gesundheitszweig, der für Migrantinnen eine besondere Rolle spielt. Besonders wichtig ist die Schwangerschaftsvorsorge und die Beteiligung an Behandlungsangeboten nach der Geburt ( vgl. Weiss 2005). „In Großstädten wie Mannheim, Frankfurt oder Berlin machen ausländische Patientinnen fast 50 % der Behandlungen in der Gynäkologie und Geburtshilfe aus.“ (Frühauf et al. 2000:217). Die häufigsten auftretenden frauenspezifischen Beschwerden, die mit psychosomatischen Einflüssen auf Migranten einhergehen sind bei Frauen beispielsweise Unterleibschmerzen, Haarausfall und Zyklusstörungen. Auch die Müttersterblichkeit bei ausländischen Frauen ist deutlich erhöht (vgl. Collatz 2001).

2.3 Kinder mit Migrationshintergrund

Kinder aus Migrantenfamilien sind schlechten Rahmenbedingungen ausgesetzt die unter negativen Einflussfaktoren (insbesondere Armut) zu einer Beeinträchtigung ihrer Gesundheit und ihrer sozialen Entwicklung führen.

Die Autorin Weiss stellt Entwicklungsrisiken für Kinder aus Migrationsfamilien auf. Einige davon erläutere ich näher. Weiss sieht besondere Gefahr durch:

-Häufiges Bezugspersonenwechsel
-Migration während der Pubertät
-Remigration im Schulalter
-Kein Besuch eines landessprachlichen Kindergartens
-mangelden Kontakt zu einheimischen Kindern
-Segregation ausländischer Kinder in der Schuleingangsuntersuchung
-Vorurteile der Aufnahmegesellschaft gegenüber ausländischen Adoleszenten
-Schlechte soziale und ökonomische Verhältnisse
-Soziale Isolation der Eltern
-Affektive Absenz der Eltern auf Grund psychosozialer Überforderung oder Erkrankung
-Traumatisierung auf Grund von Krieg, politischer Verfolgung oder entbehrungsreicher Flucht
-Schwere Traumatisierung der Eltern oder eines Elternteils
-Berufstätigkeit beider Elternteile
-Ungewisse Bleibeperspektive

(vgl. Weiss 2005:287).

Zu einer benachteiligten Lebensgestaltung zählt auch das Aufwachsen der Kinder in Ballungsgebieten, sodass eine Segregation entsteht. ( vgl. Boos-Nünning 2000). Durch diese Isolierung von der Rezidenzgesellschaft, deren Ursache sind zwar einerseits die eingeschränkten finanziellen, sozialen, sprachlichen Möglichkeiten, andererseits ist aber auch die distanzierte Haltung der Eltern gegenüber der Gesellschaft ein Grund für die Entstehung eines 'Ghettos im Ghetto'. So ist eine Integration kaum möglich, wobei dies negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Ausreichend für eine Integration ist nicht der bloße Spracherwerb, sondern vielmehr ein Bildungsstand, der ohne Beherrschung der Sprache aber auch nicht erreicht werden kann. In unserer heutigen Gesellschaft ist eine gute Bildung eine Voraussetzung für den Erwerb einer zufriedenstellenden Position in der Gesellschaft, da „sich unsere Gesellschaft rapide von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“ wandelt. „Dieser Wandel stellt die Gesellschaft und ihre Kinder vor große Herausforderungen“ (Delekat 2005:56). Eine niedrige Bildung wird oft als Grund für ein schlechteres Gesundheitsbewusstsein genannt ( vgl. Delekat 2005ff).

Im Zusammenhang mit Schule und Bildung zeigt sich bei Migrantenjugendlichen eine stärkere Gefahr für Suchtkrankheiten (vgl. Siefen 2005).

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Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668834569
ISBN (Buch)
9783668834576
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449733
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
migration gesundheit einsatz dolmetschern versorgern migranten

Autor

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Titel: Migration und Gesundheit. Der Einsatz von Dolmetschern bei sprachbedingten
Kommunikationsbarrieren zwischen medizinischen Versorgern und nichtdeutschsprachigen Migranten