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Schema-Theorie der Rezeption

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einführung

2. Ansätze

3. Definition und Funktion von Schemata

4. Forschungen auf dem Gebiet und Kritiken

Bilder

Literaturverzeichnis

Schema – Theorie der Rezeption

1. Einführung

Die Frage, wie Massenmedien auf das Publikum wirken und wie oder ob sie Einstellungen und dann schließlich Verhalten beeinflussen und nach den eigenen Zielen verändern können, stellt sich, seit dem es Massenkommunikationsmittel gibt. Die Laswell Formel kann man den Anhängern der starken Medienwirkung zuordnen. Laut dieser Theorie spielt nur die eigentliche Information, die vermittelt wird, eine Rolle, „Rezipientenvariablen und die Frage, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden, waren (...) kaum von Bedeutung."[1] Die Opinionleaders Theorie von Lazarsfeld, Berelson und Gauder bildet den entgegengesetzten Pol und meint, Medien „könnten keineswegs die Meinungen der Bevölkerung beeinflussen, sondern lediglich bereits bestehende Einstellungen verstärken."[2] Laut dieser Auffassung können die Medien die Rezipienten gar nicht direkt erreichen und eine zweischichtige Kommunikation fände statt: direkt zwischen dem Medium und den Opinionleaders und dann eine face-to-face Kommunikation zwischen den Opinionleaders und dem Publikum. Die Medieninhalte und die Art ihrer Präsentation „verloren an Bedeutung, Rezipientenvariablen rückten in den Vordergrund."[3] Die Theorie der Rezeption Schema ist unter der Kategorie der „selektiven Medienwirkungen"[4] zu unterbringen.

2. Ansätze

Ausgegangen wird bei dieser Theorie vom Standpunkt, dass der Mensch keine Tabula rasa ist; also, dass Informationen nicht auf ein hohles Fass treffen, sondern auf schon vorher bestehende Erinnerungen, Erlebnisse usw.

An der Laswell Formel[5] sind die Prozesse der Dekodierung und Enkodierung für die Schemata von Bedeutung. In Zusammenhang mit der Kommunikation sind vor allem zwei Fragen wichtig:

a. „Welche kognitiven Prozesse, welche Vorgänge des Wahrnehmens, Denkens, Erkennens laufen im Einzelnen beim Kommunikator und Rezipienten ab, wenn Signale interpretiert werden?"[6] und
b. „Wie kommt es zu den Gemeinsamkeiten, Interpretationsübereinstimmungen zwischen Kommunikator und Rezipient, was eine Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation ist?"[7]

Es ist schwer, sich Kommunikation ohne diese Übereinstimmung vorzustellen. Vor allem da von einer vollkommenen Übereinstimmung fast gar nicht die Rede sein kann. Auch in der eigenen Sprache verbinden verschiedene Menschen mit der gleichen Benennung manchmal verschiedene Konzepte. Es wäre dann eher angebracht, von Gemeinsamkeiten zu sprechen, die die interpersonelle Kommunikation erleichtern.

In der Forschung werden „Signalerkennung und -interpretation aus der Perspektive des Rezipienten"[8] betrachtet. Es gibt nur Ausnahmefälle, in denen der Kommunikator selber nicht weiß, was er vermitteln will. Schwierig wird es erst herauszufinden, ob der Rezipient, an den die Nachricht übermittelt wurde, diese auch richtig aufgenommen hat. Dieser Vorgang wird als „ Informationsverarbeitung (information processing)"[9] bezeichnet. Aus der Perspektive eines informationsverarbeitenden Systems funktioniert der Kommunikator nach denselben Gesetzen wie der Rezipient. Im Fall einer erfolgreichen Kommunikation gilt alles, was für die Empfängerseite ausgesagt wird, analog auch für die Senderseite. Also sind die Prozesse beim Kommunikator spiegelbildlich zu dem des Rezipienten. Würde man eine Achse in der Mitte des Bildes[10] ziehen, würde ein geometrisches Bild entstehen und die linke Seite, die des Kommunikators, wäre symmetrisch zu der des Rezipienten. Diese Prozesse laufen aber nicht nur spiegelbildlich, sondern auch kongruent zu denen des Rezipienten, denn der Kommunikator dekodiert „seine eigenen Mitteilungen zur Kontrolle laufend selbst"[11]. Deshalb kommt auch bei Missverständnissen oft die Antwort schneller als die betreffende Frage, weil der Kommunikator die Schwierigkeit schon im Voraus geahnt und für die Missverständnisse schon eine Antwort parat hat. Es sollte aber in Erinnerung bleiben, dass der Vergleich mit einem informationsverarbeitenden System nur bis zu einer gewissen Grenze möglich ist; der Mensch ist kein Computer und arbeitet auch nicht als solcher.

Die grundlegende Annahme, auf die sich der Begriff des Schemas stützt, ist ein axiomatischer, universell anerkannter: der Mensch kann nicht alle Informationen, die ihn in der Welt umgeben, bearbeiten und speichern. Er würde dann kein Teil dieser mehr sein, er würde viel mehr davon überwältigt und verschlungen werden. „Er konstruiert vielmehr als aktives Individuum die Welt um sich herum."[12], also wird ihm „eine aktive Rolle bei der Informationsverarbeitung zugeschrieben"[13].

3. Definition und Funktion von Schemata

„In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine Reihe von Begriffen, (...) die dem Schema ähnlich sind, beispielweise: Rahmen (frame), Prototyp, (...) Konstrukt, belief, (...) Stereotyp.“[14] Gerade aus dieser Vielfältigkeit von Benennungen und Definitionsmöglichkeiten werden sich weitere Probleme und Lücken dieser Theorie ergeben. Hier erscheint auch der erste Widerspruch: Brosius meint, dass der Mensch auf der einen Seite zwar eine aktive Rolle bei der Verarbeitung hat, (siehe 10), aber auf der anderen Seite auch, dass diese Selektion „weitgehend automatisch“[15] geschieht und sich der „bewussten Kontrolle“[16] des Verarbeitenden entzieht.

Schema kann unter den Begriffen der „Selektionskriterien und Verarbeitungsrichtlinien"[17] zusammengefasst werden. Laut Graber (1984) ist ein Schema „a cognitive structure consisting of organized knowledge about situations and individuals that has been abstracted from prior experiences. It is used for processing new information and retrieving stored information"[18]. Die Ausbildung und Benutzung von Schemata basiert sich auf der „Fähigkeit, gemeinsame Attribute bei Objekten, Ereignissen und Personen zu entdecken."[19] Die Objekte, die vollkommen zu einem Schema passen, werden Prototypen genannt. „Objekte unterscheiden sich zudem darin, wie gut sie zum Schema passen".[20] So passiert es auch, dass, wenn wir Klassen von Objekten nennen, wir an ein bestimmtes Objekt eher als an andere denken. So sind zum Beispiel Rosen typischer für das Schema „Blume" als Azaleen oder der Duden gehört eher zum Schema „Wörterbuch" als Pons; manchmal sind diese Protypen so stark verankert, dass sie anstatt der eigentlichen Klasse verwendet werden (z. B. Tempo für „Papiertaschentuch“). Es sind also nur wenige Attribute notwendig, um ein Schema zu aktivieren. Die logische Schlussfolgerung, die Brosius daraus zieht, ist aber zu weit generalisiert und abstrahiert. Er meint, diese schematische Verarbeitung liefe Gefahr, „voreingenommen und stereotyp zu sein. (...) Gehört beispielsweise das Attribut ‚korrupt' zum Politiker-Schema eines Rezipienten, wird er die Information, ein einzelner Politiker habe aufrichtig gehandelt, (...) nicht zur Kenntnis nehmen. Gleichermaßen wird beim Fehlen von entsprechenden Informationen die Korruptheit hinzuaddiert. Stereotypen von Minoritäten oder anderen Gruppen kann man in gleicher Weise als fest gefügte Schemata bezeichnen, die sich schon durch wenige Attribute aktivieren lassen."[21] Wenn wir den logischen Faden dieser Aussage zurückverfolgen, ist es eindeutig, dass es einen Bruch und eine viel zu große Spalte zwischen der ursprünglichen Absicht, die Welt nur zu vereinfachen, um der Informationsflut zu entkommen und diese „ sinnvoll zu reduzieren“[22] [Herv. d. Verf.] und der Schlussfolgerung, es werde abstrahiert, bis nicht einmal mehr der Kern übrig bleibt und Abweichungen nicht zur Kenntnis genommen werden, gibt.

Auch Graber scheint sich in mancher Hinsicht zu widersprechen: Ihrer Ansicht nach trägt schematische Verarbeitung dazu bei, „dass die Rezipienten nahezu alle Details einer Nachricht vergessen und lediglich regelhafte Bedeutungen behalten"[23] und dass sie Abweichungen von einer generellen Regel „nicht zur Kenntnis nehmen"[24]. Aber gleichzeitig, wenn sie die vier Hauptfunktionen des Schemas festlegt, erklärt sie diese folgendermaßen: „(1) They determine what information will be noticed, processed, and stored so that it becomes available for retrieval from memory. (2) They help individuals organize and evaluate new information, so that it fits into their established perceptions. This makes it unnecessary to construct new concepts whenever familiar information is present, (3) Schemas make it possible for people to go beyond the immediate information presented to them and fill the missing information. This permits making sense from abbreviated communications. (4) Schemas also help people in solving problems because they contain information about likely scenarios and ways to cope with them. This makes an important element in deciding whether and how to act“[25] Wieso wird dann behauptet, dass Abweichungen gar nicht wahrgenommen werden, wenn eine der Funktionen darin besteht, „to go beyond the immediate information present and to fill the missing information "?

Zuerst muss aber die Existenz von solchen Schemas bewiesen werden. Das ist leicht und wird überprüft, indem man bittet, uneindeutige Sätze im Nachhinein zu erklären. Der typische Beispiel „Peter rief den Kellner. Nachdem er gekommen war, bestellte er ein Glas Milch. Was ist geschehen?" wurde von allen in dem Seminarraum mit „Peter bestellte ein Glas Milch" beantwortet, weil sich im Hintergrund der Menschen ein bestimmtes Muster von Verhalten in einem Restaurant befindet. So ist der Beweis der Existenz von Schemata erbracht.

Graber befasst sich auch mit dem Problem der Lücken in einem ausgebildeten Schema. Nach ihrer Ansicht sind diese „dafür verantwortlich, dass Amerikaner bestimmte Klassen von Informationen in den Nachrichten, z.B. über fremde Länder, nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie keine adäquaten Schemata dafür haben“[26]. Es ist verständlich, dass, wenn einem Menschen das nötige Bild zu einem Wort fehlt, dieser mit der puren Bezeichnung auch nichts anfangen kann, aber wie kommt es dann, dass auch bei den Amerikanern Störche das Symbol für Babys sind, obwohl es keine in Amerika gibt? Wieso werden dann überhaupt noch Auslandsnachrichten gesendet, wenn diese nicht verstanden werden können? Traut Doris Graber ihren amerikanischen Mitbürgern nicht ein bisschen zu wenig zu?

Schulz definiert Schemata aus der Perspektive ihrer Elemente: es bestehe aus „kognitiver Struktur, Prozessor und Steuerungselement."[27] Der Vergleich mit einem Computer ist eindeutig; vor zu großen Analogien sollte man sich aber hüten. Weiterhin erklärt Schulz: „Als Struktur repräsentiert es einen organisierten Teilbereich der im Individuum gespeicherten Information von Wissen und Erfahrungen. (...) Als Prozessor wertet das Schema die Signale der Mitteilung aus, setzt sie zur bereits gespeicherten Information in Beziehung und verändert diese; als Steuerungselement dirigiert er das Explorationsverhalten des Systems, insbesondere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung."[28] Für ihn hat das Schema eine dynamisch aktive Rolle, denn er sieht Schemata als sich ständig entwickelnde Systeme.[29]

[...]


[1] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 285

[2] Ebda.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Siehe Bild 1.

[6] Noelle-Neumann, Elisabeth, Schulz, Winfried (1999), S. 154

[7] Ebda.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Siehe Bild 1, S. 13

[11] Noelle-Neumann, Elisabeth, Schulz, Winfried (1991), S. 154

[12] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 285

[13] Noelle-Neumann, Elisabeth, Schulz, Winfried (1991), S. 155

[14] Ebda.

[15] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 286

[16] Ebda.

[17] Ebd.

[18] Graber, Doris (1984), S. 23

[19] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 286

[20] Ebda.

[21] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 287

[22] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 288

[23] Ebda.

[24] Ebda.

[25] Graber, Doris (1984), S. 24

[26] Brosius, Hans-Bernd (1991), S. 289

[27] Noelle-Neumann, Elisabeth, Schulz, Winfried (1999), S. 155

[28] Ebda.

[29] Siehe Bild 2.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638424707
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44981
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
2
Schlagworte
Schema-Theorie Rezeption Publikumsverhalten Menschen Massenmedien

Autor

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Titel: Schema-Theorie der Rezeption