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Kindliche Verhaltensauffälligkeiten - ADS / ADHS

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 39 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Ursachen, Diagnose und Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten wie ADS / ADHS
1. Einleitung: Kindliche Verhaltensstörungen
2. Das „Zappelphillip-Syndrom“
3. Zum Störungsbild ADS / ADHS
4. Erklärungsmodelle für die Ursachen von ADS / ADHS
4.1 Die Dopamin-Mangel-Hypothese
4.2 Das Modell des Dopaminüberschusses
4.3 Die Beeinflussung der Hirnstruktur durch Erziehung und Sozialisation
5. Zur Diagnose - Der „ADS / ADHS -Test“
6. Zur Dominanz verschiedener Hirnhemisphären
6.1 Rechtshemisphärische Persönlichkeiten
6.2 Linkshemisphärische Persönlichkeiten
6.3 Wissenschaftliche Forschungsergebnisse
7. Besondere Merkmale aufmerksamkeitsgestörter Kinder
7.1 Sensorische Übersteigerungen
7.2 Erinnerungsvermögen, Perfektionismus und Selbstkritik
7.3 Impulsivität, verzögerte motorische Entwicklung und Intuition
8. Medikamentöse Behandlung von ADS / ADHS
8.1 Zum Einsatz von Ritalin
8.2 Die Nebenwirkungen von Ritalin
8.3 Kritik am Einsatz von Medikamenten wie Ritalin
9. Alternative Therapien und Behandlungsmethoden
9.1 Familientherapeutische Maßnahmen
9.2 Esoterische Behandlungen
9.2.1 Das Beispiel Edu-Kinestetik
9.2.2 Kritik an esoterischen Behandlungen
10. ADS / ADHS – Wer hat Schuld?
11. Verwandte Phänomene
11.1 Legasthenie
11.2 Autismus
11.3 Hyperaktivität und Hochbegabung

B. Zum Umgang mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern im Unterricht
1. Lernschwierigkeiten bei Kindern mit ADS / ADHS
1.1 Schwächen in der Lautwahrnehmung
1.2 Schwierigkeiten beim Schreibenlernen
1.3 Schwierigkeiten beim Lesenlernen
1.4 Schwierigkeiten beim Anwenden mathematischer Regeln
2. Der traditionelle, linkshemisphärisch ausgerichtete Unterricht
3. Handlungsalternativen und Strategien für den Unterricht
3.1 Zur Arbeit mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern
3.2 Das Herstellen von Aufmerksamkeit
3.3 Zur Haltung gegenüber unaufmerksamem Verhalten
3.3.1 Reaktion auf Regelverstöße
3.3.2 Auszeiten während des Unterrichts
3.4 Übergänge und Rituale
3.5 Die Empowerment-Idee
4. Der ideale Unterricht für rechtshemisphärische, aufmerksamkeitsgestörte Kinder
4.1 Klassenarbeiten und Tests
4.2 Berücksichtigung des individuellen Lernstils
4.3 Das ideale Klassenzimmer
4.4 Hausaufgaben
4.5 Lernen und Bewegung
4.6 Fazit: Stärken und Schwächen wahrnehmen
5. Alternative Schulen
5.1 Montessori-Schulen
5.2 Antiautoritäre Schulen
6. Schluss: Lösungsorientiertes Vorgehen

C. Literaturverzeichnis

A. Ursachen, Diagnose und Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten wie ADS / ADHS

1. Einleitung: Kindliche Verhaltensstörungen

Der Begriff „Verhaltensstörung“ bezeichnet ein Störbild, das durch die Abweichung von alters- und situationsangemessenen Normen gekennzeichnet ist. Diese Abweichung beeinträchtigt häufig die schulischen Leistungen sowie die sozialen und persönlichen Fähigkeiten eines betroffenen Kindes. Verhaltensstörungen treten über einen längeren Zeitraum in mindestens zwei verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Schule und Elternhaus) auf, gehen dabei über zeitlich begrenzte Stressreaktionen (wie z.B. bei Scheidung der Eltern) hinaus, können zusammen mit anderen Behinderungen auftreten und erfordern spezielle Maßnahmen.

Kindliche Verhaltensstörungen lassen sich intern (vom Kind selbst) und/oder extern (von anderen Beobachtern) wahrnehmen, wobei das Urteil des jeweiligen Beobachters von seinen Einstellungen, Wertvorstellungen, Haltungen und Erwartung abhängt. In bestimmten Situationen, z.B. in der Schule, wird von einem Kind erwartet, dass es sich normativ verhält und sich in einem gewissen Toleranzbereich bewegt, der nicht überschritten werden sollte. Die Dauer und Intensität der Normabweichung beeinflussen dabei die Einschätzung des auffälligen Verhaltens, das für ein betroffenes Kind jedoch immer eine für es selbst angemessene Antwort bzw. Reaktion auf die gegebene Situation darstellt. Das Kind setzt sich handelnd mit einer neuen Situation auseinander und versucht, die jeweilige Konfliktsituation zu überleben.

Leider fehlen operationalisierbare, verbindliche Kriterien bei der diagnostischen Erfassung von Verhaltensstörungen weitgehend und die Diagnose bleibt zu einem gewissen Teil immer subjektiv, vage und unscharf, was dazu führen kann, dass der Begriff der Verhaltensstörung in „alltagssprachlicher Allgemeinheit zu verschwimmen“[1] droht, so auch bei der Diagnose des Störungsbildes ADS / ADHS.[2]

2. Das „Zappelphillip-Syndrom“

Das Störbild ADS bzw. ADHS scheint in unserer Gesellschaft ein immer größeres Ausmaß anzunehmen und zu zunehmender Ratlosigkeit bei Lehrern, Erziehern und Eltern zu führen. Die einen behaupten, das so genannte „Zappelphillip-Syndrom“[3] habe es schon immer gegeben, und beziehen sich dabei z.B. auf die Geschichte vom Zappelphilipp aus dem klassischen Bilderbuch „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann: Kann Hoffmanns Zappelphilipp heute als „das klassische ADS-Kind“[4] angesehen und als Beweis dafür betrachtet werden, dass ADS keine Erfindung der modernen Gesellschaft ist?

Viele Hirnforscher nehmen mittlerweile an, dass man ADS auf eine genetisch bedingte Veranlagung zurückführen kann. Andere sehen die Ursachen in der Ernährung und verordnen spezielle Diäten oder machen die falsche Erziehung der Eltern für das Phänomen verantwortlich. Wiederum andere gehen davon aus, dass ADS ein „Produkt unserer schnelllebigen, visuellen, überstimulierenden Kultur“[5] sei und kein angeborenes, medizinisches Problem. Sie behaupten, die Ursachen für ADS seien nicht im Gehirn der Kinder, sondern in der „kranken Gesellschaft“[6] zu suchen, in der Haltlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit herrschen. Dennoch wird das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom von vielen Kinderärzten heute offiziell als Krankheit bzw. Lernbehinderung angesehen.

Bei ADS scheint es sich tatsächlich um eine regelrechte Epidemie zu handeln und man rechnet in Deutschland mittlerweile mit über 350.000 betroffenen Kindern. Wie ist das möglich, wenn es sich doch um einen genetischen Defekt handeln soll? Oder haben sich die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen so dramatisch verändert, dass immer mehr Kinder mit der Anlage zu auffälligem Verhalten geboren werden? Diesen und anderen Fragen möchte ich mich im Folgenden ausführlicher widmen.

3. Zum Störungsbild ADS / ADHS

Das „ A ufmerksamkeits- D efizit- S yndrom“ bzw. die „ A ufmerksamkeits- D efizit- S törung“ (ADS) bezeichnet die Kombination aus Unaufmerksamkeit und Impulsivität meist in Verbindung mit einer inneren Unruhe und Ablenkbarkeit. Da bei einigen Kindern auch Hyperaktivität festgestellt wird, spricht man in einem solchen Fall von einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS).[7]

Das Störungsbild ADS kann bereits im Kleinkindalter auftreten und sich als extreme innere Unruhe, übermäßige Empfindsamkeit oder auch als enormer Aktivitätsdrang manifestieren. Störungen in der Wahrnehmung können zu Schwierigkeiten beim Lernen führen, da die „detailorientierte, akustische Informationsverarbeitung“[8] die betroffenen Kinder meist überfordert. Visuelle Reize können sie dagegen in der Regel besser verarbeiten, denn die meisten aufmerksamkeitsgestörten Kinder gehören zu den ausgesprochen visuellen oder auch „holistischen“[9] Lerntypen, bei denen die rechte Hirnhemisphäre dominiert. Rechtshemisphärische Menschen lösen Probleme auf „kreative, intuitive und ganzheitliche Weise“[10] und haben einen ausgesprochen visuellen Lernstil, der es ihnen ermöglicht, Informationen in geistige Bilder zu verwandeln. Schulischer Erfolg gelingt bei den Betroffenen jedoch meist nur schwer oder gar nicht, da Lehrkräfte eher solche Methoden anwenden, bei denen die linke Hirnhemisphäre beansprucht wird. Die zahlreichen Stärken, Begabungen und das Potenzial von Schülern mit ADS / ADHS bleiben dabei häufig unberücksichtigt, obwohl die meisten rechtshemisphärischen Kinder sehr kreativ, phantasievoll, offen, einfühlsam und wissbegierig sind. Viele von ihnen verfügen darüber hinaus über ein außerordentlich gutes Erinnerungsvermögen.[11]

4. Erklärungsmodelle für die Ursachen von ADS / ADHS

4.1 Die Dopamin-Mangel-Hypothese

Das Gehirn verarbeitet ständig Reize, die über die Sinnesorgane aufgenommen und von

Neurotransmittern an das Gehirn weitergeleitet werden. Eine Gruppe von Wissenschaftlern vermutet, dass im Gehirn von aufmerksamkeitsgestörten Kindern bestimmte Reize nicht weitergeleitet werden können, da ihnen der entsprechende Botenstoff (Dopamin) zur Übertragung dieser Reize fehlt, so dass die Weiterleitung trotz intakter Nervenzellen nicht richtig funktioniert. Es handelt sich bei dieser Theorie um die so genannte „Dopaminmangelhypothese“[12], die besagt, dass im Gehirn der betroffenen Kinder zu wenig Dopamin freigesetzt wird und deshalb ein Dopamindefizit entsteht.

Ursprünglich wurde diese Annahme aufgrund der Feststellung generiert, dass sich die Symptome nach Verabreichung entsprechender Medikamente (Amphetamine) besserten. Da es zu einer Verhaltensnormalisierung durch die Stimulierung der Dopaminfreisetzung kam, schlussfolgerte man daraus, dass die Ursache für ADS / ADHS auf einen Dopaminmangel im Gehirn zurückzuführen sei. Die Dopaminmangelhypothese lässt sich jedoch selbst heute noch immer nicht zweifelsfrei nachweisen und man läuft selbst bei modernen wissenschaftlichen Messverfahren Gefahr, später aufgetretene, sekundäre Folgen für die primären Ursachen der Störung ADS / ADHS zu halten. Man wird im Gehirn aufmerksamkeitsgestörter Kinder sehr wahrscheinlich immer Veränderungen feststellen, da sie ihr Gehirn im Gegensatz zu normalen Kindern jahrelang ganz anders genutzt haben, was zu einer veränderten Hirnstrukturierung führen kann.

Dem Modell des Dopamindefizits liegt der Gedanke der „genetischen Disposition“[13] zugrunde, so dass veränderte Gene für die Störungen im Gehirn Betroffener verantwortlich gemacht werden. Dadurch wird der Eindruck erweckt, das Auftreten einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung sei genetisch bedingt und könne nur durch die Verabreichung eines Medikamentes wie Ritalin behoben werden. Diese Diagnose kann ziemlich niederschmetternd, kränkend und erniedrigend sein und zudem dazu führen, dass das Selbstwertgefühl eines scheinbar unheilbar kranken Kindes dauerhaft geschädigt wird.

Vielen Betroffenen gelingt es jedoch, Störungen in der Hirnstruktur auszugleichen, so dass sie nicht zwangsläufig zu auffälligem Verhalten führen müssen. Zudem lässt sich auch nicht bei allen verhaltensauffälligen, aufmerksamkeitsgestörten Kindern eine Hirnstörung nachweisen. Eine genetische Veranlagung zu auffälligen Verhalten muss sich nicht unbedingt entfalten, wenn die Umweltbedingungen dies nicht begünstigen. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen auffälligem Verhalten und einer Störung der Hirnstruktur sollte also kritisch hinterfragt und eventuell sogar zurückgewiesen werden.[14]

4.2 Das Modell des Dopaminüberschusses

Dieses Modell geht davon aus, dass bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern nicht zu wenig, sondern zu viel Dopamin ausgeschüttet wird, was dazu führe, dass die Betroffenen bereits im Kleinkindalter extrem leicht stimulierbar, hoch empfindlich und sehr unruhig seien. Da sie sofort auf Reize reagieren, wird auch ihr „anstriebssteuerndes System“[15] durch die ständige Beanspruchung häufiger und stärker aktiviert, so dass es sich immer besser entwickeln kann. Kinder mit einem Dopaminüberschuss lassen sich mit der Zeit durch immer mehr Reize stimulieren, was zwangsläufig zu innerer Unruhe, Konzentrationsschwäche und leichter Ablenkbarkeit führt. Andere neuronale Vernetzungen, wie z.B. solche, die die Aufmerksamkeit steuern, werden dagegen vernachlässigt und viel weniger ausgebaut.[16]

4.3 Die Beeinflussung der Hirnstruktur durch Erziehung und Sozialisation

Neurobiologen betonen, dass die Hirnstruktur von Kindern durchaus formbar bzw. nutzungsabhängig strukturiert ist und durch individuelle emotionale und psychosoziale Erfahrungen beeinflusst werden kann. Bestimmte Verhaltensweisen können somit auch zu gewissen Veränderungen der Gehirnstruktur führen, die man mit Hilfe der modernen Hirnforschung sichtbar machen kann. Insbesondere die frühen Bindungserfahrungen im Leben eines Kleinkindes und der Prozess von Erziehung und Sozialisation haben einen nachhaltigen Einfluss auf die Strukturierung des sich entwickelnden Gehirns. Während der gesamten Entwicklungsperiode wird das Gehirn sozusagen dadurch programmiert, dass sich Kinder und Jugendliche besonders intensiv mit gewissen Aktivitäten beschäftigen, die wiederum zu bestimmten Vernetzungen im Gehirn führen. Angst, Stress, starke Reizüberflutung, unsichere emotionale Bindungen, Über- und Unterforderungen können die Kinder daran hindern, komplexe Verschaltungen im Gehirn auszubilden. Aufgrund der erfahrungsabhängigen Wandlungsfähigkeit des kindlichen Gehirns, kann es zu einer Verhaltensbesserung kommen, wenn das Kind

alternative Handlungsstrukturen verinnerlicht.[17]

5. Zur Diagnose - Der „ADS / ADHS -Test“

Ein Test, der unmittelbar nachweisen kann, dass ein Kind unter ADS / ADHS leidet, existiert noch nicht. Die Diagnose basiert meist darauf, dass das Verhalten eines Kindes auf bestimmte Auffälligkeiten hin überprüft wird. Dabei handelt es sich um die drei Bereiche Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Zum Bereich der Unaufmerksamkeit gehört die Feststellung, dass das Kind keine Details wahrnimmt, nicht aufmerksam und konzentriert zuhören und arbeiten kann, Schwierigkeiten hat, eine Aktivität zu organisieren bzw. zu beenden, vergesslich und leicht ablenkbar ist und anstrengende Aufgaben häufig ablehnt. Zu den Merkmalen der Hyperaktivität und Impulsivität zählen eine innere, motorische Unruhe und Zappeligkeit, ein ausgeprägter Bewegungsdrang, eine ausgesprochene Ungeduld, die Unfähigkeit, sich ruhig zu verhalten und das Bedürfnis ständig und viel zu reden (verbale Hyperakvitität).[18]

Diese Verhaltensweisen müssen in der Schule und zu Hause von einem Experten beobachtet worden sein. Die Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung“[19] (ADHS) wird bei Kindern gestellt, die besonders viele Merkmale des Teilbereiches Hyperaktivität zeigen. In der Regel unterscheidet man dabei zwischen einem „hyperaktiv-impulsiven und einem vorwiegend unaufmerksamen“[20] Typ. Bei so genannten Mischtypen werden in allen drei Teilbereichen in etwa gleich viele Verhaltensauffälligkeiten festgestellt.

Allerdings muss ein ADS-Fragebogen immer mehr oder weniger subjektiv beantwortet werden, was zu unterschiedlichen Ergebnissen und dazu führen kann, dass Kindern Medikamente verabreicht werden, die sie gar nicht brauchen. Intensive Verhaltensbeobachtungen führen zu weitaus genaueren Ergebnissen, lassen aber immer noch nicht auf bestimmte Ursachen schließen. Das Ausmaß der Störung kann nur diagnostiziert werden, wenn man das Kind außerhalb und innerhalb der Schule beobachtet. Um subjektive Fehldiagnosen zu vermeiden, müssen die Lebensumstände des Kindes berücksichtigt werden, denn auch emotionale Probleme, wie Ängste, Depressionen, Scheidung oder Missbrauch können eine vorübergehende Aufmerksamkeitsstörung hervorrufen.[21]

6. Zur Dominanz verschiedener Hirnhemisphären

Die Fähigkeit des Lernens stellt eine Leistung des Gehirns dar, wobei zu berücksichtigen ist, dass die beiden Gehirnhälften (Hemisphären), sich die Arbeit teilen. Um Informationen bildlich und sprachlich verarbeiten zu können, müssen beide Hemisphären zusammenarbeiten, was dadurch ermöglicht wird, dass die linke und die rechte Hirnhälfte durch Nervenleitungen bzw. den so genannten Balken miteinander verbunden sind. Mittels dieses Balkens können Informationen ausgetauscht werden. Jede Gehirnhälfte ist für die Sinnesorgane und Körperbewegungen der jeweils gegenüberliegenden Körperseite zuständig. Bei den meisten Menschen ist eine der beiden Hemisphären dominanter und besser trainiert als die andere.[22]

Die linke „Logik-Hemisphäre“[23] ist für das begriffliche Denken zuständig, verarbeitet Informationen nacheinander, linear, in einer festgelegten, logischen Reihenfolge und registriert Einzelheiten, da sie die Welt in überschaubare Teile zergliedert. Ursache und Wirkung werden wahrgenommen, wobei sich die linke Hemisphäre an vorgegebenen, festliegenden Informationen und gespeicherten und organisierten Strukturen orientiert.

Die rechte Hemisphäre dagegen ist für das bildliche Denken verantwortlich, verarbeitet Informationen gleichzeitig und geht dabei simultan vor, d.h. dass ein komplexes Bild bzw. das Ganze und nicht Einzelteilen erfasst werden. Die Welt wird von der rechten Hirnhemisphäre ganzheitlich wahrgenommen. Sie spricht eher auf Gefühle und emotionale Aspekte an, denkt bildhaft ohne eine bestimmte Reihenfolge zu beachten und speichert komplexe Bilder, an die man sich als geschlossene Einheiten erinnern kann, so z.B. auch Wörter und Sätze.[24]

Mit Hilfe von Fragebogen kann man feststellen, ob ein Mensch eher links- oder rechtshemisphärisch denkt. Menschen mit einer bihemisphärischen Persönlichkeit verfügen über zwei gleichwertige Hirnhemisphären und somit sowohl über logische als auch kreative Fähigkeiten, von denen sie je nach Situation profitieren können.[25]

6.1 Rechtshemisphärische Persönlichkeiten

Bei Kindern mit ADS / ADHS dominiert meist die rechte Hirnhemisphäre, d.h. dass Informationen und Reize eher intuitiv und willkürlich verarbeitet und in Bildern gespeichert werden. Aufgrund ihres visuellen, räumlichen Gedächtnisses können sich rechtshemisphärische Kinder gut an Details erinnern, müssen im Unterricht verbale Erklärungen des Lehrers jedoch zunächst in Bilder transformieren, was dazu führen kann, dass sich die Informationsverarbeitung verzögert. Rechtshemisphärische Kinder lernen deshalb leichter, wenn der Lehrer beobachtbare Sachverhalte demonstriert bzw. vorführt. Auch bei der Rechtschreibung benutzen sie eher ihr visuelles Gedächtnis. Kinder mit einer Dominanz der rechten Hirnhemisphäre befolgen nur ungern Regeln, reagieren meist impulsiv und verfügen häufig über eine kreative Begabung. Die motorischen Fähigkeiten entwickeln sich dagegen erst relativ spät, da ein rechtshemisphärisches Kind Impulse nur schwer kontrollieren kann und eher ungeschickt wirkt.[26]

6.2 Linkshemisphärische Persönlichkeiten

Linkshemisphärische Kinder denken logisch, können gut analysieren und reagieren eher auf akustische Reize. Es fällt ihnen leichter verbale Erklärungen nachzuvollziehen, denn sie speichern Informationen nicht in Bildern, sondern in Worten. Sie können dem Unterricht besser folgen, da es ihnen nicht schwer fällt, Regeln aufzustellen, zu erlernen und zu befolgen. Es mangelt ihnen teilweise jedoch an Kreativität und Einfallsreichtum.[27]

6.3 Wissenschaftliche Forschungsergebnisse

Es existieren bisher noch keine umfassenden Forschungsergebnisse bzw. Studien zur Dominanz der Hirnhemisphären. Es wurden jedoch bereits in mehreren medizinischen Fachzeitschriften Untersuchungen veröffentlicht, bei denen man die Aktivität im Gehirn von hyperaktiven, aufmerksamkeitsgestörten Kindern gemessen und festgestellt hatte, dass die Gehirntätigkeit in den frontalen, für das logische Denken und die Sprachentwicklung zuständigen Bereichen des Gehirns, eher gering waren. Die Aktivität bzw. Durchblutung im visuellen Teil des Gehirns war dagegen ungewöhnlich hoch. Dabei darf man jedoch nicht den Fehler begehen, die Ursache jeglicher Verhaltensauffälligkeiten durch die mangelnde Zusammenarbeit der linken und der rechten Hirnhälfte bzw. durch die Dominanz der rechten Hemisphäre zu begründen.

Forscher stellten darüber hinaus fest, dass die Dominanz einer Hirnhälfte meist genetisch bedingt ist, Umwelteinflüsse jedoch darüber entscheiden, ob bzw. in welchem Ausmaß sich die Anlage entfaltet. Das schnelle Alltagstempo und insbesondere das „visuelle Chaos“[28] im Fernsehen, der ständige visuelle Wechsel und die Flut an Informationen führen dazu, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern immer geringer wird und visuelle Verbindungen im Gehirn viel stärker stimuliert werden als akustische. Um sich anzupassen, müssen Kinder bereits früh lernen, auf ständig wechselnde Reize zu reagieren, um Informationen aufnehmen zu können. Die fehlende Fähigkeit zum Verweilen führt dazu, dass sich viele Kinder nicht mehr auf eine bestimmte Sache konzentrieren können. Der zunehmende Übergang vom akustischen zum visuellen Lernstil lässt sich auch auf die veränderte, hektische, schnelllebige, gestresste Gesellschaft zurückführen, denn aufgrund der ständigen Überstimulation müssen Informationen vom Gehirn immer schneller bearbeitet werden. Einige Forscher stellten sogar die These auf, dass sich aufgrund dieser Tatsache die Gehirne der heutigen Kinder von denen ihrer Eltern oder Großeltern unterscheiden. Viele Kinder wehren sich gegen das Übermaß an Stimulation, indem sie sich auf keine Aktivität wirklich einlassen und sich in keine der vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten vertiefen.[29]

[...]


[1] Helbig / Opp / Speck-Hamdan, 1999, S.33.

[2] vgl. Helbig / Opp / Speck-Hamdan, 1999, S.27ff.

[3] Bonney / Hüther, 2004, S.9.

[4] Raschendorfer, 2003, S.28.

[5] Freed / Parsons, 2001, S.34.

[6] Bonney / Hüther, 2004, S.86.

[7] vgl. Freed / Parsons, 2001, S.29ff.

[8] Freed / Parsons, 2001, S.16.

[9] Freed / Parsons, 2001, S.11.

[10] Freed / Parsons, 2001, S.15.

[11] vgl. Freed / Parsons, 2001, S.9ff.

[12] Bonney / Hüther, 2004, S.18.

[13] Raschendorfer, 2003, S.12.

[14] vgl. Raschendorfer, 2003, S.12ff.

[15] Bonney / Hüther, 2004, S.69.

[16] vgl. Bonney / Hüther, 2004, S.69ff.

[17] Bonney / Hüther, 2004, S.43.

[18] vgl. Mohr / Preuschoff, 2001, S.58f.

[19] Raschendorfer, 2003, S.19.

[20] Raschendorfer, 2003, S.19.

[21] vgl. Raschendorfer, 2003, S.17ff.

[22] vgl. Härdt, 2004, S.23ff.

[23] Härdt, 2004, S.26.

[24] vgl. Diepold, 2003, S.74ff.

[25] vgl. Freed / Parsons, 2001, S.62ff.

[26] vgl. Freed / Parsons, 2001, S.64ff.

[27] vgl. Freed. / Parsons, 2001, S.62f.

[28] Freed / Parsons, 2001, S.47.

[29] vgl. Freed / Parsons, 2001, S.44ff.

Details

Seiten
39
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638424783
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44989
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Schlagworte
Kindliche Verhaltensauffälligkeiten ADHS

Autor

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Titel: Kindliche Verhaltensauffälligkeiten - ADS / ADHS