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Materialisierung und Bannung des Göttlichen: Bilderverbot und Fetischismus

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Materialisierung des Göttlichen als Fetischismus

2. Bilderverbot und Fetischisierung
2.1.Fetischismus
2.2.Alttestamentarische Gottesoffenbarung und Fetischisierung
2.3.Zusammenfassung

3. Bilderverbot und Wortoffenbarung als kultische Novität
3.1.Exklusivität der Offenbarung
3.2.Textkult und Fetischismus
3.3.Ausdehnung des Bilderverbots auf das Wort und Überwindung des Textkultes in Jesus
3.4.Zusammenfassung

4. Bilderverbot als abstrakte Unzumutbarkeit?
4.1.Bilderpolemik und Bilderverteidigung
4.2.Bild und Fetischisierung im christlichen Abendland: Ikonen
4.3.Alteritätsmarkierung oder Annäherung an Transzendenz durch Negation
4.4.Zusammenfassung

5. Bilderverbot als Ausdruck einer dynamischen Gottesbeziehung
5.1.Zugriffsverweigerung als Beziehungsgrundlage
5.2.JHWH versus religiöses Repräsentationssystem
5.3.Zusammenfassung

6. Von der Unmöglichkeit die Bilderversuchung zu überwinden

Bibliographie

1.Materialisierung des Göttlichen als Fetischismus

Im Kontext der Erscheinungsformen des Fetischismus möchte ich in dieser Arbeit die Hintergründe und Auswirkungen des Bilderverbots JHWHs im Alten Testament beleuchten. Inwiefern es gegeben wurde, um davor zu bewahren, durch Materialisierung Gott in ein Objekt zu bannen und seine Kraft somit auf einen Fetisch zu reduzieren, und wie weitreichend die Folgen des Gebots waren. Hier werde ich auf die Besonderheit der Gottesoffenbarung eingehen, die eine Textreligion mit fetischähnlichem Textkult hervorbrachte. Weiter werde ich über die Inkarnation Gottes in Jesus zu Ikonen und ihrer Verehrung kommen und die Auswirkung des Bilderverbots in dieser Hinsicht bis hinein in die moderne gegenstandslose Kunst aufzeigen.

Meine These ist, dass das Bilderverbot nicht dazu dienen soll, dem Menschen jede Vorstellung oder Aneignung Gottes in jedwelchem Medium zu untersagen, was ihn letztlich zum Verstummen verurteilte, sondern es Ausdruck der Besonderheit der Beziehung Gottes mit seinem Volk darstellt. Aufgrund der dynamischen, nicht determinierbaren Interaktion, die das Gottesverhältnis prägen soll, warnt das Verbot vor Statik und vermeintlicher Verfügung, was die Charakteristika von Fetischen ausmacht. Fetische und die Gefahr der Fetischisierung sind in vielerlei Hinsicht beobachtbar, wo Transzendez, Göttliches und Religion sich manifestieren. Ich werde versuchen darzulegen, inwieweit JHWH im AT bis hin zu Christus stets zu Unrecht, aber dem Bedürfnis des Menschen gemäß, gebannt und reduziert wurden, wobei ich in meiner Argumentation eine deutliche Trennung ziehe zwischen Glaubensbeziehung und Religionssystemen.

2. Bilderverbot und Fetischisierung

2.1.Fetischismus

Um sich der Aussage zuwenden zu können, jegliche Materialisierung des Göttlichen führe zum Fetischismus, bedarf es vorab einer Annäherung an diesen Begriff. Der Fetisch, im religionswissenschaftlichen Sinne, zeichnet, als Objekt, das spirituell aufgeladen ist, den Versuch des Menschen nach, mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten und zu bleiben, sich Verfügungsgewalt sowie Kontrollierbarkeit über außernatürliche Kräfte zu sichern. In ihnen gewinnt das Bedürfnis nach Unmittelbarkeit zum Übernatürlichen und gleichzeitig dessen fassbare Eingrenzung und Bannung Form. Fetische stellen somit einen sinnlich- erfassbaren, da überschaubaren Mikrokosmos dar, der die unfassbare Größe des Universums, der Zeit, der transzendenten Kräfte, Mächte und Gewalten in einen greifbaren, vermeintlich regierbaren Kontext stellt und somit Sicherheit, Stabilität und Kontrolle suggeriert. Ein einzelnes Objekt also, das in verdichteter, verdinglichter Form, nach dem pars pro toto- Prinzip, die Gesamtheit des Göttlichen repräsentiert.

In diesem Gestus der Bannung wird die Bewegungsrichtung zwischen Mensch und Göttlichem sichtbar. Der Mensch sucht die Nähe und Unmittelbarkeit der transzendenten (Götter-) Welt, die er erfährt und außer sich selbst weiß, indem er selbst schafft und formt und sakralisiert, um dadurch die Mächte, die das Fetischobjekt inkorporiert in Zaum zu halten, zu manipulieren, zu besänftigen oder anzurufen.

2.2.alttestamentarische Gottesoffenbarung und Fetischisierung

Im Gegensatz zu den im gesamten Alten Orient vorherrschenden Bild- und Objektkulten[1], offenbart sich der Gott des Alten Testaments in bewusster Distanzierung zu jeglicher Verbildlichung und Darstellung. Das dekalogische Gebot „Du sollst dir kein Götterbild machen.“(...) “Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen.“[2] zeigt, dass der sich offenbarende Gott nicht einmal den Versuch einer Identifikation der Abbilder mit seiner Person zulässt. Noch deutlicher tritt dies in Deut.4,8ff zu tage, wenn, referentiell auf die Epiphanie Gottes am Horeb, das Volk Israel beschworen wird, seine Seelen zu hüten, dass es nicht, wo es doch keine Gestalt gesehen habe, sich dazu verleiten lasse, sich ein Götterbild, einen Götzen zu machen, welches nicht mehr als bloßes Abbild des von Gott Geschaffenen sein kann[3]. Der alttestamentarische Gott als der Schöpfergott, der Ewige, Vorweltliche, Allmächtige, Allwissende, Allgegenwärtige, ist in kein gestalterisches Objekt zu verdichten. Er ist der Unvergleichbare, der über allen anderen Göttern steht.[4] Gott im Bild darzustellen hieße, ihn im Medium der Ähnlichkeit zum Menschen und der Schöpfung abbilden, ihn aufgrund des Vergleichs für darstellbar halten und in menschliche Verhältnisse hereinholen.[5] In eine Daseinsrealität von Endlichkeit, räumlicher Begrenzung, Begrifflichkeit und somit Greifbarkeit.

In diesem Punkt ist das Gebot nicht in erster Linie prophylaktische Vermeidung von Fetischisierung, sondern umfasst schlichtweg die Unmöglichkeit, JHWH in vertrauten Medien zu erfassen.

Andererseits wird in der Deuteronomium- Passage die ausdrückliche Warnung ausgesprochen, die Erfahrung der Gottesoffenbarung nicht zu verdinglichen in ein abrufbares, perpetualisiertes Abbild, dem mehr als nur repräsentative oder memoriale Funktion zukommt und welches somit Fetischcharakter annimmt. Ein solches zeitlich eingebundenes „Götzenbild“ verhärtet sich zur statischen Selbstreferenz, es nimmt die Eigenschaft des Fetischs an, der nach Kohl „Zeichen und Bezeichnetes in einem“[6] ist.

In Abgrenzung an das Gestalten von (Bilder-) Fetischen, die ein spirituell gesteigertes Ding, Produkt menschlicher Projektion sind[7], kommt der Schöpfergott hier den Menschen entgegen, offenbart sich selbst seinem auserwählten Volk und schließt einen Bund mit ihm. Hier also verläuft die Bewegungsrichtung reversiv zur oben genannten: Gott offenbart sich selbst, kommt den Menschen entgegen und entzieht sich gleichzeitig einer Bannung in enggefasste Bilder oder verfügbare Mikrokosmen durch seine Andersartigkeit und die Exklusivität seines Bundesschlusses mit Israel.

2.3.Zusammenfassung

Die Charakteristika von religiösen Fetischen sind insbesondere das Zusammenfallen von Zeichen und Bezeichnetem, das Bannen und Verdinglichen unfassbarer transzendenter Dimensionen und Energien in ein von Menschen gemachtes oder sakralisiertes Objekt, welches Ausdruck der Sehnsucht nach Beherrschbarkeit, Bändigung und Manipulation der außernatürlichen Kräfte darstellt, sowie einen Annäherungsversuch an das Göttliche. Das Bilderverbot, das der alttestamentarische Gott im Zusammenhang mit seiner Epiphanie verhängt, soll das Volk Israel davor bewahren, den vorweltlichen Schöpfergott selbst in ein statisches Götzenbild zu bannen und sich somit vermeintlich seiner sicher zu sein, über ihn zu verfügen. Gleichzeitig aber ist JHWH in seiner Allmacht und Größe nicht fassbar, er ist unvergleichlich, was sich sowohl in der Initiative seiner Offenbarung zeigt, als auch in der Novität seines Bundes.

3. Bilderverbot und Wortoffenbarung als kultische Novität

3.1.Exklusivität der Offenbarung

Die Ausformulierung der Ablehnung von Bildern stellt im Kontext der altorientalischen Religionen eine Einzigartigkeit dar. In ihr begriffen liegt die Konfrontation mit anderen Religionen in der deutlichen Aufforderung zur Monolatrie und die Ablehnung jeglichen Bilderkults. Hier liegt darüber hinaus die Grundlage für diverse ikonoklastische Bewegungen[8] und Bilderpolemiken, worauf ich in 3.1. genauer eingehen werde. Dieser monotheistische Gott hat sich offenbart als geistiges Wesen, das sich dem definierenden, vorstellbaren Bereich der Sinne entzieht. Er stellt sich als JHWH vor, macht die symbolische Form des Wortes zur Grundlage seines Bundes, wie dies auch die Niederschrift der Gebote auf Steintafeln belegt. So wird in der jüdischen Religion der Grundstein für eine Textreligion gelegt. Sprache als Sinnträger kann nicht sinnlich vereinnahmt werden; sie dient als Symbol mit Verweischarakter auf die Anwesenheit Gottes in der nicht materialisierbaren Sphäre der Worte. So spricht Nordhofen vom „ zentrale[n] Text, der die Anwesenheit dessen re-präsentiert, der kein Ding in der Welt ist, [der] die Offenbarung des Gottesnamens JHWH [ist].“[9] Im dekalogischen Bundesschluss stehen sich also Wortoffenbarung und Bilderkult gegenüber. Zwar bewahrt das symbolische Zeichensystem der Sprache vor idolatorischer Beseelung[10], entzieht sich allerdings aber nicht der Möglichkeit, wiederum zum magischen Kultobjekt und Ritual transformiert zu werden.

[...]


[1] Vgl. Dohmen, Christoph. Das Bilderverbot. Seine Entstehung und Entwicklung im AT. Bonner Biblische Beiträge. Frankfurt am Main : 1987. S.16

[2] Ex. 20,4f. Scofield Bibel. Revidierte Elberfelder Übersetzung. Wuppertal: 1997.

[3] Ebd. Deut. 4,8-19.

[4] Ebd. vgl. z.B. Ps. 95,3.

[5] Vgl. Werbick, Jürgen. „Trugbilder oder Suchbilder?“ In Die Macht der Bilder. Jahrbuch für biblische Theologie. Band 13.Neukirchen: 1999. S.6.

[6] Kohl, Karl-Heinz. Die Macht der Dinge. München: 2003 . S.28.

[7] Vgl.Nordhofen, Eckhard.„Einleitung“. In Bilderverbot. Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Paderborn: 2001.S.16f.

[8] Vgl. Dohmen. S.16.

[9] Nordhofen. S.17.

[10] Ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638424936
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45009
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Kunst- und Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Materialisierung Bannung Göttlichen Bilderverbot Fetischismus Gesellschaft

Autor

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Titel: Materialisierung und Bannung des Göttlichen: Bilderverbot und Fetischismus