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Lesen durch Schreiben im Vergleich zum Fibelunterricht

Seminararbeit 2005 15 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Lesen durch Schreiben
1.2 Was ist lesen?
1.3.1 Die Methode „Lesen durch Schreiben“
1.3.2 Die Buchstabentabelle
1.3.3 Die Lernpsychologische Hauptthese
1.3.4 Die drei Prinzipien des Konzepts
1.3.4.1 Lesedidaktisches Prinzip
1.3.4.2 Lernpsychologisches Prinzip
1.3.4.3 Schulpädagogisches Prinzip

2. Fibel
2.1 Auswahl einer Fibel
2.2 Die Methode
2.2.1 Lautiermethode
2.2.2 Ganzheitsmethode
2.2.3 Methodenstreit
2.2.4 Integration der Methode Wesentliche Unterschiede der beiden Methoden

Einleitung

Lesen und Schreiben zu können ist in unserer Gesellschaft von herausragender Bedeutung. Jeglicher Bildungserfolg ist von diesen Fähigkeiten abhängig. Daher wird das Lesen und Schreiben ganz zu Beginn des Bildungsweges – vor allem im ersten Schuljahr – gelehrt. Seid der Mitte des 15. Jahrhunderts dient die Fibel als Leselehrwerk und ist auch heute noch populärstes Hilfsmittel zum Lesen– und Schreibenlernen. Jürgen Reichen, Lernpsychologe und Grundschullehrer, äußert sehr viel Kritik an dem traditionellen sogenannten Fibelunterricht. Zwar hat sich der Fibelunterricht - in seinem nunmehr über 400-jährigen Bestehen - einigen Wandlungen unterzogen, dennoch ist Reichen der Überzeugung das dieser Unterricht lerntheorethisch grundlegend erneuert werden muss.

So hat er zu Beginn der 1970er Jahren ein neues Konzept „Lesen durch Schreiben“ veröffentlicht, das nun (neben einigen anderen neuen Konzepten) dem Fibelunterricht Konkurrenz bietet.

Im Hauptteil meiner Hausarbeit werde ich beide Konzepte vorstellen und im Anschluss wesentliche Unterschiede gegenüberstellen.

1. Lesen durch Schreiben

1.2 Was ist lesen?

Grundlegend für das Konzept „Lesen durch Schreiben“ ist die Frage nach der Bedeutung von Lesen. Kann man lesen, wenn man einen Text laut vorlesen kann? Jürgen Reichen verwendet in diesem Zusammenhang ein sehr schönes Beispiel:

„Caprivi lerko ten hokker, en dano lasare, bing bong.“[1]

Ist es uns möglich diesen Text zu lesen? Sicherlich sind wir in der Lage diese Buchstabenfolge in eine Lautfolge umzuwandeln, es ist uns möglich diesen Text laut vorzulesen. Aber einen Sinn konnten wir diesem Text nicht entnehmen. Diese Beobachtung ist für Reichen von besonderer Wichtigkeit. Auch wenn wir einen Text laut vorlesen können, heißt dies nicht, dass wir ihn auch verstehen. Daher beharrt Reichen energisch auf der folgenden Definition des Begriffs „lesen“:

„Lesen ist ausschließlich und nur d e r Vorgang, bei dem man versteht, was man gelesen hat!“[2]. Reichen schreibt weiter: „Alles was es sonst noch so gibt, soll man von mir aus benennen wie man will, aber nicht lesen. Vor allem darf `lautes Vorlesen` nicht mit `Lesen` verwechselt oder gar gleich gesetzt werden.“2

Zudem sagt Reichen, dass es - noch vor einer Lesetechnik - drei wesentliche Voraussetzungen dafür gibt, dass wir einen Text verstehen:

1. Die entsprechende Sprachkompetenz muss vorhanden sein. (Den im Text verwendeten Begriffen muss auch ihre Bedeutung zugeordnet werden können)
2. Ein entsprechendes Hintergrundwissen muss verfügbar sein. (Es müssen gewisse Vorkenntnis über die Sache, die Welt und das Leben vorhanden sein)
3. Man muss eine textentsprechende Intelligenz besitzen. (Die inhaltlichen Denkschritte innerhalb des Textes müssen nachvollzogen werden können).

1.3.1 Die Methode „Lesen durch Schreiben“

Durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ werden die Kinder dazu angeregt das Lesen durch eigenes Schreiben zu erlernen. Dabei ist für Reichen von Bedeutung, dass man sich bewusst macht, dass niemand – weder Eltern noch Lehrer – dem Kind das Lernen abnehmen können. Man kann dem Kind nur „didaktische Hilfen“ unterbreiten, die ihm das Lernen erleichtern. So kann man Kindern auch nicht das Lesen lehren. Jedoch kann man ihnen zeigen, wie es „funktioniert“. Dabei ist es allerdings nicht das Ziel Buchstaben auf ein Blatt Papier zu „malen“. Es geht darum, die geistige Leistung zu erbringen einen mit Sinn erfüllten Begriff in ein graphisches Zeichensystem umzuwandeln.[3]

1.3.2 Die Buchstabentabelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sobald die Kinder in die Schule kommen wird ihnen die Buchstabentabelle als Hilfe zum Schreiben-Lernen angeboten. Auf der linken Seite ist eine solche Buchstabentabelle abgebildet. Sie ist nach dem „Anlautprinzip“ angeordnet. Dies ist folgendermaßen zu verstehen: Zum Beispiel kann man rechts unten in der Tabelle eine Maus sehen. Daneben stehen die entsprechenden Schriftzeichen „m“ und „M“. (In der ersten Zeit arbeiten die Kinder nur mit den Großbuchstaben.) Zudem ist die Tabelle in zwei große Bereiche eingeteilt: In den beiden unteren[4] Teilen der Tabelle findet man die Mitlaute sowie die beiden Endlaute „ch“ und „ng“. Im oberen Bogen der Tabelle findet man die Selbstlaute. In der deutschen Sprache findet man jeweils zwei Versionen der Selbstlaute: die kurz gesprochenen und die lang gesprochenen. Analog findet man zu jedem Selbstlaut auch zwei Bilder. Zum Beispiel kann man links oben das Bild der Ente für das kurze „E“ finden. Ebenso findet man aber das Bild eines Esels für das lange „E“.[5]

Die Kinder können diese Tabelle von Anfang an nutzen. Natürlich ist das Schreiben mit der Tabelle zunächst sehr zeitaufwendig und mühsam. Allerdings lässt sich feststellen, dass die Kinder durch regelmäßiges Üben eindrucksvolle Fertigkeiten entwickeln und mit der Zeit auch ohne Buchstabentabelle schreiben können. Reichen empfiehlt für den Anfang jedes Kind täglich fünf Wörter unter Betreuung des Lehrers schreiben zu lassen. Später soll eine individuelle, der Leistung des einzelnen Kindes angepasste Steigerung vorgenommen werden. Wichtig ist es für Reichen auch, dass die geschriebenen Wörter der Erlebniswelt des Kindes entnommen werden. Optimal ist es, wenn ein Kind sich selbstständig für die zu schreibenden Wörter entscheidet.

Eine Feststellung, die für die schulische Unterrichtspraxis von zentraler Bedeutung ist, hebt Reichen ganz besonders hervor: Nämlich, dass die Kinder

„eine gewisse Zeitlang zwar alles schreiben können, was sie schreiben wollen – alle Wörter der Welt – das sie aber nicht lesen können, was sie geschrieben haben. [...] Das eigentliche Lesen stellt sich nach einiger Zeit des Selber-Schreibens `von selbst` ein: Lesen können entsteht aus dem Schreiben.“[6]

In der Phase des „Schreiben-aber-nicht-Lesen-Könnens“ ist es für die Entwicklung des Kindes außerordentlich wertvoll wenn man ihnen mit Geduld begegnet und sie keinesfalls zum Lesen drängt.[7]

1.3.3 Die lernpsychologische Hauptthese

Bei der Methode “Lesen durch Schreiben“ wird den Kindern nicht etwa eine Unterrichtsfach „Lesen“ oder „Schreiben“ angeboten. Stattdessen erhalten sie ein fächerübergreifendes „Gesamtlernangebot“, das nach Jürgen Reichen Werkstattunterricht genannt wird. Grundlegend für diese Form des Unterrichts ist seine lernpsychologische Hauptthese:

„Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden!“[8]

Aus dieser These schlussfolgert Reichen, dass die Kinder um so besser das Lesen erlernen, je weniger es vom Unterricht in den Mittelpunkt gerückt wird und um so mehr „andere Dinge“ im Unterricht getan werden.

Um lesen zu können, also um einen Text verstehen zu können (s. Definition „lesen“) reicht die Kenntnis von Buchstaben und eine Lesetechnik eben nicht aus.

„Das Lesen stellt vielmehr eine hochkomplexe Leistung von Sprach-, Wahrnehmungs- und Denkprozessen dar, weshalb wir bei `Lesen durch Schreiben` keine Lesetechnik vermitteln.“[9]

Anstelle eine Lesetechnik zu lehren soll der Unterricht die Sprachkompetenz, die Wahrnehmungs-, Konzentrations- und Denkfähigkeit sowie eine aufgabenbezogene Arbeitshaltung fördern. Zudem sollen systematische Welt-, Sach- und Lebenskenntnisse vermittelt werden.

Daher wird den Kindern ein reichhaltiges fächergemischtes Arbeitsmaterial angeboten, das keine Übungsaufgaben enthält.

1.3.4 Die drei Prinzipien des Konzepts

Es gibt drei essentielle Prinzipien des Konzeptes „Lesen durch Schreiben“:

1. Lesedidaktisches Prinzip: Lesen durch Schreiben
2. Lernpsychologisches Prinzip: Selbstgesteuertes Lernen
3. Schulpädagogisches Prinzip: Werkstattunterricht

Im Folgenden sollen diese Prinzipien erläutert werden.

1.3.4.1 Lesedidaktisches Prinzip

Wenn ein Kind Schreiben lernt, dann ist es für Reichen primäres Ziel, dass das Kind alles schreiben kann was es will. Dabei ist die orthographische Richtigkeit zunächst zweitrangig. Es ist erst einmal wichtig, dass das Kind lernt lautgetreu zu schreiben.[10]

Für das Schreiben steht dem Kind von Anfang an die in Abschnitt 3.2 erläuterte Buchstabentabelle zur Verfügung. Das Kind darf diese Tabelle nutzen solange es möchte. Nebenbei lernt es unbewusst die Buchstaben-Laut-Zuordnung. Entsprechende Übungen sind unnötig.

Bei „Lesen durch Schreiben“ wird ein Kind niemals aufgefordert laut vorzulesen. Man soll geduldig warten, bis ein Kind von sich aus zu lesen beginnt, „bis es vom Text ´angesprungen` wird“[11]. Drängt man ein Kind zum Lesen, so muss es die Schriftzeichen mühevoll `rückübersetzen`, was dem Kind eine irreführende Auffassung vom Lesen vermitteln könnte. Zudem könnte es, was das Lesen betrifft gehemmt werden, weil es dieses eben noch nicht kann.

[...]


[1] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 11

[2] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 12

[3] vgl.: Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 13

[4] vgl.: Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 21 – 27

[5] Verwendung der Kopie aus dem Seminar, rückbearbeitet

[6] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 25

[7] vgl.: aus dem Seminar: „Merkblatt für Eltern“, Punkt 5

[8] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 26

[9] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 26 - 27

[10] vgl.: Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 27 - 28

[11] Jürgen Reichen: Hannah hat Kino im Kopf. 2. Auflage. Hamburg: Heinevetterverlag 2003, S. 28

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638425087
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45031
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Lesen Schreiben Vergleich Fibelunterricht

Autor

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Titel: Lesen durch Schreiben im Vergleich zum Fibelunterricht