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Indigenität und Multikulturalismus. Natürliche Verbündete?

Hausarbeit 2018 11 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Situation der Indigenen Völker in Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert

3. Die Chancen des Multikulturalismus

4. Wie ist die Lage der Indigenen Lateinamerikaner heute?

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Indigene Völker haben in Lateinamerika einen schweren Stand. Angefangen von der Kolonisierung der Europäer ab Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart ist die Geschichte der Ureinwohner Lateinamerikas ein ständiger Kampf gegen Bevormundung und Marginalisierung im Land ihrer Ahnen. Eine breite, kontinentalweite Indigenitätsbewegung verbesserte zwar die Situation der Ureinwohner, dennoch ist ihre Lage in großen Teilen Lateinamerikas und der Welt immer noch sehr angespannt. Das hat auch mit der Indigenität selbst zu tun, da das Konzept Indigenität in großen inneren Widersprüchen steht, denn die Freiheit, sich selbst zu definieren, beinhaltet auch die Freiheit, sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, oder staatliche Definitionen von Indigenität zu ignorieren und sich selbst, frei von Konventionen und äußeren Einflüssen, zu definieren. Die Frage wo hier äußere Zwänge zur Geltung kommen, die es ohne den Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte gar nicht gäbe, die nun jedoch Realität sind, machen eine universelle Definition von dem, was Indigenität ist und was sie erreichen will sehr schwierig. Das Vorhaben, jedem zu seinem Recht zu verhelfen, ist hier zu vage, schließlich liegen die Probleme in den Definitionen der kulturellen Identitäten der Völker. Was ist Identität? Ist sie definierbar und wenn ja, wie?

Als pragmatische Lösungsoption im Spannungsfeld indigener Emanzipationspolitik drängt sich der Gedanke an die multikulturelle Gesellschaft auf, eine Gesellschaft, die sich das Ziel des friedlichen Miteinanders aller im Staatsgebiet befindlichen Kulturen gesetzt hat. Könnte diese Indigenen einen Platz in einem inklusiven Staat bieten?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es zunächst notwendig, einen Blick auf die Geschichte der indigenen Völker Lateinamerikas zu werfen, könnte dieser doch die Möglichkeit bieten, Handlungsanweisungen zu generieren. Was einst funktionierte, kann Inspiration für einen modernen Umgang mit Indigenität und der Förderung von Vielfalt und Freiheits- und Persönlichkeitsrechten dienen.

2. Situation der Indigenen Völker in Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert

Um 1820 entstanden von den Kolonialmächten unabhängige Staaten.

Vorangegangen war dem ein öffentlicher Diskurs über Freiheitsrechte (Guillermo de la Pena 2005, 719). Diskriminierung von Autochthonen war jedoch weiterhin gängige Praxis (720). So wurden die „Indianer“ in die Kategorien „wild“ und „zahm“ unterteilt (720). Während die „zahmen“ Indianer auf ein wenig Selbstbestimmung in ihnen zugeteilten Kommunen und Ländereien, wenn auch nur unter Aufsicht von Kirche und Militär, hoffen konnten, wurden die wilden Indianer versklavt und / oder ausgerottet (720). Für die liberalen Politikvertreter dieser Zeit waren die Kommunen, die den Ureinwohnern zugeteilt wurden, ein Dorn im Auge, da sie aus ihrer Sicht das Wirtschaftswachstum behinderten (721). Daraus leitete sich eine Politik gegen „indianischen“ Besitz ab, als in Mexiko Gesetze verabschiedet wurden, die Körperschaftseigentum der „indianischen“ Kommunen verboten (721). Im Klartext wurden die Kommunen enteignet. Motivation hinter den Gesetzen war, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu steigern, tatsächlich profitierten jedoch hauptsächlich die europäischen Kreolen und die sogenannten mestizos (Nachfahren von Autochthonen und europäischen Eltern, von de la Pena als „mixed blood“ bezeichnet [719]) von den Reformen (721). Für die sogenannten „Indianer“ veränderte sich durch die Reformen nicht viel an ihrem Status. Die „wilden“ wurden nach wie vor verfolgt und die liberalen Eliten hielten Indigene generell für Menschen, die abseits der Zivilisation lebten (721). Selbstbestimmung lag für die Indigenen des 19. Jahrhunderts noch in weiter Ferne, ihnen wurde ebenfalls das Recht versagt, sich ihre Identität selbst zu definieren (721-722). Diese Identität, die ihnen offiziell nicht gewährt war, entwickelte sich dennoch als Ausdruck von jahrhundertelangem Widerstand gegen Unterdrückung (722). Dieser Widerstand beinhaltete die Verteidigung eigener Ländereien und Institutionen sowie das Pflegen von Mythen, die von einer glorreichen Vergangenheit berichten, die einst wiederkehren wird (722). In Bezug auf Benedict Andersons Theorien zum Nationbuilding, also Nationen als „Imagined Communities“, stellt de la Pena fest, dass das Nationbuilding der lateinamerikanischen Nationen die komplette Verneinung indigener Identitäten beinhaltete (722). Durch dieses Fehlen ursprünglicher indigener Eigenschaften im nationalen Gedächtnis erlangten die mestizos herausragende Relevanz (722). Zwar war der Begriff einerseits negativ konnotiert, da die mestizos in der Vergangenheit oft als Mittelsmänner zwischen Autochthonen und portugiesischen und spanischen Kolonialherren auftraten, andererseits standen sie jedoch auch symbolisch für die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg (722).

Auch wenn die „Entindianisierung“ der Liberalen scheiterte (722), war die öffentlich propagierte Gleichstellung von Kreolen und Ureinwohnern, auch als Indios bezeichnet, weiterhin ein Faktum, sie wurde sogar gefördert, um die Indios weiterhin als billige Arbeitskräfte auf den Plantagen beschäftigen zu können (723). Aus dieser Historie leitet sich die negative Konnotierung des Begriffes Indio ab, weswegen dieser später nicht als offizieller Begriff für die politische und öffentliche Auseinandersetzung mit den Ureinwohnern verwendet wurde (718).

Knapp ein Jahrhundert sollte nach der Gründung unabhängiger Staaten in Lateinamerika vergehen, ehe sich die indigenen Völker durch eine offizielle Institution vertreten sahen. 1910 wurde in Brasilien der Servicio de Protección a los Indios gegründet, eine Organisation, die sich für die uneingeschränkte Staatsbürgerschaft und das Recht auf Bildung für Indigene einsetzte (723). Auch in Mexiko gab es Fortschritte für die Indigenen. 1910 kam infolge der Sozialen Revolution eine linkspopulistische Regierung an die Macht (723). Die Linkspopulisten sollten von nun an starke Verbündete der Indigenen sein, da sie als Teil der progressiven Bewegung gegen die Oligarchie und das Kapital gesehen wurden (724). Ihnen wurde ihr ehemals angestammtes Land zurückübertragen und sie wurden erstmals als wertvoller Teil der nationalen Kultur betrachtet (724). Im Geiste der neuen Regierung verbreitete der Anthropologe Manuel Gamio, ehemaliger Student bei Franz Boas und ab 1918 Anthropologie-Direktor im Landwirtschaftsministerium Mexikos, sein Kulturkonzept, in dem jede Kultur gleichen Respekt verdiene, weil sie Ausdruck eines bestimmten Kollektivs und seiner Geschichte sei (724).

Auch im restlichen Lateinamerika verbreitete sich die Kritik am Liberalismus. In Peru beispielsweise gründete Dora Mayers die Asociación Pro-Indigena, welche eine Debatte zu indigenen Rechten eröffnete und einen Erfolg dahingehend erzielte, dass 1920 Indigene Rechte, wie unter anderem die Anerkennung von Eigentum von Indigenen sowie die Förderung indigener Völker, in der peruanischen Verfassung festgeschrieben wurden (725). Wie schon in Mexiko war der engste Verbündete der Indigenen die radikale Linke, da sie glaubte, die indigenen Kommunen transportierten „the seed of socialist transformation“ (725).

Die Institutionalisierung der indigenen Freiheitsbewegung setzte sich 1935 fort, als der Vize-Bildungsminister Mexikos Moisés Sáenz das Departamento Autónomo de Asuntos Indígenas gründete (i.F. DAAI) (726). Ziel war es, Indigenitätsförderung zu einer kontinentalen Bewegung zu machen (726). Das DAAI war es schließlich auch, welches 1940 den ersten Interamerican Indigenist Congress veranstaltete, auf dem die Förderprogramme für Indigene Völker beschlossen und das Interamerican Indigenist Institute gegründet wurde (727).

Es dauerte nicht lange bis zur Gründung des nächsten Instituts, des Instituto Nacional Indigenista (i.F. INI), welches die bisherige Kategorisierung von Indigenität als Rasse infrage stellte und als unbegründet abwies (728). Der Begriff „Indigen“ wurde schließlich etabliert, um die Asymmetrie im bisherigen interkulturellen System aufzubrechen (729). Die bisherigen Begriffe wie Indio (siehe Seite 3), Tribesman / Indio tribal (theoretische Grundlage der Begriffe war mangelhaft), und ethnic group ( dieser Begriff vernachlässigte Beziehung zwischen indigenen Völkern und dem Staat) waren nicht qualifiziert, die Situation der entsprechenden Gruppen zu erfassen (718). Internationale Unterstützung bekam die Bewegung auch durch die Internationale Menschenrechtserklärung (732). Indigene Völker konnten sich nun endlich selbst definieren und hatten Möglichkeiten zur politischen Partizipation (732).

Unter Einfluss neoliberaler Politik ab den 1980er Jahren stieg die Abhängigkeit der indigenen Bewegungen vom Kapital (733). Durch die errungene politische Mitsprache sind wichtige Posten jedoch bereits besetzt worden. Die meisten Indigenen wollen laut de la Pena keine Unabhängigkeit, sondern ein Leben in einem inklusiven Staat (733). De la Pena stellt abschließend fest, dass diese politische Anerkennung grundlegende Voraussetzung ist, um nicht wieder der Willkür des Staates ausgeliefert zu sein (733).

In den Ausführungen de la Penas finden sich viele Probleme wieder, die nicht nur mit Indigenität, sondern auch mit Multikulturalismus im weiteren Sinne verbunden sind. Und obwohl zahlreiche Debatten um die Indigenen geführt wurden, ist die Frage von Belang, welche Ergebnisse die bisher getroffenen Maßnahmen lieferten. Welche Fehler wurden gemacht? Welche Antworten stellt die Idee des Multikulturalismus bereit, um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten? Und wie stellt sich die Situation für Indigene heute dar?

3. Die Chancen des Multikulturalismus

Die Multikulturalismusdefinition von Charles Taylor scheint wie geschaffen, um den Indigenen Völkern in der Ära des Multikulturalismus Ende des 20. Jahrhunderts eine Lobby zu bieten. In seinem Text „Interculturalism or Multiculturalism“ (2012) stellte er als eine Eigenschaft des Multikulturalismus fest, dass dessen Ziel wäre, eine Politik zu etablieren, die für Diversität, Integrationsförderung und Gleichheit steht (Charles Taylor 2012, 415). Dies deckt sich mit den von de la Pena festgestellten Wünschen der Indigenen, in einem inklusiven Staat zu leben. Taylor benennt jedoch auch eine zweite Eigenschaft des Multikulturalismus, den Interkulturalismus (415). Interkulturalismus ist ein Wesenszug des Multikulturalismus, da das Zusammenleben mehrerer Kulturen in einem Staatsgebiet auch hier in der Definition inbegriffen ist. Bei der Abgrenzung von Multi- und Interkulturalismus wird jedoch ein begriffliches Problem des Konzepts deutlich. Der Wortbaustein „multi“ impliziert, dass auf einem Gebiet mehrere Kulturen nebeneinander leben (416-417). Der Fokus auf diesen potentiell problematischen Teil des Konzepts schafft den Freiraum für Ängste und dementsprechend ablehnende Haltungen gegenüber anderen Kulturen. Beng Huat Chua beschäftigt sich in seinem Text „When Difference Becomes an Instrument for Social Regulation“ (2005) mit einer ausgeprägten Multikultur, im Sinne von nebeneinander existierenden Kulturen, in Singapur. Er beschreibt in diesem Text, wie die drei größten Gruppen, Chinesen, Malaysier und Inder, in, grob dargestellt, Konkurrenz miteinander leben, welche sich teilweise auch in Privilegien der jeweiligen Gruppen in einigen Strukturen äußert. Bei oberflächlicher Betrachtung der Umstände offenbart sich hier ein hohes Konfliktpotential, welches Chua auch einräumt, indem er sagt, dass ein sachlich vereinfachtes Argument gegen Multikulturalismus wäre, dass die nationale Einheit von Heterogenität aufgelöst werden kann (Chua 2005, 418). Wenn das Ziel der nationalen Einheit eine Hegemonie im Diskurs darstellt, lässt sich erahnen, dass es nicht nur wirtschaftliche Gründe waren, die die Liberalen in Mexiko dazu bewogen, die Indigenen zu enteignen. Auch die Dauer bis zur Anerkennung Indigener Rechte muss unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet werden. Doch anders als in Singapur, wo die formelle Gleichstellung zwischen den Ethnien gewährleistet war (419), waren die Indigenen Mexikos und ganz Lateinamerikas einem asymmetrischen Interkulturalismus ausgesetzt. Diese Asymmetrie kritisiert auch Taylor, als er schreibt, dass Herausforderungen in multikulturellen Gesellschaften dann entstehen, wenn eine Bevölkerungsgruppe zur Norm gemacht wird und andere Gruppen von dieser Norm ausgeschlossen werden (Taylor 2012, 415). Aus der Bestrebung der Indigenen Lateinamerikas nach einem inklusiven Staat leitet sich bereits der Umkehrschluss ab, dass dieser inklusive Staat noch nicht existent ist. Die Notwendigkeit eines solchen Staates ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Wo Menschen aufeinandertreffen, findet unweigerlich Interaktion statt und von diesen Interaktionen wird die kulturelle Identität einer Gesellschaft unvermeidbar geprägt. Es wird an dieser Stelle also deutlich, warum Chua das Argument, Kulturen würden nebeneinander leben und die Einheit der Nation gefährden, zu kurz gedacht ist. Multikulturalismus ist eben, wie es Taylor auch schrieb, immer auch Interkulturalismus. Es muss, wie de la Pena (2005, 733) und auch Chua (2005, 418) bemerkten, eine politische Vertretung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen gesichert sein. Durch diese Institutionalisierung kann ein gruppenbasierter, kollektiver Diskurs, wie ihn Chua fordert (421) geführt werden. Auf diesem Wege wäre die Abgrenzung und Selbstbehauptung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen wie auch die nationale Einheit gewährleistet. Auch die von Taylor beschriebenen Ängste im Zusammenhang mit Interkulturalismus, dass „die“ „uns“ verändern (2012, 420), könnten auf diesem Weg begegnet werden. Taylor vermutet, dass es die Auseinandersetzung mit „den Anderen“ braucht, um sich in die Lage der jeweils anderen Gruppe hineinzuversetzen und sie so besser verstehen zu können (422).

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Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668843257
ISBN (Buch)
9783668843264
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v450792
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Schlagworte
Indigenität Lateinamerika Multikulturalismus

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