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Die Botschaft der ersten stereoskopischen Fotos und Filme zur Zeit des Nationalsozialismus

Von der Propaganda zum Lehrmittel (Einsatz in der Wehrmacht)

Hausarbeit 2016 31 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Nationalsozialistische Ideologie
2.1 Antihaltung, Rassenlehre, Lebensraumideologie, Idee der Volksgemeinschaft
2.2 Effekt und Aufgabe von stereoskopischen Medien in der Propaganda des Na- tionalsozialismus

3. Entstehung und Einsatz der ersten stereoskopischen Fotos und Videos
3.1 Die Entstehung der Stereoskopie
3.2 Stereoskopie in der nationalsozialistischen Propaganda
3.3 Stereoskopie als Lehrmittel in der deutschen Wehrmacht
3.4 Stereoskopie in diversen anderen Bereichen des nationalsozialistischen Re- gimes
3.5 Das Verhältnis zwischen dem Raumbild der Stereoskopie und dem Diskurs des Raums im Nationalsozialismus
3.6 Das Nachleben der Stereoskopie nach dem Nationalsozialismus

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1, S. 10, Jacopo Chimenti da Empoli: Doppelte Tuschezeichnung (1600)

Abb. 2, S. 11, Senf Eberhard: Das Original-Kaiser-Panorama, zur Ausstellung "Das Kaiserpanorama", Berliner Festspiele GmbH (1984)

Abb. 3, S. 11, Klein A.; Weiland F.; Bode R.: 3-D-aber wie! Haltern: View-Master (1994)

Abb. 4, S. 13, Dr. Tröller: Pfahlbau am Bodensee aus: Das Raumbild. Stereoskopisches Magazin für Zeit und Raum, 3. Jg., Nr. 8 (1938)

Abb. 5, S. 14, Heinrich Hoffmann: Die schönen Flachsspinnerinnen aus: Das Raumbild. Stereoskopisches Magazin für Zeit und Raum, 3. Jg.,Nr. 1 (1937)

Abb. 6, S. 20, Josef Vollert: Der Diskuswerfer des Myron (Zur Schenkung des Führers an die Glyptothek zu München) aus: Das Raumbild. Stereoskopisches Magazin für Zeit und Raum, 5. Jg.,Nr. 1 (1939)

Abb. 7, S. 24, Ruff Thomas: Industrieanlage im Ruhrgebiet 1 (1994)

1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG

Wer kennt es nicht? Das Bild des nackten vietnamesischen Mädchens, das schrei- end vor Angst auf einer Straße rennt oder die Aufnahme des kleinen Jungen im Warschauer Ghetto, der mit erhobenen Armen um sein Leben fürchtet? Unser Ge- dächtnis assoziiert diese Bilder sofort mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieg und mit dem Holocaust. Doch das Bild ist nicht der unbezweifelbare Garant ver- gangener Wirklichkeit, für das wir es halten, sondern entfaltet seine eigene Dy- namik. Bei Namen wie Hitler, Stalin oder Hussein verbindet unser Gedächtnis diese sofort mit einem passenden Bild, auch wenn wir diesen Menschen nie be- gegnet sind. Wir sind der Meinung, diese Personen auf irgendeine Art und Weise zu kennen, weil wir sie in Fotografien oder Filmen gesehen haben, wo sowohl ihr äußeres Erscheinen als auch teilweise ihr Charakter eingefangen und widerge- spiegelt wird.1 Bilder politischer Führungsgestalten sind aber nicht nur ein In- strument politischer Kommunikation, sondern auch ein wichtiger Gegenstand his- torischer Forschung. Bilder können bedeutende und hoch komplexe historische Vorgänge in einen einzigen permanenten „Ausdruck“ für die Nachwelt verwan- deln.2

Im historischen Kontext existieren mittlerweile unzählige Film- bzw. Bildikonen, die von uns bei Bedarf sofort abgerufen werden können. Als mentale Bildmuster verformen sie unsere Wahrnehmung und prägen wie ein Bildarchiv unsere Erinne- rungen. In der Regel dienen Filme und Fotografien in diesem Zusammenhang als Abbilder des Gewesenen. Man erwartet, dass sie als Sprache oder Text eine äuße- re Realität unmittelbar wiedergeben, jedoch sind Filme und Bilder niemals nur Abbild von Realität. Sie geben das, was sie darstellen, eigentätig wieder in Bezug auf die Subjekte, welche die Bilder produzieren. Die Vorannahmen und Sichtwei- sen des Produzenten können sich parteiisch oder mitunter auch manipulativ auf die Adressaten auswirken.3 Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden die moder- nen Medien der Zeit für die Propaganda genutzt. So nutzten sie auch eine der auf- regendsten Innovationen der Fotografie zu ihren Zwecken: das dreidimensionale Bild, damals „Stereoskopie“ genannt. 1936 hat Heinrich Hoffmann - Freund und privater Fotograf von Adolf Hitler- das erste Raumbildband unter dem Titel „Die Olympischen Spiele 1936“ inklusive 3D-Brille veröffentlicht. Später entstand noch ein Band als Propaganda für das nationalsozialistische Reich mit dem Na- men „Reichsparteitag der Ehre“ und viele weitere Bände folgten. Letztendlich wa- ren all diese Fotografien ein subtiles Instrument im Dienste der Volksverführung und zeigten auf eindrucksvolle Weise, wie Hitler und seine braune Gefolgschaft gesehen werden wollten. Mit der Premiere des ersten Nazi-3D-Films am 5. De- zember 1937 im Berliner Ufa Palast im Zoo wurde klar, dass die braunen Macht- haber nicht nur totale Meister des Bildes, sondern auch Pioniere des stereoskopi- schen Filmemachens sind. Der Werbefilm für die Volksfürsorge-Lebensversiche- rung wurde unter dem Namen „Zum Greifen nahe“ ausgestrahlt. Vor allem die Industrie- und Porträtfotografie zeigten großes Interesse, mit Hilfe der Stereosko- pie einerseits kostengünstig eine Alternative zum klassischen Porträt zu schaffen und andererseits technische Details wie industrielle Objekte klarer und deutlicher darzustellen. Die Möglichkeiten dieses Mediums sollten das Leben umfassend revolutionieren.4

Diese Hausarbeit verfolgt das Ziel, die Botschaft der ersten stereoskopischen Fo- tos und Filme zur Zeit des Nationalsozialismus zu analysieren. Dabei wird zu- nächst die nationalsozialistische Ideologie skizziert, um in einem weiteren Schritt die Entstehung und den Einsatz der ersten stereoskopischen Fotos und Videos zur Zeit des Nationalsozialismus auszuarbeiten. Diese Arbeit veranschaulicht, wie man diese Technologie in der nationalsozialistischen Propaganda eingesetzt hat, wie man mit 3D-Bildern bewusst die Menschen versucht hat zu manipulieren, aber auch wie der Wert der stereoskopischen Filmbilder für Lehrfilme in der deut- schen Wehrmacht entdeckt und zur Aufklärung, Orientierung oder zur Feinder- kennung als optischer Simulator eingesetzt wurde. Das Verhältnis zwischen dem Raumbild der Stereoskopie und dem Diskurs des Raums im Nationalsozialismus wird ebenfalls in dieser Arbeit untersucht. Die diversen Funktionen des stereosko- pischen Bildes und Filmes werden anhand historischer Belege aufgegriffen und skizziert. Ein weiteres Thema dabei ist auch der Einsatz des stereoskopischen Bil- des in der Luftaufklärung. Die Vorteile eines 3D Bildes bzw. Filmes gegenüber herkömmlichen Medien in diesem Bereich sind ebenfalls Bestandteil dieser Ar- beit.

2. NATIONALSOZIALISTISCHE IDEOLOGIE

Die Rassenkunde nimmt in der Anthropologie, der Naturgeschichte des Menschen in seiner zeitlichen und räumlichen Verbreitung und Erscheinungsvielfalt, einen bedeutenden Platz ein, wobei die Anfänge der Rassenkunde bis weit in die Antike zurückreichen.5 Bereits im klassischen Altertum existieren idealistisch-philoso- phische Abhandlungen, die den rassenhygienischen Bestrebungen des frühen 20. Jh. entsprechen. Doch erst mit dem Aufschwung der biologischen Wissenschaften der Neuzeit entwickelte sich die planmäßige rassenkundliche Forschung.6 Der schwedische Botaniker Carl von Linné hat mit seinen nomenklatorischen, gleich- sam grammatikalischen Regeln der Systematik den Mensch erstmals als ein Orga- nismus unter vielen der Klasse der Säugetiere zugeordnet. Innerhalb dieser Klasse gibt es verschiedene Ordnungen und Unterarten, wobei Linné bereits eine Unter- art „monströser“ menschlicher Un-Wesen ins System einführte.7 „Rassentheorien“ und „Rassenhygiene“ bildeten grundlegende Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung. Im Vordergrund stand das Ziel der Entwicklung gesunder Erban- lagen zur genetischen Verbesserung der „eigenen Rasse“.8 Mit der Einführung des ersten deutschen Lehrstuhls für Rassenhygiene im Jahr 1923 zeigte sich die stei- gende Akzeptanz und Verbreitung von Rassenhygiene und Rassenkunde in der Wissenschaft. Später fanden diese Überlegungen besonderen Zuspruch in der Na- tionalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, wo man Rasse mit Volk gleichsetz- te.9 Welche Haltung dabei im Vordergrund stand und wie diese vermittelt wurde, wird im nächsten Kapitel skizziert.

2.1 Antihaltung, Rassenlehre, Lebensraumideologie, Idee der Volksgemein- schaft

Wirft man einen Blick auf die politische und ideologische Öffnung des deutschen Volkes für den Nationalsozialismus, so muss man zunächst die Wurzeln dieser nationalsozialistischen Massenbewegung allgemein und ihrer Führer im Speziel- len hinterfragen. Bevor eine Massenbewegung entstehen kann, müssen sich ideo- logisch gefestigte Führungspersonen finden, welche die Massen begeistern und lenken können. Die bedeutendsten ideologischen Vorreiter des Deutschtums in seiner nationalsozialistischen Verabsolutierung waren Ernst Jünger, der als geisti- ger Vorbereiter des entstehenden Nationalsozialismus gilt, Carl Schmitt, der Staatsrechtslehrer, der die Weimarer Republik bekämpfte und natürlich Adolf Hit- ler, der junge Massenpropagandist der Deutschen Arbeiterpartei.10 Alle drei streb- ten nach einer „reinen Rasse“, wobei die Befreiung des Mannes und die damit verbundene Erschaffung einer neuen Rasse in Form von Krieg, oder durch die Bildung und Erziehung der jungen Generation oder durch die Vernichtung von Menschen, die von allen traditionellen Stereotypen abwichen, erlangt werden soll- te.11

Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf den Ideen des 19. Jahrhunderts und entwickelte sich als Reaktion auf die liberalen und parlamentarischen Errun- genschaften des 20. Jahrhunderts weiter. Die als nationale Schmach empfundene Niederlage des Ersten Weltkrieges spielte ebenso eine wesentliche Rolle bei der Entstehung dieses Gedankenguts.12 Generell lässt sich die nationalsozialistische Ideologie mit vier Schlagworten beschreiben: Antihaltung, Rassenlehre, Lebens- raumideologie und Idee der Volksgemeinschaft. Die Antihaltung zeigte sich in der antisemitischen, antikommunistischen, antiliberalistischen, antimarxistischen, an- tiparlamentaristischen und antibolschewistischen Weltanschauung der damaligen Zeit.13 Vor allem Juden, aber auch andere „nichtarische“ Rassen wurden als „Hauptfeinde“ angesehen und mit diversen populistischen Propagandamitteln als Sündenböcke, u.a. für Deutschlands wirtschaftliche Misere in der Öffentlichkeit präsentiert.14 Die nationalsozialistische Ideologie hat ihre Wurzeln in der Rassen- lehre des Sozialdarwinismus. Dieser war eine falsche Schlussfolgerung aus der Theorie von Charles Darwin über die Weiterentwicklung der Arten durch Anpas- sung mit dem Kerngedanken, dass sich die jeweils stärkere menschliche Rasse im Kampf durchsetzen würde.15 Die Einteilung in drei Rassen war eine logische Konsequenz dieser Überzeugung:

- die kulturstiftende Rasse (nordisch-arisch), die sog. „Herrenrasse“: diese hoch- wertigen Menschen hatten die Aufgabe, die Herrenrasse rein zu halten, sexueller Kontakt zwischen den Angehörigen der hohen Rasse und der minderwertigen Rasse war verboten.
- die kulturtragende Rasse (bspw. die asiatische und die afrikanische)
- die kulturzersetzende Rasse (semitisch): hierzu wurden Sinti, Roma und vor al- lem Juden gezählt. Ihnen wurde unterstellt, die Herrenrasse „zersetzen“ zu wol- len, daher mussten sie zum Schutz der Volksgemeinschaft vernichtet werden.16 Der Gedanke, dass die arische Rasse die Herrschaft über alle anderen Rassen er- langen müsse, zeigte sich auch in der Lebensraumideologie. Bereits 1925 hatte Adolf Hitler in seinem Bekenntnisbuch „Mein Kampf“ die Gewinnung von neu- em „Lebensraum“ für das deutsche Volk als eines der wichtigsten Ziele seines au- ßenpolitischen Programms definiert. Dabei dachte er nicht nur an die Rückgewin- nung der im Versailler Vertrag abgetretenen deutschen Gebiete, sondern an die Eroberung eines geschlossenen Gebietes im Osten, wie z.B. die Ukraine.17 Der Gedanke, nach Osten zu expandieren, basierte sicher auch auf der Annahme, dass die Deutschen die im Osten lebende Bevölkerung als minderwertige Rassen ansa- hen. Man spricht auch vom sog. „Lebensraum im Osten“, ein politischer Begriff, der bereits von der völkischen Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich geprägt und von den Nationalsozialisten im Deutschen Reich rassenbiologisch interpre- tiert wurde. Zudem liefert dieser Begriff den ideologischen Hintergrund für den von Reichsführer SS Heinrich Himmler in Auftrag gegebenen Generalplan Ost, der die Vertreibung der „rassisch unerwünschten“ Bevölkerung aus den eroberten Gebieten in Osteuropa, ihre „Germanisierung“ und wirtschaftliche Ausbeutung vorsah. 18 „Volksgemeinschaft“ ist kein genuiner nationalsozialistischer Begriff, sondern wurde bereits im August 1914 von Kaiser Wilhelm II mit der Aussage geprägt, dass er keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kenne. Dieser Satz spiegelte den Wunsch vieler Deutscher nach Gleichheit und Inklusion und auch Juden hofften, aufgrund ihrer patriotischen Haltung endlich von der Mehrheit der Gesellschaft als gleichwertig akzeptiert zu werden.19 Die Nationalsozialisten hin- gegen begriffen die Volksgemeinschaft vor allem in ihrer exkulpierenden Dimen- sion und konzentrierten sich mehr darauf, die sog. „Gemeinschaftsfremden“ aus der Volksgemeinschaft auszugrenzen. Das gemeinsame Ziel des Rassenerhaltes sollte die Volksgemeinschaft zusammenhalten.20 Trotz dieses Zusammenhaltes oder gerade deswegen bestand die Notwendigkeit eines politischen Führers, eines bedingungslosen Herrschers, der vom Volk bestätigt und unterstützt wurde. Dieses „Führerprinzip“ galt als Grundgesetz nationalsozialistischer Weltanschauung. Nach dem Motto „Führer befiehl, wir folgen“ verpflichtete es zu blindem Gehor- sam und bedingungsloser Treue gegenüber Adolf Hitler, sowie zu Gehorsam ge- genüber den Befehlen der Führer auf mittlerer und unterer Ebene. Die Führerge- walt war dabei nicht durch Kontrollen gehemmt, sie war ausschließlich und unge- hemmt. Mit der Anerkennung des Führerprinzips verzichteten die Deutschen auf alle bürgerlichen Rechte der Gestaltung ihrer Verhältnisse und damit auch auf ra- tionale Strukturen der Politik. 21

Um ein gesamtes Volk derart zu manipulieren, sodass sie auf jegliche Rechte verzichten, bediente sich das nationalsozialistische Regime u.a. einer gewaltigen Propaganda, an deren Spitze Joseph Goebbels die Interessen von Adolf Hitler bestens vertrat. Welchen Effekt und welche Aufgabe stereoskopische Medien dabei hatten, wird im folgenden Kapitel untersucht.

2.2 Effekt und Aufgabe von stereoskopischen Medien in der Propaganda des Nationalsozialismus

Joseph Goebbels war ein medienpolitisches, organisatorisches und rhetorisches Talent. Einerseits kontrollierte er die Meinungsbildung und das kulturelle Leben autoritär- bürokratisch, andererseits zog er das deutsche Volk in den Bann der na- tionalsozialistischen Agitation, indem er neueste massenpsychologische Erkennt- nisse und Entwicklungen auf dem Mediensektor einsetzte und dadurch einen ge- waltigen Propagandaapparat aufbaute22. Massenmedien wie Radio, Wochenschau und Presse, aber vor allem auch die Kinowochenschau wurden systematisch dazu eingesetzt, Stimme und Bild des Führers ständig und überall zu präsentieren, na- türlich unter dem strengen Reglement des Propagandaministeriums.23 Bernhard Rust, der den Vorsitz im 1934 gegründeten Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung innehatte, sah den Film in Bezug auf den schulischen Unterricht als unerlässlich für die erfolgreiche Vermittlung nationalsozialistischer Grundsätze an. So wurde noch im selben Jahr die „Reichsstelle für den Unter- richtsfilm“ gegründet mit dem Ziel, den Film als gleichberechtigtes Lernmittel überall dort an die Stelle des Buches usw. einzusetzen, wo das bewegte Bild ein- dringlicher als alles andere zum Schüler spricht.24 Ab dem Jahre 1937 wurden die Lehrpläne für die Schulen nationalsozialistischen Grundsätzen und Leitideen an- gepasst. Zu dieser Zeit entstanden u.a. Filme, die die Wehrmacht dokumentierten mit dem Ziel, die Jugendlichen für den Kriegseinsatz vorzubereiten.25 Die beiden Filme „Sieg des Glaubens“ und „Triumph des Willens“, die Leni Riefenstahl unter nationalsozialistischer Führung produziert hatte, wurden ebenfalls bei Filmvor- führungen an Schulen in den Unterricht eingebaut. Das Modernitätsverständnis des Regimes ging aber weit über den schulischen Bereich hinaus. Mit der Einfüh- rung des Farbfilms 1938 zeigten die Nationalsozialisten wieder einmal, dass sie jegliche technische Neuerungen und neue Medien für sich beanspruchten, wäh- rend andererseits Kunststile und Kunstpraktiken, die bis dato als modern galten, abgewertet und abgelehnt wurden.26

Die Stereoskopie galt als marginales Objekt der visuellen Kultur des Regimes. Mithilfe des Stereobildes versuchte man an die Erfolge der bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannten - durch Charles Wheatstone, David Brewster und Jules Dubosq entwickelten - Stereoskopie anzuknüpfen und diese erneut zu popularisie- ren. Vor allem in der Industrie- und Porträt-Fotografie sollte die Stereoskopie zur Anwendung kommen. Im Stereofoto sah man einerseits eine kostengünstige Al- ternative zum klassischen Porträt und andererseits eine klarere und deutlichere Darstellung von technischen Details wie industriellen Objekten. Zur Zeit des Na- tionalsozialismus erlebte die Stereoskopie eine zeitweilige Hochphase, in der nicht nur die sog. „Raumbildbände“, sondern auch die parteinahe Stereoskopie Zeitschrift „Das Raumbild“ verlegt wurde.27 Die Vereinnahmung dieses Mediums wurde vor allem durch Hitlers Leib- und Hoffotograf Heinrich Hoffmann voran- getrieben, der zwei zentrale, staatspolitische Veranstaltungen mithilfe von Raum- bildbänden dokumentierte: den „Reichsparteitag der Ehre“ und die „Olympischen Spiele 1936“. Als führender Bildlieferant des Regimes lieferte Hoffmann nicht nur die einschlägigen Pressefotografien für die NSDAP, sondern auch Hitler-Por- träts, sowie Aufnahmen der zeitgenössischen Kunst und von Festzügen.28

[...]


1 Wolfrum, Edgar; Arendes, Cord: Die Macht der Bilder. In: Unispiegel der Universität Heidelberg. URL: http:// www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca06-2/8.html (05.08.2016).

2 ebd.

3 ebd.

4 Fitzner, Sebastian: Raumrausch und Raumsehnsucht. Zur Inszenierung der Stereofotografie im Dritten Reich. Archiv Universität Heidelberg. Fotogeschichte 109/ 2008, S. 26.

5 Seidler, Horst; Rett, Andreas: Das Reichssippenamt entscheidet. Rassenbiologie im Nationalsozialismus. Hg. von Jugend und Volk Wien München: Novographic Wien 1982, S. 37.

6 ebd.

7 ebd.

8 Husemann, Mirjam: Die NS-Rassenpolitik. In: Lebendiges Museum Online. URL: https://www.dhm.de/lemo/ kapitel/ns-regime/innenpolitik/rassenpolitik.html (12.08.2016).

9 ebd.

10 Petzoldt, Veit: Nationalsozialistische Minderwertigkeitslehren und ihre organisatorische Umsetzung. Theorie und Forschung Zeitgeschichte. Regensburg: S.Roderer Verlag 2002, S. 4.

11 ebd., S. 5.

12 Stapelberg, Michael; Aichinger, Franziska: Die nationalsozialistische Ideologie. In: Michael Stapelberg Web- site. URL: https://michael.stapelberg.de/Dokumente/NS_Ideologie.pdf (09.08.2016).

13 Berg, Rudolf: Wege durch die Geschichte. Grundkurs Geschichte 12. Cornelsen 1993, S. 308-312.

14 ebd.

15 ebd.

16 ebd.

17 Deacademic: Nationalsozialismus: „Lebensraum“-Politik. In: Universal-Lexikon Online. URL: http://univer- sal_lexikon.deacademic.com/276797/Nationalsozialismus%3A_»Lebensraum«-Politik (12.08.2016).

18 Seite „Lebensraum im Osten“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Mai 2016, 06:36 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Lebensraum_im_Osten&oldid=154299851 (13.08.2016).

19 Wildt, Michael: „Volksgemeinschaft“: Die Nazis fragten, wer nicht dazu gehört. In: Der Tagesspiegel Online. URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/50-deutscher-historikertag-volksgemeinschaft-die-nazis-fragten-wer- nicht-dazugehoert/10755206.html (14.08.2016).

20 ebd.

21 Bundeszentrale für politische Bildung: Argumente gegen rechtsextreme Vorurteile. Führerprinzip. In: Informa- tionen zur politischen Bildung aktuell. URL: http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37986/argu- mente-gegen-rechte-vorurteile?p=9 (15.08.2016).

22 Wissen Online: Ideologie im Dritten Reich: Die Macht der Propaganda. In: Bildwb. URL: http://www.wissen.- de/bildwb/ideologie-im-dritten-reich-die-macht-der-propaganda (13.08.2016).

23 ebd.

24 Marquardt, Anne: Der Film als Instrument der Formationserziehung im Dritten Reich. Der schulische Medien- gebrauch der Nationalsozialisten untersucht an Filmen Leni Riefenstahls. Hamburg: Diplomics Verlag GmbH 2013, S. 26.

25 ebd., S. 27.

26 Fitzner: Raumrausch und Raumsehnsucht, S.26.

27 ebd., S. 27.

28 ebd., S. 28.

Details

Seiten
31
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668844339
ISBN (Buch)
9783668844346
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v450901
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,7
Schlagworte
Stereoskopie Rassenlehre Antihaltung Lebensraumideologie

Autor

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Titel: Die Botschaft der ersten stereoskopischen Fotos und Filme zur Zeit des Nationalsozialismus