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Die Entwicklung der antiken Stadt Sardes unter seleukidischer Herrschaft

Eine archäologische Untersuchung der Stadtwerdung von Sardes

Hausarbeit 2012 39 Seiten

Archäologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Historischer Abriss zur Geschichte der Seleukiden in Sardes

3. Die architektonischen Zeugnis
3.1 Die königliche Festung
3.2 Die Unterstadt und Nekropole
3.3 Der Artemistempel

4. Keramik

5. Die polis -Werdung von Sardes

6. Fazit

7. Anhang

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

Das antike Sardes liegt im Bereich des heutigen Städtchens Sart, in der antiken Landschaft von Lydien, in Westkleinasien, rund 100 km vom Meer entfernt, am Fluss Gediz Cay, dem antiken Hermos (Abb. 1). Im Norden befindet sich die königliche Nekropole von Bin Tepe unterhalb des Sees Mermere Gölü, dem antiken Gygaeischen See und im Norden das Tmolusgebirge, das heutige Bozdagfelsmasiv, welches ein Teil des Mäandermassives ist.1 Die natürliche Fruchtbarkeit dieser 800m2 großen sardischen Ebene wurde bereits von Strabo erwähnt.2

Die erste wissenschaftliche Expedition mit dem Ziel Sardes unternahm Howard Crosby Butler in den Jahren von 1910 bis 1914, sowie im Jahr 1922. Durch diese Expedition erfolgten bereits erste Untersuchungen zum Artemis-Tempel, sowie auch erste Publikationen u.a. zu Münzen oder zum Artemis-Tempel an sich.3 Die Weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Region begann im Jahr 1958 und dauerte bis 1975 unterstützt durch eine gemeinschaftliche Expedition der Cornell University und der Harvard University mit finanzieller Unterstützung der American Schools of Oriental Research, unter der Leitung von George M. A. Hanfmann. Dieser fasste seine Erkenntnisse in dem Buch Sardis from Prehistoric to Roman Times. Results of the Archaeological Exploration of Sardis 1958-1975 allgemeinverständlich zusammen und veröffentlichte zusätzlich zahlreiche Grabungsbände. Von 1976 an wurde diese Arbeit unter der Direktion von Crawford Greenewalt Jr. der Universität Berkeley fortgesetzt, welcher 2007 von Nicholas Cahill abgelöst wurde.

Was sollen nun aber die Ziele unserer Betrachtungen sein? Allem voran soll untersucht werden, wie sich die Stadt in baulicher und struktureller Hinsicht verändert hat? Das heißt, es soll untersucht werden, inwiefern sich die Produktionsgebiete bzw. Wohnstätten im Vergleich zu früheren Zeiten verschoben haben oder auch nicht, welche Veränderungen in der Sakralarchitektur zu betrachten sind oder auch welche Gebäude hinzugekommen sind. In diesem Zusammenhang soll auch die polis -Werdung der Stadt näher untersucht werden.

Diese Betrachtungen sollen z.T. durch kurze Exkurse unterstützt werden bezüglich der sardischen Metallproduktion und den Marmorskulpturen aus hellenistischer Zeit. Des Weiteren muss natürlich auch die Keramik dieser Zeit betrachtet werden, da durch diese Rückschlüsse gezogen werden können, inwiefern die einheimisch sardische Tradition durch äußere Einflüsse geprägt wurde bzw. diese angenommen hat. Als einen letzten Punkt möchte ich noch das religiöse Leben der Stadt genauer ins Auge fassen, wobei wir uns im Speziellen den Artemis-Tempel vor Augen führen und nur kurz auf eventuelle andere Kulte eingehen wollen.

2. Historischer Abriss zur Geschichte der Seleukiden in Sardes

Auf Grund des Umfanges, sowie des Themas dieser Arbeit soll lediglich die Geschichte der seleukidischen Zeit im Besonderen betrachtet und nur kurz auf die Ereignisse davor und danach eingegangen werden.

Die Geschichte von Sardes beginnt bereits in der frühen Bronzezeit, d.h. etwa um 3000 v. Chr., jedoch haben wir aus dieser frühen Phase nur sehr wenige Funde überliefert. Darauf folgte die lydische Periode, zuerst unter dem Geschlecht der Tyloniden (etwa von 1200 bis 700 v. Chr.) und später unter dem Geschlecht der Mermnaden, welche die Stadt wohl am deutlichsten geprägt hatten. Unter diesen sind vor allem Gyges (reg. 675-647 v. Chr.), als Dynastiegründer, zu nennen, sowie dessen Urenkel Kroisos (reg. 555-547 v. Chr.), unter welchem die Stadt eine ungeheure Bedeutung, Macht und Reichtum erlangte, was u.a. aus der Prägung der ersten Münzen resultierte, sowie aus den reichen Goldvorkommen des Tmolusgebirges und des Flusses Pactolus.4 Über diesen Reichtum berichtet bereits Herodot, wenn er von den reichen Weihgeschenken des Kroisos an den „Gott von Delphi“ berichtet.5 Ein jähes Ende fand diese Zeit durch den Einfall der Perser und den Kampf gegen Kyros II. Kroisos befragte zuvor das Orakel von Delphi, welches ihm zur Antwort gab, dass, wenn er gegen die Perser ziehen würde, er ein großes Reich zerstören werde.6 So kam es auch und die Perser nahmen Sardes ein und brachten dem Lyderreich das Ende. Unter den Persern wurde Sardes die Hauptstadt der neugegründeten Satrapie Sparda.

Die persische Herrschaft, welche über 200 Jahre andauerte, wurde erst durch Alexander den Großen beendet, welcher die Stadt 334 v. Chr. eroberte, wie uns Arrian berichtet.7 Direkt nach der Eroberung der Stadt gab Alexander den Befehl zur Errichtung des Tempels von Zeus Olympios, an der Stelle des Palastes der lydischen Könige.8 Die Zeit nach Alexanders Tod 323 v. Chr. kann als unstet bezeichnet werden, da es keine klaren Besitzstrukturen unter seinen Nachfolgern gab. So wurde zeitweilig sein Halbbruder Philipp III. Arrhidaios Herrscher über Sardes, bis Kleinasien in der Konferenz von Triparadeisos 320 v. Chr. an Antigonos I. Monophthalmos überging.9 Aber seine Herrschaft wurde recht zeitnah beendet durch die Koalition zwischen Seleukos I. Nikator und Lysimachos, welche 301 v. Chr. Antigonos in der Schlacht von Ipsos besiegten, wodurch an Lysimachos große Teile Kleinasiens übergingen. Doch erst nach der Schlacht von Kurupedion im Februar 281 v. Chr.10 kehrte eine Zeit der Stabilität ein, da nun Sardes und weite Teile Kleinasiens in das seleukidische Reich eingegliedert wurden.s11

Da dies, wie bereits erwähnt, die Zeit der Stabilität war, wurden vermutlich erst jetzt wieder Münzen geprägt, was unter den übrigen hellenistischen Herrschern wohl nicht mehr der Fall war.12 Insgesamt fand man bis 1914 80 seleukidische Münzen, welche wohl zum großen Teil in Sardes geprägt wurden.13 Auch wurde Sardes wieder Hauptstadt der kleinasiatischen Provinzen des Reiches. Die darauffolgenden Jahre verliefen eher ereignislos. Zu erwähnen ist lediglich, dass Antiochos I. seinen Hof 276-274 v. Chr. nach Sardes verlagerte, wodurch die politische Bedeutung nochmals gestärkt wurde.14 Erst 226 v. Chr., mit dem Tod von Seleukos II., erkannte das mittlerweile erstarkte Königreich von Pergamon seine Chance und Sardes fiel für kurze Zeit unter pergamenische Kontrolle, wie uns auch Polybius berichtet.15 Diese wurde jedoch durch Achaeus 223/2 v. Chr., welcher ein Cousin von Antiochos III. und gleichzeitig dessen General war, nach dem Tod von Seleukos III. wieder beendet. Achaeus jedoch revoltierte 220 v. Chr., da Antiochos III. seine Herrschaft noch nicht vollends gefestigt hatte und eine unzufriedene lydische Bevölkerung sich ebenfalls gegen das bestehende System erhob. Jedoch schlug Antiochos 215/14 v. Chr. zurück16 und eroberte 213 v. Chr. Sardes wieder, nachdem Achaeus über ein Jahr auf der Zitadelle ausgeharrt hatte17. Da Antiochos aber wusste, dass nicht nur Achaeus, sondern auch die Bevölkerung von Sardes mit involviert war, ließ er die Stadt zerstören und plündern, was in einem synoikismos, also einer Umstrukturierung der Stadt 213 v. Chr., endete. Mit dieser wurde Zeuxis beauftragt, welcher wohl auch aus Mesopotamien eine erste jüdische Gemeinde in Sardes zu dieser Zeit ansiedelte.18 Nach diesen Vorfällen kam es erst wieder 190 v. Chr. zu Unruhen, als die Römer Antiochos III. bei Magnesia am Sipylos besiegten.19 Daraufhin ging Sardes im Frieden von Apamea 188 v. Chr. an das pergamenische Reich über, wo es bis 133 v. Chr. verblieb, als die Besitztümer Pergamons durch testamentarischen Beschluss von Attalos III. an das römische Reich übergingen. Eines der wichtigsten Ereignisse in den darauffolgenden Jahren war das Erdbeben von 17 n. Chr.20, wodurch viele archäologische Zeugnisse fast bis zur Unkenntlichkeit zerstört wurden.

3. Die architektonischen Zeugnisse

Wie wir bereits im vorhergehenden Kapitel gesehen haben, kann die Geschichte des seleukidischen Sardes in zwei Phasen untergliedert werden: 1. von 281 - 213 v. Chr. und 2. von 213 - 190 v. Chr. Nun folgend sollen die einzelnen Bereiche der Stadt kurz vorgestellt werden. Angefangen bei der königlichen Festung, über die Unterstadt bis hin zum Artemistempel.

3.1 Die königliche Festung

Die königliche Festung von Sardes zu beschreiben scheint schwierig, da sich auf Grund des bereits erwähnten Erdbebens 17 n. Chr., sowie der Zerstörung in byzantinischer Zeit, im Bereich der Akropolis so gut wie keine Reste erhalten haben (Abb. 2). Hanfmann nimmt an, dass die Akropolisfestung, ähnlich der von Pergamon aufgebaut war (Abb. 3), auf Grund einer Erwähnung bei Polybius21, welcher ihre natürliche Stärke rühmt.22 Im Falle einer solchen hellenistischen Königsburg müsste man, wie auch in Pergamon, Befestigungsmauern, einen Palast, Baracken und Tempel finden. Dies ist jedoch leider nicht der Fall. Die Ausgrabungen haben gezeigt, dass Teile des nördlichen und des südlichen Hanges Erdrutschen zum Verhängnis wurden. Des Weiteren haben wir ein gutes Beispiel für die byzantinische Zerstörung, da zu dieser Zeit nahezu alle Blöcke aus ihren Fundamenten gerissen und neu verbaut wurden.23

Arrian berichtet24, dass Alexander der Große 334 v. Chr., als er Sardes eroberte, die dreifache Befestigungsmauer der Zitadelle bewunderte, von welcher sich einige Teile erhalten haben (Abb. 4), die jedoch, so die Annahme, noch aus lydischer Zeit stammen, da davon ausgegangen wird, dass sich in persischer Zeit das Aussehen bzw. die Aufteilung der Stadt nicht im Wesentlichen änderte25, was wir wohl auch für die seleukidische Zeit annehmen dürfen. Aus diesem Grunde vermutet Hanfmann, dass die Zitadelle seit ihrer Errichtung in der Zeit von Kroisos weiter bestand und nun als Sitz des strategos fungierte und somit die Umformung als Platz der gerousia, wie bei Vitruv beschrieben26, erst in die Jahre nach 190 v. Chr. fällt, also in die pergamenische Zeit. Neben dem Sitz des strategos vermutet Hanfmann auf der Akropolis das städtische Schatzhaus, was bei Arrian27 erwähnt wird, und somit auch die königliche Münzprägeanstalt, welche aus logischen Gründen sich wohl in der Nähe des Schatzes befunden haben muss. Zu guter Letzt vermutet Hanfmann noch eine Art Verwaltungseinrichtung, die dazu diente, königliche Beschlüsse bezüglich der Landaufteilung zu verwahren und damit auch zusätzlichen Schutz benötigte. Hanfmann vermutet außerdem einen weiteren Palast unterhalb der Akropolis im Bereich der Byzantinischen Festung, also sozusagen auf mittlerer Höhe. Dieser Palast soll vor allem für die Freunde des Königs und seinen Hofstab gedient haben. Jedoch lässt sich dieser Palast ähnlich schlecht nachweisen, wie derjenige auf der Akropolis.28

Christopher Ratté hingegen sieht die Situation etwas differenziert. Er meint, dass die Akropolis zwar wohl mit einer Art Garnison versehen war, wohl aber keinen Palast beherbergte. Aus diesem Grunde stimmt er auch nicht mit Hanfmann überein, der vermutet, dass die gerousia sich auf der Akropolis befand. Er vermutet sie eher im Bereich des unteren Palastes, welcher seiner Meinung wohl der des Kroisos und somit der Einzige in Sardes war.29

Natürlich können aber diese Vermutungen nicht als definitiv angenommen werden, da wir z.B. für die angesprochene Verwaltungseinrichtung keine literarischen oder ähnlichen Zeugnisse haben. Ähnlich schwierig gestaltet sich die Frage nach dem Standort des Palastes, da bis jetzt keine Strukturen entdeckt wurden, die in dieser Art zu interpretieren wären. Demnach müssen wir für endgültige Ergebnisse bzw. fundierte Vermutungen erst weitere Grabungsergebnisse abwarten.

3.2 Die Unterstadt und Nekropole

Als Nächstes sollen bei unseren Betrachtungen die Bauten des täglichen Lebens im Vordergrund stehen. Das meint Wohngebäude, industrielle Produktionsstätten, Theater und Anderes. Auch hier gibt es die bereits erwähnten zwei Phasen. So präsentierte sich die Stadt vor 213 v. Chr. v.a. als lydisch geprägte Stadt (Abb. 5), bei welcher es einige Umbauarbeiten bedurfte, um diese zu hellenisieren und sie schlussendlich zu einer polis auszubauen. In unseren folgenden Betrachtung sollen folgende „Stadtteile“ im Vordergrund stehen: Pactolus Nord (PN), das House of Bronzes (HoB)30, die Nekropolen, sowie Bauten, wie das Theater oder eine Stadtmauer.

Beginnen möchte ich mit den Wohnbauten. Diese befinden sich anfangs, aufbauend auf der lydischen Stadt, an den Hängen der Akropolis und entlang des Pactolus, sowie auch im Norden der Stadt (Abb. 6). Man kann also sagen, dass allgemein gesehen, die seleukidischen Stadtplaner nicht grundsätzlich die Stadt veränderten, sondern lediglich in gewissen Gebieten erweiterten, wie uns z.B. anhand des Bereiches um das Theater demonstriert wird. Wo aber befand sich die östliche Grenze der Stadt, die ja nun scheinbar erweitert wurde? Polybius berichtet31, dass ein Teil der Truppen von Antiochos III. bei der Rückeroberung der Stadt über eine Mauer bei einem Tor oberhalb des Theaters geklettert sind. In der Zwischenzeit attackierte Antiochos III. selbst das sog. „Persische Tor“ in der Ebene. Auf Grund der Tatsache, dass wir heute noch das Theater nachvollziehen können, muss dieses wohl entweder direkt ein Teil der Umfassungsmauer gewesen sein oder muss sich knapp vor der Mauer befunden haben. Das „Persische Tor“ hingegen stellt uns vor ein paar Schwierigkeiten. Hanfmann vermutet, dass es sich dabei entweder um ein Tor aus persischer Zeit gehandelt haben muss oder aber um den Zielpunkt der persischen Königsstraße, welche von Susa nach Sardes verlief.32

Die Überreste des Theaters wurden sorgsam durch Robert Lindley Vann untersucht (Abb. 7). Dieser datiert einen ersten Bau des Theaters in das frühe 3. Jh. v. Chr., also wohl in die Zeit der Machtübernahme durch Seleukos I. Es beinhaltet eine etwa 190° messende cavea mit einer Ost- West-Ausdehnung der Struktur von 136 m und einer Nord-Süd-Ausdehnung von nahezu 70 m. Die heute noch vorhandenen Wände (Abb. 8) (zwei parodoi und die östliche Wand der cavea) entstammen der römischen Zeit und sind möglicherweise Rekonstruktionen nach dem Erdbeben 17 n. Chr., wobei die hellenistischen Marmor- und Kalksteinblöcke, mit einer Länge von bis zu 1,20 m und einer Höhe von 0,87 m, wiederverwendet wurden. Auf Grund all dieser Fakten und der damit zu rekonstruierenden Größe des Theaters kommt Vann auf eine Zuschauerkapazität von 12000 bis 15000 Personen. Ähnliches gilt für das im Norden, an das Theater angrenzende Stadion (Abb. 7), wobei wir über dieses noch weniger Aussagen treffen können, da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend erforscht worden ist.33

Kommen wir aber zurück zu den Wohnbauten. Unter diesen vertreten war zum einen der traditionell lydische Stil, also meist eher einräumige Häuser, welcher noch in persischer Zeit genutzt wurde, wenigstens bis 213 v. Chr., sowie das Peristylhaus, wie man es auch von Beispielen aus Delos her kennt. Das wichtigste Wohngebiet befand sich dabei im Bereich Pactolus Nord (Abb. 9) im Nordwesten der antiken Stadtanlage, zumindest bis 213 v. Chr., da zu dieser Zeit jener Teil der Stadt geräumt wurde. Hier wurden Häuser zum Teil auf kleinen Terrassen errichtet, die mit Fluss-steinen verfüllt waren, da es in unregelmäßigen Abständen zu Überschwemmungen gekommen sein muss. In der nordwestlichen Ecke des Komplexes befindet sich ein großer Wohnbereich, der aus insgesamt drei Einheiten (XIX, XX, XXI, Fig. 181) besteht und in die Zeit des späten 4. oder frühen 3. Jh. v. Chr. datiert wird, wodurch wir wohl annehmen dürfen, dass diese Strukturen noch in seleukidischer Zeit genutzt wurden. Diese Datierung kann auf Grund von Keramikfunden festge- macht werden, die jedoch später noch etwas genauer erläutert werden sollen. Die Wände der Häuser bestanden aus Lehmziegeln mit Sockeln aus Flusssteinen. Zusätzlich verwendete man reliefierte Terrakottakacheln zur Dekoration des Daches. Hanfmann vermutet, dass es sich bei zwei dieser drei Einheiten um eine Torhaus gehandelt haben muss, da diese mehr als einen Eingang besaßen. Weitere Überreste aus diesem Bereich, die in hellenistische Zeit datieren, finden wir höchstwahrscheinlich noch im Osten der Anlage in Form einer Wand der Einheit XXVIII, welche wohl ebenfalls in diese Zeit datiert werden kann.34

In der Zeit der Zerstörung durch Antiochos 214/3 v. Chr. wurden die Häuser niedergerissen und nicht erneut errichtet, da sich hier ab diesem Zeitpunkt eine industrielle Anlage entwickelte. Dies ist noch an zwei Öfen zu erkennen, welche sich oberhalb des Zerstörungslevels befinden. Einer dieser Brennöfen bestand aus gebrannten Lehmziegeln und wurde wohl zur Herstellung von Terrakottakacheln verwendet, was Hanfmann anhand eines unpublizierten Fragmentes einer Kachel35 festmachen will, was nach meinem Erachten aber doch eher unsicher ist. Anhand des Fundes einer Münze von Antiochos III., die erst nach 213 v. Chr. geprägt wurden, erscheint eine Datierung in spätseleukidische Zeit als wahrscheinlich.36

Kommen wir nun aber zum ursprünglichen industriellen Bezirk der Stadt, dem House of Bronzes (Abb. 10). Es fungierte die längste Zeit der seleukidischen Besatzung hinweg als Industrieviertel, was u.a. anhand einer Werkstatt sowie eines außerhalb befindlichen Arbeitsplatzes nachgewiesen werden kann. Die Werkstatt befindet sich dabei im Bereich des Gebäudes C, welches das bis jetzt Größte dieses Viertels ist, mit einer Länge von 20 m und einer Breite von 8 m. Die Wände wurden dabei nicht komplett aus Lehmziegeln errichtet, sondern zu einem gewissen Teil aus sorgfältig aufgeschichteten Mauerwerk, welches jedoch auch wiederverwendete Materialien aus lydischer Zeit enthielt. Fünf Meter weiter östlich dieses Gebäudes befindet sich eine rundliche Steinsetzung mit 10 m im Durchmesser. Innerhalb und unterhalb der in diesem Bereich befindlichen Oberflächenschicht befanden sich verbrannte Einlagerungen, welche wiederum Rückstände verschiedener Tierknochen enthielten, darunter z.B. von Ziegen, Schafen, Pferden, u.a.. Nach Hanfmann zeigen vorhandene Stücke eines Schmelzofen aus Lehmziegeln, Fragmente von Terrakottamulden mit winzigen Bronzeteilchen und die Fülle von Holzkohle an, dass es sich hierbei um einen Bronzebearbeitungs- bereich gehandelt haben muss. Was aber geschah mit diesem Bereich nach 213 v. Chr.? Wie auch in PN haben wir im Bereich von des HoB eine Zerstörungsschicht, welche das Ende der industriellen Arbeit in diesem Bereich in die Zeit um des synoikismos setzt. In Späthellenistischer Zeit fungierte dieser Bereich wohl lediglich noch als Nekropole (Abb. 11), welche bis in römische Zeit Verwendung fand (Abb. 12).37

Exkurs: Metallarbeit in Sardes

Auch wenn die Bearbeitung von Metallen in seleukidischer und allgemein in hellenistischer Zeit an Bedeutung abgenommen hat, so war Sardes doch berühmt für seine Metallerzeugnisse, vor allem in lydischer Zeit. Im Laufe der Grabungskampagne in den Jahren 1958-1974 wurden insgesamt 962 Metallobjekte gefunden, die alle Zeiten der Stadtgeschichte, d.h. von der frühen Bronzezeit bis in die türkische Zeit, repräsentieren und aus dem gesamten Stadtgebiet stammen.38 Wie kam es aber zu dieser Bekanntheit? Ihren Ursprung hat sie in lydischer Zeit, als erstmals aus dem Pactolus Gold herausgefiltert und veredelt wurde und die ersten bimetallischen Münzen geprägt wurden. In späterer Zeit, v.a. in römischer Zeit, war Sardes bekannt für seine Eisenarbeit, die bevorzugt für militärische Zwecke verwendet wurde.39

Gold war jedoch, wie bereits erwähnt, das Material was Sardes berühmt machte. Wohl auch aus dem Grunde da sich hier eine Anlage zur Veredlung von Gold befand, wie sonst in der antiken Welt nur für Silber bekannt ist. Der damit verbundene Vorgang wird als Kupellation bezeichnet. Bereits Strabo berichten uns, dass Gold aus dem Tmolusgebirge herabgeschwemmt wurde durch den Pactolus. Dadurch können wir wohl davon ausgehen, dass auch direkt im Tmolusgebirge Gold abgebaut wurde, auch wenn von Waldmann keinerlei Minen oder ähnliches erwähnt werden, um diese Theorie zu untermauern. Des Weiteren berichtet Strabo, dass Gold seit der Zeit von Gyges abgebaut wurde, d.h. im 7.Jh.v..Chr. Strabo erwähnt jedoch nicht, dass man zu seiner Zeit noch Gold abbaute, was demnach heißen könnte, dass im 1. Jh. v. Chr. bereits das gesamte Gold abgebaut war, bzw. der Großteil.40 Ein Beleg für diese Theorie bietet uns Philostratus (2. - 3. Jh. n. Chr.) welcher bereits von dem Gold im Pactolus spricht, wie von einer Legende bzw. von weit vergangener Zeit.41 Über den daraus resultierenden Reichtum berichtete uns Herodot, indem er auflistet, welche Weihgaben Kroisos nach Delphi stiftete, die komplett aus Gold oder Silber bestanden.42

Leider gibt es bezüglich der seleukidischen Zeit keine literarischen oder archäologischen Quellen, die solch eine Bedeutung der Metallverarbeitung für diese Zeit belegen. Aus diesem Grunde wollte ich an dieser Stelle auch nur einen kurzen Exkurs wagen und nicht weiter darauf eingehen.

Kommen wir nun nach diesem kleinen Exkurs, dieses Kapitel abschließend, noch zu den Gräbern und Friedhöfen in Sardes, welche in die seleukidische Zeit datieren. Zu dieser Zeit verlagerten sich die Nekropolen immer mehr in den Westen der Stadt (Abb. 11). Dieser Vorgang begann bereits in der Mitte des 3. Jh. v. Chr. und wurde durch die Ereignisse 213 v. Chr. nochmals beschleunigt, indem zusätzlich neue Begräbnisplätze begründet wurden, wie wir bereits am Beispiel des HoB gesehen haben. Einer dieser neuen Friedhöfe befand sich im Bereich Haci Oglan, wo zwei Sarkophagbestattungen des 3. Jh. v. Chr. entdeckt wurden (Abb. 13). In Sarkophag 61.3 entdeckte man als Beigaben zwei Münzen, die eine Prägung von Alexander dem Großen aufweisen bzw. von einem seiner direkten Nachfolger. Hinzu kommt noch Keramik, die in lydischer Tradition angefertigt wurde und sieben röhrenförmige Glasperlen, wodurch man darauf schließen kann, dass sich in Sarkophag 61.3 die Bestattung einer Frau befunden hat. In dem anderen Sarkophag (61.4) hingegen wurden vier Alabastra aus Ton gefunden (Abb. 14) und ein typisches hellenistisches Unguentarium außerhalb des Sarkophags. Somit kann das Geschlecht der hier bestatteten Person, auf Grund fehlender Funde nicht klar ermittelt werden. Die Form der Sarkophage folgt dabei der lydischen Tradition, was zum einen daran zu erkennen ist, dass Dachziegel aus lokalem „Halb- Marmor“ Verwendung fanden und zum anderen ist dies an der Größe der Sarkophage, welche 2,30 m und 2,40 m messen, zu erkennen.43

Der Typus des in den Stein geschnittenen Kistengrabes, mit einer ähnlichen Größe wie die Sarkophage und bedeckt mit Steinscheiben kennen wir aus dem Bereich Bin Tepe (Abb. 1), d.h. aus dem Bereich im Norden der Stadt, nahe des Gygaeischen Sees. Hier fand man ein Fragment einer hellenistischen Reliefstele, die sicher in die Zeit um 200 v. Chr. datiert werden kann.44 Eine weitere Grabstele wurde in der Nähe des Bereiches von Haci Oglan gefunden. Es ist die Grabstele einer Frau namens Matis (Abb. 15). Es ist, so Hanfmann, von eher provinziellem Charakter und ist inspiriert durch die spätklassischen Vorbilder aus Attika.45 Kehren wir aber zurück in den Bereich Bin Tepe. Nun stellt sich die Frage, zu welchem Grad die lydische Tradition des gemauerten Kammergrabes in hellenistischer Zeit weitergeführt wurde. Hanfmann erwähnt insgesamt drei Kammergräber in diesem Bereich, welche aus hellenistischer Zeit stammen könnten.46 Er führt jedoch nicht an, welche Funde in diesem Zusammenhang gemacht wurden bzw. ob solche gemacht wurden, was uns vor das Problem der finalen Datierung stellt. Wenn wir nun annehmen, dass es sich bei diesen Gräbern tatsächlich um hellenistische handelt, stehen wir erneut vor einem Problem, da wir nicht genau sagen können zu welcher Zeit innerhalb des Hellenismus sie wohl entstanden sein könnten. Somit liefern diese drei Gräber uns eigentlich kaum Hinweise bezüglich der Beantwortung der Frage, wo und wie in seleukidischer Zeit bestattet wurde. Ähnlich schwierig lassen sich Aussagen bezüglich der Begräbnisse im Bereich HoB treffen, nach der Durchführung des synoikismos. Wir erfahren von Hanfmann lediglich, dass es an dieser Stelle jetzt Kammergräber

[...]


1 Vgl. Hanfmann 1983, 1.

2 Vgl. Str. 13, 4, 5.

3 Vgl. Waldbaum 1983, XIII.

4 Eigentlich handelte es sich dabei nicht um reines Gold, sondern um Elektrum, welches ein Metall ist, das Gold und Silber enthält. Aus diesem Grunde wurde das Silber von dem Gold abgespalten, u.a. durch den Vorgang der Kupellation.

5 Vgl. Hdt. 1, 50.

6 Vgl. Hdt. 1, 53, 2.

7 Vgl. Arr. anab. 1, 17, 306.

8 Vgl. Ratté 2008, 125.

9 Vgl. Gehrke 2003, 35.

10 Mehl 1986, 298: „Die Zeit der Schlacht innerhalb des Jahres 281 v. Chr. ergibt sich durch Rückrechnung von Seleukos‘ Todesdatum her, für das die babylonische Königsliste (BM 35603 r 6-8) den Monat zwischen dem 26.08. und dem 24.09.281 v. Chr. angibt: Nach Justin (17, 2, 4) wurde Seleukos etwa sieben Monate nach seinem Sieg über Lysimachos ermordet. Die Schlacht von Kurupedion fällt somit etwa in den Februar 281 v. Chr.“.

11 Vgl. Gehrke 2003, 44.

12 Vgl. Hanfmann 1983, 112; Vgl. Bell 1916 - Insgesamt wurden in Sardis, in den Grabungskampagnen von 1910 - 1914, 990 Münzen gefunden. Sie gliedern sich in vier Gruppen: griechische (419), römische (214), byzantinische (354), sowie drei aus der Zeit der Vandalen. Von diesen datieren 319 in die Zeit von Alexander dem Großen bis Augustus. Ein Großteil dieser Münzen kommt aus der Basisverfüllung der Kultstatue der Artemis, welch, nach neueren Untersuchungen, in Zeit zwischen 240 und 220 v. Chr. datiert werden kann (Vgl. Ratté 2008, 127).

13 Vgl. Bell 1916, 37-44.

14 Vgl. Hanfmann 1983, 113.

15 Vgl. Ratté 2008, 125; Pol. 4, 48, 7.

16 Vgl. Pol. 7, 18, 9.

17 Vgl. Pol. 8, 15-21.

18 Vgl. Hanfmann 1983, 110.

19 Vgl. Liv. 37, 44-45.

20 Vgl. Tac. ann. 2, 47.

21 Vgl. Pol. 7, 15, 2.

22 Vgl. Hanfmann 1983, 115.

23 Vgl. Hanfmann 1983, 115.

24 Vgl. Arr. anab. 1, 17, 3-6.

25 Vgl. Hanfmann 1983 44/5 - Von diesen Mauern wurden 1973 10 m unterhalb der sog. Byzantine Barracks Überreste gefunden (Abb. 72,73). Der Mauerkomplex erstreckt sich dabei etwa über 15m. Die unterste Mauer verfolgt eine Südwest-Nordost-Ausrichtung und ist bis zu einer maximalen Länge von 7,50m und einer maximalen Höhe von 5,50m erhalten; die mittlere Mauer ist am besten erhalten mit einer Länge von 16,50m und einer maximalen Höhe von 7,35m. Sie besteht aus zwei unterschiedlichen Ansichtsseiten: einer mit behauenen und einer mit unbehauenen Steinen, zwischen diesen befindet sich ein 3,50m dicker Kern aus kleineren Steinen, die mit Lehm verbunden waren. Die oberste Mauer verfolgt eine Nordost-Südwest-Ausrichtung und mit einer maximalen Länge von 9,75m und einer maximalen Höhe von 6,40m erhalten geblieben.

26 Vgl. Vitr. 2, 8, 10.

27 Vgl. Arr. anab. 1, 17, 3-6.

28 Vgl. Hanfmann 1983, 115.

29 Vgl. Ratté 2008, 131/2.

30 Die Bereiche „Pactolus Nord“, sowie das House of Bronzes, werden im weiteren Verlauf der Arbeit lediglich mit den in Klammern stehenden Abkürzungen bezeichnet.

31 Vgl. Pol. 1, 17, 6; 1, 18, 5-7.

32 Vgl. Hanfmann 1983, 116.

33 Vgl. Hanfmann 1983, 116.

34 Vgl. Hanfmann 1983, 122.

35 Vgl. Hanfmann 1983, 123 Anm. 17.

36 Vgl. Hanfmann 1983, 123.

37 Vgl. Hanfmann 1983, 122.

38 Vgl. Waldbaum 1983, XIII.

39 Vgl. Waldbaum 1983, 1/2.

40 Vgl. Waldbaum 1983, 3/4; Strab. 13, 1, 23; 13, 4, 5.

41 Vgl. Philostr. v. Ap. 6, 37.

42 Vgl. Hdt. 1, 50.

43 Vgl. Hanfmann 1983 123.

44 Vgl. Hanfmann 1983 123 - Leider gibt Hanfmann an dieser Stelle keine Auskunft darüber, an welchen Punkten er diese Datierung festmacht bzw. zeigt ein Bild dieser Stele, um seine Einschätzung nachvollziehen zu können.

45 Vgl. Hanfmann 1983, 123.

46 Vgl. Hanfmann 1983, 123.

Details

Seiten
39
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668862616
ISBN (Buch)
9783668862623
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451398
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Hellenismus Seleukos Alexander der Große Alexander Seleukiden Seleukidenreich Griechenland Mesopotamien Türkei Kleinasien Irak Iran Syrien Sardes Tempel Geschichte Artemis Festung Nekropole Grab Keramik Polis Archäologie

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