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Die Individualisierungsthese von Ulrich Beck und das marxsche Klassenkonzept von Tom Bottomore im Vergleich

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Becks Individualisierungsthese
2.1 Gleichbleibende Ungleichheitsrelationen­Fahrstuhleffekt - Individualisierung
2.2 Drei Dimensionen der Individualisierung

3. Bottomores marxscher Klassenbegriff
3.1 Bottomores Ansicht über das Zustandekommen sozialer Ungleichheit

4. Becks Individualisierungsthese und Bottomores Klassenkonzept im Vergleich
4.1 Soziale Mobilität
4.2 Fahrstuhleffekt
4.3 Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates

5. Schluss

1. Einleitung

,,Die Gesellschaft ohne Individuen, das Individuum ohne Gesellschaft ist ein Unding" (Elias 2001: 109). Mit diesen Worten beschrieb Norbert Elias die Beschaffenheit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, welche er ausführlich erforschte. Er kam dabei zu dem Schluss, das sowohl das Eine, als auch das Andere ohne jeweiliges Gegenstück nicht zu denken sei. Für Ulrich Beck, welcher sich ebenfalls eingehend mit den Menschen und ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben befasst, lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten darüber hinaus eine Entwicklung beobachten, welche den Menschen aus den herkömmlichen, gesellschaftlichen Strukturen herauslöst und ihn damit einerseits um Freiheiten bereichert, andererseits jedoch um Sicherheiten beraubt.

Beck, welcher in seinem Werk 'Risikogesellschaft' die These der Individualisierung des Individuums aufstellt, schenkt diesem Sachverhalt seine Aufmerksamkeit, da er die Veränderungen der Ungleichheitsverhältnisse untersuchen will. Im Zentrum seiner Untersuchung steht dabei der Arbeitsmarkt und die Arbeitsteilung, da sich in diesen Bereichen das Ausmaß der Individualisierung des Individuums in der postindustriellen Gesellschaft seiner Meinung nach am deutlichsten niederschlägt. Beck kritisiert in diesem Zuge an der marxschen Klassentheorie, dass jene den bereits damals im Ansatz existierenden Individualisierungsschüben und ־Prozessen keine ausreichende Aufmerksamkeit schenke.

Tom Bottomore hingegen vertritt in genau jener marxschen Manier die Ansicht, dass trotz all der gravierenden Veränderungen des 20. Jahrhunderts die moderne Gesellschaft in hierarchische Macht-, Einkommens-, Wohlstands-, und Prestigeklassen unterteilt ist. Indem er sich auf Marx' Klassenkonzept stützt erläutert er, dass es sich bei dieser Unterteilung und Stratifikation um ein universelles Merkmal sozialer Schichtungen innerhalb einer Gesellschaft handelt.

Bottomore, welcher als entschiedener Marxist gilt, weitet die Klassentheorie von Karl Marx aus, indem er sie an mancher Stelle auf die Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts anpasst und erweitert. Beck wiederum, welcher in Marx einen Individualisierungstheoretiker sieht, welcher lediglich zu kurz getreten ist, entwirft ein völlig neues Konzept, in welchem Klassen nicht nur unterschiedlich angesiedelt, sondem völlig verschwunden sind. Es erscheint somit sinnvoll, diese Positionen vergleichend zu betrachten. Ich möchte daher in der vorliegenden Arbeit den Klassenbegriff von Bottomore, welchen er in seinem Werk 'Classes in Modem society' entwirft, dem beckschen Individualisierungsgedanken gegenüberstellen. In diesem Rahmen werde ich mich bemühen, folgende zentrale Fragestellung zu beantworten: Worin unterscheidet sich im wesentlichen die Individualisierungsthese von Beck und der marxsche Klassenbegriff von Bottomore?

Um dies zu bewerkstelligen, erscheint es notwendig, im Folgenden die Grundpfeiler der beiden gegenübergestellten Konzepte zu erläutern. Hierbei werde ich zunächst die Individualisierungsthese von Beck in aller Kürze darlegen, um daraufhin einen Blick auf die ausschlaggebenden Ungleichheitsrelationen und die verschiedenen Dimensionen der Individualisierung zu werfen. Als nächstes werde ich dann Bottomores Klassenkonzept darlegen, um im Anschluss darauf auf dessen Verständnis sozialer Ungleichheiten einzugehen. Im Hauptteil dieser Arbeit sollen dann diese beiden Konzepte einander vergleichend gegenübergestellt werden. Dabei erscheint es sinnvoll, die Dimensionen 'soziale Mobilität', 'Fahrstuhleffekt' und 'Auswirkungen des Wohlfahrtstaates' zu vergleichen.

Im letzten Teil dieser Arbeit werde ich dann ein Fazit aus den Untersuchungen ziehen, welches die wesentlichen Unterschiede der Individualisierungsthese und Bottomores Klassenbegriff zusammenfassen wird.

2. Becks Individualisierungsthese

Ulrich Beck entwirft in seinem 1986 erschienenen Werk ״Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne" seine sogenannte Individualisierungsthese. Im Rahmen dieser These formuliert er seine Beobachtung, das sich in den westlichen Gesellschaften seit den 1960er Jahren ein Individualisierungsschub vollzieht.

Unter Individualisierung versteht Beck in diesem Kontext, dass für die Uebensführung und das Handeln der Menschen nicht mehr primär die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse ausschlaggebend ist. Ein jeder Mensch wird zum sprichwörtlichen 'Schmied seines eigenen Glückes', also zum Gestalter des eigenen Uebens. Individualisierung ist dabei nicht mit Individualismus gleichzusetzen: ,, Während Individualismus gewöhnlich als eine persönliche Attitüde oder Präferenz verstanden wird, meint Individualisierung ein makro-soziologisches Phänomen [...]“ (Beck 2008: 303).

Individualisierung ist also kein Prozess, welcher sich notwendigerweise im Bewusstsein des Individuums vollzieht, sondem beschreibt nach Beck eher einen institutioneilen Wandel (Beck 1983: 35-70).

2.1 Gleichbleibende Ungleichheitsrelationen - Fahrstuhleffekt - Individualisierung

Beck stellt zunächst fest, dass die Ungleichheitsverteilung relativ konstant geblieben ist. Gleichzeitig jedoch hat sich eine gesamtgesellschaftliche Niveauverschiebung vollzogen. Seine These hierzu lautet: ״Relativ konstant geblieben sind in der Entwicklung der Bundesrepublik die Verteilungsrelationen sozialer Ungleichheit, geändert haben sich gleichzeitig, und zwar ziemlich drastisch, die Lebensbedingungen der Menschen. “ (Beck 1983: 36).

Wenn sich die Lebensbedingungen aller Mitglieder der Gesellschaft verbessern, so sind die konstant bleibenden Ungleichheitsrelationen für die Ärmeren nicht mehr derart spürbar, da sie nun das erste Mal ebenfalls ״in den Genuss bestimmter individueller Entfaltungsmöglichkeiten [...] kommen“ (Beck 1983: 37). Wenn sich also eine Arbeiterfamilie das erste Mal ein eigenes Auto leisten kann, so bringt derselbe Zuwachs bei den wohlhabenderen Schichten keine wesentlichen Neuerungen mit sich. Dieses Phänomen bezeichnet Beck als Fahrstuhleffekt. Worin jedoch liegt die Ursache für eine kollektive Niveauverschiebung hin zum Besseren? Den ersten Grund hierfür sieht Beck im Ausbau des Wohlfahrtsstaates. An die Stelle von existentiellen Sorgen treten individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Durch die wohlfahrtsstaatlichen Versicherungssysteme verlieren auch Gewerkschaften, Arbeiterverbände und derartige Klassensolidaritäten ihre Existenzberechtigung. Eine weitere Ursache für Individualisierung sieht er in der Bildungsexpansion, welche es nun auch den Kindern ärmerer Familien ermöglicht, schulische und akademische Bildung zu genießen.

Weitere Ursachen für den anhaltenden Individualisierungsschub sieht Beck in:

- einer sowohl geografischen, als auch sozialen Mobilität. Nicht nur räumlich können sich Menschen häufiger und einfacher neu orientieren und ausrichten (Ausbau von Verkehrsnetzen etc.), sondem auch sozial ist (eben durch die weiter oben erwähnte Bildungsexpansion und den Ausbau des Sozialstaates) eine größere Mobilität gegeben, wodurch die ,,Lebenswege der Menschen aus dem Herkunftsmilieu herausgelöst, durcheinander gewirbelt und in diesem Sinne 'individualisiert' werden“ (Beck 1983: 38).
- einer Ausweitung der Konkurrenzbeziehungen, welche sich nicht nur im Kampf um Arbeits- und Ausbildungsplätze, sondem durch die Bildungsexpansion auch im Kampf um gute Noten etc. in der frühen Schulzeit niederschlägt. Konkurrenz bedeutet stets auch in gewisser Weise eine ״[■■■] individuelle Abschottung und Vereinzelung [...]“ (Beck 1983: 39) und ein Hervorheben der individuellen, spezifischen Stärken und Vorteile - und damit letztendlich eben eine Individualisierung.
- einer Ausbreitung der Arbeitsmarktdynamik, da dies dazu führt, dass immer weniger Menschen nicht lohnabhängig und immer mehr Menschen lohnabhängig sind, wodurch Risiken wie Arbeitslosigkeit und Dequalifiziemng ״über unterschiedliche Einkommenshöhen, Bildungsabschlüsse hinweg wachsen“ (Beck 1983: 39).

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668856103
ISBN (Buch)
9783668856110
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451690
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Beck Bottomore Individualisierung Individualisierungsthese Fahrstuhleffekt Klassenbegriff Politikwisschenschaften Soziologie Soziale Mobilität

Autor

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