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Auswirkungen der Rentenökonomie auf die Entwicklung Algeriens

Hausarbeit 2018 31 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung
2.1. Entwicklung – ein kaum greifbarer Begriff
2.2. Das Hexagon der Entwicklung

3. Der Rentierstaats-Ansatz
3.1. Rente und Rentierstaaten
3.2 Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf Gesellschaften

4. Fallbeispiel Algerien
4.1. Politisches System
4.2. Struktur der Rentierstaatlichkeit in Algerien
4.3. Geschichte des algerischen Entwicklungsmodells

5. Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf die algerische Gesellschaft
5.1. Hypothesenbildung
5.2. Analyse
5.3. Schlussfolgerung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Hexagon der Entwicklung (©Menzel) (Stockmann et al. 2015, S. 16)

Abbildung 2: Struktur der algerischen Staatseinnahmen 2011 (HC = Hydrocarbon) (Farah 2015, S. 149)

Abbildung 3: Entwicklung des Anteils der Einnahmen aus dem Hydrocarbonsektor am Gesamteinkommen des algerischen Staates (2002-2011) (Farah 2015, S. 150)

Abbildung 4: Entwicklung des industriellen Sektors (außer HC) in Algerien (Anteil am BIP, 1993-2010 in %) (Farah 2015, S. 140)

Abbildung 5: Entwicklung der industriellen Produktion in Algerien (1990-2008), 1989=100 (Farah 2015, S. 140)

Abbildung 6: Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes in Algerien 1960-2017 (The World Bank 2017)

Abbildung 7: Produktionsentwicklung in den staatlichen Industriesektoren in Algerien, 1989=100 (Farah 2015, S. 141)

Abbildung 8: Offizieller Wechselkurs des algerischen Dinars pro US-Dollar (The World Bank 2017).

Abbildung 9: Struktur der algerischen Staatsausgaben 2011 in Mrd. Dinar (Farah 2015, S. 152)

1. Einleitung

Nach dem sich die algerische Bevölkerung 1962 die Unabhängigkeit erkämpfte blickte das Land optimistisch in die Zukunft. Durch ein vielversprechendes Entwicklungsmodell sollte auf die ökonomische auch die politische Unabhängigkeit folgen. Galt Algerien in den 70er Jahren noch als Vorreiter der Entkolonialisierungsbewegung, sollte das Land in den folgenden Jahren wiederholt mit der Realität der, für viele Rentierstaaten charakteristischen, Abhängigkeit von Ressourcenexporten und fallenden Ölpreisen auf dem Weltmarkt konfrontiert werden. Trotz wiederholter Phasen gewaltsam eskalierender Konflikte oder politischer Instabilität, die in anderen Staaten zu weitreichenden Transformationsprozessen geführt haben, weisen die autoritären Machtstrukturen Algeriens bis in die Gegenwart eine deutliche Persistenz auf. Heute befindet sich Algerien auf Rang 85 des Human Development Index (HDI) und hat mit schwerwiegenden strukturellen Problemen zu kämpfen, die der Entwicklung des Landes im Wege stehen.

In diesem Zusammenhang beschäftigt sich diese Hausarbeit mit den Auswirkungen der Rentenökonomie auf die Entwicklung Algeriens.

Zu Beginn wird ein der Arbeit zugrunde liegendes Verständnis von Entwicklung herausgestellt. Nach einer Analyse der Problematik einer universell gültigen Begriffsbestimmung wird ein Kernbestandes theoretisch begründeter Elemente von Entwicklung herausgearbeitet, um einer Untersuchung der Forschungsfrage einen analytischen Bezugsrahmen zur Verfügung zu stellen.

Daran schließt sich eine Erörterung der theoretischen Grundlagen des Rentierstaats-Ansatz als analytisches Konzept an. Neben der Begriffsbestimmung von Rente und Rentierstaat werden ebenfalls theoretisch begründete Vorhersagen über die Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf ihre jeweiligen Gesellschaften aufgegriffen.

Daraufhin richtet sich der Fokus auf das ausgewählte Fallbeispiel. Im Anschluss an die Vermittlung von allgemeinen Informationen über Algerien soll das politische System bestimmt, sowie der Nachweis der Rentierstaatlichkeit erbracht werden. Dieses Kapitel schließt mit einer historisierenden Darstellung des algerischen Entwicklungsmodells ab und bereitet dadurch der der Analyse ein inhaltliches Fundament.

Die Analyse besteht aus der Bildung von theoriegeleiteten Hypothesen über die Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf die ökonomische und politische Dimension der algerischen Gesellschaft. Im darauffolgenden Abschnitt werden diese dann durch eine Auseinandersetzung mit Strukturdaten, sowie der Reaktion des politischen Systems auf spezifische Ereignisse, auf ihre Gültigkeit hin untersucht. Abschließend wird anhand des erarbeiteten Wissens und der Analyseergebnisse auf die Forschungsfrage rekurriert.

2. Entwicklung

Dieses Kapitel hat die Erarbeitung eins Verständnisses von Entwicklung zum Ziel, auf das im weiteren Verlauf wiederholt zurückgegriffen wird. Hierfür wird zunächst auf die Schwierigkeit einer universellen Begriffsbestimmung von Entwicklung hingewiesen, bevor im zweiten Abschnitt ein Kernbestandes theoretisch begründeter Elemente von Entwicklung herausgearbeitet wird, um einer Untersuchung der Forschungsfrage einen analytischen Bezugsrahmen zur Verfügung zu stellen.

2.1. Entwicklung – ein kaum greifbarer Begriff

Der Begriff der Entwicklung scheint zunächst ein intersubjektiv verständlicher und intuitiv einfach zu definierender Begriff zu sein. Entwicklung bedeutet Fortschritt und Fortschritt ist der Wandel von etwas Bestehendem zu etwas Besserem. Insbesondere im stark kontrastierten Ländervergleich zwischen Nationen des industrialisierten Nordens und ehemaligen Kolonien des globalen Südens drängt sich dem Betrachter eine geradezu klar umrissene Vorstellung vom Inhalt des Begriffs auf. Daher ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff seit dem 19. Jahrhundert als Legitimationsgrundlage für die Übertragung westlicher Lebensformen auf außereuropäische Gesellschaften dient, der den wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Nachzüglern eine nachholende Entwicklung und damit Teilhabe am westlichen Konsum- und Wohlstandsmodell verspricht (Stockmann et al. 2015, S. 1).

Dass eine Verständigung über einen allgemein akzeptierten Entwicklungsbegriff jedoch eine große Herausforderung darstellt, konnte beispielsweise der Brand-Bericht in seiner weit gefassten Definition von 1980 aufzeigen:

„Der Begriff bezeichnet, weit gefasst, den erwünschten sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt - und es wird immer unterschiedliche Auffassungen darüber geben, was erwünscht ist.“ (Independent Commission on International Development Issues 1980, S. 80)

Dem Zitat lässt sich entnehmen, dass Entwicklung ein, stetigem Wandel unterworfener, normativer Begriff ist, da er sich auf ein festgelegtes Ziel bezieht. Die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung resultiert also daraus, dass die Auffassung über das Erwünschte von sich verändernden, individuellen und kollektiven Wertvorstellungen abhängig ist (Nohlen und Nuscheler 1992, S. 56). Dies wird umso deutlicher, betrachtet man den Wandel des Verständnisses von Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte, der sich insbesondere in den letzten 70 Jahren beschleunigte und vom jeweils vorherrschenden Paradigma abhing, in dessen Sinne Entwicklungspolitik betrieben wurde. Das jeweils vorherrschende Verständnis von Entwicklung ist hierbei auch keinesfalls absolut. So überdauern alte Auffassungen ihr vermeintliches Verfallsdatum, erfahren eine Renaissance oder es existieren konkurrierende Verständnisse zur selben Zeit (Stockmann et al. 2015, S. 13–15). Da die Suche nach einem allgemein anerkannten Entwicklungsbegriff also erfolgslos bleiben muss, folgt diese Arbeit der Empfehlung von Nohlen und Nuscheler, Entwicklung als Cluster-Begriff zu verstehen, dessen konstitutive Elemente nicht verbindlich festgelegt werden können. So ist jedoch die Definition eines, je nach Schwerpunktsetzung wandelbaren, Kernbestands theoretisch begründeter Elemente von Entwicklung möglich, der einen analytischen Bezugsrahmen zur Untersuchung der Forschungsfrage darstellen wird (Nohlen und Nuscheler 1992, S. 56).

2.2. Das Hexagon der Entwicklung

Das Hexagon der Entwicklung ist im Wesentlichen eine Ergänzung des magischen Fünfecks von Nohlen und Nuscheler um weitere Komponenten. Es handelt sich hierbei um eine bildliche Darstellung theoretisch begründeter Elemente von Entwicklung und ihrer Beziehung zu verschiedenen Ebenen. Ausgehend von einem universell gültigen Konsens darüber, dass das vorrangige Ziel jeder Entwicklung die Befriedigung von Grundbedürfnissen darstellt und unter Berücksichtigung der im vorherigen Kapitel aufgeführten Einschränkung definierten Nohlen und Nuscheler Entwicklung als:

„die eigenständige Entfaltung der Produktivkräfte zur Versorgung der gesamten Gesellschaft mit lebensnotwendigen materiellen sowie lebenswerten kulturellen Gütern und Dienstleistungen im Rahmen einer sozialen und politischen Ordnung, die allen Gesellschaftsmitgliedern Chancengleichheit gewährt, sie an politischen Entscheidungen mitwirken und am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand teilhaben läßt.“ (Nohlen und Nuscheler 1992, S. 73).

Die konstitutiven Elemente dieser Definition sind Wachstum, Arbeit, Gleichheit/Gerechtigkeit, Partizipation und Unabhängigkeit und bilden das magische Fünfeck (Nohlen und Nuscheler 1992, S. 64–73). Ein Jahrzehnt nach der erstmaligen Formulierung bemängelten Nohler und Nuscheler unter anderem eine fehlende ökologische Dimension. Nachdem Nuscheler 2005 das Dreieck der Nachhaltigkeit eingefügt hat und das Modell damit um eine ökologische Dimension erweiterte, wurde dieses Modell von Menzel zum Hexagon der Entwicklung weiterentwickelt (Stockmann et al. 2015, S. 4).

Das Hexagon der Entwicklung bietet eine analytische Klärung des Begriffs der Entwicklung. Zentraler Ausgangspunkt des Modells ist die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Dadurch rückt der Akteur in das Zentrum. Das Hexagon der Entwicklung wiederum bildet die Systemebene ab, die den Akteur umgibt. Diese besteht aus den Rahmenbedingungen politische Stabilität, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Partizipation, ökologische Nachhaltigkeit und kulturelle Identität. Sie wirken aufeinander ein und stehen wiederum in einem Spannungsverhältnis zum äußeren Kontext von Weltpolitik, Weltmarkt, Weltverteilungsgerechtigkeit, Weltgesellschaft, Weltumwelt und Weltkultur. Diese drei Ebenen, Individuum, gesellschaftlicher Kontext, globaler Rahmen, stehen in einem wechselseitigem Beziehungsverhältnis zueinander, das Entwicklungschancen eröffnen oder zu Entwicklungsblockaden führen kann (Stockmann et al. 2015, S. 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Hexagon der Entwicklung (©Menzel) (Stockmann et al. 2015, S. 16)

Politische Stabilität meint hierbei die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, Frieden, Rechtssicherheit, Schutz des Eigentums sowie funktionierende und leistungsfähige staatliche Institutionen. Wirtschaftswachstum durch eine zunehmende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gilt ebenfalls als eine Triebfeder von Entwicklung, da nur so die Deckung des Bedarfs einer wachsenden Bevölkerung und die Befriedigung wachsender individueller Bedürfnisse möglich ist. Soziale Gerechtigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang die breite Partizipation der Gesellschaftsmitglieder am Entwicklungsprozess und bezeichnet daher die Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft. Eine Entwicklung, die nicht nachhaltig ist neigt dazu, eine selbstzerstörerische Wirkung zu Entfalten und sich so ihrer Grundlagen zu berauben, weshalb ökologische Nachhaltigkeit ein relevanter Faktor für einen fortwährenden Entwicklungsprozess ist. Viele Konflikte der jüngeren Zeit zeigen deutlich, dass die Beeinträchtigung einer kulturellen Identität ursächlich mit politischer Instabilität und Staatszerfall in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Gesellschaftliche Partizipation drückt aus, dass politische Entwicklung überhaupt nur stattfinden kann, wenn die breite Gesellschaft, unter der Bedingung der sozialen Teilhabe, auch politisch partizipiert. Diese Eckpunkte des Hexagons sind sowohl Ziel als auch Voraussetzung von Entwicklung (Stockmann et al. 2015, S. 16–17).

3. Der Rentierstaats-Ansatz

Der Rentierstaats-Ansatz ist ein Paradigma für die theoriegeleitete sozioökonomische und -politische Erforschung von Systemen, das insbesondere in politikwissenschaftlichen Forschungsarbeiten zum Nahen Osten weite Verbreitung gefunden hat (Beck 2007, S. 45). Neben seiner entwicklungspolitischen Bedeutung lässt sich der Rentierstaatsansatz auch als Analyseebene in der Autoritarismusforschung verwenden (Farah 2015, S. 147). Der Rentierstaat wurde zuerst von Hossein Mahdavy (Mahdavy 1970) als neuer Staatstyp in die wissenschaftliche Literatur eingeführt und der Rentierstaats-Ansatz, als theoretisches Konzept, geht wesentlich auf das Werk „The Rentier State“ von Hazem Beblawi und Giacomo Luciani zurück. Letztere stellten insbesondere die Bedeutung der Einnahmequellen eines Staates für dessen politischen Charakter heraus (Beblawi und Luciani 1987). Dieses Kapitel konzentriert sich zunächst auf eine konkrete Bestimmung der Begriffe Rente und Rentierstaat. Im zweiten Abschnitt werden theoretisch hergeleitete Auswirkungen auf die jeweiligen Gesellschaften aus dem wissenschaftlichen Diskurs gespiegelt. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen im weiteren Verlauf der Betrachtung der algerischen Rentierstaatlichkeit und ermöglichen die Bildung überprüfbarer Hypothesen.

3.1. Rente und Rentierstaaten

Ein zentraler und definierender Begriff des Rentierstaats-Ansatz ist die Rente. Diese ist als Einkommen definiert, dem keine Investitions- und Arbeitsleistungen des Empfängers gegenüberstehen (Chatelus und Schemeil 1984, S. 255). In Unterschied zu einem unternehmerischem Profit, muss sie nicht reinvestiert werden um dem fortwährenden Rentenbezug zu gewährleisten (Beck 2009, S. 26)(Farah 2015, S. 53–54). Es können verschiedene Formen von Rente voneinander unterschieden werden, die im Folgenden kurz erläutert werden. Die wichtigste und am häufigsten thematisierte Rentenart ist die Ressourcenrente, die vor allem in erdölexportierenden Staaten eine bedeutende Rolle spielt. Zwar stehen Erlösen aus dem Erdölhandel hohe Investitionskosten gegenüber, jedoch profitieren die erdölexportierenden Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas von geologischen Standortvorteilen und organisierten monopolistischen Preisstrukturen. Daher ist die Ressourcenrente als jener Teil der Erlöse zu beziffern, der die Produktionskosten sowie einen durchschnittlichen Gewinn überschreitet (Beck 2007, S. 46; Beck 2009, S. 26–27). Als politische Renten sind Transferzahlungen von anderen Staaten oder Organisationen bezeichnet. Hierunter fällt die Entwicklungshilfe ebenso wie jede andere Form der Budgethilfe von außerhalb. Migrantenrente hingegen sind Überweisungen an private Haushalte beispielsweise durch Wanderarbeiter oder auch dauerhaft emigrierte Familienangehörige. Lagerente bezeichnet Einnahmen, die beispielsweise aus einer begünstigten geopolitischen Lage resultieren. Beispielsweise bezieht Ägypten Gebühren für die Passage durch den Suezkanal. Ebenfalls sind Einnahmen aus der Tourismusbranche unter diesem Begriff aufgeführt (Beck 2009, S. 26–28; Mayer 2006, S. 1–2). Es gibt noch weitere Rentenarten, deren Bedeutung wissenschaftlich bisher noch unzureichend erforscht ist und deren Betrachtung den starken Fokus von den Rohstoffrenten auf andere Formen zu verlagern versucht. Wie sich später zeigen wird, besteht jedoch der bedeutendste Teil der algerischen Renteneinnahmen aus der Rohstoffrente weshalb dieser Ansatz im Rahmen dieser Arbeit unberücksichtigt bleiben wird (vgl. Malik 2017).

Im Gegensatz zu produzierenden Staaten, die ihre Einnahmen zu einem großen Teil aus Steuern bestreiten, bezieht der Rentierstaat diese überwiegend aus Renten und kann daher auf die Besteuerung seiner Bürger weitestgehend verzichten (Farah 2015, S. 53). Als Rentierstaaten gelten solche, deren Haushalt sich mindestens zu 40% aus Renteneinnahmen zusammensetzt (Beblawi und Luciani 1987, S. 70). Um sich unterschiedlich stark entfaltenden Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit Rechnung zu tragen, empfiehlt es sich darüber hinaus, zwischen Rentierstaaten starker (40-50%), mittlerer (30-40%) und schwacher (ab 20%) Ausprägung zu unterscheiden (Beck 2007, S. 47).

3.2 Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf Gesellschaften

Auswirkungen der Rentierstaatlichkeit auf die Gesellschaften sind in der einschlägigen Forschungsliteratur breit diskutiert. Im Kontext dieser Arbeit lassen sich aus dem Rentierstaats-Ansatz zwei zentrale Leitlinien der theoretisch möglichen Auswirkungen von Rentenökonomien auf ihre jeweilige Gesellschaft ableiten.

Zum einen führt eine fortwährende hohe Staatsfinanzierung durch Renteneinnahmen zu einer defizitären sozioökonomischen Entwicklung. So hat Richard M. Auty (1998) aufgezeigt, dass Staaten mit einem hohen Ressourcenaufkommen und den daraus resultierenden Renteneinnahmen sich weniger schnell entwickeln. Auch Collier und Hoeffler (1998) konnten einen Zusammenhang zwischen Ressourcenreichtum und Unterentwicklung feststellen. So beschreibt der Begriff Dutch Disease unter anderem eine Deagrarisierung und Deindustrialisierung als nachteilige strukturelle Veränderungen in Folge eines hohen Rentenaufkommens innerhalb einer Volkswirtschaft (Mayer 2006, S. 2). Ursächlich gilt hierfür die Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit heimischer Produzenten aufgrund des Anstiegs von Inflationsrate und Wechselkurs durch den hohen Zufluss an ausländischen Devisen (Heinrich und Pleines 2014, S. 29). Außerdem gilt die den Renteneinnahmen nicht inhärente Logik von Profit und Reinvestition als ursächlich für ausbleibende sozioökonomische Entwicklung (Beck 2007, S. 46). Diese potentiell auftretenden ökonomischen Verzerrungen, die insbesondere in ressourcenreichen Ländern auftreten, werden in der einschlägigen Literatur oftmals unter dem Begriff des Ressourcenfluchs zusammengefasst (Schlumberger 2006, S. 44; Auty 1993).

Im Gegensatz zum Profit unterliegen Rentenbezüge nicht der Notwendigkeit, zur Erzeugung wirtschaftlichen Wachstums reinvestiert zu werden. Sie stehen ihrem Empfänger zur freien Disposition und führen somit neben den zuvor aufgeführten ökonomischen Auswirkungen auch zu politischen Implikationen. Da gerade in rohstoffexportierenden Ländern die entsprechenden Renteneinkünfte vom Staat eingenommen werden, finden diese oftmals Verwendung zur Absicherung ihrer Position durch die Herrschenden. Durch den weitestgehenden Verzicht auf eine Besteuerung dreht sich der bekannte Grundsatz „no taxation without representation“ um und so fehlt der Bevölkerungen im Rentierstaat der argumentative Hebel um politische Beteiligung einzufordern (Mayer 2006, S. 2). Der von Anne Krueger (1974) geprägte Begriff des „Rent-seeking“ wiederum beschreibt das Streben ökonomischer Akteure nach einem von ihnen beanspruchten Teil der Rente. Dadurch ergeben sich für einen Staat Möglichkeiten, die Renteneinnahmen zur Alimentierung und infolgedessen Depolitisierung seiner Gesellschaft einzusetzen (Beck 2007, S. 46; Schwarz 2009, S. 101). So erkauft sich der Staat die Zustimmung relevanter gesellschaftlicher Gruppen durch finanzielle Zuwendungen, schafft ökonomische Abhängigkeiten und verhindert dadurch eine unabhängige Opposition (Herb 2005, S. 298; Schwarz 2009, S. 108; Farah 2015, S. 54).

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Details

Seiten
31
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668861473
ISBN (Buch)
9783668861480
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451870
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Rentierstaat Rentenökonomie Entwicklungsforschung Autoritarismusforschung Ressourcenfluch Dutch-Disease Algerien Renten MENA

Autor

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