Lade Inhalt...

Skeptizistische Ethik im "Grundriß der pyrrhonischen Skepsis" des Sextus Empiricus

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Das Grundkonzept der pyrrhonischen Skepsis

3. Die drei Grundbegriffe - Gut, Ubel, Indifferenz

4. Sitten und Gebrauche - Handlungen in kultureller und kontextueller Abhangigkeit

5. Irrelevanz einer dogmatisch „gewussten“ Lebenstechnik

6. Zielpunkt der Skepsis / Nachbemerkung

7. FuGnoten

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitendes

Mit der pyrrhonischen Skepsis des Sextus Empiricus, uber dessen Leben kaum Uberlieferungen vorliegen, liegt zweifelsohne eine Philosophie vor, die uber den Anspruch einen Weg zur Gluckseligkeit formulieren und darlegen zu konnen auf einen -gemaG der antiken Auffassung- ethischen Zielpunkt hinsteuert, der eben ethisch ist, weil jegliche Gluckseligkeit als mentaler Zustand sicherlich nie von den vom Individuum vollfuhrten Handlungen loslosbar ist.

Ich werde daher in vorliegender Hausarbeit versuchen das Grundkonzept der hier vorliegenden Spielart des Skeptizismus im Zusammenhang mit dem in seiner Darlegung im „GrundriG“ enthaltenen ethischen Betrachtungen zu diskutieren.

Jene ethischen Betrachtungen belaufen sich als ethischefr] Teil der Philosophiea vor allem auf die im dritten Buch des „Grundrisses“ dargelegten Punkte III.21 - III.30, wohingegen der letzte Punkt (III.31_ ,,Warum der Skeptiker zuweilen absichtlich uberzeugungsschwache Argumentationen aufstellt“li) lediglich dafur hintangestellt ist, um mittels Darlegung der skeptizistischen Motivation eine nachtragliche Reflexion und Einsicht dahingehend zu gewahrleisten, dass uber ein bewusstes Aufstellen bestimmter Argumentationen der Zielpunkt dem Skeptiker erreichbar bleibt. Er gehort damit eher zur generellen Betrachtungsweise und nicht zur speziellen. Es ist hierbei zu sagen, dass ich mich von den zwei einzigen uberlieferten Werken, „Adversus mathematicos" und „GrundriG der pyrrhonischen Skepsis" lediglich auf letzteres beziehen werde, was aufgrund der Tatsache, dass in diesem, wie der Name schon sagt, der Skeptizismus in seinen wesentlichsten Grundzugen fundamental skizziert werden soll, sicherlich angebracht sein durfte.

Vornehmlich ist in Bezug auf den Skeptizismus des Sextus Empiricus zu bemerken, dass er sich im Ruckgriff auf Pyrrhon von Elis, einem altgriechischen Skeptiker vermeintlich auGerster Konsequenz, ( sofern man den Uberlieferungen Glauben schenken mag ), als Pyrrhonismus versteht; d. h. er greift auf einen Denker zuruck, von dem kaum oder wohl eher gar nicht direkt getatigte philosophische AuGerungen uberliefert sind und der eben mit derartigen AuGerungen auch eher gegeizt haben soll und begriff sich also in der Tradition eines Philosophen, der seinen Skeptizismus mehr oder weniger uber eine schon gelebte Grundhaltung kundtat, somit im Skeptiker-Dasein eine wohl recht konsequente, gar radikal- skeptische Position vertrat. Pyrrhon wird beschrieben als ein Philosoph, der gegenuber seiner Umwelt zugunsten der skeptizistischen Gluckseligkeit, eine radikale Gleichgultigkeit an den Tag gelegt haben soll, so dass man sicherlich sagen kann, dass er den Weg zur im Mittelpunkt stehenden Gluckseligkeit auch konsequent verfolgte. In jener Gestalt des Pyrrhon wird eben gerade jene Ausrichtung des vornehmlich pyrrhonischen Skeptizismus offenkundig, nicht nur per rationaler Argu­mentation (meinetwegen mitunter auch: skeptische) Einsichtnahmen zu gewahr­leisten, sondern eben im Individuum eine bestimmte zur Gluckseligkeit verhelfende Mentalitat herbeifuhren zu wollen. Mit Pyrrhon greift er zuruck auf denjenigen, der als erster „...den Skeptizismus in wirklich greifbarerundpraciser Form zum Ausdruck gebracht habe...“ni Fur den Skeptizismus des Sextus Empiricus lagen jedoch im Kontrast zu dem- jenigen Pyrrhons etliche Dispute zahlreicher Philosophenschulen historisch schon zuruck, denn Sextus wirkte und lebte ca. 200 n. C. an heute unbekanntem Ort (- es gibt Verweise darauf, dass er weder in Athen, noch in Alexandrien lebte -), wahrend Pyrrhons Gegenwart mit einer ungefahren Datierung von 360 - 270 v. C. lediglich in etwa in die Zeit des Aristoteles fallt. Sextus besaG hiermit die Moglichkeit jene skeptizistische Geisteshaltung im Angesicht der Argumentationen anderer Philosophenschulen zu diskutieren, formte aus dem wohl individueller fixierten Ur- Skeptizismus einen solchen, der in systematischerer, argumentativerer Form einen uberzeitlichen Transport jener pyrrhonischen Geisteshaltung liefern sollte.

Sextus Empiricus stellt sich in eine ganz offenbare Opposition zu allen nicht-skepti- zistischen Philosophenschulen der Antike, was gewissermaGen im Grundkonzept der pyrrhonischen Skepsis schon angelegt ist.

2. Das Grundkonzept der pyrrhonischen Skepsis

Sextus Empiricus klassifiziert jegliche Philosophenschulen zu Beginn des „Grundrisses“ in drei sich faktisch untereinander ausschlieGende Gruppen. Er unterscheidet in die dogmatische, die akademische und die skeptische Linie. Der Dogmatismus sei nach ihm eben dadurch gekennzeichnet, dass er mit definitiver Sicherheit gefunden zu haben glaube, wahrend es der Akademismus fast schon dogmatisch festzuschreiben scheint, dass man nicht finden konne. ,,Die Skeptiker aber suchen noch/™ Als Dogmatiker benennt er konkreter im ersten Paragraphen des ersten Buches, welches den allgemeineren Teil des „Grundrisses der pyrrho­nischen Skepsis" darstellt, B. Aristoteles, Epikur, die Stoikerundeinige andere.“v , wobei er die Stoiker eindeutig als die ,,...uns heute am heftigsten befehdenden Dogmatikerf..], ...“vl bezeichnet.

Eben gegen diese „Dogmatiker“ kann er daher mittels der ihnen eigenen Klassifikationsweise der Einzeldisziplinen im spezielleren Teil des „Grundrisses“, den Buchern II. und III., gemaG der Anordnung von Logik, Physik und Ethik vorgehen, denn der Skeptiker meint - wie in der Grundeinteilung in die drei Philosophenschulen schon inharent - jegliche AuGerungen undogmatisch und kann, ja muss sich sogar stets dogmatisch anmutender Argumentationsmuster bedienen und auch zeitweilig annehmen um seine skeptizistische Haltung auch argumentativ verbreiten zu konnen. Die Argumente der Dogmatiker werden hierbei jedoch nur genutzt um den Zustand der so genannten ’iaoa0£vrig dia^wvfa (= Isosthenie), d. h. der Gleichwertigkeit von Argumenten in Bezug auf deren herrschenden Widerstreit herzustellen, denn der Pyrrhonismus geht davon aus, dass man den einzelnen Argumenten weder eher zustimmen, als eher widersprechen kann. Eine Entgegen- stellung von Argumenten, wie im „GrundriG“ vorgenommen, kann daher auch nicht formal sein, d. h. einem bestimmten Schema entsprechen, da in dem im zweiten Buch dargelegten Teil der Logik einiger Dogmatiker, jeglichem Schema von formalisierter Argumentationsstruktur mittels Isosthenie weder eher zugestimmt, noch widersprochen werden kann. Bei einer Entgegenstellung von Argumenten kann es dem Skeptiker also stets um eine bloGe, informale Unvereinbarkeit gehen.

,,Mit ,entgegengesetzten’ Argumenten meinen wir nicht unbedingt Verneinung und Bejahung, sondern schlicht ,unvertragliche’ Argumente.,Gleichwertigkeit’ nennen wir die Gleichheit in Glaubwurdigkeit und Unglaubwurdigkeit, so daft keines der unvertraglichen Argumente das andere als glaubwurdiger uberragt. “vii GemaG des Zustandes der Isosthenie stellt sich damit die so genannte snoxn ein, die am besten mit einem Unterlassen eines jeglichen Urteils in Bezug auf Aussagen bzgl. der Dinge charakterisiert ist. Sextus bezeichnet diese eben als ein „...Still- stehen des Verstandes, durch das wir weder etwas aufheben noch setzen. “viii Das Dogmatisieren besteht nach Sextus eben in der definitiven Festschreibung eines Wahrheitsgehaltes von Aussagen, welche sich eben auf ein vermeintlich Seiendes beziehen wollen. ,,Denn den vorstellungsmaftig aufgezwungenen Erlebnissen stimmt der Skeptiker zu.aix Somit gilt ihm das auch tatsachlich „Erscheinende“ seiner Sinneswahrnehmung, welches eben als einziges nicht Ausgesagtes stehen bleibt, naturlich noch als evident. Die konkrete, unmittelbare „Erscheinung“, dasjenige, was eben definitiv per sinnlicher Wahrnehmung vorhanden ist, wird somit zu demjenigen, was in seiner Existenz als einziges definitiv bestatigt werden kann. „Vielmehr, wenn wir fragen, ob der zugrunde liegende Gegenstand so ist, wie er erscheint, dann geben wir zu, daft er erscheint. “x Sextus fuhrt dazu das Beispiel des suG schmeckenden Honigs an, dessen SuGe, sofern man eine suGe Sinnesempfindung erhalt, nicht geleugnet werden kann. Eine Entgegenstellung von Argumenten, welche zur Isosthenie fuhren soll, kann somit nicht auf die Evidenz der tatsachlichen Erscheinung als solcher hinauslaufen, sondern muss in Bezug auf die Erscheinung als ein daruber Ausgesagtes gelten. „Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was uber das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich nach der Frage nach dem Erscheinenden selbst.“xi Und in Bezug auf das Beispiel des Honigs sagt er konkreter: ,,Ob er aber auch suft ist, im Sinne der Aussage, fragen wir, und das ist nicht das Erscheinende, sondern das uber das Erscheinende Ausge- sagte. Falls wir jedoch direkt gegen die Erscheinungen argumentieren, dann wollen wir mit der Aufstellung dieser Argumente nicht die Erscheinungen aufheben, sondern nur die Voreiligkeit der Dogmatiker aufzeigen. °xii

Die Zielstellung, die mit jenem Bestreben die Voreiligkeit der Dogmatiker aufzu- zeigen verbunden ist, ist, als angestrebter mentaler Zustand, der sich als notwen- diger Ausdruck der s^oxn einstellen wird, die so genannte aTapa^fa, welche haufig mit Seelenruhe bezeichnet wird, aber auch mit „Gelassenheit“ ubersetzbar ist. Die gesamten Argumentationsgange der pyrrhonischen Skepsis sind daher stets vor dem Hintergrund derZielstellung derAtaraxie (= aiapa^fa), als eben der Zustand, welcher die Gluckseligkeit (als letztes Ziel der Philosophie) verheiGt, als resultierende Mentalitat eben aus der Tatsache, dass nur den Erscheinungen selbst Evidenz zukomme, zu betrachten. Die Ablehnung eines Dogmatismus ist fur Sextus Empiricus daher immer eine Ablehnung einer durch Systematik, durch Aussagen- haftes in Bezug auf die definitiv erscheinende „Realitat“ Verschrobenes und Welt- fremdes. Der Dogmatismus, d. h. das nicht mehr Konformgehen mit der bloGen Erscheinung, liegt sozusagen hier schon im Glauben an den definitiven Realitats- gehalt der Aussage selbst. Die pyrrhonische Skepsis bestreitet eben grundsatzlich, das eine begriffliche Abstraktion, die eben als solche erst einmal identifizierbar gemacht werden muss, das in der Welt erscheinende direkt und unverfalscht reprasentiert.

Wenn Sextus Empiricus beispielsweise in Buch II., also der Logik, die Argumenta- tionsstruktur der Stoiker, als eine festgeschriebene und dogmatische in undogma- tisch gemeinter Argumentation per Isosthenie offenlegen will, resultiert eine Weltfremdheit bzw. eine Verschrobenheit in Bezug auf die Weltbetrachtung nach Sextus beim Stoiker, der ja fur ihn Dogmatiker ist, eben schon daraus, dass eine bestimmte Axiomatik ihrer Argumentation dogmatisch geglaubt wurde, somit als definitive Gewissheit anerkannt sei und somit als Axiomatik zu Aussagen fuhrt, welche in geringerer Verknupftheit zu einem konkret Erscheinenden stehen, aber eben uber den Glauben an eine Systematik wieder dogmatisch sind. Die Divergenz zwischen dem Ausgesagten und der Escheinung wird eben uber das Dogma der Systematisierbarkeit nach einer definitiven, d. h. dogmatischen Fagon dem Individuum glaubbar gemacht. Denn wie im letzten Paragraphen des Werkes offenkundig wird, besteht eben die ethische Motivation des Sextus den Pyrrhonismus darzulegen darin „...aus Menschenfreundlichkeit nach Kraften die Einbildung und Voreiligkeit der Dogmatiker durch Argumentation [zu] heilen. “m Gegen eine solche Einbildung geht der empirische Arzt Sextus Empiricus in der Physik im dritten Buch ebenso vor, wenn er im Kapitel III.14 uber „Ganzes und T eil“ jene Relation die zwischen beiden Termini besteht als reine Abstraktion, die auf konkret Erscheinendes bezogen werden kann, als solche offen legt. Denn das abstrakte Prinzip, welches in dieser Relation ausgedruckt wird, unterscheidet sich offenkundig von dem als „Teil“ zu etikettierenden Erscheinendem, wie auch zu dem als „Ganzes“ betrachtbaren Erscheinendem. ,,Wenn das Ganze aberdie Teile selbst ist, dann ist das Ganze nur ein Wort, ein leerer Name, und hat keine eigene Existenz, wie auch eine Entfernung nichts ist aufter den voneinander entfernten Dingen und eine Balkenverbindung nichts aufter den verbundenen Balken. “ xiv Sofern jener Unterschied zwischen dieser abstrahierten Relation und der konkreten Einzelerscheinung gewusst werden kann, liegt dementsprechend kein Dogmatismus vor, denn Sextus selbst spricht ja auch undogmatisch von „Ganzen“ und „Teilen“.

Es durfte also vielmehr nun offenkundig sein, dass Sextus Empiricus mit dem Versuch der Verbreitung der Ataraxia, also dem Bestreben dem Menschen Gluck- seligkeit zu verschaffen, ein eindeutig ethisches Ansinnen vertritt. Wie sich das nun eher individuell fixierte Konzept, Gluckseligkeit zu erreichen, als reine Wollens-Ethik, in konkreten, auGerlichen Handlungen auszusprechen hat, ist aufgrund der trotz, aber gerade auch in Konformitat zur Isosthenie und zur Epoche bestehenden Moglichkeit gerade eben auch etwas undogmatisch meinen zu konnen zu hinter- fragen. Sextus gibt uns hierauf in I.11 einen kurzen Ausblick: „Wir halten uns also an die Erscheinungen und leben undogmatisch nach der alltaglichen Lebenserfahrung, ,./xv. Jene Lebenserfahrung gewahrt eben nach der Auffassung des Sextus ein ruhiges Leben im Sinne der Ataraxia, was fur ihn wiederum bedeutet, dass ein Leben nach schon etablierten Sitten und Gesetzen in Forderlichkeit fur die alltaglichen Handlungen moglich wird. Eine gewisse Rolle spielt hierbei neben dem Erlebnis- zwang, der Uberlieferung von Sitten und Gesetzen und der Unterweisung von Techniken auch die Vorzeichnung der Natur, welche die schon vorhandene „...Fahig- keitzu denken und sinnlich wahrzunehmen...“xvi mit einbezieht. Wie Sextus Empiricus eine solche eher naturlich-intuitive und, wie er betont undogmatische Lebensweise mittels der Isosthenie in Bezug auf die Argumente dogmatischer Schulen im so genannten ethischen Teil des „Grundrisses“ vertritt, soll nun Gegenstand des Hauptteils meiner hier vorliegenden Hausarbeit sein.

3. Die drei Grundbeqriffe - Gut, Ubel, Indifferenz

Ethik definiert Sextus in seinem Werk als diejenige Disziplin, die sich vorrangig ,,...mit der Scheidung der Guter, der Ubel und der indifferenten Dinge zu befassen scheint.‘xvii Er ruckt damit jene drei Begriffe in das Zentrum seiner Betrachtung, die das Bedurfnis bzw. den Hang des Menschen nach qualitativer Wertbarkeit von Erscheinungen zu beschreiben scheinen. Sie fungieren somit fur ihn als Grundoperatoren, welche Qualitat als zunachst individuell Empfundenes maGgeblich initiieren, namlich „Gut“ im positiven Sinne, „Ubel“ im negativen Sinne und ..indifferent" im neutralen Sinne.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668861411
ISBN (Buch)
9783668861428
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452196
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Skeptizismus Pyrrhon Pyrrhonismus Ethik Ataraxia Sextus Empiricus Epochae Isosthenie Dogmatiker Antike Skepsis Lebenstechnik Epikureer Peripatetiker

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Skeptizistische Ethik im "Grundriß der pyrrhonischen Skepsis" des Sextus Empiricus