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Soziale Ungleichheit im Bildungssystem

Auswirkungen der sozialen Lage auf den Werdegang in der Schule

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Begriffserklärung
2.1 Bildung
2.2 Bildungsungleichheiten
2.3 Soziale Ungleichheit
2.4 Chancengleichheit

3.Auswirkungen der sozialen Lage auf den Werdegang in der Schule
3.1 Schichtspezifische Unterschiede der Erziehungsziele und –praktiken
3.2 Chancengleichheit in Bezug auf den Schulverlauf

4.Auswirkungen

5.Fazit

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Pierre Bourdieu, der französische Soziologe, prägte in den 70er - Jahren den treffenden Begriff des Bildungskapitals. Das Kapital der Bildung, spielt in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Ressource für die individuellen Lebensbedingungen und -chancen. Die Voraussetzung eines guten Bildungsabschlusses kann Grundlage sein, das Leben eigenverantwortlich und mit mehr Möglichkeiten zu gestalten.

Die Bildungsexpansion in den 60ern und 70ern forderte Chancengleichheit, damit jedes Kind, egal welcher Schicht es angehört, gleiche Chancen beim Zugang zur Bildung hat. Das Thema Bildung im Zusammenhang mit sozialer Herkunft geriet jedoch nach der Bildungsexpansion immer weiter aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit. Erst die Ergebnisse der PISA-Studien haben das Thema Bildung wieder verstärkt in das öffentliche Interesse und die Politik gerückt. Durch die PISA-Studien wurde nicht nur deutlich, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich stark zurückliegen, sondern auch, dass der Zusammenhang zwischen Leistungskompetenz und sozialer Herkunft immer noch stark vertreten ist. Dadurch kam die Debatte um soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit im Bildungssystem wieder auf.

Im Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes wird eine Vorgabe getroffen, niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen[1]. Wie kommt es also dazu, dass trotz Chancengleichheit diese in Bezug auf die soziale Herkunft im Bildungssystem nicht besteht? Dass Kinder aus unteren Schichten weniger häufig eine Gymnasialempfehlung bekommen wie Kinder aus mittleren oder höheren Schichten?

Diesen Fragen möchte ich in dieser Ausarbeitung auf den Grund gehen. Zu Beginn der Ausarbeitung werden relevante Begriffe kurz erläutert. Im weiteren Verlauf wird der familiäre Hintergrund der Kinder, auf schichtspezifische Unterschiede in der familiären Sozialisation und deren Auswirkungen auf die gebildeten Leistungskompetenzen und Sprachstile betrachtet. Es folgt ein Blick auf den schulischen Werdegang und die herkunftsbedingten Chancen der jeweiligen Schichten. Zum Schluss wird ein kurzes Fazit mit Ausblick gezogen.

2. Begriffserklärungen

2.1 Bildung

In der heutigen Gesellschaft gewinnt Bildung als „inkorporiertes kulturelles Kapital“[2], wie es Bourdieus versteht, immer mehr an Bedeutung. Diese Form der Bildung zeichnet sich dadurch aus, dass sie persönlich durch Lernen erworben werden muss. Es muss also persönliche Lebenszeit und Arbeit investiert werden, um diese Form von kulturellem Kapital zu erwerben. Die Familie und damit einhergehenden Erziehung fällt auch unter diesen Begriff. Je nachdem kann das erworbene kulturelle Kapital aus der Familie Vor- oder Nachteile in der Schule bedeuten. Das inkorporierte Kapital wird zu einem Bestandteil der Person selbst, es wird zum Habitus und ist damit nicht mehr von der Person zu trennen, die es besitzt. Das bedeutet aber auch, dass man es nicht kurzfristig verschenken oder vererben kann und damit eine kurzfristige Weitergabe unmöglich wird.

Etwa ein Viertel der Lebenszeit wird heutzutage in Bildungseinrichtungen verbracht. Dies ist wichtig, da die modernen „postindustrielle Gesellschaften“ mehr Wissen für die komplexen politischen, gesellschaftlichen und technischen Zusammenhänge erfordern. Bildung ist mittlerweile die wichtigste Grundlage für materiellen Wohlstand.

Bildung als solches wird definiert als „Vermittlung von Werthaltungen, Einstellungen, Wissensbeständen und Fertigkeiten, die Menschen benötigen, um ihre sozialen Rollen als Erwachsene in einer Gesellschaft ausüben zu können.“[3] Bildung kann also als selbstverantwortliches Kapital betrachtet werden, welches stark von der Umgebung abhängt, in der man aufwächst.

Welche Vor- und Nachteile diese herkunftsbedingten Unterschiede nun auf die Bildung jedes Einzelnen haben, wird im späteren Kapitel ausführlich betrachtet.

2.2 Bildungsungleichheiten

Bildungsungleichheiten sind ein Strukturmerkmal moderner Gesellschaften. Ungleichheit in der Bildung kann durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst werden, wie beispielsweise den Bildungsort, durch soziale Barrieren oder schichtspezifische Sprachentwicklungen. Die Entfaltung der persönlichen Bildungsmöglichkeiten können dadurch positiv wie auch negativ beeinflusst werden.

Bildung ist heutzutage anders als früher, als unter anderem Stellung, Besitz und familiäre Herkunft über den sozialen Status Auskunft gab, der Wichtigste ständebildende Unterschied. Unterschiede der Bildung wirken sich nicht nur auf den eigenen Bildungsverlauf und den damit verbundenen Berufseinstieg aus, sondern setzten vor allem soziale Schranken.[4]

Innerhalb der Bildungsungleichheit kann unterschieden werden zwischen Sozial bedingte Ungleichheit (z.B. erschwerter Zugang zu Bildungseinrichtungen zu Beginn der Bildungslaufbahn) und Herkunftsbedingte Bildungsungleichheit (wenn der soziale Kontext des Elternhauses ausschlaggebend ist und nicht die von der sozialen Herkunft unabhängige Motivation und Leistungsfähigkeit).

2.3 Soziale Ungleichheit

Unter sozialer Ungleichheit versteht Stefan Hradil die unterschiedliche Verfügbarkeit von Ressourcen, die in einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Die sozialen Lebensbedingungen werden günstiger, je mehr einzelne Menschen von diesen materiellen und immateriellen Gütern besitzen. Menschen, die über relativ viele wertvolle Güter verfügen, haben einen Vorteil, da sie dadurch besser gestellt sind und sich ein höheres Maß an Wohlbefinden und persönlicher Entfaltung sichern können.

Geschichtlich betrachtet, hat sich soziale Ungleichheit je nach Zeit und Gesellschaft in Betrachtung auf die einzelnen Personen stark gewandelt. In der vorindustriellen Gesellschaft war die gesellschaftliche Stellung eines Menschen stark von der familiären Herkunft abhängig. Durch die industrielle Gesellschaft (ab 1850) wurden materielle bzw. immaterielle Güter immer wichtiger. Das Geldkapital und der Besitz industrieller Produktionsstätten entschied über die Lebensbedingung der Menschen und nicht mehr, wie in der vorindustriellen Zeit, die Herkunft. Etwa ab 1950 in der nachindustriellen Zeit wurden zunehmend Bildung und Berufspositionen gesellschaftlich relevant und nicht nur das Kapital und Besitz entschied in Bezug auf Schlüsselpositionen. Heute wird soziale Ungleichheit durch Dimensionen wie (Aus-)Bildung, Qualifikation, Einkommen, Vermögen und Prestige bestimmt. Soziale Lage oder Schicht bezeichnet in dem Zusammenhang Gruppierungen von Menschen mit ähnlich hohen Status in einer oder mehrerer dieser Dimensionen.[5]

2.4 Chancengleichheit

„Chancengleichheit im Bildungswesen besteht dann, wenn alle unabhängig von leistungsfremden Merkmalen wie zum Beispiel von Bildung, Prestige und Geld der Eltern, von Geschlecht, Wohnort, Beziehungen, Religion, Hautfarbe, politische Einstellung, persönlicher Bekanntschaft oder Familienzugehörigkeit die gleiche Chance zur Leistungsentfaltung und Leistungsbestätigung eingeräumt wird.“[6]

Da Bildung die Voraussetzung für zukünftige Berufspositionen und Lebenschancen darstellt, ist dies nur dann für jeden Einzelnen legitimierbar, wenn Leistung objektiv bemessen wird, sodass jedes Mitglied der Gesellschaft gleiche Chancen im Erlangen von Bildung hat.

3. Auswirkungen der sozialen Herkunft auf den Werdegang in der Schule

3.1 Schichtspezifische Unterschiede der Erziehungsziele und -praktiken

Familien stellen zeitlich die erste Bildungsinstanz im Leben eines jeden Menschen dar. Alle folgenden Bildungsprozesse bauen auf diesen frühen grundlegenden Bildungserfahrungen in der Familie auf. Die Herkunftsfamilie stellt nicht nur die früheste, sondern auch die langwährendste Instanz dar. Sie dient allgemein als biographisches Zentrum über die gesamte Lebensspanne.

Je höher der Bildungsabschluss ist, desto wahrscheinlicher ist der Aufstieg in eine angesehene Berufsposition und umso wahrscheinlicher sind die damit einhergehenden besseren Lebensbedingungen. In Familien mit besseren Lebensbedingungen finden sich bestimmte Werthaltungen und Lebensweisen, gewisse Umgangsformen und Sprachstile häufiger als in anderen Familien. In Verbindung mit den besseren Lebensbedingungen und den damit einhergehenden Umständen steigt die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus solchen Familien, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. ausgeprägte Leistungsmotivation, die Erfolg im Bildungssystem und andere Vorteile mit sich bringen, zu entwickeln.

Nach Hradil sind unterschiedliche Sozialisationsbedingungen, die in der Herkunftsfamilie herrschen, eine wesentliche Voraussetzung für soziale Bildungsungleichheit zwischen den Schichten. Diese werden wesentlich durch die Werte, Einstellungen und Erziehungsziele und –praktiken der Eltern geprägt.[7] So tendieren die Werteorientierungen und Erziehungsziele in der mittleren und oberen Schicht eher zur Ausprägung der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Kinder. Die der unteren Schicht hingegen, haben eher Konformität als Standard für die Orientierung an Werten und Erziehung.

Diese Orientierung an verschiedenen Zielvorstellungen und Ausrichtungen werden im Familienleben deutlich. So orientieren sich Rollenverteilung, Interaktionen und Kommunikationsweisen in mittleren und oberen Schicht oft an den Bedürfnissen der einzelnen Personen, in der unteren Schicht eher an der Erfüllung herkömmlicher Regeln. Hier ist zu beachten, dass diese Werthaltungen, Erziehungsziele und Familienstrukturen häufig von Anpassungsprozessen an vorteilhafte bzw. nachhaltige Lebensbedingungen, also Berufsstellung, Einkommenshöhe, Qualifikation herrühren. Somit hängen diese im starken Zusammenhang mit der jeweiligen Arbeitsstelle und deren Erfahrungen dort ab. Selbstbestimmung erfahren viele Arbeiter, gerade in der unteren Schicht weniger häufig als Zugehörige der Dienstleistungsmittelschicht. Auch bei Bestrafungen sind Unterschiede im Zusammenhang mit Schichtzugehörigkeit und Arbeitsstelle deutlich erkennbar. In nahezu allen Statuslagen gehen mit zunehmenden intellektuellen Anforderungen und Entscheidungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz eine Tendenz zu psychologischen und weg von sanktionierenden Erziehungstechniken einher. Dieser Zusammenhang zwischen Leitlinien in der Erziehung, Rollenvorstellungen, Bestrafungen und dem Arbeitsleben wäre allerdings vereinfacht, da noch viel mehr Wirkungsebenen auf die Prägung von Sozialisationsprozessen einwirken. Jedoch lässt sich festhalten, dass „je mehr die Eigenständigkeit von Personen zum Ziel von Sozialisations- und Erziehungsprozessen wird, desto mehr sind die Sozialisierten selbst auch an ihrer Sozialisation beteiligt.“[8] Mittlere und höhere Statuslagen erwarten zudem eine größere Leistung gegenüber ihren Kindern und besitzen durch die besseren Lebensbedingungen über vermehrt geistige Anregungen.

[...]


[1] http://www.bundestag.de/bundestag/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html (Stand:13.03.14)

[2] vgl. Bourdieu1992, 55f

[3] Andorka (2001), S. 340

[4] vgl. Max Weber 1922, 247-248

[5] vgl. Hradil 2001, S. 160-165

[6] Hradil 1999, S.149

[7] vgl.Hradil 2001, S. 443-447

[8] Hradil 2001, S. 449

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668852150
ISBN (Buch)
9783668852167
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452240
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
2,3
Schlagworte
soziale ungleichheit bildungssystem auswirkungen lage werdegang schule

Autor

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Titel: Soziale Ungleichheit im Bildungssystem