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Vom Gastarbeiter zum Mitbürger. Der Beginn der Integration von Arbeitsmigranten in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Ausländerpolitik von 1955- 1964

III. Die Ausländerpolitik von 1964- 1970

IV. Die gesellschaftspolitische Debatte zu Beginn der 1970er Jahre
1.1 Entstehung der Debatte
1.2 Positionen und Ergebnis der Debatte

V. Die Integrationspolitik in den 1970er Jahren
1.1 Der Begriff der Integration
1.2 Integrationsmaßnahmen

VI. Ausblick auf die Integrationspolitik bis 1990

VII. Fazit

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Seit den ersten Anwerbeabkommen war die deutsche Ausländerpolitik von zwei Grundprinzipen bestimmt. Zum einen war Ausländerpolitik in erster Linie Arbeitsmarktpolitik, wurde also aus rein wirtschaftlicher Sicht betrieben. Zum anderen galt, dass die Bundesrepublik Deutschland kein Einwanderungsland sei.1 Beide Grundsätze begannen spätestens zu Beginn der 1970er Jahre langsam zu erodieren. Allmählich zeichnete es sich ab, dass ein großer Teil der Arbeitsmigranten auf Dauer in der Bundesrepublik bleiben würde. Als Reaktion darauf verschob sich die deutsche Ausländerpolitik dahingehend, dass sie zunehmend das Ziel verfolgte, die Gastarbeiter in die Gesellschaft der Bundesrepublik einzugliedern bzw. zu integrieren. Gleichzeitig begrenzte die Bundesregierung mit dem Anwerbestopp von 1973 den Zuzug neuer Gastarbeiter. Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist die Darstellung und Analyse der beginnenden Integration von Arbeitsmigranten in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird ein besonderer Fokus auf den Beginn der 1970er Jahre gelegt. Zuallererst stellt sich die Frage, zu welchem Zeitpunkt der gesellschafts­politische Wille aufkam, die Arbeitsmigranten in die Gesellschaft zu integrieren. Dies ist eng verknüpft mit der Frage, ab wann es gesellschaftspolitisch akzeptiert wurde, dass ein Großteil der Gastarbeiter auf Dauer in der BRD bleiben würde. Was waren die historischen Gründe für den Richtungswechsel in der Ausländerpolitik? Welche Akteure spielten hier eine Rolle? Für die Beantwortung dieser Fragen soll der Prozess, der schlussendlich zu einer Ausländerpolitik führte, die zunehmend die Integration der Gastarbeiter verfolgte, dargestellt werden. Ausgehend von der Definition des Begriffs der Integration, werden dann die ersten Integrationsmaßnahmen der Bundesregierung dargestellt und untersucht.

Die vorliegende Arbeit soll letztendlich beantworten, wie es Anfang der 1970er Jahre erstmals zu einer Ausländerpolitik kam, die die Integration der Arbeitsmigranten verfolgte und bewertend aufzeigen, wie weit die umgesetzten Integrationsmaßnahmen der 1970er Jahre tatsächlich reichten.

Die erste Phase der Ausländerpolitik war geprägt von den Anwerbeabkommen, die von der Bundesregierung mit einigen Staaten des Mittelmeerraumes geschlossen wurden. Im Zuge des starken Wirtschaftswachstums erhöhte sich auch der Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften. Seit Ende der Fünfzigerjahre kam es in der Bundesrepublik dann zu einem deutlichen Mangel an Arbeitskräften.2 1962 gab es über 500.000 offene Arbeitsstellen, die nicht besetzt werden konnten.3 Dieser zusätzliche Bedarf sollte mit den Gastarbeitern gedeckt werden. Die Bundesregierung ging dabei von einer vorübergehenden Aufenthaltsdauer der Arbeitsmigranten aus. Von Anfang an wurden die Bedingungen und Löhne der angeworbenen Arbeitskräfte rechtlich bestimmt, vor allem, um zu verhindern, dass Gastarbeiter in bestimmten Branchen als Lohndrücker fungierten.4 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in dieser ersten Phase der Ausländerpolitik wirtschaftliche Interessen die zentrale, wenn nicht sogar die einzige Rolle spielten. Die Anwerbung von Arbeitskräften war eine gezielte Strategie der Arbeitsmarktpolitik, um den Arbeitskräftemangel in der Bundesrepublik auszugleichen. Da von einer vorübergehenden Aufenthaltsdauer der Arbeitsmigranten ausgegangen wurde, gab es in dieser ersten Phase der Ausländerpolitik auch keinen politischen Willen, die Arbeitsmigranten in die Gesellschaft der Bundesrepublik zu integrieren. Der Osnabrücker Migrationsforscher Olaf Kleist geht sogar noch weiter und konstatiert in den 1960er Jahren "war eine gewisse Ghettobildung teilweise gewollt. Für die Kinder von Gastarbeitern gab es extra Schulklassen. Die Integration sollte verhindert werden, weil man immer davon ausging, die Gastarbeiter blieben nur vorübergehend in Deutschland."5

Seit 1964 geriet die Ausländerpolitik bzw. die Beschäftigung von Ausländern an sich zunehmend in Kritik und es kam eine erste politische Diskussion auf, die verstärkt die negativen Folgen der Ausländerbeschäftigung in den Blick nahm.6 Dabei wurde in erster Linie der wirtschaftliche Nutzen der Ausländerbeschäftigung in Frage gestellt. Zwei Kritikpunkte stachen hier besonders heraus. Zum einen wurde behauptet, dass die Beschäftigung von Ausländern dazu führe, dass ״unqualifizierte Arbeitsplätze nicht wegrationalisiert würden, sondern mit Gastarbeitern besetzt bestehen blieben und die notwendige Modernisierung der Anlagen verzögert werde“7. Zum anderen wurde die Gefahr gesehen, dass bei einerzunehmenden Aufenthaltsdauer der Arbeitsmigranten auch die öffentlichen Investitionen in Wohnraum, Bildungseinrichtungen usw. erheblich ansteigen würden.8 Mit dem Beginn der Rezession von 1966/67, der ersten wirtschaftlichen Krise der Nachkriegszeit, verschärfte sich diese Diskussion noch. Ulrich Herbert bringt den Wahrnehmungswandel während der Rezession von 1966/67 treffend auf den Punkt, indem er feststellt, dass ״die Selbstverständlichkeit, mit der »Wirtschaftswunder« und »Gastarbeiter« bis dahin in Verbindung gebracht worden waren, verflog“9. Die Rezession führte allerdings auch dazu, dass die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Arbeitsmigranten innerhalb kurzer Zeit um fast 400.000 sank.10 Doch bereits kurze Zeit nach der Rezession im Jahr 1968 stieg die Zahl der Arbeitsmigranten wieder.11 Dies war in erster Linie auf den Zuzug von Gastarbeitern aus der Türkei zurückzuführen, die seit 1972 die zahlenmäßig größte Gruppe unter den Gastarbeitern bildete.12 Nur etwa zwei Jahre nach der Rezession kam die nächste gesellschaftspolitische Diskussion zur Ausländerpolitik auf, welche diesmal deutlich ernsthafter und länger geführt wurde.

Nachdem in Folge der Rezession von 1966/67 ein nicht unerheblicher Teil der Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer zurückgekehrt war und eine erste kritische Auseinandersetzung über die Ausländerpolitik dadurch wieder verstummte, kam zu Beginn der 1970er Jahre erneut eine gesellschaftspolitische Debatte darüber auf, wie die Ausländerpolitik der Bundesrepublik in Zukunft ausgerichtet werden sollte.13 Einigkeit herrschte darüber, dass die steigende Zuwanderung von Arbeitsmigranten die Bundesrepublik zunehmend vor wirtschaftlichen und sozialen Problemen stellte. Die Konzepte, wie man diesen Problemen politisch entgegensteuern wollte, unterschieden sich aber erheblich voneinander. Während das eine Lager eine ״gesellschaftliche Integration bis hin zur Einbürgerung“14 für sinnvoll erachtete, drängte die Gegenseite darauf, die Zahl der Ausländer zu begrenzen und forderte eine ״Rotation der ausländischen Beschäftigten“15, positionierte sich also klar gegen eine Integration der Arbeitsmigranten. Im Nachfolgenden sollen neben der Entstehung der Debatte vor allem die Positionen der einzelnen Konfliktparteien dargestellt werden.

1.1 Entstehung der Debatte

Es gab mehrere Gründe für das Aufkommen dieser Debatte zu Beginn der 1970er Jahre. Zum einen die stetig wachsende Zahl von Arbeitsmigranten, die seit 1968 noch einmal deutlich anstieg und zum anderen die zunehmende Einsicht, dass ein Großteil der Arbeitsmigranten auf Dauer bzw. deutlich länger als ursprünglich angenommen in der Bundesrepublik bleiben würde.16 Hinzu kam die Tatsache, dass der Familiennachzug immer mehr Ausländer in die Bundesrepublik brachte.17 Dabei stellt sich die Frage, warum die Erkenntnis, dass viele Arbeitsmigranten auf Dauer bleiben würden, erst so spät aufkam. So konstatiert beispielsweise der Historiker Cord Pagenstecher, ״daß die Niederlassung schon Mitte der sechziger Jahre einsetzte“18. Karin Hunn führt hierzu aus, dass diese späte Einsicht ״eng mit den Erfahrungen

[...]


1 Vgl. Meier-Braun, Karl-Heinz: »Gastarbeiter« oder Einwanderer? Anmerkungen zur Ausländerpolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt/M, Berlin, Wien 1980, s. 23.

2 Vgl. Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 33.

3 Vgl. Bischoff, Detlef; Teubner, Werner: Zwischen Einbürgerung und Rückkehr. Ausländerpolitik und Ausländerrecht der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. Berlin 1991, s. 33.

4 Vgl. Schoger, Kristina: Zuwanderer und Politik. Ein deutsch-französischer Vergleich. Reihe Völkervielfalt und Minderheitenrechte in Europa Bd. 4. Berlin 1994, s. 30.

5 Integration der Flüchtlinge ״Massenmigration führt immerzu Problemen" (Memento vom 27. August 2016 im Internet Archive). Unter: http://www.taeesschau.de/inland/fluechtlinee-inteeration-101html (abgerufen am 14.08.2018 um 23:00 Uhr)

6 Vgl. Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, s. 218.

7 Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, s. 218.

8 Vgl. Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, s. 218.

9 Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, s. 218.

10 Vgl. Herbert, Ulrich: Saisonarbeiter - Zwangsarbeiter - Gastarbeiter. Zur historischen Dimension einer aktuellen Debatte. In: Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Von der Ausländer- zur Einwanderungspolitik. Gesprächskreis Arbeit und Soziales Nr. 32. Eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 12. Und 13. Oktober 1993 in Leipzig. Bonn 1949, s. 68.

11 Vgl. Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 207.

12 Vgl. Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 207.

13 Vgl. Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 277.

14 Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 210.

15 Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 210.

16 Vgl. Hunn, Karin: »Nächstes Jahr kehren wir zurück ...«. Göttingen 2005, s. 277.

17 Vgl. Meier-Braun, Karl-Heinz: Integration und Rückkehr? Zur Ausländerpolitik des Bunde und der Länder, insbesondere Baden-Württembergs. Reihe Entwicklung und Frieden Materialien 19. Mainz/München 1988, s. 11.

18 Pagenstecher; Cord: Ausländerpolitik und Immigrantenidentität: zur Geschichte der ״Gastarbeit" in der Bundesrepublik. Berlin 1994, s. 21.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668851221
ISBN (Buch)
9783668851238
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452321
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Migrationsgeschichte Gastarbeiter Integration Arbeitsmigranten BRD

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Titel: Vom Gastarbeiter zum Mitbürger. Der Beginn der Integration von Arbeitsmigranten in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland