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Die Frau als das ewig andere? Historische Betrachtung des weiblichen Geschlechtscharakters

Hausarbeit 2017 14 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte des weiblichen Geschlechtscharakters
2.1 Die antiken Ursprunge dualistischer Geschlechtscharaktere
2.2 Zwischen Hure und Heiliger - Die Frau im religiosen Spannungsfeid
2.3 Die Querelle des Femmes - Europa diskutiert uber die Geschlechter
2.4 Verwissenschaftlichung und Vereindeutigung der Geschlechtscharaktere

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist ,die Frau‘ und was unterscheidet sie von ,dem Mann‘ sind Fragen, die, soweit man es an schriftlichen Quellen ablesen kann, in Europa mindestens seit der antiken Philosophie gestellt werden. Dabei legt nicht nur die bekannte alttestamentarische Formel der aus dem Mann geschaffenen Frau, sondern schon medizinische Betrachtungen der griechischen Antike nahe, dass die Frau oftmals als das ,Andere‘, als Januskopf zum Mann begriffen wurde. Tatsachlich „gibt es also eine bereits lange anhaltende Diskussion uber die Frage ,was’ bzw. ,wie’ Frauen (und Manner) sind“k gDies geschah und geschieht in der Regel in Anlehnung an das korperliche Geschlecht (sex), was gleichzeitig aber manifeste Erwartungen an das geschlechterspezifische Verhalten (gender) zur Folge hat.1 2 Die Dualitat von Mann und Frau sowie die Art und Weise dieser Differenzierung und Zuschreibungen wiederum ist politisch brisant, „denn in den meisten Gesellschaften werden Rechte und Pflichten, Chancen, Ressourcen und Macht auf der Grundlage dieser Einteilung ungleich verteilt“.3 Wie sich die europaischen Vorstellungen vom weiblichen Geschlecht bzw. vom weiblichen Geschlechtscharakter4 veranderten und wer an der Diskussion wesentlich teilnahm, soll in dieser Hausarbeit anhand eines historischen Uberblicks skizziert werden. Im ersten Abschnitt werde ich die medizinischen und philosophischen Ursprunge der europaischen Geschlechtscharaktere im antiken Griechenland umreiBen. Deren Transformation von Spatantike bis ins Mittelalter in ein vielgestaltiges und im Spiegel christlicher Religiositat oftmals hochst widerspruchliches Bild der Frau wird Inhalt des zweiten Abschnitts sein. Sodann wird ein Eindruck der wohl ersten transnationalen und publizistischen Kontroverse uber die Geschlechter, der sogenannten Querelle des Femmes der Fruhen Neuzeit, gegeben um anschlieBend die schrittweise Vereindeutigung der Geschlechtscharaktere ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu zeigen, die, naturwissenschaftlich gerahmt, im Wesentlichen die moderne mehrheitliche Vorstellung der ,Frau‘ konstruierte.

2. Die Geschichte des weiblichen Geschlechtscharakters

2.1 Die antiken Ursprunge dualistischer Geschlechtscharaktere

Soweit die Quellenlage es erlaubt, konnen die Ursprunge europaischer diskursiver Geschlechterbetrachtungen in den griechischen Poleis bzw. der griechischen und romischen Antike verortet werden.5 Gepragt wurden diese Geschlechterbilder in der griechischen und romischen Antike wesentlich durch (mannliche) naturphilosophische bzw. ,medizinische‘ Erorterungen, die sich um Gleichheit und Differenz in einem binaren Geschlechtersystem drehen.6

Obwohl diese Konzepte permanenter Veranderung unterworfen waren, gingen praktisch alle Theorien von der ,Warmelehre‘ des Empedokles (ca. 495-435 v.u.Z.) aus, die besonders bei Aristoteles (384-322 v.u.Z.) Grundlage einer ,hamatogenen Samenlehre‘ wurde: „Die weiblichen Katamenien wurden durch ihre ,Feuchtigkeit‘ und ,Kalte‘ in unterschiedlichen Graden die hitzige und bewegende Kraft des Samens ,ausbremsen‘. [...] Bei vollstandiger ,Ausbremsung‘ entstunde die Frau.“7 Aristoteles sprach der Frau jeglichen Samenbeitrag ab und beschrieb sie als im Vergleich zum Mann weniger, kleiner, schwacher, kalter und feuchter, was sich auch in ihren geistigen Fahigkeiten niederschluge und die gesellschaftliche Beschrankung rechtfertigte.8

Daran anknupfend beschrieb Galenos (130-210) Geschlechtsunterschiede binar fur Brust, BlutgefaBe und Fleisch und fuhrte in seiner einflussreichen ,Saftelehre‘ u.a. aus, dass ein weiblicher Embryo aufgrund „feuchteren“ und „unreineren“ linksseitig aus der Niere entspringenden Samens entstehe, wahrend rechtsseitig aus der Aorta entspringendes Blut „gereinigt“ und „getrocknet“ zu einem mannlichen Embryo fuhre.9 Auch konne der Mann durch ungesunde Lebensweise in den Zustand „weiblicher Schwache“ verfallen, wahrend umgekehrt Frauen freilich keine „mannliche Starke“ erlangen konnten und den Mannern deshalb nicht nacheifern sollten.10 Erstaunlicherweise sollen Frauen trotz „kalter“ Korperphysiologie gleichzeitig aber triebhafter und hemmungsloser, also „hitziger“ im Gemut sein.11 Die ,Frau‘ gilt gegenuber dem ,Mann‘ - zumindest in naturphilosophischer Hinsicht - aufgrund korperlicher Konstitution also als unabanderlich minderwertig, als passiv, mangelnd geistig leistungsfahig, empfanglich gegenuber Sex- und Alkoholexzess und gesellschaftlich wie (ironischerweise) sexuell passiv, womit insgesamt die dauerhafte Notwendigkeit eines mannlichen Vormunds begrundet wurde.12

So unterlagen Frauen im antiken Rom der Vormundschaft bzw. Hausgerichtsbarkeit des pater familias, dem die Kontrolle der weiblichen Zugellosigkeit oblag, was mitunter sogar vorbeugenden Mord rechtfertigten konnte.13 In spatrepublikanischer Zeit gab es allerdings subtile Veranderungen zu einem padagogischen Konzept der prinzipiellen Erziehbarkeit und Vernunftfahigkeit der Frau: „So sagt Plutarch explizit, es sei unsinnig zu behaupten, daB Frauen nicht an der Tugend teilhatten. Dies schloB aber durchaus nicht aus, daB Plutarch der Meinung war, die Frau sollte vom Mann gefuhrt werden wie der Korper durch den Geist.“14 Offenbar wurde die „Sondernatur der Frau“ als gewisse Devianz (zum Mann) oder so doch zumindest als ein veritables Mysterium betrachtet. Das belegen die - im Vergleich zu ,den Mann‘ betreffender entsprechender Literatur - zahlreichen Ausfuhrungen schon bei Hippokrates (ca. 470-370 v.u.Z.) sowie die Entstehung einer eigenen medizinischen Disziplin, der Gynakologie, um 100 v.u.Z..15

2.2 Zwischen Hure und Heiliger - Die Frau im religiosen Spannungsfeld

Das Bild der Frau scheint sich mit der Verbreitung des Christentums im spatantiken und fruhmittelalterlichen Europa im Licht der mannlich dominierten Theologie gleichzeitig in altbekannten Bahnen und doch hochst widerspruchlich zu entwickeln.

So wird die Tauschung durch die Schlange im Paradies als Beweis der weiblichen Zugellosigkeit gewertet, die neben dem VerstoB aus dem Paradies die Strafe der - bereits in der Antike als Entsorgung uberflussigen „Stoffes“ besprochenen - Menstruation nach sich gezogen hatte.16 Sexualitat wird zunehmend tabuisiert und die Frau gilt als Quell und Objekt dieser Sunde - bezeichnenderweise wurden die sieben Todsunden oftmals als Frauen dargestellt.17 Schon bald entstehen vor allem von kirchlicher Seite deutliche Bestrebungen, diese unterstellte Sundhaftigkeit unter Kontrolle zu bringen. Diesen Anspruch kann man denn auch an der zunehmenden kirchlichen Reglementierung der Ehe zu Ungunsten der Ehefrau ab dem 9. Jahrhundert ablesen: So halt ein Kapitular des 9. Jahrhunderts Ehemanner dazu an, insbesondere die Ehefrau notfalls durch Schlage und Fasten zu zwingen das Vaterunser und das Kreuzzeichen zu lernen.18 Zudem werden Frauen aus Gerichtsprozessen, wie z.B. Ehebruchsprozessen, ausgeschlossen, so dass in der Regel nur noch informelle Moglichkeiten der rechtlichen Selbstbehauptung bleiben, was zu einer Art self-fulfilling-prophecy fuhrt: „List und Verschleierung, Heimlichkeiten und Betrug, das ist genau das Bild, welches sich Zeitgenossen von den Aktivitaten der Frauen machen.“19 Und noch im Hochmittelalter lasst sich Papst Innozenz III. (1198-1216), der oberste Theologe der Christenheit, zu der Aussage hinreiBen, die „miseria“ des Menschen wurzle im Geborenwerden durch die Frau.20 Gleichzeitig werden der Frau aber auch verschiedene positive Aspekte zugestanden. So werden der Ort der Schopfung (Paradies statt Diesseits), der Materie (Adams Fleisch statt Staub) sowie des entsprechenden Korperteils (aus einer Rippe statt dem FuB o.a.) als sublimierende Argumente genannt. Ein anderes Argument ist, dass Jesus einem Frauenleib entstammte und sich einer Frau, Maria Magdalena, offenbarte, was etwa den Dominikaner Humbert de Romas (1200-1277) zu der Aussage verleitete, im „Stand der Glorie wird kein reiner Mann regieren in jener Heimat (=im Himmel), sondern eine reine Frau wird Konigin sein“.21

[...]


1 Opitz-Belakhal, Claudia: Zur Geschichte der Geschlechter in Europa - Debatten und Ergebnisse der geschlechtergeschichtlichen Forschung. In: Luck, Detlev/Corneliben, Waltraud (Hg.): Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa (=Der Mensch als soziales und personales Wesen). Stuttgart 2014, S. 89-112, S. 97.

2 Diese Arbeit operiert mit dem Verstandnis von sex und gender, wie es Rebekka Habermas nach Ann Oakley verwendet: „’Sex’ ist ein Wort, das sich auf biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau bezieht, ,gender’ ist eine Sache der Kultur: es beinhaltet soziale Unterschiede zwischen ,maskulin’ und ,feminin’. Die Konstanz von ,sex’ muss zugegeben werden, aber ebenso die Veranderlichkeit von ,gender’“ (Habermas, Rebekka: Frauen- und Geschlechtergeschichte. In: Eibach, Joachim/Lottes, Gunther (Hg.): Kompass der Geschichtswissenschaft. Gottingen 2006, S. 16.).

3 Luck, Detlev: Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa - eine Einfuhrung ins Thema. In: Luck, Detlev/Corneliben, Waltraud (Hg.): Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa (=Der Mensch als soziales und personales Wesen). Stuttgart 2014, S. 1­29, S. 1.

4 Begriffsverwendung gemab der Definition von Rudiger Schnell: „Gemeint ist damit das Verfahren, bestimmte Eigenschaften und Rollen der zwei Geschlechter auf die unterschiedliche naturlich-biologische Veranlagung von Frau und Mann zuruckzufuhren und sie damit biologisch-physiologisch zu verankern. Vom unterschiedlichen Geschlechtskorper wird auf einen jeweils unterschiedlichen Geschlechtscharakter mit je unterschiedlichem Sexualverhalten geschlossen.“ (Schnell, Rudiger: Sexualitat und Emotionalitat in der vormodernen Ehe. Koln 2002, S. 60.)

5 Opitz-Belakhal (2014), Zur Geschichte der Geschlechter in Europa: 104.

6 Vgl. VoB, Heinz-Jurgen: Das differenzierte Geschlechterverstandnis der Antike. Gender. Zeitschrift fur Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 2, 2009, S. 61-74, S. 71. Es sei dabei auf Thomas Laqueurs 1990 erschienenes, reichlich rezipiertes Werk „Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud“ hingewiesen, das mittels des Konzepts eines vormodernen „Eingeschlechtermodells“ die Behauptung aufstellte, es habe eine naturphilosophische Vorgeschlechtlichkeit und damit ein fluides, ausschlieBlich kulturell-sozial und nicht biologisch-anatomisch begrundetes Geschlechterverstandnis existiert. Die jungere Forschung geht mittlerweile von einem pluralen Geschlechterverstandnis aus: „Es gibt eine erdruckende Fulle an Belegen dafur, daB schon in der Antike und im Mittelalter bestimmte Verhaltensweisen von Mann und Frau auf die biologisch-physiologische Konstitution, nicht nur auf den sozialen Status zuruckgefuhrt wurden.“ (Schnell, Rudiger: Sexualitat und Emotionalitat in der vormodernen Ehe. Koln 2002, S. 73.)
Ganz richtig fuhrt VoB aus, dass derlei Betrachtungen mehrheitliche Annahmen oder eventuell sogar lediglich Fachdiskurse betreffen und nur eine Ahnung von Geschlecht in der Antike geben konnen.

7 Ebd. S. 68.

8 Vgl. VoB, Heinz-Jurgen: Geschlechter in der Antike. In: ROSA:37. Die Zeitschrift fur Geschlechterforschung, September 2008, S. 46-49, S. 49.

9 Ebd. S. 48.

10 Ebd. S. 47.

11 Stahlmann, Ines: Jenseits der Weiblichkeit. Geschlechtergeschichtliche Aspekte des fruhchristlichen Askeseideals. In: Was sind Frauen? Was sind Manner? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel. 1996 Frankfurt a.M., S.51-75, S. 54.

12 Vgl. VoB (2009), Das differenzierte Geschlechterverstandnis der Antike: 65.

13 Stahlmann (1996), Jenseits der Weiblichkeit: 55.

14 Ebd. S. 56.

15 Namensgeber war offenbar das Werk Gynaikeia des Soranos von Ephesos. (Vgl. ebd.)

16 Vgl. „Da sprach Gott: Ich will dir Muhsal schaffen, wenn du schwanger bist; unter Muhen sollst du Kinder gebaren. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“ (1. Moses Kap. 3, 10-16), Meier, Frank: Liebe, Lust und Leidenschaft im Mittelalter. Der „gender“-Ansatz als Zugang zum mittelalterlichen Geschlechtsverstandnis. Weingarten 2005, Online: https://hsbwgt.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/5, zuletzt abgerufen am 14.09.2017, S. 7f.).

17 Vgl. ebd. S. 11. Ein sogenannter Petrus Cantor (+1197) behauptete beispielsweise, „der Verkehr mit einer schonen Frau sei grofiere Sunde als der mit einer hasslichen Frau, weil er mehr ergotze. Denn die Grofie der Lust bestimme die Grofie der SundeF (ebd., S. 9, Hervorhebung i. O.).

18 Nolte, Cordula: Christianisierung und religioses Leben im Fruhmittelalter. Uberlegungen aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive. In: Was sind Frauen? Was sind Manner? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel. 1996 Frankfurt a.M., 76-96, S. 83.
So wird auch die adlige Friedelehe fur illegitim erklart, in der u.a. Mann und Frau gleichgestellt sind (vgl. Meier (2005), Liebe, Lust und Leidenschaft im Mittelalter, S. 31.).

19 Ebd. S. 46.

20 Vgl. Bock (2000), Frauen in der europaischen Geschichte: 36.

21 Meier (2005), Liebe, Lust und Leidenschaft im Mittelalter: 6f.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668859531
ISBN (Buch)
9783668859548
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452586
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Geschlecht Geschlechtscharakter Geschichte Frauen

Autor

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Titel: Die Frau als das ewig andere? Historische Betrachtung des weiblichen Geschlechtscharakters