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Die Religionskritik Freuds in "Die Zukunft einer Illusion" und der gegenwärtige Zustand der Illusion

Seminararbeit 2018 18 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die menschliche Kultur

3. Religion als Illusion und kulturelles Phänomen
3.1 Ursprung und Stellenwert in der Kultur
3.2 Religionskritik und Ausblick

4. Zukunft ohne Illusion?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem 1927 veröffentlichten Aufsatz Die Zukunft einer Illusion untersucht Sigmund Freud das Verhältnis von Kultur und Religion sowie ihren Einfluss auf die Menschen. Er stellt den Ursprung, den Stellenwert sowie die Zukunft der Kultur und der Religion dar. Sein Fokus liegt dabei auf der europäischen Gesellschaft zu seiner Zeit und somit auf der christlichen und jüdischen Religion. Zwar wurde seine Schrift im 20. Jahrhundert veröf- fentlicht und bezieht sich damit primär auf die damalige Situation, jedoch scheint es loh- nenswert, seine Thesen und seine Zukunftsaussicht in Bezug auf das heutige Zeitalter zu überprüfen. Aus diesem Grund ist das Ziel dieser Hausarbeit, den Kulturbegriff und die Religionskritik Freuds in Die Zukunft einer Illusion zu referieren und den gegenwärtigen Zustand der Religion in der europäischen Gesellschaft zu untersuchen.

Der erste Teil der Hausarbeit widmet sich der Untersuchung des Kulturbegriffs von Freud. Dabei sind folgende Fragen leitend: Wie definiert Freud Kultur? Was sind die Aufgaben der Kultur? Wie lässt sich der Zustand der Kultur in der Gesellschaft darstellen und was lässt sich über die Zukunft vermuten? Darauf aufbauend wird im zweiten Teil die Religion als kulturelles Phänomen und Illusion näher betrachtet. Ihr Ursprung und ihr Stellenwert in der Gesellschaft zur Zeit Freuds sollen herausgearbeitet werden. Im nächsten Schritt wird die Religionskritik und die Zukunftsaussicht der Religion dargelegt. Anschließend soll der gegenwärtige Zustand der Religion in der europäischen Gesellschaft unter Berücksichti- gung der Zukunftsaussicht Freuds untersucht werden. Dabei soll sich herausstellen, welche Entwicklung die Religion vollzogen hat, welche Rolle sie in der heutigen Gesellschaft spielt und was in Zukunft erwartet werden kann. Zuletzt werden die wichtigsten Ergebnisse im Fazit zusammengefasst und ein weiterer Ausblick wird dargelegt.

2. Die menschliche Kultur

Freud definiert die menschliche Kultur als „etwas, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen“1. Dabei verbindet er sie mit der Zivilisation und unterschei- det zwei Seiten. Zum einen beinhalte die Kultur das Wissen und die Fähigkeiten der Men- schen, die entwickelt werden, um Macht über die Natur zu gewinnen und „ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse abzugewinnen“2. Zum anderen umfasse sie die kulturellen Institutionen, die eine entscheidende Rolle in der Regelung der menschlichen Beziehungen und der Verteilung der Güter spielen. Freud beschreibt diese zwei Seiten als unzertrennlich und führt dafür Gründe an. Als ersten Grund nennt er die Größe der Trieb- befriedigung von Gütern, die die menschlichen Beziehungen beeinflussen. An zweiter Stel- le erwähnt er, dass die Menschen selbst Güter für andere Menschen sein können, wenn sie als Arbeitskraft oder Sexualobjekt fungieren. Als letzten Grund führt er die Feindschaft des einzelnen Menschen gegenüber der Kultur an, die an sich dem Gemeinwohl dienen soll.3 Freud vertritt die Auffassung, dass die gegenwärtigen Kulturformen fehlerhaft sind und aus diesem Grund zur Unzufriedenheit und Feindlichkeit bei den Menschen führen. Zwar kön- ne es keine Kultur geben, die nicht auf Zwang und Triebverzicht aufbaut, aber es sei mög- lich „die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwen- dig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen.“4. Dazu sei eine Minderheit nötig, die über die Masse herrscht und sie lenkt. Vorbildliche Führer würden zur Erhaltung der Kultur beitragen, indem sie den Menschen dazu anregen würden, Leistungen zu erbrin- gen und Entbehrung zu verkraften.5

Darüber hinaus ist Freud der Ansicht, dass Generationen, die „liebevoll und zur Hoch- schätzung des Denkens erzogen“6 werden, eine andere Beziehung zur Kultur entwickeln werden. Dabei beruft er sich auf die Psychologie, die besagt, dass die früheste Kindheit des Kindes einen großen Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen hat. Im Kindesalter seies möglich, die Triebanlagen der Kinder zu lenken. Dies könne dazu verhelfen, den hohen Anteil der kulturfeindlichen Menschen auf eine Minderheit zu reduzieren.7

Nachdem er sich mit der Kulturfeindlichkeit und der Unvollkommenheit der gegenwärti- gen Kulturformen auseinandergesetzt hat, widmet sich Freud der Psyche des Menschen und beginnt mit einer terminologischen Klärung zur Fortsetzung seiner Argumentation. Er definiert fehlende Triebbefriedigung als Versagung, die Institution, die diese Versagung bestimmt, als Verbot und die Auswirkungen des Verbots als Entbehrung. Dabei differen- ziert er zwischen Entbehrungen, die sich auf alle Kulturteilnehmer beziehen und Entbeh- rungen, die nur eine bestimmte Gruppe betreffen. Entscheidend hierbei sei die Verinnerli- chung der Zwänge aus der Umwelt infolge der Aufnahme in das Über-Ich des Menschen. Durch die Verinnerlichung würden sich Menschen „aus Kulturfeinden zu Kulturträgern“8 verwandeln.9 „Je größer ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist, desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann sie der äußeren Zwangsmittel entbehren“10, so Freud. In diesem Zusammenhang sei hervorzuheben, dass das Maß der Verinnerlichung je nach Triebverbot unterschiedlich ist. Während die erste Art von Entbehrung größtenteils verinnerlicht zu sein scheine, würden viele Menschen die andere Art von Entbehrung nur aus Zwang ertra- gen. An dieser Stelle geht Freud erneut auf die Unvollkommenheit der Kulturformen ein und unterstreicht, dass eine Kultur, mit der viele Menschen unzufrieden sind, zum Schei- tern verurteilt sei.11

Nicht nur der Aspekt der Verinnerlichung, sondern auch „die narzißtische Befriedigung aus dem Kulturideal’’12 sei ein wichtiges Element zur Stabilisierung der Kultur. Der Mensch sei Stolz auf die hervorgebrachten Leistungen seines Kulturkreises und würde seine Kultur anderen überlegen sehen. Das habe zur Folge, dass eine Feindschaft gegenüber anderen Kulturen entstehe. Neben privilegierten Klassen würden auch die Unterdrückten einen Nutzen daraus ziehen, indem sie sich trotz vorhandener Feindschaft mit den Herrschern identifizieren und sich affektiv an diese binden. Hierdurch würde sich auch erklären lassen,wie Kulturen, denen viele Menschen feindlich gegenüberstehen, erhalten bleiben.13

Eine andere Quelle der Befriedigung, zu der jedoch nicht alle Kulturteilnehmer Zugang hätten, stelle die Kunst dar. Freud sieht die Kunst als eine Ersatzbefriedigung für die erste Art von Entbehrung an. Einerseits würden Kulturgüter die Identifikation der Menschen mit dem eigenen Kulturkreis fördern und andererseits die narzisstische Befriedigung ermögli- chen.14 Zu guter Letzt merkt Freud die Wichtigkeit der religiösen Vorstellungen an und de- finiert sie als das „bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer Kultur“15.

3. Religion als Illusion und kulturelles Phänomen

3.1 Ursprung und Stellenwert in der Kultur

Zwar würde die Abschaffung der Kultur Triebverzichte und Verbote aufheben, aber der Mensch würde dadurch in einen Naturzustand verfallen, der viel mehr Leid auslöst: „[D]ie Natur […] bringt uns um, kalt grausam, rücksichtslos wie uns scheint, möglicherweise ge- rade bei den Anlässen unserer Befriedigung.“16 Aus diesem Grund sei ein Zusammen- schluss der Menschen zur Erhaltung der Kultur unabdingbar. Freud führt an, dass es die Hauptaufgabe der Kultur ist, den Mensch gegen die grausame Natur, über die er keine Macht besitzt, zu schützen. Eben diese Hilflosigkeit und Ohnmacht des Menschen gegen- über der Natur würde den Ausgangspunkt für die Entstehung der Religion bilden. Dabei würde der Mensch die Natur vermenschlichen, um mit ihr in Verbindung treten und sie besser verstehen zu können.17

In diesem Punkt sei eine Ähnlichkeit zum infantilen Zustand festzustellen. Die Hilflosig- keit gegenüber der Natur sei nicht die erste Hilflosigkeit, die der Mensch erlebt. Vielmehr sei sie „die Fortsetzung des früheren“18. In der Kindheit würde der Mensch seinen Eltern hilflos gegenüberstehen, sich vor dem Vater ängstigen, ihn aber gleichzeitig als schützende Instanz gegen jegliche Gefahren betrachten. Aus diesem Grund würde der Mensch den 22 Die menschlichen Fortschritte und die daraus resultierenden Einsichten bezüglich der Na- turerscheinungen würden dazu führen, dass die Natur ihre menschlichen Eigenschaften verliere. Demgegenüber bestünde die Hilflosigkeit sowie die Vatersehnsucht und der Wunsch nach Göttern weiterhin. Die Aufgabe dieser Götter sei „die Schrecken der Natur zu bannen“23, den Menschen mit der Begrenztheit der Lebenszeit auszusöhnen und für das Leid und die Entbehrungen auf der Welt aufzukommen. Außerdem würden die Erkenntnis- se bezüglich der Natur nicht zur Schwächung der Götter führen, sondern zur Verschiebung des Aufgabenschwerpunktes. Aufgabe der Götter sei „die Mängel und Schäden der Kultur auszugleichen, die Leiden in acht zu nehmen, die die Menschen in Zusammenleben einan- der zufügen, über die Ausführungen der Kulturvorschriften zu wachen, die die Menschen so schlecht befolgen.“ 24. Dabei würde den kulturellen Regeln selbst ein göttlicher Ur- sprung verliehen werden, wodurch die Menschen sich dazu verpflichtet fühlen, die Regeln zu befolgen. Daraus resultiere der Schutz der Menschen „gegen die Gefahren der Natur und des Schicksals und gegen die Schädigung aus der menschlichen Gesellschaft selbst.“ 25 Ferner sei der Mensch der Auffassung, dass das Leben auf der Welt „einem höheren Zweck“ 26 dient und „eine Vervollkommnung des menschlichen Wesens“27 bedeutet.28

Freud beschreibt den Stellenwert der Religion in der Gesellschaft des Weiteren folgender- maßen: Der Mensch gehe davon aus, dass es eine stärkere und intelligentere Instanz gibt,

[...]


1 Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1973, hierS. 86.

Im Folgenden zitiert als: Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse.

3 Ebd., S. 86.

4 Vgl. ebd., S. 86. Ebd., S. 85.

5 Vgl. ebd., S. 86-88.

6 Ebd., S. 88.

7 Vgl. ebd., S. 88-89.

8 Ebd., S. 91.

9 Vgl. ebd., S. 90-91.

10 Ebd., S. 91.

11 Vgl. ebd., S. 92.

12 Ebd., S. 93.

13 Vgl. ebd., S. 93.

14 Vgl. ebd., S. 93-94.

15 Ebd., S. 94.

16 Ebd., S. 95.

17 Vgl. ebd., S. 97.

18 Ebd., S. 97.

19 Ebd., S. 97-89.

20 Vgl. ebd., S. 97-98.

21 Ebd., S. 102.

22 Vgl. ebd., S. 102.

23 Ebd., S. 98.

24 Ebd., S. 98.

25 Ebd., S. 99.

26 Ebd., S. 99.

27 Ebd., S. 99.

28 Vgl. ebd., S. 98-99.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668865280
ISBN (Buch)
9783668865297
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453118
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
Schlagworte
religionskritik freuds zukunft illusion zustand

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Titel: Die Religionskritik Freuds in "Die Zukunft einer Illusion" und der gegenwärtige Zustand der Illusion