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Was ist Tapferkeit? Ein Sokratisches Streitgespäch in Platons "Laches"

Hausarbeit 2018 5 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Aufgabe 1

Die unterschiedlichen Argumentationsweisen und die daraus hervorstechenden philosophischen Profile des Laches und des Nikias in dem platonischen Dialog werden vor allem in den Reden zur Definition der Tapferkeit deutlich (Laches: 190b2 – 193d10, Nikias: 193d11 – 198b1)1. Nachfolgend wird zunächst die Argumentationsweise des Laches, darauffolgend die des Nikias dargestellt. Zudem soll zumindest in Teilen jeweils die Rolle des Sokrates während der jeweiligen Argumentation hinzugezogen werden. Anschließend wird aufgrund der Unterschiede der Argumentationsweisen das philosophische Profil der beiden Redner herausgearbeitet.

Der Argumentationsgang zur Definition der Tapferkeit des Laches lässt sich zunächst in vier aufeinander folgende Definitionen gliedern. Als Sokrates die Frage nach der Bestimmung der Tapferkeit expliziert (190e4), beginnt Laches mit seiner ersten Definition. Diese beläuft sich darauf, dass das militärische Kämpfen in einer Schlachtformation und das Standhalten in dieser Tapferkeit sei (190e5-190e8). Sokrates stimmt Laches zunächst zu (190e9), zeigt dann aber weiterführend das Problem auf, dass dies allein nicht Tapferkeit sein kann. Hierzu bringt er das Beispiel der Skythen, welche trotz Rückzugsverhalten Tapferkeit bewiesen haben (191a5 ff.). Auf Sokrates Wunsch, die Definition der Tapferkeit allgemeiner zu fassen (191d-191e2) und „von der Tapferkeit zu sagen, was sie ihrem Wesen nach ist“ (191e12) beginnt Laches mit seiner zweiten Definition. Diese beschreibt die Tapferkeit als die Beharrlichkeit der Seele (192b9-192b11). Auch diese Definition lässt sich jedoch entkräften, da Sokrates den Aspekt der „Beharrlichkeit mit Unverstand“ (192d1) anmerkt. Korrigierend stellt Laches anschließend seine dritte Definition auf: Tapferkeit als kluge Beharrlichkeit der Seele (192d12-192d14). Auch dieser Definition bringt Sokrates zahlreiche Gegenbeispiele entgegen, in welchen Tapferkeit das Gegenteil der klugen Beharrlichkeit zu sein scheint (192e-193c9). Infolgedessen stimmt Laches der vierten und letzten Definition zu. Diese besagt, dass Tapferkeit die unbesonnene Beharrlichkeit ist (193c10-193d10).

In einer Aporie endend (194c5) schließt Laches seine Definitionsversuche und Sokrates wendet sich an Nikias. Dieser definiert die Tapferkeit als ein Wissen (194d-194e4) von diesem, was entweder Furcht oder Zuversicht bereitet (194e13-195a2). Die erste von Nikias gebrachte Definition wird daraufhin von Laches angegriffen. Dieser behauptet, dass es keine Verbindung zwischen Wissen und Vortrefflichkeit (bzw. Tapferkeit) gibt (195a6-195a7). Um seine Bestimmung von Tapferkeit jedoch zu bekräftigen, fährt Nikias mit dem Beispiel des Sehers fort (195e). Dieser könnte mit seiner Fähigkeit überblicken, ob die Tapferkeit des Patienten belohnt wird, und hat somit Wissen über die Zukunft und kann demnach laut der Definition des Nikias als tapfer bezeichnet werden (195e1-195e5). Nachdem Sokrates die vorläufige Definition des Nikias wiederholt, nämlich dass Tapferkeit ein Wissen von dem ist, was Furcht und Zuversicht bringt (196c15-196d2), bemerkt Sokrates, dass dieses Wissen kaum einem Menschen zuteil werden kann (196d4-196d7), worauf Nikias ihm zustimmt (196d8). Aufgrund dessen bezieht Sokrates die Tiere in den Definitionsversuch des Nikias ein (196d8). Im Gegensatz zu Laches, welcher die Tiere ohne Zweifel tapfer nennt (197a4), beschreibt Nikias diese lediglich als furchtlos und töricht (197a10). Furchtlosigkeit und Tapferkeit wären somit nach Nikias nicht dasselbe (197b2), sie wären viel mehr verwegen (197c1). Tapfer hingegen seien diese, welche mit Voraussicht und Verstand tapfer handeln (197b2-197c2).

Nach einer abschließenden Diskussion zwischen Sokrates und Nikias über das Zeitverhältnis des Wissens (197e12-199e3), welches Tapferkeit bewirkt, endet jedoch auch die Definition des Nikias aporetisch, da die Definition der Tapferkeit als ein Teil der Vortrefflichkeit auch die anderen Fragmente dieser einbeziehen würde (199e15).

Die Charakteristika der Argumentationsgänge des Nikias und des Laches lassen auf das philosophische Profil der beiden Redner schließen. Laches, welcher sich nicht nur in seiner eigenen Definition überwiegend auf Beispiele stützt (190e5-190e8), scheint nie auf die Ebene des Definierens der Sache (Tapferkeit) an sich zu gelangen. Jeder seiner Ansätze zur Definition ist Sokrates zu eng gefasst und beschreibt nicht das Wesen der Sache (191e12). Dies lässt ihn zunächst weit „unphilosophischer“ als sein Gegenüber wirken. Laches scheint sich schwerer mit der von Sokrates geforderten Definition der Tapferkeit zu tun (190e5) und so wird der Versuch des Bestimmens weniger von ihm allein als unter dem Zutun des Sokrates vorgenommen (191c-192d13). Er wirkt dadurch, nachdem die Diskussion in die erste Aporie und die Diskussion zwischen Sokrates und Nikias verläuft, etwas unbeholfen, wenn nicht sogar unterlegen. Diese rhetorische Unterlegenheit spricht er sogar selbst an (194a7), er scheint sich also nicht auf Augenhöhe mit seinen Gesprächspartnern zu sehen. Diese fehlende Parität im Diskurs könnte ein Grund für die andauernden Offensiven des Laches gegen die Definitionsversuche des Nikias und ihn selbst sein (195a3, 195a9, 197c3). Im späteren Verlauf scheint es ihm also weniger um das Bestimmen des Wesens der Sache zu gehen, sodass er sich schon aus dem Gespräch zu entfernen scheint (197e6, 197e11). Sokrates wirkt während dieser Auseinandersetzung ausgehend von Laches jedoch immer wieder als Vermittler, welcher das Gespräch auf die sachliche Ebene zurückbewegt (196c1-196c7).

Obwohl auch die Definition des Nikias in einer Aporie endet, scheint er dem Verhalten des Sokrates nach bemessen einen deutlich gelungeneren Ansatz zu haben. Die Definitionen wirken weitgefasster, sodass Sokrates Nikias‘ Definitionsversuche sogar gegen Laches verteidigt (196c1-196c7). Die Tatsache, dass es Nikias vermehrt um geistige Aspekte und das Denken (Wissen über das, was Furcht und Zuversicht bringt) geht, lässt ihn philosophischer wirken, was zur Folge hat, dass Sokrates seinem Argumentationsgang mehr Zuversicht zuschreibt (195c3).

Obwohl beide Definitionsversuche in Aporien enden und auch die Diskussion in eine polemische Auseinandersetzung zwischen Nikias und Laches mündet (200a-200c1), scheint Nikias auf den ersten Blick der weitaus Besonnenere und Weisere zu sein. Beide konnten keine zufriedenstellende Diskussion liefern, jedoch lassen die Erklärungen des Nikias auf ein weit ausgeprägteres, philosophisches Verständnis bezogen auf die Tugendlehre schließen als die des Nikias. Dem entgegen steht der Verdacht des Laches, dass Nikias seine Weisheiten lediglich von Damon übernommen hätte (200a4). Dies stellt Nikias wiederum weniger weise und philosophisch dar, da er nicht selbst an den Definitionsversuchen gearbeitet hätte.

Jedoch relativiert sich zum Ende auch die philosophische Position des Laches. Dieser, welcher während der Dialoge, gerade zum Schluss, weniger an einer Wesensdefinition als an den Schwächen der nikiasschen Erläuterungen interessiert gewesen zu sein schien, schlägt nun Sokrates als Lehrer vor (200c5), da beide in seinen Augen keine Ausreichende Definition liefern konnten. Dies lässt auf eine gewisse selbstreflexive und sachdienlichere Kompetenz schließen als zunächst erwartet.

Aufgabe 2

Die Ratlosigkeit am Schluss des Gesprächs zwischen Laches, Nikias und Sokrates hindert die Beteiligten in keiner Weise daran, Sokrates zum Lehrer der Söhne des Melesias und Lysimachos zu erklären (200c5-200c8). Dies scheint paradox, da, wie zu Beginn des Textes von Sokrates gefordert, keine Definition des Lehrgegenstandes während der Gespräche erfolgen konnte. Die Beweggründe, warum Laches und Nikias dennoch Sokrates zum Lehrer ernennen, lassen sich wage erahnen: Beide gestehen sich ihre Unwissenheit ein und bemerken am Ende ihrer Definitionsversuche, dass sie nicht als sachkundig gelten können. Zwar zeigt Nikias das Bestreben, weiter nach der Lösung des bestehenden Problems zu suchen, jedoch beschränkt sich dies zunächst auf die Zukunft (200b9-200b12).

Dieselben Gründen, aus welchen Nikias und Laches Sokrates in das Gespräch hinzugezogen haben, nämlich dass er sich dort aufhält, wo Themen dieser Art behandelt werden (180c1-180c6), dass er Lehrer aus anderen, für die Entwicklung bedeutsamen Bereichen kennt (180c10-180c12) und dass die jungen Leute ihm zugewandt sind (180e7-180e10), könnten auch nach dem Dialog noch die ausschlaggebenden Gründe für das Ernennen des Sokrates zum Lehrer sein. Aufgrund der Tatsache, dass sich im Verlauf des Gesprächs auf fachkundiger Ebene kein hinreichender Lehrmeister ermitteln ließe, Sokrates sich jedoch als weiser Vermittler mit Weitsicht und Streben nach dem Ergründen des Wesens des Lehrgegenstandes bewiesen hat und weiterführend das Bedürfnis des Findens eines Lehrers für die Söhne des Lysimachos und des Melesias anzudauern scheint, wirkt Sokrates zunächst als einziger, der für das Vorhaben geeignet ist. Sokrates hat durch das Gespräch und die Definitionsversuche viele Eindrücke zu der zu ergründenden Thematik bekommen und ist zudem weniger festgefahren in seinen Ansichten und hat sich nicht von Beginn an auf eine mögliche Definition beschränkt.

Der Grund warum Sokrates schlussendlich zum Lehrer ernannt wird, liegt demnach weniger in der tatsächlich Sachkenntnis als in der Vorgehensweise und den Erfahrungen, die durch ihn während des Gesprächs gewonnen wurden. Sokrates konnte wenigstens zeigen, wer nicht als Lehrmeister der Jungen in Frage kommt, was verhindert, dass sie fälschlich unterrichtet werden. Das Prüfen der schnell geschlossenen Definitionen des Nikias und des Laches ließen Sokrates zwar nicht auf eine korrekte Definition schließen, jedoch gelang den Gesprächsteilnehmern ein Eingrenzen des Sachzusammenhangs. Auch der Anspruch des Sokrates, am folgenden Tag weiter nach einer Lösung zu suchen, lässt ihn als zunehmend geeignet für die Lehrtätigkeiten wirken (201c4). Zudem ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, bei der Entwicklung der Tüchtigkeit irgendeines Bedürftigen zu helfen (200e1).

Obwohl Laches und Nikias aus eben diesen Gründen Sokrates als Lehrer bestellen möchten, dürfte Sokrates diesem Gesuch eigentlich nicht nachkommen. Zunächst aus dem naheliegendsten Grund: Er selbst brachte die methodische Richtungsänderung nach welcher bei der Bestimmung des Lehrers zukünftig nach der Sachkenntnis (dem Wissen) und nicht mehr nach einer einfachen Mehrheitsentscheidung gefragt werden soll (184d6-184d21). Zum Ende des Dialogs konnte jedoch auch Sokrates keine abschließende Definition der Tapferkeit explizieren, womit er nach seiner selbst formulierten Voraussetzung unpässlich für den Beruf wäre und somit ablehnen müsste. Viel mehr schien er durch seine Besonnenheit in der Vermittlerposition zwischen Laches und Nikias noch entfernter von einer Bestimmung der Tapferkeit gewesen zu sein als die beiden sich gegenüberstehenden Gesprächsteilnehmer.

Ein weiterer Aspekt, der gegen Sokrates in der Rolle des Lehrenden spricht ist, dass er alle Gesprächspartner dazu auffordert, sich bezüglich des Untersuchungsgegenstandes weiter zu bilden, um die Ratlosigkeit zu überwinden: „[...]wir müssen alle gemeinsam vor allem für uns selbst nach einem möglichst guten Lehrer suchen […].“ Hierbei schließt Sokrates alle Beteiligten des Gesprächs als mögliche Lehrer aus da diese selbst noch lehrbedürftig sind. Somit befindet auch er sich, obwohl er von Nikias und Laches als ausreichend wissend anerkannt wurde, in der Rolle desjenigen, welcher kein Wissen über den Lehrgegenstand hat und somit die Söhne des Melesias und Lysimchos nicht erziehen dürfte.

[...]


1 Die entsprechenden Originalstellen sind aus der Übersetzung von Jula Kerschensteiner entnommen

Details

Seiten
5
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668889699
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454657
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Tugend Dialog Platon Antike Philosphie Laches Sokrates

Autor

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