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Die Frauengestalten in Lessings "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti"

Akademische Arbeit 2013 19 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Stellung der Frau im 18. Jahrhundert

2 Die einzelnen Frauengestalten in Lessings Werken Minna von Barnhelm und Emilia Galotti
2.1 Minna von Barnhelm
2.2 Franciska
2.3 Emilia Galotti
2.4 Claudia Galotti
2.5 Gräfin Orsina

3 Ergebnisse

4 Literaturverzeichnis

1. Die Stellung der Frau im 18. Jahrhundert

Näen und spinen flicken und butzen, kochen und reiben ist ein Arbeit für die Weiber. Ackeren und öcken, säen und schneiden gehört für die Männer, welche das Brod in das Haus sambt anderer Nothdurfft verschaffen sollen… haben also die Weiber das Brod von Männern, die Männer Hau und Leinwad, Kost und Suppen von Weiberen zuempfangen. (1701)1

Treffend beschreibt Christoph Selhamer als Zeitgenosse die Ansicht der Rollenverteilung von Mann und Frau im angehenden 18. Jahrhundert. Dieses Zitat verkörpert exakt die damalige Wirklichkeit. Die Aufgaben der Frau bestanden demnach darin, sich um Haushalt und Hof zu kümmern, die Erziehung der Kinder zu tätigen und dem Ehemann eine gute Frau zu sein. Die Wahl der Ehemänner fand dabei nicht aus eigenem Willen statt. Die Frauen hatten sich streng nach den Wünschen ihrer Eltern zu richten und mussten den zum Mann nehmen, den diese für sie aussuchten. Nach der Hochzeit war das größte Befugnis der jungen Ehefrau, Kinder zu bekommen und dieses Wohl zu erziehen. Der Vater, welcher als Oberhaupt der Familie galt, hatte das komplette Sagen. Nach seiner Autorität hatten sich Frau und Kinder zu richten. Die Frau des 18. Jahrhunderts war also dem Mann untergeordnet und hatte sich dessen Willen zu fügen. Ihr selbst war es nicht vermacht, Verantwortung zu übernehmen oder sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Daraus resultiert eine große Abhängigkeit, in vielerlei Hinsicht, der Frauen von den Männern. Finanziell abhängig war die Frau gegenüber dem Mann vor allem aufgrund der Tatsache, dass es der Frau untersagt war zu arbeiten. Der Mann galt als Alleinverdiener der Familie und ihm war die Rolle zugeteilt, diese zu ernähren. Aber auch ideologisch war die Frau vom Mann abhängig. Bis auf Klöster und Pensionen gab es für Frauen keinen Weg zur Bildung, wohingegen für Männer die Türen der Universitäten und Schulen offen standen.2 Das Ideal dieser Zeit verkörperte die tugendhafte Frau, die fromm und dem Mann gegenüber gehorsam war. Die Frau war, nach dieser Auffassung, nicht zum Denken und selbstständigen Handeln bestimmt und musste sich somit dem starken Geschlecht unterwerfen. Der Mann war der ständige Beschützer und Bestimmer der Frau und diese hatte sich nach ihm zu richten. Diese strikte Rollenverteilung steht eigentlich im Kontrast zu der Auffassung der Aufklärung. Genau mit dieser Erkenntnis arbeiteten bereits viele Literaturwissenschaftler. So beschäftigt sich beispielsweise Etta Schreiber in ihrem Buch The German Women in the Age of Enlightement im Allgemeinen mit den Frauen in Lessings Dramen und erkennt die Selbstständigkeit der Frauenfiguren Lessings. Beate Sturges, in ihrem Werk Lessing als Wegbereiter der Emanzipation, beachtet, im Gegensatz zu den vorangehenden Forschungen der lessingschen Frauen, auch die Frauen in Lessings tatsächlichem Leben. Sie beteuert, dass Lessing mit seinen Werken maßgebend an der

Emanzipation der Frau beteiligt war. Im selben Jahr veröffentlicht auch Giesela Ritchie ihre Forschungsergebnisse in Der Dichter und die Frau und erkennt, dass Lessings Frauen als revolutionär zu werten sind und nicht dem Geiste seiner Zeit entsprechen. Weitestgehend bleibt zu sagen, dass es zwar viele Einzelwerke zu den Frauen in Lessings Stücken gibt, das Gesamtbild all seiner Frauen und die Rolle, die er diesen zuschreibt, wird aber erst in der Ära des Feminismus zum zentralen Thema. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie Lessing speziell in seinen Werken Minna von Barnhelm und Emilia Galotti seine Frauengestalten konzipierte. Es gilt, herauszufinden, ob Lessing eine Geschlechtertrennung vornimmt und somit als Vertreter seiner Zeit zu sehen ist, oder ob er als aufklärerischer Denker die Frauen als Individuum in seinen Stücken präsentiert und ihnen eine Rolle zuschreibt, die für die Bühne seiner Zeit völlig neu ist.

2. Die einzelnen Frauengestalten in Lessings Werken Minna von Barnhelm und Emilia Galotti

2.1 Minna von Barnhelm

Die Komödie Minna von Barnhelm, welche oft auch als Lessings „erstes gelungenes Meisterwerk“3 verstanden wird, ist nicht zuletzt aufgrund des selbstbewussten Charakters der Protagonistin Minna so erfolgreich. Minna von Barnhelm überrascht im gleichnamigen Stück mit ihrem liebenswerten Wesen und ihrer strahlenden Persönlichkeit. Minna wirkt darin witzig und lebensfroh. Ihre Charakterstärke strahlt eine Euphorie aus, die sie selbst zu einer der „leuchtensten Frauengestalten der Weltliteratur“ werden lässt.4 Ihre Liebe zu dem ehemaligen Offizier Tellheim ist Folge einer guten Tat, welche Tellheim, als er noch im Dienste war, begangen hat. Für Minna zählt nämlich nicht das Aussehen Tellheims oder dessen gesellschaftlicher Status, was für sie zählt ist einzig und allein das, was ihr Herz rührt.5 Diese Haltung Minnas ist keineswegs üblich für eine Frau ihrer Zeit, und bereits hier bekommt der Zuschauer Minnas klaren Verstand zu erkennen. Minna gibt ebenfalls vor, ihren Tellheim schon geliebt zu haben, bevor sie ihn überhaupt zu Gesicht bekam, da sie von seiner Tat gehört hat.6 Das Selbstbewusstsein Minnas resultiert auch aus ihrer finanziellen Unabhängigkeit. Als Kind einer wohlhabenden Familie ist sie die Alleinerbin ihres vermögenden Oheims. Ironischerweise wird Tellheim genau wegen dieser Tat, die Minna so an ihm schätzt, vom Dienst entlassen, wodurch Tellheim in eine tiefe Identitätskrise gerät, da er meint, entehrt worden zu sein und Minna fortan nichts mehr bieten zu können. Minna hingegen ist es gleichgültig, wie viel Geld ihr zukünftiger Ehemann besitzt und ob er ein Mann von Rang und Namen ist. Sie stellt Tellheims menschlichen Wert in den Vordergrund und lässt seine gesellschaftliche Anerkennung unbeachtet. Sie verlobt sich mit ihm, ohne ihrem Oheim davor von ihren Plänen zu berichten. Auch diese Tat Minnas zeigt ihr selbstbestimmtes Handeln, da sie sich von niemandem von ihrem Ziel abbringen lässt. Es ist einzig und allein ihre Liebe zu Tellheim, die Minna so agieren lässt. Ihre Zielstrebigkeit bringt sie dann dazu, sich auf die Suche nach ihrem Verlobten zu machen ohne jede Gewissheit, dass dieser sie noch liebt und folgt damit ausschließlich ihrem Herzen.7 Minna aber ist von seiner Treue überzeugt, und voller Tatentrang und Optimismus reist sie nach Preußen, wo sie hofft ihren Verlobten anzutreffen. Als die beiden sich dort treffen, ist für sie

alleine die Frage, ob er sie noch liebe, von Wichtigkeit.8 Sie bringt ihn mit ihrer Willenskraft dazu, diese Frage bejahend zu beantworten. Dennoch geht Tellheim davon aus, dass es der Ehre wegen besser sei, Minna „nie, nie wieder zu sehen.“9 Genau dieser Gedanke unterscheidet Minna grundlegend von Tellheim. Minna sieht den Menschen als Ganzes und nicht als Mittel zum Zweck. Sie schafft es zunächst nicht, Tellheim von seinem starren Ehrbegriff abzubringen. Daraufhin ergreift Minna als Frau die Initiative indem sie das Blatt wendet und sich selbst als verlassenes und verarmtes Frauenzimmer hinstellt und gibt vor, von ihrem Oheim enterbt worden zu sein. Minna möchte sich nicht einfach mit der Situation abfinden und zeigt damit ihre Eigeninitiative mit welcher sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Ihr liegt alles daran, ihren geliebten Gatten zurückzugewinnen. Minna lässt der Handlung nicht einfach ihren Lauf sondern gestaltet diese aktiv mit. Das Spiel, welches Minna zu spielen beginnt, ist gleichwohl geleitet von ihren tiefen Gefühlen als auch von ihrem reinen und klaren Verstand. Das ganze Stück hindurch ist Minnas Handeln zwar von ihrer Liebe zu Tellheim beeinflusst, aber dennoch mischt sich immer wieder ihr klares, rationales Denken unter diesen Trieb der Gefühle. Genau diese Tatsache macht auch den Charakter der Minna so besonders. Das Spiel Minnas verselbstständigt sich zeitweise und sie verpasst es, den Ernst der Lage zu erkennen. Als das Stück dann aber, weitestgehend durch Zufall, ein gutes Ende nimmt und Tellheim wieder in den militärischen Dienst aufgenommen wird10, bekundet auch er seine Liebe zu Minna. Das Spiel hat also doch noch seinen guten Ausgang: Minna bringt Tellheim dazu, sich selbst wiederzufinden und seine Liebe zu seiner Verlobten zu akzeptieren.11 Dennoch gelingt es Minna das ganze Stück hindurch nicht, Tellheim von seinem Ehrgefühl abzubringen. Bis zuletzt beharrt er wie ein störrischer Esel darauf und sein Charakter scheint keinerlei Entwicklung durchgemacht zu haben. Tellheim schafft es nicht, sich vom damaligen Zeitgeist loszulösen und ist sogar bereit, dafür seine Liebe zu opfern. Zu bezweifeln bleibt, ob es Minna gelungen wäre, ihren Verlobten ohne jegliche Fremdeinwirkung zurückzugewinnen. Lessing erschuf mit seiner Figur der Minna die Lebensfreude in Person, die ebenso ihrer Tugend treu bleibt. Im Gegensatz zur Emilia greift Minna nicht zur Passivität sondern vielmehr zur Aktivität. Durch ihre Taten beweist sie ihre Eigeninitiative und dass sie durchaus in der Lage ist, mit einem Mann auf Augenhöhe zu stehen. Im ganzen Stück hindurch fungiert Minna als treibende Kraft der Handlung. Durch ihre Zielstrebigkeit ist sie selbst dafür verantwortlich, dass das Lustspiel doch noch ein gutes Ende nimmt. Diese Willensstärke gibt sie auch immer wieder Tellheim zu verstehen, wenn sie beispielsweise sagt: „Kurz; hören Sie also, Tellheim, was ich fest beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll“.12 Leiten lässt sie sich hierbei nicht nur von ihren Gefühlen, sondern auch von ihrem hochentwickelten Geist. Der Verstand, den ihr Lessing zuschreibt, und wie sie als Figur diesen zu nutzen weiß, ist keineswegs zu Vergleichen mit den Frauen ihrer Zeit. Der Charakter der Minna beweist, dass eine Frau des 18. Jahrhunderts genug Verstand besitzt um eine solche Situation selbst zu bestimmen. Es ist zugleich als Aufforderung für alle Frauen zu verstehen, den Mut zu haben, sich dieses Verstandes zu bedienen. Lessing erkennt geschickt die Prinzipien der Aufklärung und weiß, dass jedes Wesen, gleichgültig ob Mann oder Frau, über die Verfügung des Geistes besitzt. Ohne jeglichen Zweifel ist Minna die dominante Persönlichkeit des Werks. Somit bleibt zu verstehen, weshalb Lessing seinem Lustspiel den Namen Minna von Barnhelm gab und es nicht nach der Hauptfigur des Tellheims benannte. Indem sich Lessing mit seinem Stück bewusst von der sächsischen Typenkomödie abwendet, gibt er seinen Persönlichkeiten einen tiefen psychologischen Charakter und konzipiert jeden von ihnen, bis auf den Wirt, individuell. Dies trifft auch vor allem auf die Figur der Minna zu, die im Gegensatz zu den realen Frauen der damaligen Zeit steht. Die Selbstständigkeit, welche Minna immer wieder unter Beweis stellt, entspricht dabei nicht der Tatsache des 18. Jahrhundert. Lessing bekundet damit auch seinen Willen, dass die Frau ebenso in die Aufklärung integriert werden sollte wie der Mann. Außerdem beginnt sie, Verantwortung zu übernehmen und lasst diese nicht allein auf Tellheims Schultern lasten. Somit wird die Minna bis heute als „die erste im modernen Sinn emanzipierte Frauengestalt des deutschen Dramas“13 gesehen. Minna hat großen Verstand, wirkt aber aufgrund ihrer echten Gefühle und ihren Fehlern trotzdem natürlich und bodenständig. Auch sie ist nicht perfekt und verkörpert keineswegs ein Ideal. Bemerkenswert sind die komplementären Ansichten Minnas und Tellheims. Minna verkörpert die emanzipierte, selbstdenkende Frau und sticht mit einem starken Charakter hervor. Tellheim hingegen sieht eine klare Rollenverteilung von Mann und Frau vor. Seine Ansichten sind demnach völlig zeitgemäß. Für ihn ist es wichtig, in einer Beziehung seiner Frau in jeder Hinsicht gegenüber zu stehen14 und gesellschaftliche Anerkennung zu genießen. Auch das Ende beweist, wie sehr er sich nach dem bestehenden System richtet. Ohne den Brief des Königs wäre es den Liebenden wahrscheinlich nicht gelungen, wieder zueinander zu finden. Für Minna zählt aber allein der Charakter Tellheims. Minna, in ihrer Figur und ihrer Auffassung, und genau das ist das bemerkenswerte, ist eigentlich eher einer Frau des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Minna lehnt den Ehrbegriff ab und konzentriert sich einzig und allein auf die menschlichen Werte Tellheims. So beteuert Minna immerzu, dass sie dankbar um die Tat Tellheims ist, da nur so die beiden zueinander gefunden haben.15 Umso bemerkenswerter ist es, dass Minna und Tellheim ein funktionierendes Paar bilden, obwohl sie fast schon gegensätzliche Züge besitzen. Mit der Gestalt der Minna in seinem Stück, gelingt es Lessing Frau und Mann auf dieselbe Ebene zu bringen und zu zeigen, dass er gegen eine Geschlechtertrennung ist. Er erkennt, dass eine Frau ebenso verantwortungsvoll handeln kann wie ein Mann und ist mit dieser Denkweise dem Geiste seiner Zeit maßgebend voraus. Mit der Selbstständigkeit und Eigeninitiative, die er Minna zuschreibt, plädiert Lessing an die Frauen dieser Zeit, selbstbestimmt zu handeln und sich nicht vom Mann unterdrücken zu lassen. Minna beeinflusst das Geschehen der Handlung und wehrt sich geradezu dagegen, dass es seinen schicksalhaften Lauf nimmt. Somit ist und bleibt Minna, bei all den Frauengestalten die im Weiteren untersucht werden, die weitaus fortschrittlichste.

2.2 Franciska

Auch der Charakter der Franciska stellt unter Beweis, dass sich Lessing von der sächsischen Typenkomödie abwendet. Franciska, die langjährige Kammerzofe Minnas, wurde sehr individuell und speziell gestaltet. Ihr Typ entspricht somit überhaupt nicht einer typischen Dienerin des 18. Jahrhunderts, sie wird viel mehr als engste Vertraute Minnas dargestellt. Dies liegt vor allem daran, dass Minna und Franciska auf dem gleichen Hof aufwuchsen.16 Damit erhebt Lessing den Stand der Dienerin und setzt diese nicht nur als Bedienstete ihrer Herrin ein. Wie auch schon ihr sprechender Name Franciska Willig17 zu erkennen gibt, steht Franciska Minna mit Rat und Tat zur Seite und scheut sich aber nicht davor, ihrer Vorgesetzten zu widersprechen, wenn sie glaubt, dass diese einen Fehler begangen hat. Die Beziehung zwischen Minna und Franciska scheint sehr vertraut zu sein, da sich die beiden die intimsten Geheimnisse erzählen. Minna kennt ihre Bedienstete sogar so gut, dass sie aus den wenigen Worten, welche Franciska über den Wachtmeister verloren hat, folgendes schließen kann:

DAS FRÄULEIN Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig. – Ich habe ihn noch nicht gesehen; aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt hast, prophezeie ich dir deinen Mann.18

Minnas Kenntnis über Franciska sei hiermit bewiesen. Franciska ist zwar Minnas Handlangerin, wenn diese beginnt ihr Spiel zu spielen, lässt dieses aber nicht nur geschehen, sondern kommentiert es kritisch und versucht, Minna wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Somit gibt Franciska Minna offen zu verstehen: „bald wäre der Spaß auch zu weit gegangen“19. Es ist gerade auch Franciskas Schlagfertigkeit, welche ihren Charakter so besonders werden lässt. So scheint sie niemals ein Blatt vor den Mund zu nehmen, egal, wer vor ihr steht. Die redegewandte Franciska scheut nicht einmal davor zurück, ihre Vorgesetzte oder einen Mann offen zu kritisieren. So nennt sie beispielsweise Just im zweiten Aufzug einen „Schlingel“.20 Außerdem hat sie immer einen guten Spruch parat und verkörpert die Witzigkeit in Lessings Komödie. Sie ist es, die geradezu lustig wie lebensfroh wirkt und somit dem Lustspiel seinen komischen Charakter verleiht. Franciska wirkt zwar nicht wie eine kultivierte Dame, der Zuschauer weiß aber durchaus ihre witzige Gestalt zu schätzen. Dennoch wurde sie aber nicht nur einzig und allein für die Unterhaltung des Zuschauers konzipiert, sie überrascht genauso mit ihrem klaren Verstand und ihrer rationalen Denkweise. Dadurch gelingt es ihr oft, Minna einen wertvollen Ratschlag zu geben und diese in ihren Taten zu beeinflussen. Auch mit Franciska schuf Lessing eine Figur, die ebenso aktiv handelt wie ihre Herrin. Franciska ist eine offene Persönlichkeit, die sich in ihrem Denken nicht abbringen lässt. Sie scheint genauso zielstrebig und selbstbewusst wie auch Minna zu sein. Franciska verkörpert somit also keineswegs das Frauenbild einer Dienerin des 18. Jahrhunderts, sie ist mit viel mehr Verstand und Schlagfertigkeit ausgestattet als man es zu dieser Zeit zu denken vermag. Die Kammerzofe Franciska ist nicht nur die gehorsame Dienerin, sie ist ebenso Beraterin und gute Freundin ihrer Autorität. Die Figur der Franciska wird somit auch als Weiterentwicklung der Dienerin von Lessings Jugenddramen gesehen, da Lessing dieser nun eine viel höhere Rolle zuschreibt.21

[...]


1 zit. nach: Selhamer, Christoph: Der Wirkungskreis der Frau. In: Andrea van Dülmen (Hg.): Frauenleben im 18. Jahrhundert. München [u.a.] 1992, S. 35.

2 Vgl. Ritchie, Gisela: Der Dichter und die Frau. Literarische Frauengestalten durch drei Jahrhunderte. Bonn 1989, S.4.

3 Haßelbeck, Otto: Gotthold Ephraim Lessing, Minna von Barnhelm. Interpretation, München 1997, S.17.

4 Sturges, Beate: Lessing als Wegbereiter der Emanzipation der Frau. New York [u.a.] 1989, S.66.

5 Vgl. Lessing, Gotthold Ephraim: Lessing Dramen. Bd. 1. Hg. von Kurt Wölfel, Frankfurt a.M. 1967 [im Folgenden: Less] IV/6, S.460.

6 Vgl. Less IV/6, S. 458.

7 Vgl. Less II/1, S. 405.

8 Vgl. Less II/9, S.419.

9 Vgl. Less II/9, S.422.

10 Vgl. Less IV/7, S.472.

11 Less IV/7, S472f.

12 zit. nach: Less V/9, S.477.

13 Walter Hinck (Hg.): Die deutsche Komödie. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Düsseldorf 1977, S. 52.

14 Less V/5, S.470.

15 Vgl. Less IV/6, S. 459.

16 Vgl. Less II/2, S.409.

17 Vgl. ebd.

18 zit. nach: Less IV/1, S.445.

19 zit. nach Less V/5, S.470.

20 Less II/6, S. 417.

21 Vgl. Sturges, Beate: Lessing als Wegbereiter der Emanzipation der Frau. New York [u.a.] 1989, S.47.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668877368
ISBN (Buch)
9783668877375
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454720
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Minna von Barnhelm Lessing Emilia Galotti Rolle der Frau Frauengestalten Gräfin Orsina Literatur Frauen Weiblich

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