Lade Inhalt...

Wahrnehmung und Beschreibung von Sprache anhand ausgewählter Texte von Marica Bodrožić

von Sasha Marlowe (Autor)

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einordnungen
2.1 Was versteht man unter Erst- / Zweit- / Fremdsprache?
2.2 Autobiographisch gefärbte Prosa als Teil der Literatur

3. Sprache - und Sprachen bei Marica Bodrožić
3.1 Exkurs zur Bedeutung von Sprache
3.2 Sprachen bei Marica Bodrožić
3.2.1 Muttersprache
3.2.2 Zweitsprache
3.2.3 Fremdsprache und Kommunikation abseits von Sprache: die Nichtsprache
3.3 Mehrsprachigkeit und Schreiben

4. Fazit

5. Quellen

1. Einleitung

„Weil Sprache alles ist, brauche ich alles. […]

Ich brauche sie.

Ich verbeiße mich.

Sprache versetzt mich in Euphorie.

Und Sprache macht mich apathisch.

Sprache lähmt mir den Rachen. […]

Vor der Sprache rettet mich – die Sprache.“ 1

Mit diesen Worten beschreibt der Büchner-Preisträger Marcel Beyer seine ganz persönliche Verbindung zur deutschen Sprache, genau genommen zu Sprache allgemein. Die Erkenntnis, dass sprachliche Äußerungen nicht nur einfache Alltagskommunikation und beiläufige Erscheinungen sind, eröffnet eine neue Dimension ihrer Betrachtung. In der Beschäftigung mit Literatur stellen wir oft emotionale Verbindungen zwischen Autor und Text, aber auch zwischen Autor und Sprache fest. Noch weiter geht die Erkenntnis über die Tiefe dieses Bedeutungsreichtums, wenn zu der Muttersprache noch eine weitere, eine Zweit- oder Fremdsprache, kommt.

Den Gipfel erreicht diese Betrachtung dann, wenn der Autor in seiner Zweitsprache literarisch zu arbeiten beginnt, sich also aktiv gegen seine Muttersprache als sprachliches Organ zur Äußerung von Emotionen und Geschichten entscheidet. Auf den ersten Blick erscheint es doch viel intuitiver in der Sprache seiner jüngsten Kindheit, seiner Eltern und seiner Heimat zu erzählen, aber Migrationsautoren eröffnen uns immer wieder einen neuen Blick auf diese Situation und zeigen auf, welche Zugänge zur Welt sie ihnen bieten.

Neben dem wissenschaftlichen Zugang zur Betrachtung des Einflusses von Zweitsprache beispielsweise aus dem Bereich der Neurowissenschaft, bietet auch die Perspektive der Literaturwissenschaft einen Einblick in diese Thematik.

Vor allem die oft stark autobiographisch inspirierte und geleitete Migrationsliteratur bietet uns einen neuen Blickwinkel auf diese Erfahrungen des Erlebens und Denkens in einer zweiten Sprache.

Zu diesem Genre zählt auch das für diese Arbeit als Primärtext gewählte Buch „Sterne erben, Sterne färben“2 von Marica Bodrožić. Die in ihrer Kindheit aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland ausgewanderte Autorin erlernt in Hessen zusätzlich zu ihrer Muttersprache Serbokroatisch die Zweitsprache Deutsch, in der sie heute erfolgreich Prosa und Gedichte publiziert. Später kommt auch noch die dritte Sprache, das Französische hinzu. Sie selbst vergleicht Sprache mit Liebe:

„Sprache kann man wie die Liebe nicht besitzen. Sie ist frei, wie die Liebe.“3

Die Frage nach dem Einfluss der Erwerb einer Zweit- und Fremdsprache auf die persönliche Wahrnehmung der Umwelt, aber auch in diesem expliziten Fall auf die Entwicklung der Schreibarbeit, speziell in der Zweitsprache tut sich bei der Beschäftigung unmittelbar auf. Sorgt eine zusätzliche Sprache nur für eine simple Übersetzung einer jeden Situation oder dient sie auch als Erweiterung, als Perspektivenwechsel und -zugewinn und wie wird dies im Text dargestellt?

Nach einer kurzen Einordnung und Begriffsklärung soll sich diesen Fragen mittels Textbelegen und deren Verknüpfung genähert werden, um eine der möglichen Schlussfolgerungen, die ein literarischer Text zulässt, zu formulieren.

2. Einordnungen

2.1 Was versteht man unter Erst- / Zweit- / Fremdsprache?

Der Blick auf die Einflüsse der Mehrsprachigkeit der Autorin auf ihre literarische Schaffensweise und ihr persönliches Erleben der Umwelt, erfordert zunächst eine kurze Klärung der Begriffe, die in dieser Arbeit verwendet werden.

Die Erstsprache, auch Muttersprache, bezeichnet die von einem Menschen als erste erworbene Sprache. Hans Bickes und Ute Pauli erweitern diese Definition des Begriffs um die Dimension, dass es bei einer Person auch mehrere Erstsprachen geben kann, sofern diese in den ersten Jahren gleichzeitig erworben werden: „Erstsprache (L1 = first language) für jede bis zum Ende des dritten Lebensjahres erworbene Sprache […]“4

Für die nach dem dritten Lebensjahr erworbenen Sprachen benutzen Bickes und Pauli dann, je nach Art des Spracherwerbs, die Begriffe Zweitsprache oder Fremdsprache. Die Zweitsprache wird auch mit dem Kürzel L2 bezeichnet, dieses wird jedoch auch für die Fremdsprachen genutzt. In der Unterteilung von Zweit- und Fremdsprache stimmen Bickes und Pauli mit den Ausführungen von Els Oksaar überein, die Zweitsprache mit den Begriffen „natürlich, ungesteuert“5 betitelt, Fremdsprache hingegen mit „künstlich, gesteuert“6. Auch Bickes und Pauli wählen diese Art der Unterscheidung und greifen den Einwand Oksaars auf, dass eine binäre Trennung hier nicht möglich sein kann, da keine Art des Spracherwerbs vollständig gesteuert beziehungsweise ungesteuert verlaufen kann.

„Die Unterscheidung ist aus zwei Gründen schwierig: So ist anzuzweifeln, dass es einen völlig ungesteuerten Spracherwerb tatsächlich gibt – denn auch der Erstspracherwerb ist, wie unsere Ausführungen zur Kindgerichteten Sprache zeigen, keineswegs vollkommen steuerungsfrei. Umgekehrt ist die Vorstellung wenig plausibel, dass sich Fremdsprachenlernen wirklich steuern ließe.“7

2.2 Autobiographisch gefärbte Prosa als Teil der Literatur

Zur Einordnung eines Werkes in die Kategorie „Literatur“ und damit als Teil des Arbeitsgegenstandes der Literaturwissenschaft, gilt es zunächst, den Begriff zu definieren. In ihrem Grundlagenwerk „Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft“8 gehen Rainer Baasner und Maria Zens auf drei Möglichkeiten der Einteilung ein, stets unter der Prämisse, dass kein Begriff von Literatur absolut sei, diese werde aber „mehr oder weniger fest eingegrenzt“9. Genannt werden der pragmatische, der deskriptive und der normative Literaturbegriff, die kurz angerissen werden sollen, um eine Einordnung zu erleichtern und somit eine literaturwissenschaftliche Bearbeitung der Fragestellung zu legitimieren.

Der pragmatische Literaturbegriff, so Baasner/Zens, „legt sich nicht auf bestimmte Eigenschaften fest, sondern bezieht sich nur auf das aktuell konsensfähige Urteil einer kulturellen Gemeinschaft.“10 Literatur ist also nach dieser Definition all das, was von einer speziellen Gruppe zu einer speziellen Zeit als Literatur empfunden wird. Probleme mit dieser Art der Eingrenzung ergeben sich aus dem permanenten Druck zu erklären, „was wo welche Gruppe gerade für Literatur hält.“11

Der deskriptive, also der beschreibende, Literaturbegriff definiert seinen Gegenstand aus der reinen Schriftlichkeit. „Zur Literatur gehören nur abgeschlossene, zusammenhängende sprachliche Äußerungen, die in Schriftform vorliegen und damit reproduzierbar sind.“12 Bei der Diskussion zur Literatur ergeben sich aus diesem Begriff zweierlei gegensätzliche Probleme, da der deskriptive Begriff einerseits zu weit gefasst ist, da er auch typische Gebrauchstexte wie Anleitungen und Beipackzettel mit einschließt, gleichzeitig aber durch die Fixierung auf die Schriftlichkeit bei der Arbeit mit mündlichen Texten eindeutig zu eng gefasst ist.

Grundlage für jeden normativen Literaturbegriff, der historisch variabel ist13, bilden festgelegte Kriterien, in erster Linie die Literarizität, gekennzeichnet durch Fiktionalität und Mehrdeutigkeit des Textes und die sprachliche Varianz im Vergleich zur Normsprache.14

Hier sei nun der Einwand, autobiographische Texte seien aufgrund ihres in der Realität verankerten Ursprungs und der daraus resultierenden Nicht-Fiktion nicht Teil eines normativen Literaturbegriffes, eingeworfen. Oft wird die Fiktionalität eines Textes durch Begriffe wie „Roman“ oder „Gedicht“ eindeutig vor Lesebeginn festgelegt. Fehlt dieser Hinweis, wie auch bei der hier behandelten Lektüre, und kommt gleichzeitig noch eine offensichtliche Verbindung zur Realität durch die Behandlung eines autobiographischen Stoffes hinzu, ist ein zweiter Blick auf den Text notwendig.

Fiktionalität wird im alltäglichen Gespräch oft in direkte Verbindung mit Erdachtem oder in weiterer Instanz mit Erlogenem gebracht. Erste Assoziationen bei fiktionalen Texten dürften wohl Fantasyromane wie Tolkiens Der Herr der Ringe oder J.K. Rowlings Harry Potter sein, die durch ihre magischen Wesen und übernatürlichen Vorkommnisse eindeutig als Erdichtung (lateinisch: fictio) zu erkennen sind. Allerdings eröffnet Fiktionalität in der Literatur eine andere Ebene von Wahrheit und Lüge, da fiktionale Texte sich nicht aus ihrer offensichtlichen Erfundenheit definieren, sondern aus dem Nicht-Anspruch auf eine Verwurzelung in der Realität. Diese Ansicht ist vergleichbar mit der Kunstdefinition nach Theodor W. Adorno, der sagt: „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“15

Ausgehend von dieser Einordnung ist das Werk Sterne erben, Sterne färben aufgrund seiner Bedeutungsoffenheit und seiner sprachlichen Verfremdung durch den Einsatz von stark bildhafter Sprache eindeutig dem normativen Literaturbegriff zu unterstellen und damit herrscht auch hier die Fiktionalitätskonvention16 vor.

3. Sprache - und Sprachen bei Marica Bodrožić

3.1 Exkurs zur Bedeutung von Sprache

Zur grundsätzlichen Bedeutung von Sprache attribuiert Els Oksaar die allgemeine Kommunikation mit Mitmenschen, aber auch vor allem die Fähigkeit, Emotionen mitzuteilen und Teil eines sozialen Gefüges zu sein. Diese fundamentale Aufgabe und Basis der generellen Ausbildung menschlichen Sprechens darf nicht vergessen werden, wenn von Zweit- und Fremdsprachenerwerb gesprochen wird.

„Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass die Erstsprache, die Sprache an sich, nicht als Selbstzweck erworben wird, sondern in jeder Sprachgemeinschaft auf andere Weise, also kulturspezifisch, um Kontakt mit anderen Menschen herzustellen und Gedanken und Gefühle zu teilen.“17

Außerdem führt sie weiter an:

„Für das Individuum ist Sprache auch der primäre Faktor seiner persönlichen und sozialen Identität und, auf andere bezogen, ein Faktor der Identifikation.“18

Im Falle des behandelten Buches ist eine explizite Betrachtung der angesprochenen Sprachen, aber auch der Bedeutung von Sprache allgemein wichtig. In seinem Beitrag im Band 6 der Reihe Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit unter dem Titel Nationale und transnationale Identitäten in der Literatur umreißt René Kegelmann das Konzept Sprache bei Marica Bodrožić folgendermaßen:

„So fragil Sprache bei Marica Bodrožić erscheint, so wird ihr sehr viel zugetraut und aufgebürdet. In der Sprache kann es gelingen, ein Stück der Vergangenheit zu archivieren und dadurch vor dem Vergessen zu bewahren.“19

3.2 Sprachen bei Marica Bodrožić

„Die Selbstverständlichkeit, mit der die Wälder des Slawischen in mir liegen, wird mir erst im Schreibengehen bewußt. […] Aber erst in der deutschen Sprache wird mein eigenes Zuhause für mich selbst hörbar.“20

In der autobiographischen Erzählung leitet die in Dalmatien geborene Autorin ihre Leser durch ihre ersten Spracherinnerungen in ihrer Muttersprache (Serbo)Kroatisch, ihre neue Perspektive durch die ab dem neunten Lebensjahr erlernte Zweitsprache Deutsch, ihre Eindrücke durch die Fremdsprache Französisch und auch durch die Erkenntnis, dass sprachlose Kommunikation durch Musik und Zahlen für sie eine Bedeutung hat. Diese unterschiedlichen Dimensionen sollen zuerst getrennt voneinander betrachtet und beschrieben werden, bevor aus ihrem Zusammenspiel Schlüsse zur Bedeutung von Sprache im Leben der Menschen, hier am literarischen Beispiel einer individuellen Person und der Ebene des Erkenntniszugewinns durch das Erlernen weiterer Sprachen zur Muttersprache gezogen werden können.

3.2.1 Muttersprache

Im Sinne der unter Einordnungen festgelegten Begriffe, ist die Muttersprache der Autorin das Serbokroatische, bis 1992 eine der Amtssprachen des ehemaligen Jugoslawiens. Sie selbst betitelt ihre Muttersprache selten mit diesem Begriff21, sie stellt die Bezeichnung sogar tief infrage, wenn sie schreibt: „Und außerdem: Kann ein Mensch, der wie ich ohne Mutter groß geworden ist, überhaupt eine solche Muttersprache haben?“22 Im Text fällt zwar auch die Bezeichnung „Sprache der Mutter“23, ebenso wie „Sprache meiner Kindheit“24. Am häufigsten wählt sie in ihrer Beschreibung jedoch die Formulierung „erste Sprache“25, auch in Abgrenzung zu den anderen Sprachen, die sie sich aneignete und die ihr, in Form des Deutschen, zu einem elementaren Kommunikationsmedium werden.

[...]


1 Marcel Beyer in seiner Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis 2016. https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/marcel-beyer/dankrede 07.02.2016

2 Alle Primärtextangaben werden zitiert nach: Marica Bodrožić: Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern. Taschenbuchausgabe des btb Verlags. München 2016.
Im Folgenden zitiert unter der Sigle Bodrožić und Seitenangabe.

3 Marica Bodrožić: Die Sprachländer des Dazwischen. S.68.

4 Hans Bickes / Ute Pauli: Erst- und Zweitsprachenerwerb. Paderborn 2009. Im Folgenden zitiert unter der Sigle: Bickes / Pauli und Seitenangabe.

5 Els Oksaar: Zweitsprachenerwerb. Wege zur Mehrsprachigkeit und zur interkulturellen Verständigung. Stuttgart 2003. S. 14. Im Folgenden zitiert unter der Sigle: Oksaar und Seitenangabe.

6 Els Oksaar. S. 14

7 Bickes / Pauli S. 92f.

8 Rainer Baasner; Maria Zens: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einführung. 3. und überarbeitete Auflage. Berlin 2005. Im Folgenden zitiert unter der Sigle: Baasner/Zens und Seitenangabe.

9 Baasner / Zens S. 11.

10 Baasner / Zens S. 12.

11 Baasner / Zens S. 12.

12 Baasner / Zens S. 12.

13 Vgl. Baasner / Zens S. 12.

14 Baasner / Zens S. 13 / 14.

15 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. S.298.

16 Baasner / Zens S. 13.

17 Oksaar S.16.

18 Oksaar S.17.

19 René Kegelmann: Sprache als imaginärer Raum. Anmerkungen zur Poetik der deutsch-kroatischen Autorin Marica Bodrožić. S. 42

20 Bodrožić S. 9.

21 Bodrožić S.13 „meine erste Muttersprache“ & S.31; S.55 „Muttersprache“.

22 Marica Bodrožić: Die Sprachländer des Dazwischen. S.70.

23 Bodrožić S.105.

24 Bodrožić S.62.

25 Bodrožić u.a.: S. 12; 20; 22; 23; 26; 30; 75; 106; 109; 131; 139; 146.

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668870895
ISBN (Buch)
9783668870901
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454769
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Interkulturelle Studien
Note
1,3
Schlagworte
Literaturwissenschaft Migrationsliteratur Marica Bodrozic Buchanalyse Literaturanalyse

Autor

  • Sasha Marlowe (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Wahrnehmung und Beschreibung von Sprache anhand ausgewählter Texte von Marica Bodrožić