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Zwischen Verehrung und Ablehnung. Zum Umgang mit Historie in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Norbert Zähringers "So"

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Berlin Alexanderplatz als mythopoetischer Roman: Die Rückstellung des Historischen/Faktischen

3.Döblins Kritik am Konservatismus und an der Weimarer Republik

4. Die Wiederaufarbeitung der Historie in Norbert Zähringers So

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Alfred Döblin an seinem 1929 erstmalig erschienenen Großstadt- bzw. Montageroman Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf schrieb, herrschte im Deutschland der Weimarer Republik eine Zeit der Unruhe und des Umbruchs. Zwar folgte auf die Beendigung der Inflation und der Verabschiedung des Dawes-Plans nach dem Ersten Weltkrieg eine Phase der relativen Stabilisierung, doch die instabilen politischen Mehrheiten und die häufig wechselnden Koalitionsregierungen verursachten in der Bevölkerung einen wachsenden Verdruss am Parlamentarismus1. Gleichzeitig vollzogen sich Modernisierungen im soziokulturellen Bereich, beispielsweise die Durchsetzung der industriellen Massenkultur und der modernen Massenmedien sowie der Beginn des sozialen Wohnungsbaus2.

Es stellt sich also die Frage, ob und wie Alfred Döblin, welcher Zeit seiner Jugend selbst auf politischer Ebene als Sozialist aktiv war3, im Hinblick auf den fortschrittlichen, zukunftsorientierten Wandel und die schnelllebigen Dynamiken jener späten 20er-Jahre Historie bzw. geschichtliche Ereignisse in Berlin Alexanderplatz verarbeitete und wie sich seine Kritik an ihnen äußerte.

Für einen Vergleich soll bei der folgenden Analyse ein moderneres Werk, namentlich Norbert Zähringers Debütroman So aus dem Jahr 2001, herangezogen werden, in welchem sich nicht nur „Montagetechnik und Großstädtisches [wie] bei Döblin“4 wiederfinden, sondern dessen Handlung sich zum Großteil in Berlin zwischen den Jahren der deutschen Wiedervereinigung und der Jahrtausendwende abspielt, welche ebenfalls durch eine gewisse Umbruchstimmung geprägt waren.

2. Berlin Alexanderplatz als mythopoetischer Roman: Die Rückstellung des Historischen/Faktischen

Berlin Alexanderplatz kennzeichnet sich insbesondere durch Döblins Anwendung des Montageverfahrens; so fügt er u.a. „Bibelzitate, Liedtexte, Mythen, Zeitungsausschnitte, Werbeslogans, Gerichtsprotokolle [und] Parodien“5 in sein Werk ein, um das umfangreiche Bild des Großstadtlebens zu manifestieren. Es ist jedoch auffällig, dass gerade Zeitungsausschnitte, die wichtige Ereignisse des Weltgeschehens filtern, aufzeichnen und dokumentieren, eher beschreibende Funktionen bzw. eine untergeordnete Rolle einnehmen und nicht zur Handlung beitragen. Als Franz Biberkopf, der Protagonist in Berlin Alexanderplatz, eine Stelle als Zeitungsverkäufer wahrnimmt6, werden beispielsweise in unregelmäßigen Abständen verschiedene Mitteilungen einmontiert; so wird u.a. die politische Instabilität in Deutschland thematisiert, es herrscht „Krisenalarm im Reichstag, man spricht von Märzwahlen, Aprilwahlen wahrscheinlich, wohin, Josef Wirth? der mitteldeutsche Kampf geht weiter“7, doch entweder bleiben die Nachrichten unkommentiert oder werden mit einer kurzen, fast schon saloppen Bemerkung des Erzählers versehen, bevor sich einer weiteren, trivialen Mitteilung gewidmet wird. Auf die Meldung, dass sich der König mit dem Diktator Primo im zerrütteten Spanien streitet, wird demnach nur mit der knappen Anmerkung „na, wir wollen hoffen, die Sache gibt sich wieder“8 eingegangen, es folgt ein Abschnitt über eine badisch-schwedische Verlobung, die im Gegenzug zu einer Huldigung der Frauen ausschweift. Auch als Cilly, eine Freundin Biberkopfs, eine Zeitung kauft in der Hoffnung, Neuigkeiten über ihren verschollenen Freund zu erfahren, erscheinen unmittelbare Problematiken wie der Konflikt zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten von keinem großen Interesse zu sein, sie gehen in der Meldung anderer Nachrichten unter: „Na ja, ein Eisenbahnunglück in den Vereinigten Staaten, in Ohio, und Zusammenstoß von Kommunisten mit Hakenkreuzlern, […] großes Schadenfeuer in Wilmersdorf“.9

Manchmal dienen die Zeitungsausschnitte auch zur zeitlichen Orientierung innerhalb des Handlungsverlaufes: „Am Abend des 9. Februar 1928, an dem in Oslo die Arbeiterregierung gestürzt wurde [...]“10, doch sie beanspruchen keine aktive Rolle, sondern bilden den Rahmen, in dem sich die Handlung abspielt. Durch die fehlende Einbeziehung und der mangelnden Reaktionen der agierenden Figuren findet eine Rückstellung der unmittelbar historischen Ereignisse statt. Dies wird noch verdeutlicht, als der Erzähler über die Abrissarbeiten auf dem Alexanderplatz berichtet.

Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden, wir haben gebaut ein herrliches Haus, nun geht hier kein Mensch weder rein noch raus. So ist kaputt Rom, Babylon, Ninive, Hannibal, Cäsar, alles kaputt [...]. Erstens habe ich dazu zu bemerken, daß man diese Städte jetzt wieder ausgräbt […], und zweitens haben diese Städte ihren Zweck erfüllt, und man kann nun wieder neue Städte bauen. Du jammerst doch nicht über deine alten Hosen, wenn sie morsch und kaputt sind, du kaufst neue […].11

Er kommt zu dem Schluss, dass selbst einst große Weltmächte wie das Römische Reich oder Babylonien sowie einflussreiche Herrscher wie Cäsar und Hannibal nicht von Dauer sind und man nicht an Altem festhalten sollte, sobald es nicht mehr funktioniert. Der Blick auf die Geschichte ist folglich mit ihrer Vergänglichkeit verknüpft und von einer gewissen Nüchternheit, dass alles irgendwann endet und ersetzt wird, geprägt, obwohl auch darauf hingewiesen wird, dass die genannten Städte wieder ausgegraben werden, demnach durchaus von Wert für die Nachwelt sind.

Diese Darstellung kann jedoch nicht nur als Kritik am Konservatismus verstanden werden. Durch die Einarbeitung von Mythen und Bibeltexten wird Berlin Alexanderplatz auch als „Wurzel zur Begründung des modernen mythopoetischen Romans“12 angesehen; so ist das epische Werk „in Wirklichkeit […] der Versuch einer Durchdringung der äußeren Wirklichkeit, die hinter dem Ich sichtbar wird“13. Die Rückstellung des Historischen oder Faktischen bzw. die Nüchternheit, mit der sie betrachtet wird, dient hier also u.a. dem Zweck, eine Art zweite Ebene bzw. eine „supprareality above and beyond the realities of everyday life“14 zu erzeugen; eine „moralisch-mythische Überhöhung oder Unterschichtung der realistischen Fassade“15, die sich beispielsweise durch die Personifikation des Todes äußert16.

3. Döblins Kritik am Konservatismus und an der Weimarer Republik

Das Desinteresse an den damals zeitgenössischen (politischen) Ereignissen lässt sich auch anhand der Hauptfigur Franz Biberkopf feststellen. Anstatt sich aktuellen Nachrichten zu widmen, liest er „die Grüne Post, die ihm am besten gefällt, weil da nichts Politisches drinsteht“17. Stattdessen wird über die Aktivitäten der kaiserlichen Familie berichtet, über die Trauung des neuen Schwagers des Exkaisers, der nach dem Ersten Weltkrieg bzw. während der Weimarer Republik keine relevanten Aufgaben mehr ausführte. Ebenso listet Biberkopf im Gespräch mit der Prostituierten Lina anstelle eines Politikers der Weimarer Republik Otto von Bismarck und August Bebel als einst gute Redner mit Geist im Reichstag auf18. Dass sich Franz Biberkopf für jene Persönlichkeiten interessiert, ist bezeichnend und symbolisch für Döblins Auffassung, dass die Deutschen hinsichtlich ihrer Geschichte zurückschauen und zu jener Zeit noch immer „faithful to their prewar society“19 waren.

Auch die Wertevorstellungen des alten Kaiserreiches, welches insbesondere durch seinen Militarismus geprägt war, finden sich in der Person des Franz Biberkopf wieder. Seine kriminellen Aktivitäten für Pums, beispielsweise das Stehlen von Tuchballen20, werden mit dem Einmarschieren einer Armee in ein fremdes Land gleichgesetzt.

[...]


1 Vgl. Streim, Gregor: Einführung in die Literatur der Weimarer Republik. In: Gunter E. Grimm [u. a.] (Hg.): Einführungen Germanistik. Darmstadt 2009, S. 21 f.

2 Vgl. Ebd., S. 22.

3 Vgl. Muschg, Walter: Nachwort des Herausgebers. In: Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Hg. v. Walter Muschg. Freiburg 1961, S. 513.

4 Rüdenauer, Ulrich: Norbert Zähringers wundervoller, dreister Debütroman „So“. In: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-norbert-zaehringers-wundervoller-dreister-debuetroman-so-124671.html (29.03.2018).

5 Bernhardt, Oliver: Alfred Döblin. Hg. v. Martin Sulzer-Reichel. München 2007, S. 85.

6 Vgl. Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Hg. v. Walter Muschg. Freiburg 1961, S. 184.

7 Ebd., S. 184.

8 Ebd., S. 257.

9 Ebd., S. 218.

10 Ebd., S. 186.

11 Ebd., S. 181 f.

12 Koopmann, Helmut: Der klassisch-moderne Roman in Deutschland. Thomas Mann, Alfred Döblin, Hermann Broch. Stuttgart 1983, S. 84.

13 Ebd., S. 89.

14 Dollenmayer, David B.: The Berlin novels of Alfred Döblin. Wadzek’s Battle with the Steam Turbine, Berlin Alexanderplatz, Men without Mercy and November 1918. Berkeley 1988.

15 Koopmann, Helmut: Der klassisch-moderne Roman in Deutschland, S. 99.

16 Vgl. Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz, S. 488 ff.

17 Ebd., S. 254.

18 Vgl. Ebd., S. 72.

19 Schoonover, Henrietta S.: The Humorous and Grotesque Elements in Döblin’s Berlin Alexanderplatz. Bern 1977, S.144.

20 Vgl. Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz, S. 349 ff.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668862531
ISBN (Buch)
9783668862548
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454864
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
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