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Seriöse Touren oder "Menschensafari"? Zur Frage der Nachhaltigkeit des Slumtourismus am Fallbeispiel Dharavi/Mumbai

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Prinzip des nachhaltigen Tourismus
2.1 Soziokulturelle Nachhaltigkeitsstrategie im Tourismus

3. Entwicklung des Slum Tourismus
3.1 „Slumming“ - die gegenwärtige Situation

4. Slumtourismus – Voyeurismus vs. Entwicklungshilfe?

5. Dharavi – ein heterogenes Slumgebiet
5.1 Slumtourismus in Dharavi
5.2 “Reality Tours and Travel” als Hauptakteur

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geführte Touren durch Armutsviertel stellen längst kein neues Phänomen innerhalb des gegenwärtigen Kulturreisespektrums dar, sondern haben sich im Laufe der vergangenen zwei Dekaden zu einem festen Bestandteil innerhalb des gegenwärtigen Tourismusangebots entwickelt. Während die ersten professionell geführten Touren durch die großen Townships der südafrikanischen Metropole Kapstadts bereits unmittelbar nach dem Ende der Apartheid noch einigen wenigen Individualtouristen vorbehalten waren, gehört die Township-Tour mittlerweile ebenso zum touristischen Rahmenprogramm, wie das Erklimmen des Tafelbergs oder ein Besuch des bekannten Hafenviertels. Heute ist der Township-, Slum- bzw. Favela-Tourismus eines der am schnellsten wachsenden Nischensegmente der globalen Tourismusindustrie. Wechselwirkend zu der immer größer werdenden Nachfrage steigt auch die kontroverse Auseinandersetzung mit dieser noch relativ jungen Tourismusattraktion. Während Reiseveranstalter meist einseitig auf die positiven Effekte des Slumtourismus verweisen, bezeichnen Kritiker die touristische Vermarktung von Armuts- und Elendsviertel als amoralischen Akt und sprechen von einer Form von „Voyeurismus“ und „Menschen-Safaris“.

Anlässlich dieser kontroversen Debatte wird die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit darin bestehen, die Chancen, Gefahren und Entwicklungspotentiale des Slumtourismus auszuloten, wobei ein Fokus auf die soziokulturelle Dimension dieser Tourismusform gelegt wird. Hierzu wird in einem ersten Schritt auf das „Prinzip der Nachhaltigkeit“ sowie auf die „Soziokulturelle Nachhaltigkeitsstrategie im Tourismus“ eingegangen, um darauf aufbauend den Slumtourismus in einen theoretischen Kontext einzubetten. Anschließend wird die historische Genese des ,,Slumming‘‘ im 19. und 20. Jahrhundert skizziert, sowie dessen Entwicklung zur Erscheinungsform des heutigen Slumtourismus aufgezeigt. Darauf aufbauend wird das Phänomen am Fallbeispiel Dharavi exemplifiziert. Aufgrund einer noch sehr dürftigen wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser noch relativ jungen Thematik erfolgt die Untersuchung unter einem akteursorientierten Ansatz und bezieht sich dabei überwiegend auf die eigenen Aussagen des Reisetouranbieters „Reality Tours and Travel“. Abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit gebündelt und bewertet.

2. Das Prinzip des nachhaltigen Tourismus

Um das Phänomen des Slumtourismus in seiner Sozialverträglichkeit genauer beleuchten zu können, bedarf es zunächst einer differenzierten Begriffsbestimmung, sowie einer Darstellung über die Leitlinien einer nachhaltigen Tourismusentwicklung.

Die Entstehung der Thematik ,,Sustainability‘‘ im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung geht auf den Brundlandt-Report zurück, sowie der darauffolgenden Welt-Umwelt-Konferenz im Jahre 1992. Der Bericht gilt als Leitbild einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung, welche dauerhaft ,,eine umweltgerechte, an der Tragfähigkeit der ökologischen Systeme ausgerichtete Koordination der ökonomischen Prozesse ebenso einschließt wie entsprechende soziale Ausgleichsprozesse zwischen den in ihrer Leistungskraft immer weiter divergierenden Volkswirtschaften“ (Becker et al. 1996: 1).

Der Terminus ,,Nachhaltigkeit im Tourismus‘‘ gliedert sich inhaltlich stark an das Konzept der ,,nachhaltigen Entwicklung‘‘ an und betont, dass diese nur durch das gleichberechtigte Umsetzen von umweltbezogenen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen sichergestellt werden kann (Kirstges 2003: 21-23). Die Prinzipien, Praktiken und generellen Planungsprozesse wurden im Wesentlichen durch die World Tourism Organisation UNWTO aufgestellt, deren primäre Tätigkeit darin besteht, einen nachhaltigen Tourismus unter Einhaltung universaler Menschenrechte zu befördern (Schulz et al. 2010: 51).

2.1 Soziokulturelle Nachhaltigkeitsstrategie im Tourismus

Das Konzept einer nachhaltigen Tourismusentwicklung lässt sich nicht auf einen einzigen Sektor (wirtschaftlich, ökologisch oder sozial) beschränken, sondern muss als integrative Strategie verstanden werden. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Fokus auf die soziokulturelle Dimension gerichtet, wobei die Interaktionen der einzelnen ökonomischen und ökologischen Bereiche nicht unberücksichtigt bleiben werden soll. Die im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Bezeichnungen wie ,,sozialverträglicher Tourismus‘‘, ,,sanfter‘‘, und ‚,einsichtiger Tourismus‘‘ unterliegen keiner einheitlichen Definition und werden daher synonym verwendet, da diese generell derselben Zielsetzung folgen (Klemm 1998: 79).

Im Allgemeinen setzt die soziokulturelle Nachhaltigkeitstheorie voraus, dass die Tourismusentwicklung- und Planung aus eigenem Antrieb erfolgt und zur sozialen Zufriedenheit und Wohlfahrt aller Beteiligten, also auch derer, die in den Tourismusdestinationen leben, beiträgt. Dies impliziert, dass die Betroffenen gemäß des ,,Bottom up‘‘-Ansatzes in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. Darüber hinaus dient eine Region primär als Lebenswohnort ihrer Bewohner und nur in sekundärer Hinsicht als touristischer Dienstleistungsbetrieb. Es liegt somit auf der Hand, dass vom Tourismus stets positive Beiträge im Hinblick auf Arbeits- und Lebensbedingungen erwartet werden. Generell ist jedoch zu berücksichtigen, dass Nachhaltigkeitsstrategien auf regionale Bedingungen abgestimmt werden müssen (Pils 1998: 13-16).

3. Entwicklung des Slum Tourismus

Das Aufkommen neuer Tourismustrends wird häufig als Folge globaler Veränderungen interpretiert. Vor allem die „neuen Medien“, sowie der technische Fortschritt mit seinen Innovationen im Bereich des Informations-, Kommunikations- und Verkehrssegments haben die Reisebranche in den vergangenen Jahrzehnen revolutioniert. Demzufolge wirken sich gesellschaftliche Umstrukturierungen oftmals auf das Angebotsspektrum touristischer Attraktionen aus. Auch am Beispiel des Slumtourismus, sowie dessen historische Genese lässt sich dieses Phänomen genauestens illustrieren.

Exkursionen innerhalb städtischer Armutsviertel galten bereits im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts als gängige Praxis der sozialen Oberschicht. Die starke Landflucht, sowie das damit einhergehende Städtewachstum, bewirkten die Ausbildung von Slumgebieten, die vor allem im Osten des innerurbanen Raumes entstanden. Das East End erweckte insbesondere bei der Londoner Bourgeoisie großes Interesse, sodass ab Mitte des 19. Jahrhundert immer häufiger Menschen Besichtigungen in den Osten unternahmen. Im Zuge dieser Entwicklung etablierte sich der Begriff ,,Slumming‘‘ (Seaton 2012: 22-27).

Ähnlich wie am Beispiel des Londoner East End entwickelte sich auch in New York eine Form des ,,Slumming‘‘. Als Folge ethnologischer Segregation entstanden im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zahlreiche Ghettos und Migrantenviertel. Trotz der herrschenden sozialen Probleme dieser Innenstadtviertel entwickelten sich einige Stadtteile (z.B. Harlem) zur Touristenattraktion. Die kulturelle Neugierde seitens der Oberschicht ergab sich insbesondere aufgrund der künstlerischen Ausdrucksform der schwarzen Bevölkerung, dem Jazz, welcher zu jener Zeit als äußerst exotisch angesehen wurde (Seaton 2012: 41-43).

3.1 „Slumming“ - die gegenwärtige Situation

Der gegenwärtige Slumtourismus besitzt unbestritten gewisse Parallelitäten zum ursprünglichen ,,Slumming‘‘. Das Erkunden von Armutssiedlungen, sowie die Suche nach dem „wahren Leben“, der „Realität“ und der „Authentizität“ bleiben nach wie vor einer der Hauptmotive für Slumtouristen. Dennoch ist die heutige Form des „Slumming“ als Produkt des Globalisierungsprozesses anzusehen und daher in einigen Merkmalen vom traditionellen ,,Slumming‘‘ des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts abzugrenzen. Während sich zur damaligen Zeit diese Form des Tourismus noch auf die Metropolen der heutigen Industrienationen beschränkte, werden derartige Touren heutzutage nahezu ausschließlich in Städten des globalen Südens angeboten. Demzufolge geht es nicht mehr darum, die sozioökonomischen Disparitäten innerhalb der eigenen Stadt zu erkunden, sondern vor allem die Neugierde nach fremden Kulturen zu befriedigen (Steinbrink 2012: 1-4).

Organisierte Touren durch Armutsviertel stellen längst kein Nischensegment innerhalb der touristischen Angebotspalette dar. Neben Bangkok, Buenos Aires, Kairo, Kingston, Nairobi und Windhoek gehören vor allem die Metropolen Südafrikas (Kapstadt und Johannesburg) und Brasiliens (Rio de Janeiro und São Paulo) zu den bekanntesten und gleichzeitig populärsten Destinationen für Slum-Touristen. Die touristische Vermarktung der Townships Südafrikas setzte bereits Mitte der 1990er kurz nach Ende der politischen Apartheid ein und erweckte rasch großes Interesse. Humangeograph und Leiter des Forschungsprojektes zum städtischen Armutstourismus im globalen Süden Prof. Dr. Manfred Rolfes schätzt die Zahl der Township-Toursten auf 300.000 jährlich und rechnet für die Zukunft mit einem weiteren Anstieg (Rolfes et al. 2009: 11-13). Ähnlich wie in Kapstadt sind auch Favela-Führungen in Rio de Janeiro längst kein touristisches Nischenprodukt mehr, sondern gehören mittlerweile genauso zum Sightseeing-Programm, wie der Besuch der Christusstatue auf dem Berg Corcovado oder ein Sonnenbad auf der weltbekannten Strandmeile Rios, der Copacabana (Rolfes 2011: 61).

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Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668864221
ISBN (Buch)
9783668864238
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454865
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Geographisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Slumtourismus Dharavi Tourismus Nachhaltigkeit Poorism Armutstourismus

Autor

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